Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Modul NW1

Oberfläche, Werkspuren, Tauschierung: Ästhetische Metallbearbeitungstechniken der frühen Bronzezeit im Zusammenhang mit dem Hortfund von Nebra

Abb. 1: Eines der Schwerter aus dem Nebrahort mit seinen Kupfertauschierungen
Abb. 1: Eines der Schwerter aus dem Nebrahort mit seinen Kupfertauschierungen

 Seit Januar 2005 beteiligt sich das Landesmuseum für Vorgeschichte an einem DFG-geförderten Verbundprojekt. Unter dem Titel „Aufbruch zu neuen Horizonten - Die Funde von Nebra, Sachsen-Anhalt, und ihre Bedeutung für die Bronzezeit Europas“ (FOR 550) werden die Himmelsscheibe und ihre Beifunde sowie ihr gesamtes kulturelles, wirtschaftliches und technologisches Umfeld interdisziplinär bearbeitet. In der Restaurierungswerkstatt des Museums wird unter Leitung von Dr. Christian-Heinrich Wunderlich verschiedenen bronzezeitlichen Verzierungstechniken nachgegangen, die zum Einen an den Nebrafunden, zum Anderen aber auch an weiteren bronzezeitlichen Metallgegenständen angewendet wurden. Hauptaugenmerk der archäometallurgischen und experimentalarchäologischen Studien durch den wissenschaftlichen Mitarbeiter Daniel Berger liegt dabei auf selten angewendeten Techniken wie der Tauschierung, Patinierung und Arsenierung.

Tauschiertechnik

Abb. 2: Schlagen von tiefen Rillen zur Befestigung der Goldauflagen auf der Himmelsscheibe
Abb. 3: Überschmieden der aufgestauten Wulst

 Die Himmelsscheibe und die beiden Schwertklingen aus dem Depot vom Mittelberg bei Nebra bestechen durch ihre reiche und perfekt ausgeführte Verzierung. Neben Punz- und Ziselurdekoren fallen in erster Linie die Tauschierungen aller drei Objekte ins Auge. Hierbei handelt es sich um Metalleinlagen, die bei den Schwertern in vorgefertigte Kanäle des bronzenen Grundmetalls eingetrieben wurden (Abb. 1).

Im Fall der Himmelsscheibe dienten zur Aufnahme von Goldapplikationen tief eingeschnittene Riefen. Die Befestigung der dünnen Goldbleche erfolgte nur an ihren Rändern durch Überschmiedung einer Wulst (Abb. 2 und 3). Während man die Streifeneinlagen der Schwerter als echte Tauschierung bezeichnen kann, ist für die zweitgenannte Variante der Begriff Tauschier-Plattierung angemessen (Abb. 4; Berger/Schwab/Wunderlich 2010).

Gesamteuropäisch gelten in der frühen Bronzezeit (2300-1600 v. Chr.) beide Arten der Verzierung als ausgesprochen selten. Insgesamt sind nur vier weitere Funde mit Metalleinlagen nördlich der Alpen bekannt. Das unterstreicht abermals die exzeptionelle Stellung des Hortfundes - diesmal jedoch aus metallästhetischer Sicht -, denn nur Statussymbole oder Objekte von hohem kulturellem Rang wurden mit Tauschierungen versehen.

 

Abb. 4: Tauschierarten der Bronzezeit. a, Streifentauschierung; b, Flächentauschierung; c, Doppeltauschierung; d, Tauschier-Plattierung „Typ Nebra“; e, Tauschier-Plattierung „Typ Trundholm“
Abb. 4: Tauschierarten der Bronzezeit. a, Streifentauschierung; b, Flächentauschierung; c, Doppeltauschierung; d, Tauschier-Plattierung „Typ Nebra“; e, Tauschier-Plattierung „Typ Trundholm“
Abb. 5: Geschlagene Tauschierkanäle auf den Griffen der beiden Nebraschwerter. Unten rechts der schematisierte Querschnitt der Kanäle
Abb. 5: Geschlagene Tauschierkanäle auf den Griffen der beiden Nebraschwerter. Unten rechts der schematisierte Querschnitt der Kanäle
Abb. 6: Das Schwert aus Vreta Kloster, Schweden mit den Streifentauschierungen aus Kupfer
Abb. 6: Das Schwert aus Vreta Kloster, Schweden mit den Streifentauschierungen aus Kupfer

 Mindestens genau so spannend wie die Deutung und Bedeutung der Funde, ist die Technik und ästhetische Wirkung, die hinter den Objekten steht. Genaue Untersuchungen an den Artefakten konnten zeigen, dass die bis zu 1,5 mm tiefen und 2 mm breiten Kanäle an den Schwertern schon vor dem Gießen in den Gussformen vorhanden waren. Schmalere und v. a. flachere Kanäle, wie sie an den zugehörigen Schwertgriffen auftreten, hat man dagegen mittels Hartbronzepunzen erst nach dem Guss eingeschlagen (Abb. 5). Es lassen sich jedoch auch an den mitgegossenen Vertiefungen vielfach Spuren von Nacharbeiten feststellen, die aufgrund unsauberer Güsse häufig unumgänglich waren. Als Einlegemetalle dienten nach den angestellten Analysen entweder reines Kupfer oder Gold, welche man mit Zinnbronze kombinierte. Ein anderes Schwert aus Vreta Kloster in Schweden wurde erst durch die chemischen Analysen während der Projektarbeit als kupfertauschiert identifiziert (Abb. 6; Schwab et al. 2009 (im Druck)) was gleichfalls für zwei mittelbronzezeitliche Schwerter gilt (Berger in Druckvorbereitung). Silber oder andere Metalle waren hierzulande offensichtlich nicht gebräuchlich, ganz im Gegensatz zu den vielen tauschierten Objekten mediterraner Kulturkreise (Xenaki-Sakellariou/Chatziliou 1989).

 Zu einer regelrechten „Blüte“ reift die Tauschiertechnik nördlich der Alpen gegen Ende der Bronzezeit. Mit dem Aufkommen des Eisens als Werkstoff in der ausgehenden Urnenfelderzeit (850-780 v. Chr.) kamen nun auch Tauschierungen wieder in Mode, nachdem sie zuvor einige Jahrhunderte ganz zu fehlen scheinen. Auffällig ist die starke Verwendung  von Eisen, was die Annahme erhebt, dass das vermehrte Auftreten an Tauschierungen eng mit dem Aufkommen des zu der Zeit noch überaus kostbaren Metalls verknüpft ist. Offenbar suchten die Eliten der späten Bronzezeit nach neuen Formen, ihren gesellschaftlichen Status und Reichtum angemessen zu demonstrieren. Die Kombination einer an sich seltenen Verzierungstechnik mit einem nicht weniger seltenen Werkstoff scheint für diesen Zweck geradezu ideal gewesen zu sein. Bedenkt man zudem, dass sich etwa 70 % aller Tauschierungen auf ohnehin prestigeträchtige Schwerter konzentrieren, so wird begreiflich, welche Bedeutung solche Objekte für die bronzezeitlichen Menschen besessen haben müssen.

Technisch lassen sich in der jüngeren Urnenfelderzeit sowohl gegossene als auch ziselierte Kanäle oder größere Vertiefungen identifizieren. Auch hier sind oft Nachziseluren an den Vertiefungen zu beobachten, die nicht selten mit dem Ziel der Haftsteigerung ausgeführt wurden. Dies war häufig nötig, um den Einlegemetallen genügend Halt zu verschaffen, denn interessanterweise lassen sich an keinem Objekt die vielfach für die Tauschierung als notwendig erachteten Unterschneidungen erkennen. Vielmehr dominieren im Querschnitt rechteckige oder trapezförmige Kanäle, oft sind auch dreieckige oder gerundete Vertiefungen vorhanden. Dies ist im Übrigen auch durchweg bei den früh- und mittelbronzezeitlichen Funden festzuhalten. Als einzige Ausnahme muss hier die Himmelsscheibe von Nebra gelten, die wegen des zugrunde liegenden Befestigungsprinzips der Goldbleche tiefe, unterschnittene Kanäle aufweist. Tauschierexperimente vermitteln anschaulich, dass unterschnittene Vertiefungen für den Halt der Einlagen keine Notwendigkeit darstellen. Je mehr die Seitenränder jedoch nach innen geneigt sind, desto wichtiger ist es, dass der Boden oder die Ränder aufgeraut werden, eine Maßnahme, die immer wieder an Funden belegt werden kann (Berger in Vorbereitung).

 

Patiniertechnik

 Mit Sicherheit motivierten den bronzezeitlichen Handwerker oder seine Auftraggeber in erster Linie farbästhetische Beweggründe zur Anwendung des mit einigem Aufwand verbundenen Tauschierverfahrens. Durch Kombination verschiedenfarbiger Metalle ließen sich ansprechende Effekte erzielen. Doch enttäuscht jeder experimentelle Nachvollzug der Tauschiertechnik auf's Neue, wenn die erzielten Farbkontraste weitaus weniger deutlich als erhofft ausfallen. Gerade bei blanken Metallen überstrahlt der hohe Glanz die Eigenfarbe so sehr, dass der Aufwand dieser Ziertechnik kaum gerechtfertigt erscheint. Erst wenn die Einlagen oder Grundmetalle durch chemisch oder thermisch erzeugte Oberflächenschichten betont werden, macht die Technik von heutigem Standpunkt aus betrachtet Sinn.

Besonders im mediterranen Raum war es in der Bronzezeit üblich, durch die so genannte Patinierung, künstlich Korrosionsschichten auf Kupferlegierungen mit der Absicht der Kontraststeigerung zu erzielen. Dazu fügte man dem Metall tauschierter Objekte oft geringe Mengen Gold oder Silber bei, um bewusst dunkelviolette bis fast schwarze Farbtöne zu erreichen (Abb. 7). Aufgrund dieser Beimengungen sind patinierte Fundobjekte aus Griechenland, Ägypten oder auch dem Vorderen Orient leicht zu identifizieren (Giumlia-Mair 1995). Demgegenüber bereitet die Rekonstruktion der zugrundeliegenden Patiniermethoden weit größere Probleme.

Auch an mitteleuropäischen Tauschierfunden kann oder muss von einer chemischen Nachbehandlung ausgegangen werden. Allerdings fehlen den Metallen allen Objekten charakteristisch Edelmetallzusätze. Hinzu kommt, dass künstlich erzeugte Patina im Boden oft massiven Veränderungen und Umbildungen unterworfen ist, sodass der Nachweis der Patinierung hierzulande ungleich schwieriger ist. Das erklärt, weshalb im Gebiet nördlich der Alpen bis jetzt noch immer keine patinierten Funde nachgewiesen sind.

 

Abb. 7: Ein mit Elektrum tauschiertes und dunkelpatiniertes Krokodil aus el-Faiyum, Ägypten, 19. Jh. v. Chr.
Abb. 7: Ein mit Elektrum tauschiertes und dunkelpatiniertes Krokodil aus el-Faiyum, Ägypten, 19. Jh. v. Chr.

 Trotzdem wurde im Rahmen des Projektes einer speziellen Patiniermethode nachgegangen, die ohne Weiteres für die Vorgeschichte denkbar ist. Mit vergorenem Urin wurden im Labormaßstab verschiedene Metalle und Legierungen mit z. T. erstaunlichen Ergebnissen korrodiert. Auf Kupfer beispielsweise ließen sich durch den im Urin enthaltenen Ammoniak hochglänzende, dunkelviolette Cupritschichten züchten. Diese stehen den dunklen Auflagerungen der mediterranen Objekte in nichts nach. Allein an diesem Ergebnis wird ersichtlich, dass auch schon zur Bronzezeit in Mitteleuropa entsprechende Methoden zur Metallfärbung existierten, die ohne Edelmetallzusätze der Bronze auskommen. Interessanterweise schlägt das Verfahren bei Zinnbronze, das bei allen tauschierten Funden als Grundmetall fungiert, komplett fehl. Dort bildet sich entweder keine oder nur eine unansehnliche Patina aus. Genau dadurch ist es jedoch möglich, Kupfereinlagen selektiv dunkel zu färben wohingegen die Bronze hell bleibt (Abb. 8). Auf diese Weise kann man sich z. B. die künstliche Korrosion der beiden Schwerter aus dem Nebrahort vorstellen, zumal auch diese aus Zinnbronze mit Kupfertauschierungen bestehen.

Leider lässt sich auch durch den experimentellen Nachvollzug nicht beweisen, ob die Schwerter und andere Objekte jemals patiniert wurden. Sie zeigen lediglich auf, was bronzezeitlich möglich war. Genauso gut können die Objekte aber auch im metallischen Zustand belassen worden sein, wenn man von heute abweichende Ästhetikansprüche in der Bronzezeit zugrunde legt.

 

Abb. 8: Patinierversuch mit Urin an einer Tauschierprobe. Links unpatiniert, rechts selektiv patiniert
Abb. 8: Patinierversuch mit Urin an einer Tauschierprobe. Links unpatiniert, rechts selektiv patiniert

Arseniertechnik

Abb. 9: Ein sog. atlantischer Dolch aus dem Gräberfeld von Singen am Hohentwiel, angeblich arseniert
Abb. 9: Ein sog. atlantischer Dolch aus dem Gräberfeld von Singen am Hohentwiel, angeblich arseniert

 Bevor sich in der frühen Bronzezeit Zinnbronze als der vorherrschende Werkstoff durchsetzte, waren Kupferlegierungen mit Arsenzusätzen in Mitteleuropa weit verbreitet. Im Gegensatz zu den goldgelben Zinnbronzen erscheinen die so genannten Arsenbronzen jedoch mit steigendem Arsenanteil silbrig-weiß.

Einige Objekte aus Arsenbronze zeichnen sich durch besonders stark silberglänzende Oberflächen aus, die allein durch Legieren von Kupfer und Arsen nicht erreicht werden können (Abb. 9). Deshalb wurde dafür verschiedentlich eine künstliche Erzeugung durch Arsenierung oder eine bestimmte Arseniertechnik angenommen (z. B. Krause 1988).

Allerdings gibt es bis heute keine genaue Vorstellung davon, wie eine Arsenierung erfolgt sein könnte, geschweige denn ob überhaupt eine künstliche Oberflächenbehandlung vorliegt. Erwogen wurden jedoch beispielsweise die Behandlung mit Arsenmineralen (Smith 1973) oder eine Erzeugung durch umgekehrte Blockseigerung beim Gießen (Meeks 1993). Aber auch natürliche Vorgänge durch die lange Bodenlagerung wurden als mögliche Ursachen angeführt.

Im Rahmen des Projektes wird diesem Phänomen durch Experimente und Analysen nachgegangen. Erste Versuche dahingehend erscheinen zwar vielversprechend, allerdings werden konkrete Ergebnisse erst in den kommenden Monaten vorliegen.

 

Literatur

 

Berger in Vorbereitung:
D. Berger, Bronzezeitliche Metallfärbetechniken an Bronzeobjekten nördlich der Alpen. Eine archäometallurgische Studie zur prähistorischen Anwendung von Patinierung, Tauschierung und Arsenierung anhand von Artefakten und Experimenten. Dissertation Universität Tübingen, voraussichtlich 2010.

Berger in Druckvorbereitung:
D. Berger, Neue Tauschierungen an alten Funden. Untersuchungen zur Verzierungs- und Herstellungstechnik zweier Vollgriffschwerter der Hügelgräberbronzezeit, Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte 94 (Halle 2010).

Berger/Schwab/Wunderlich 2010: D. Berger/R. Schwab/C.-H. Wunderlich, Technologische Untersuchungen zu bronzezeitlichen Metallziertechniken nördlich der Alpen vor dem Hintergrund des Hortfundes von Nebra. In: H. Meller (Hrsg.), Der Griff nach den Sternen. Wie Europas Eliten zu Macht und Reichtum kamen. Internationales Symposium in Halle (Saale), 16.-21. Februar 2005 (Halle (Saale) 2010) 751-777.

Giumlia-Mair 1995: A. Giumlia-Mair, The apperance of black patinated copper-gold-alloys in the Mediterranean area in the second millenium B. C. Material characterisation and problem of origin. In: G. Morteani/J. P. Northover (Hrsg.), Prehistoric Gold in Europe. Mines, metallurgy and manufacture. NATO ASI Series E 280 (Dordrecht u. a. 1995) 425-434.

Krause 1988: R. Krause, Die endneolithischen und frühbronzezeitlichen Grabfunde auf der Nordstadtterrasse von Singen am Hohentwiel. Forschungen und Berichte zur Vor- und Frühgeschichte in Baden-Württemberg 32 (Stuttgart 1988).

Meeks 1993: N. Meeks, Surface characterization of tinned bronze, high-tin bronze, tinned iron and arsenical bronze. In: S. La Niece/P. T. Craddock (Hrsg.), Metal plating and patination. Cultural, technical and historical developments (Oxford, Boston 1993) 247-275.

Schwab u. a. 2009 (im Druck): R. Schwab/I. Ullen/C.-H. Wunderlich, A sword from Vreta Kloster, and black patinated bronze in early Bronze Age Europe, Journal of Nordic Archaeological Science 17, 2009 (im Druck).

Smith 1973: C. S. Smith, An examination of the arsenic-rich coating on a bronze bull from Horoztepe. In: W. J. Young (Hrsg.), Application of science in the examination of works of art (Boston 1973) 96-102.

Xenaki-Sakellariou/Chatziliou 1989: A. Xenaki-Sakellariou/C. Chatziliou, Peinture en métal a l'epoque mycénienne. Incrustation damasquinage niellure (Athen 1989).