Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
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Pressemitteilungen : 22.03.2012

Massengrab aus der Schlacht von Lützen wird im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle untersucht

Am 6. / 16. November 1632 lieferten sich bei Lützen die kaiserlich-katholischen Truppen unter dem Oberbefehl Albrecht von Wallensteins und die schwedischen Truppen unter der Führung Königs Gustav II. Adolf eine der blutigsten und für beide Seiten verlustreichsten Schlachten des Dreißigjährigen Krieges.

Die folgende Pressemitteilung einschließlich einer Übersicht über die verfügbaren Pressefotos steht hier als PDF zum Download bereit.
Pressebilder können bei Frau Dr. Stoll-Tucker ( bstolltucker@lda.mk.sachsen-anhalt.de oder 0345 / 52 47 -320) bezogen werden.

Am 6. / 16. November 1632 lieferten sich bei Lützen die kaiserlich-katholischen Truppen unter dem Oberbefehl Albrecht von Wallensteins und die schwedischen Truppen unter der Führung Königs Gustav II. Adolf eine der blutigsten und für beide Seiten verlustreichsten Schlachten des Dreißigjährigen Krieges. Zum Schauplatz einer historischen Zäsur wurde das Lützener Schlachtfeld durch die Tatsache, dass mit Gustav II. Adolf auch die Galionsfigur der Protestanten vor Lützen fiel. Sein Tod machte das Schlachtfeld zu einem bedeutenden Ort kollektiver Erinnerung, wurden doch in Lützen wie auch auf anderen europäischen Schlachtfeldern schon bald regelmäßige Gedenkfeiern abgehalten, wurde zum Gedenken an den Tod des Königs der sog. Schwedenstein aufgestellt und 205 Jahre nach der Schlacht durch einen von Karl Friedrich Schinkel entworfenen Baldachin eingefasst. Bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts wurde die deutsch-schwedische Gedenkstätte am Todesort Gustav II. Adolfs weiter ausgebaut; heute ist er ein Ort der Begegnung für Angehörige verschiedener Nationen, die sich hier einst feindlich gegenüber standen.

Nachdem die Schlacht von Lützen daneben bereits fast 150 Jahre lang den Gegenstand historischer Forschungen bildete, steht sie seit Herbst 2009 auch im Mittelpunkt des internationalen Forschungsprojektes »Schlachtfeldarchäologie Lützen« und wird durch das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt in Kooperation mit der Stadt Lützen und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg sowie unterstützt durch das finanzielle Engagement der Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (MIBRAG) archäologisch untersucht. International renommierte Experten aus Schweden und Großbritannien sind an den Forschungen in Lützen beteiligt und kommen in regelmäßigen Abständen zum Austausch über methodische Fragen und Ansätze zusammen.

Vor dem Hintergrund, dass Augenzeugen und historische Berichterstattung über Kriegsgeschehnisse lediglich ein subjektives oder auch ideologisch gefärbtes Bild der Ereignisse zu vermitteln vermögen, ist es das Ziel des Projektes und der noch recht jungen archäologischen Teildisziplin Schlachtfeldarchäologie, mit Hilfe der Kleinfunde vom Schlachtfeld den tatsächlichen Verlauf des Gefechtes zu rekonstruieren. Mit Hilfe einer systematischen Untersuchung des Oberbodens von mehr als 100 Hektar Fläche mit Metallsonden wurden Uniformteile, Bleikugeln von Musketen und Pistolen, Ausrüstungsgegenstände, Münzen, Gewehr- und Haubitzenkugeln lokalisiert, geborgen und exakt kartiert. Ihre Verteilung ermöglichte bereits aufschlussreiche und vor allem objektive Erkenntnisse zu Truppenstärken, -aufstellung und -bewegungen. Eine Auswahl der etwa 3.500 Fundstücke, die mit der Schlacht von Lützen konkret in Verbindung zu bringen sind (insgesamt wurden mehr als 10.000 Funde detektiert), ist ab dem morgigen Tage in der Ausstellung »Die blut'ge Affair' bei Lützen. Wallensteins Wende« (24. März bis 29. Juli 2012) im Museum im Schloss Lützen erstmals zu sehen.

Die Funde sind authentische Zeugnisse einer Schlacht, die nicht nur König Gustav II. Adolf, sondern auch mehrere tausend weitere Menschen das Leben kostete: Etwa 40.000 Mann traten bei Lützen gegeneinander an, die geschätzte Zahl der Gefallenen schwankt zwischen  6.500 und 10.000. Über den Verbleib von deren sterblichen Überresten war bisher wenig bekannt. Die Auswertung archivalischer Quellen kam zu dem Ergebnis, dass die früher vorherrschende These, Gefallene seien in vorhandenen Gräben, Hohlwegen und natürlichen Senken bestattet worden, wohl nicht mehr haltbar ist. Vielmehr wurden an Ort und Stelle auf dem Schlachtfeld eigens rechteckige Gruben von mindestens zwei Ellen Tiefe ausgehoben. Zuständig für die Anlage der Gräber - wie auch für die Versorgung der zurückgebliebenen Verwundeten - war das Amt Lützen, also die örtliche kursächsische Verwaltungsbehörde, die zur Bewältigung ihrer Aufgabe auswärtige Hilfe anfordern musste. Schließlich mussten die Gruben in Handarbeit mit Schaufel, Hacke und Spaten in der Nähe von Straßen und Wegen ausgehoben werden, was in Lützen zudem durch den schlammigen Untergrund erschwert wurde. Da Transporte der Leichname über längere Strecken daneben auch aus Mangel an Pferden und Wagen (diese wurden für den Transport von Verwundeten und Beutegut benötigt) nicht möglich waren, wurden die Gefallenen mehr oder weniger unmittelbar am Ort ihres Todes, nahe dem Zentrum des Schlachtgeschehens bestattet. Meist wurden in einer Grube zwischen zwei und 20, manchmal aber auch wesentlich mehr Gefallene bestattet. So ist von einer anderen Schlacht des Dreißigjährigen Krieges, der Schlacht von Wittstock (4. Oktober 1636), ein Massengrab bekannt, das 125 Skelette enthielt. Den Vergleich mit dem Wittstocker Grab beschwört nun eine Grabgrube, die im letzten Herbst auf dem Lützener Schlachtfeld unmittelbar nördlich der Straße nach Leipzig, die bereits zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges als Teil der Europa durchquerenden Via Regia existierte, entdeckt wurde. Es ist das erste Grab von der Schlacht von Lützen, das bisher lokalisiert und geborgen wurde.

Um das Grab vom Lützener Schlachtfeld unter Laborbedingungen ausgraben zu können, wurde es im November des vergangenen Jahres im Block geborgen und in das Laborgebäude des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle gebracht. Mit einer Grundfläche von insgesamt 6 m x 7 m und einem Gesamtgewicht von 55 Tonnen stellt es die größte Blockbergung dar, die bisher in Sachsen-Anhalt durchgeführt wurde, und bildete damit auch eine besondere logistische Herausforderung. So musste es für den Transport in das Restaurierungslabor in zwei Blöcken gehoben werden.

Vor wenigen Tagen wurde mit der Freilegung des Grabes begonnen. Der Vergleich mit dem Grab von Wittstock lässt erwarten, dass die Toten dicht an dicht sowie in mehreren übereinander angeordneten Lagen bestattet wurden, nachdem man sie geplündert, ihnen Kleidung, Waffen und persönliche Gegenstände abgenommen hatte. Die zur Zeit noch am Anfang stehende Ausgrabung unter Laborbedingungen ermöglicht es, das Grab mit den modernsten Methoden zu untersuchen, die heute zur Verfügung stehen. Eine besondere Rolle wird dabei den anthropologischen Methoden zukommen, die Auskunft über Alter, Verwundungen und Todesursachen oder auch Krankheiten geben können. DNA- und Isotopenanalyse können - soweit sich das Material als für diese Analysen geeignet erweist - Aufschluss über die Herkunft der Gefallenen geben, stammten doch die Teilnehmer der Schlacht von Lützen nicht ausschließlich aus Schweden und Deutschland: An der Seite des Schwedenkönigs kämpften auch Finnen (Finnland gehörte bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts zu Schweden) sowie ein schottisches Regiment.


Kontakt:
Dr. Alfred Reichenberger, LDA
Tel. 0345 / 52 47 -312,
areichenberger[at]lda.mk.sachsen-anhalt.de