Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Lutherarchäologie

Die in den Jahren 2003 bis 2006 durchgeführten archäologischen Ausgrabungen an den durch die langjährige Anwesenheit des Reformators geprägten Lutherstätten Mansfeld und Wittenberg eröffneten erstmals einen neuen Zugang zur Biografie Martin Luthers, bieten doch archäologische Zeugnisse oftmals ein objektives Korrektiv gegenüber den subjektiven  historischen Schriftquellen. Zugleich beleuchtet die Archäologie die unbekannten Alltagswelten der Zeit, über welche die historischen Überlieferungen nichts berichten.

Obwohl den archäologischen Arbeiten an den Lutherstätten bald auch bauhistorische, archivalische und naturwissenschaftliche Forschungen folgten, deren Erkenntnisse in die Landesausstellung „Fundsache Luther“ im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (2008/09) einflossen, konnten diese Untersuchungen nur einige der neu aufgeworfenen Fragen klären. Dank der finanziellen Förderung seitens des Bundesministeriums für Finanzen sowie des Ministerium für Finanzen des Landes Sachsen-Anhalt durch Mittel aus dem sogenannten „Mauerfonds“ konnten jedoch innerhalb des auf vier Jahre angelegten Projektes „Lutherarchäologie“, am Landesmuseum für Vorgeschichte Halle seit Juni 2010 diese interdisziplinären Forschungen fortgeführt werden.

 

Der zufällige Fund einer im frühen 16. Jahrhundert mit häuslichem Abfall verfüllten Grube am Lutherelternhaus in Mansfeld (2003) erlaubten einen bis dahin noch nicht möglichen Blick in die Lebensverhältnisse des jungen Martin Luther und seiner Familie. Im Gegensatz zu Luthers eigenen Äußerungen, die von finanziell bescheidenen Anfängen des Vaters sprechen, erscheint das Anwesen der Familie Luther als stattlicher Vierseitenhof, von dem das bislang als Lutherelternhaus angesprochene Gebäude nur einen kleinen Teil ausmachte.

Im Fundgut befanden sich metallische Applikationen aufwendiger Frauentrachten, Silbermünzen, knöcherne Messergriffe und Kinderspielzeug, die zusammen mit Küchenabfällen und zerbrochenem Kochgeschirr entsorgt worden waren. Vielleicht führte ein Krankheitsfall im Hause Luder -  möglicherweise die Pest -  dazu, dass man die wertvollen Objekte aus dem Zimmer der Kranken sicherheitshalber verbrannte und anschließend zusammen mit anderem Unrat vergrub. Dank der botanischen Speisereste und Tierknochen aus derselben Abfallgrube ließ sich sogar die Ernährungsweise der Lutherfamilie im frühen 16.Jh. rekonstruieren.

Eine im Sommer 2008 durchgeführte Grabung eines verfüllten Erdkeller im Inneren des so genannten Lutherelternhauses ergab zudem einen vergleichbaren Querschnitt durch den Haushalt von Luthers Bruder Jakob, der den Betrieb und das Haus des Vaters ab 1530 übernommen hatte, wirtschaftlich aber weit weniger erfolgreich war.

 

Die Auswertung der archäologischen Forschungen in der Lutherstadt Mansfeld steht derzeit im Fokus eines der zu bearbeiteten Projektteile. Hierfür waren weitere planmäßige Untersuchungen im Stadtgebiet Mansfeld zur kontextuellen Einbindung und soziokulturellen Wertung der Ergebnisse unabdingbar. Ein hierfür grundlegendes Kellerkataster der Mansfelder Altstadt wurde im Rahmen zweier wissenschaftlichen Qualifizierungsarbeiten in Zusammenarbeit mit der TU Berlin erstellt.

Einen Querschnitt durch die städtische Bebauung Mansfelds in der Frühen Neuzeit ermöglicht eine baubegleitende Untersuchung der Lutherstraße in den Jahren 2002-2003. Bereits jetzt erkennbar sind die grundlegenden strukturellen Veränderungen im beginnenden 16. Jahrhundert, bedingt durch den infolge des florierenden Kupferbergbaus einsetzenden Bauboom in der Frühen Neuzeit, der das Stadtbild bis heute prägt. Hinzu kommen die Ergebnisse der archäologischen Untersuchung am Standort des lutherzeitlichen Gasthofes „Goldener Ring“ 2010/2011, die Einblicke in die Bebauung nahe der südöstlichen Stadtmauer ermöglichten. Die Verfüllung einer hier angetroffenen Latrine enthielt nicht nur eine Vielzahl lutherzeitlicher Trinkgläser, Kochkeramik und anderer Kleinfunde, sondern ermöglicht wie schon die Grube am Lutherelternhaus über Funde von Nahrungsresten einen Einblick in den Speiseplan des 16. Jh. All diese Grabungsergebnisse werden derzeit umfassend ausgewertet und anschließend publiziert.

Im Blickpunkt der Forschungen stehen darüber hinaus auch Untersuchungen der archivalisch überlieferten und montanhistorisch bedeutsamen, aber bis dato noch kaum untersuchten Hüttenplätze und Abbaugebiete der Familie Luther im Mansfelder Land. Hier sind derzeit interdisziplinäre Arbeiten zur Lokalisierung v. a. der Standorte am Oberen Raben zwischen Mansfeld und Vatterode und am Goldgrund bei Wimmelburg in Vorbereitung. Insbesondere die historischen Überlieferungen zu den Hüttenmeistern im Mansfelder Land werden derzeit neu bearbeitet, allen vorweg zum Vater des Reformators, Hans Luder.

Ein weiterer Projektteil widmet sich Luthers Wittenberg: Im heutigen Altstadtbereich fanden in den letzten zwei Jahrzehnten fast einhundert kleinere und größere Ausgrabungen statt. Die Grabungsergebnisse und das dabei gewonnene vielfältige Fundmaterial, davon ein Großteil aus dem 16.Jh, waren bisher nur in geringem Umfang ausgewertet und publiziert worden. Dank des Mauerfondprojektes „Lutherarchäologie“ und in Kooperation mit dem an der LEUCOREA Wittenberg angesiedelten Forschungsprojekt „Das Ernestinische Wittenberg“ entwickelt sich das lutherzeitliche Wittenberg jedoch derzeit zu einer der am besten untersuchten Städte der Frühen Neuzeit. Gerade die Ausgrabungen am „Schwarzen Kloster“, wo Luther zunächst als Mönch und nach seiner Heirat mit Katharina von Bora mit seiner Familie lebte, bieten in Kombination mit dem Familiensitz in Mansfeld einen guten Überblick  über die Lebensumstände des Reformators. Die 2003/2004 dort geborgenen umfangreichen Funde von aufwendigen Ofenkacheln, kostbarem Tafelgeschirr und weiterem Hausrat zeugen von einem nahezu fürstlichen Lebensstandard des Lutherhaushaltes. Doch nicht nur die reichhaltigen Funde, auch die Befunde sorgten für eine Überraschung. Bei dem hier wiederentdeckten Turmfundament handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um die Reste des Ortes, wo Luther um 1517 seine „reformatorische Wende“ erlebte: sein Studierzimmer mit eigener Latrine.

Dank des guten Zusammenspiels der Projektbeteiligten und Fachkollegen der unterschiedlichen Disziplinen ergibt sich schon jetzt ein beachtenswerter Projektzwischenstand, der in den kommenden zwei Jahren durch weitere Forschungstätigkeit seine Fortführung und Ergänzung finden wird. Die Erträge der verschiedenen Teilprojekte münden in eine eigene Publikationsreihe zur Lutherarchäologie. Langfristig jedoch werden die Resultate des Projektes auch eine wichtige Grundlage künftiger musealer Konzeptionen im Vorfeld des Lutherjubiläums 2017 und sicher auch darüber hinaus bilden. Bereits jetzt wirft die Eröffnung des neuen Museums zum Elternhaus Martin Luthers in Mansfeld seinen Schatten voraus, in der viele der aufsehenerregenden Funde des Mansfelder Grabungen im Herbst 2013 ihren künftigen Platz finden werden. Eine kleine Vorschau hierzu ist heute schon in der Mansfelder Stadtinformation zu sehen.

Mirko Gutjahr M.A.
Projekt „Lutherarchäologie“