Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Echtheit und Datierung

Diffraktogramm der mineralischen Phasen auf der Himmelsscheibe: die korrosionsschichten bestehen nur aus Malachit und Kassiterit..
.. das, wie im Rasterelektronenmikroskop zu sehen, aus einer dicht gewachsenen, lückenlosen Schicht von Kristalliten besteht...
..während eine künstliche Korrosion aus locker nebeneinander liegenden, schuppenartigen Struktur besteht.
Deshalb erscheint eine langsam gewachsene Korrosionsschicht dunkel und satt grün (links), während eine Künstliche aufgrund der Lichtstreuung in den Poren hell erscheint rechts).
Der Blei 210-Test: Himmelsscheibe von Nebra im Vergleich zu modernem Lötzinn. Die Himmelsscheibe von Nebra enthält kein Plei201 mehr, das Metall ist also vor mehr als 100 Jahren aus dem Erz verhüttet worden.
Ergebnis der 14C-Bestimmung an Birkenrinde aus den Schwertern.

Gleich nach Eintreffen der Funde im LKA Magdeburg wurden sie auf ihre Authentizität geprüft. Für die Echtheit eines archäologischen Fundes unbekannter Herkunft gibt es selten nur eine einzige Prüfmethode, die allein zwischen "echt" und "falsch" unterscheiden kann. Denn die meisten der naturwissenschaftlichen Untersuchungs- und Datierungsmethoden lassen sich - entgegen landläufiger Ansicht - durchaus in fälscherischer Absicht unterlaufen. Der Aufwand ist jedoch äußerst hoch. Dieser multipliziert sich bis zur Unmöglichkeit, wenn der Fälscher damit rechnen muss, dass nicht eine, sondern eine Vielzahl von Prüfmethoden angewandt wird.

Der Fundkomplex von Nebra kann aufgrund folgender Kriterien als sicher echt bezeichnet werden:

Indiz: Radioaktivität

Pb-210, ein radioaktives Isotop des Bleis mit einer Halbwertszeit von 22,3 Jahren, ist ein Produkt der Uranzerfallsreihe. Die Zerfallsreihe verläuft über das Element Radium, das in geringen Spuren in Erzen und deren Nebengesteinen enthalten ist. Wird das Erz verhüttet, trennt sich das Radium in der Schlacke ab - der Nachschub für Pb-210, das in die Metallschmelze übergeht, bricht ab. In der Folge nimmt die Radioaktivität des Pb-210 alle 22,3 Jahre um die Hälfte ab. Die Radioaktivität in frisch hergestelltem Metall schwankt in weiten Bereichen, ist aber im Allgemeinen sehr gering. Sie lässt sich daher spätestens 300 Jahre nach der Verhüttung nicht mehr nachweisen. Da die Radioaktivität zum Zeitpunkt der Verhüttung nicht bekannt ist, eignet sich die Methode nicht zur Datierung. Bei nicht nachweisbarer Radioaktivität lässt sich aber die sichere Aussage treffen, dass das untersuchte Metall älter als etwa 100 Jahre ist. Die Messung von Pb-210 an einer kleinen Probe vom Rande der Scheibe, durchgeführt an der Bergakademie Freiberg, brachte bereits wenige Tage nach der Beprobung das Ergebnis: Es ist keine messbare Radioaktivität von Pb-210 vorhanden; alle Komponenten der Legierung stammen deshalb aus einer mindestens 100 Jahre alten Produktion.

Indiz: Korrosion

"Gute" Fälschungen werden für den Kunsthandel gern mit Legenden versehen, die besagen, man habe die Korrosion aus "konservatorischen Gründen" entfernen müssen. Der Grund: Künstliche Korrosion ist in der Regel schon mit dem bloßen Auge zu erkennen. Sie ist meistens hell, pulverig oder nur mit grüner Farbe aufgemalt. Dies hält keiner chemischen und mineralogischen Prüfung stand.

Die intensiv grüne, dichte Korrosion auf der Bronzescheibe wurde über Röntgenbeugung als Malachit (basisches Kupfercarbonat) und Kassiterit (Zinnstein) bestimmt. Korrosionsprodukte, wie sie bei dem Versuch einer künstlichen Patinierung entstehen (etwa chloridische Kupferverbindungen wie Atacamit und Paratacamit) liegen nicht vor. Malachitpatina kann man zwar auch künstlich erzeugen. Der Prozeß ist relativ langwierig und führt nicht zu der dichtkristallinen, intensiv grünen Patina wie er auf der Scheibe zu finden war. Dort hatten die Malachitkristalle 3600 Jahre Zeit zu wachsen, entsprechend groß sind die Kristallite und typisch ist deren Sekundärverband als blasige Struktur. Synthetisch erzeugte Malachitpatina ist grundsätzlich feinkristallin und von weitaus blasserer Farbe. Ein weiteres Korrosionsmerkmal sind die Aufwüchse von Kupferverbindungen auf den Goldblechen. Das Gold enthält so wenig Kupfer, dass die Kupferkorrosion nicht aus dem Gold stammen kann. Sie ist Folge eines elektrochemischen Prozesses im Boden; Gold und Bronze bildeten hier ein Lokalelement. Auf der negativ geladenen Goldoberfläche (kathodische Zone) haben sich Kupferionen niedergeschlagen, die durch den Boden von benachbarten Bronzepartien hierher diffundierten.

Indiz: Legierungszusammensetzung

Ein Fälscher hätte die typische Legierungszusammensetzung vorgeschichtlicher Bronze und Gold erzeugen müssen. Handelsübliches Gold ist hochgradig gereinigt, im Gegensatz zu Gold, das aus Flussseifen gewonnen worden ist. Ein Fälscher hätte sich "Goldnuggets" aus der Region besorgen oder deren Zusammensetzung inklusive aller Haupt- und Nebenbestandteile "simulieren" müssen. Das Gleiche gilt für die Bronze, insbesondere mit ihren nicht geringen Arsengehalten. Arsen heutzutage auf dem freien Markt zu beschaffen ist ausgesprochen schwierig, Arbeiten mit dem hochgiftigen Halbmetall extrem gefährlich.

Indiz: Bodenanhaftungen, Zusammengehörigkeit der Funde und Fundort

Die Zusammengehörigkeit von Himmelsscheibe und Schwertern ergibt sich aus der Untersuchung der Bodenanhaftungen. Diese sind identisch mit dem Boden des Fundortes am Mittelberg und stimmen bei allen Funden des Horts überein.
Die Erdanhaftungen sind bei der langen Bodenlagerung stark mit der Korrosion verwachsen. Der Boden war derart fest mit der Bronzeoberfläche verbunden, dass er bei der Restaurierung nur unter hohem Aufwand abgenommen werden konnte.  Von den Goldblechen konnte die Erde nur auf chemischem Wege mitsamt der Malachitkorrosion entfernt werden. Da dieser Verwachsungsprozess so lange dauert wie die Korrosion selbst, kann der Boden nicht nachträglich - z.B. in fälscherischer Absicht - auf die Objekte aufgetragen worden sein. Korrosionsprodukte sind während der Bodenlagerung auch in das umliegende Erdreich diffundiert; ein Prozess, der ebenfalls mehrere hundert Jahre benötigt. Bei der Untersuchung des Bodens auf dem Mittelberg wurden stark erhöhte Konzentrationen von Kupfer und Gold in unmittelbarer Nähe des Fundortes festgestellt, die um mehrere Potenzen höher lag als der natürliche Gehalt des Bodens auf der Kuppe des Mittelberges.

Indiz: Naturwissenschaftliche Datierung über 14-C

Die Himmelsscheibe selbst kann weder typologisch noch naturwissenschaftlich direkt datiert werden. Da sie aber, wie auch die Bodenanhaftungen zeigen, zusammen mit den Beifunden in einer Grube deponiert worden ist, kann sie indirekt über die Beifunde datiert werden. Diese können typologisch datiert werden, aber auch naturwissenschaftlich. In einem der Griffe der Schwerter fanden sich Reste von Birkenrinde, die einst offenbar zur Fixierung des Griffes genutzt worden ist. Die Rinde konnte mit der Radiokohlenstoff-Methode auf die Zeit zwischen 1500 und 1650 v. Chr. datiert werden. Damit ist die Himmelsscheibe mindestens so alt wie Schwerter und Beile, wahrscheinlich aber um einige Zeit älter; worauf die mehrfachen Veränderungen in antiker Zeit hindeuten.

Der Aufwand einer Fälschung

Einige der oben angeführten Kriterien für einen echten Fund könnte ein intelligenter Fälscher vielleicht mit gewissem Aufwand umgehen, andere nach bisherigem Kenntnisstand (z. B. Korrosion) nicht. Auf jeden Fall müsste der Fälscher, damit sein Werk allen hier angewandten Prüfkriterien gerecht wird, einen immensen Aufwand betreiben. Nicht ein kleinster Fehler dürfte ihm dabei unterlaufen. Machen wir einmal das Gedankenexperiment:
Eine "alte Legierung" ließe sich evtl. noch aus Altfunden zusammenschmelzen, die aber eine eindeutige Herkunft haben müssen, d. h. alle z. B. aus der Mitterbergregion stammen. Aus neuem Erz gleicher Herkunft (die Lagerstätte ist aber leider abgebaut) kann er das Metall nicht zusammenschmelzen, denn dann würde der Blei210-Test versagen. Dann muss er natürliche Goldnuggets der richtigen Region besorgen, die Himmelsscheibe mit prähistorischer Technik schmieden und die Bleche einlegen. Um ein  komplexes astronomisches Programm zu entwickeln, empfiehlt sich die Beratung mit mehreren erfahrenen Archäoastronomen. Dann werden in ebensolcher Weise die Beifunde hergestellt. Frühbronzezeitliche Birkenrinde, deren 14C-Alter vorher korrekt bestimmt wurde, werden in die Schwertgriffe gesteckt. Man kann aber auch ein 14C-Alter fälschen: Dazu wird ein Gewächshaus errichtet, mit Birkensämlingen bestückt und mit einer isotopisch korrekten 14C-Kohlendioxid-Mischung begast. Nach 20 Jahren Wachstum in 14C-Bronzeluft  kann die bronzezeitliche Birkenrinde geerntet werden. Dann werden die Funde künstlich korrodiert, mit dicht kristalliner Malachitpatina. Das geht nach heutigem Kenntnisstand nicht, ebensowenig kann man dabei auf die Schnelle die Bodenanhaftungen vom richtigen Fundort in die Korrosion einwachsen lassen. Den Fundort hat man nach den astronomischen Besonderheiten geschickt ausgewählt. Ist der Fund dort vergraben, dotiert man die umliegende Erde noch gleichmäßig mit Spuren von Gold und Kupfer und harrt geduldig der Entdeckung.