Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
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Pressemitteilungen : 17.08.2011

Zufall oder Opfer?

Kopf und Hand über großem Bronzehort - ein weiterer sensationeller Befund von der ICE-Trassengrabung

Die folgende Pressemitteilung einschließlich einer Übersicht der verfügbaren Pressebilder steht hier als PDF zum Download bereit.
Pressefotos können bei Frau Dr. Stoll-Tucker bezogen werden: bstolltucker[at]lda.mk.sachsen-anhalt.de oder Tel. 0345 / 52 47 -320.

Über 17 Jahre hinweg führte das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie zwischen der Unstrut und der Landesgrenze zu Sachsen im Vorfeld des Neubaus der ICE-Strecke Erfurt - Leipzig/Halle archäologische Ausgrabungen durch. In enger und fruchtbarer Zusammenarbeit mit der DB ProjektBau und verschiedenen beteiligten Baufirmen konnten die in Spitzenzeiten bis zu 150 Mitarbeiter auf einer untersuchten Fläche von etwa 140 ha insgesamt 15.000 Befunde dokumentieren, die wiederum weit über 400.000 Fundstücke erbrachten.

Ein besonders außergewöhnlicher Fund wurde im Jahr 2009 durch ein Grabungsteam unter der Leitung von Dr. K. Powroznik an der Fundstelle in der Gemarkung Oberwünsch (SK) entdeckt. Die Fundstelle liegt am Auenrand innerhalb eines kleinen Tales, durch das der Bach Stöbnitz fließt.

In der späten Bronzezeit (ca. 1.200-800 v. Chr.) bestand bei Oberwünsch eine relativ kleine Ansiedlung. Davon zeugt eine Reihe von zylindrischen Gruben, die ehemals als Vorratsgruben dienten und später, wie üblich, mit Abfällen verfüllt wurden. In einer dieser Gruben lagen auf der Sohle in noch ca. 1,5 Metern Tiefe offenbar ausgewählt ein einzelner Schädel sowie eine Hand. Der Befund war so ungewöhnlich, dass beschlossen wurde, die Grubensohle im Block zu bergen, um den Fund unter Werkstattbedingungen untersuchen zu können. Bei den Einschalungsarbeiten erst wurde offenbar, dass die Grubensohle noch eine weitere Überraschung bereithielt: Deutlich unterhalb der menschlichen Körperteile wurde ein Bronzehort entdeckt. Diese einmalige Auffindungsgeschichte erwies sich im Nachhinein in zweierlei Hinsicht als großes Glück. Einerseits konnte der besondere Fund nun in der Restaurierungswerkstatt von oben mit größter Akribie frei gelegt werden, was zu außergewöhnlichen Erkenntnissen führte. Andererseits wäre der Hort ohne die Blockbergung möglicherweise nie gefunden worden. Denn in der Restaurierungswerkstatt zeigte sich, dass die Bronzen in einem kleinen Schacht niedergelegt worden waren, der von der Sohle der großen Grube aus weiter abgeteuft war. Danach hatte man diesen Schacht mit dem anstehenden Boden so wieder verfüllt, dass er - als die Ausgrabung die eigentliche Grubensohle erreicht hatte - selbst unter Laborbedingungen nicht erkennbar war.

Der Bronzehort gehört schon allein aufgrund der Menge und Qualität seiner Bestandteile zu den bedeutendsten Funden dieser Kategorie aus den letzten Jahrzehnten. Er besteht aus mindestens 120 Einzelteilen, darunter 15 Halsringe, 2 Fibeln (Gewandschließen), 2 Hakenspiralen, 5 Arm- und Fußringe, 2 Pinzetten und eine große Anzahl an Schmuckscheiben und Gehängen aus Spiralscheiben, Spiralrollen und Ringen. Zur Untersuchung des Fundes wurde erstmals in dieser Qualität die Computertomographie eingesetzt, die es ermöglicht, die Bronzen in ihrer ursprünglichen Lage zu belassen und dennoch die einzelnen Bestandteile des Hortes zu analysieren. Als Ergebnis entstand ein dreidimensionales, transparentes Modell des Hortfundes. Es zeigt, dass viele der Objekte nicht einzeln abgelegt wurden, sondern Teile komplexer Gebilde waren, die durch Textilien oder Leder zusammengehalten wurden. Die Bronzen selbst stammen aus der zweiten Hälfte des 10. Jh. v. Chr. bzw. die Zeit um 900 v. Chr. Einige Schmuckobjekte sind so charakteristisch für den mitteldeutschen Raum, dass sie in der Region gefertigt worden sein müssen. Andere weisen auf Beziehungen zum Norden hin. Ganz offensichtlich stellt der Hortfund nicht den Besitz eines einzelnen Menschen, sondern einer Menschengruppe dar. Denn es treten Objekte sowohl der weiblichen als auch der männlichen Tracht und Ausstattung auf. Die großen Schmuckscheiben werden als Zierrat an Pferdegeschirren angesehen. Mit Hilfe der modernen Analytik wird es noch gelingen, viele Fragen über Herkunft und Aussehen der so noch nie überlieferten Objekte zu beantworten.

Auch die Untersuchung der Skelettteile aus der Siedlungsgrube von Oberwünsch, die durch Christian Meyer M. A., Dipl. Biol. Ole Warnberg und Prof. Dr. Kurt W. Alt vom Institut für Anthropologie der Universität Mainz erfolgte, erbrachte spektakuläre Ergebnisse. Wie die Lage im korrekten anatomischen Verband zeigt, müssen der Schädel zusammen mit den drei ersten Wirbeln der Halswirbelsäule sowie die Hand, die deutlich oberhalb des Bronzehortes in derselben Grube lagen, etwa zum Zeitpunkt des Todes gewaltsam vom restlichen Körper abgetrennt und absichtlich in der Siedlungsgrube niedergelegt worden sein. Während die Hand lediglich als die linke Hand eines erwachsenen Individuums angesprochen werden kann, stammt der Schädel eindeutig von einem männlichen Individuum, das im Alter von ca. 45 bis 60 Jahren starb. Dass dennoch beide von ein und demselben Individuum stammen, legen die Ergebnisse der genetischen Analyse nahe. Der Schädel zeigt eine Verletzung, die zum Todeszeitpunkt des Mannes bereits seit Jahren oder Jahrzehnten verheilt war, mit seinem Tod also nicht in Verbindung zu bringen ist. Zwar ebenfalls nicht zur Todesursache, aber doch zu den Umständen der Niederlegung der Skelettteile gibt eine andere Beobachtung Aufschluss: Der dritte (und unterste vorhandene) Halswirbel weist zwei kleine parallele Schnittspuren auf. Sie widersprechen dem ersten, durch die isoliert aufgefundenen Skelettteile unwillkürlich hervorgerufenen Eindruck, dass es sich hier um die sterblichen Überreste eines Enthaupteten handelt. Für eine Enthauptung wäre wohl ein Schwert zum Einsatz gekommen. Dieses hätte ganz andere Spuren, etwa komplett durchtrennte Halswirbel, hinterlassen. Die feinen Schnittspuren belegen vielmehr, dass der Hals kurz nach dem Tod des Mannes sorgsam mit einem Messer durchtrennt wurde. Dass der Mann allerdings nicht freiwillig aus dem Leben geschieden war, beweist eine längliche Schnittspur an der Innenseite des Zeigefingers der neben dem Schädel gefundenen linken Hand. Sie ist nicht verheilt, wurde dem Mann also kurz vor seinem Tode beigebracht und kann als Abwehrverletzung interpretiert werden. Sie deutet somit auf einen Kampf hin.

Die absichtliche Niederlegung der Skelettteile in unmittelbarer Nähe zum Bronzehort wirft natürlich die Frage auf, ob zwischen beiden Funden ein Zusammenhang besteht. Die Vermutung eines kultisch-rituellen Hintergrundes liegt zumindest auf den ersten Blick nahe, jedoch lässt sie sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht mit letzter Sicherheit beweisen.

 

Kontakt:
Dr. Alfred Reichenberger
Tel. 0345 / 52 47 -312
areichenberger@lda.mk.sachsen-anhalt.de