Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Mittelsteinzeit

Hölzerner Pfeilbogen aus Barleben (Bördelandkreis) © LDA Sachsen-Anhalt (Foto: Juraj Lipták)
Hölzerner Pfeilbogen aus Barleben (Bördelandkreis) (© LDA Sachsen-Anhalt, Foto: Juraj Lipták)

Vor rund 11.500 Jahren stiegen die Temperaturen innerhalb weniger Jahrhunderte auf das heutige Niveau an. Die letzte Eiszeit ging zu Ende und eine bis heute andauernde Warmzeit begann. Grund hierfür war der nun wieder weit in den Nordatlantik vorstoßende Golfstrom. Die Umweltverhältnisse änderten sich wie in vielen anderen Klimawechseln zuvor erneut grundlegend. Spärliche Gehölze wuchsen zu dichten Wäldern. Mit dem Rückgang der offenen Landschaften der Eiszeit verschwanden aber auch die großen Rentier- und Pferdeherden, die dem Menschen ergiebige Nahrungsquellen waren. Wieder einmal mussten die Menschen ihre Lebensstrategien und Verhaltensweisen umstellen; aus Tundrajägern wurden nun Waldläufer und Fischer. Es ist die letzte, etwa 6.000 Jahre dauernde Phase des Wildbeutertums in Europa, das so genannte Mesolithikum, zu deutsch Mittelsteinzeit.

 

Die Werkzeugformen lassen erkennen, dass man die Techniken der eiszeitlichen Vorfahren weiterführte. Unverändert fertigte man Kratzer, Bohrer und Stichel aus Feuerstein. Nachhaltig verbessert wurde das Herstellen kleinster Steinspitzen und anderer Mikrolithen für die Bewehrung von Speer- und jetzt nachweislich auch Pfeilköpfen. Ein besonders breites Sortiment fand sich an einer wohl jahrelang bewohnten Lagerstelle im Fiener Bruch. Pfeilbögen wurden nun wegen ihrer Treffsicherheit und Reichweite für die Hinterhaltjagd im Dickicht unabdingbar. Eines der wenigen erhaltenen Exemplare stammt aus hiesigem Boden.

 

Völlig neu sind Beile, die in verschiedenen Formen hergestellt und in Hirschgeweih geschäftet wurden. Sie bezeugen eine nun wieder intensive Holznutzung, ähnlich wie in der voreiszeitlichen Klimaphase. Reh, Rothirsch und Wildschwein waren nun die wichtigsten Beutetiere, die allerdings nur in kleinen Rudeln auftreten und in üppiger Vegetation gute Deckung finden. Andererseits legen diese Tiere keine weiten Strecken zu Winter- oder Sommereinständen zurück. Man musste ihnen also nicht dauernd hinterherziehen, um sie ganzjährig zu jagen. Familien und Sippen konnten daher schon relativ standorttreu leben. Hierzulande wurden Lagerplätze zumeist auf dünenartigen Erhebungen in wasserreichen Auenlandschaften aufgeschlagen. Dort wurden auch die Verstorbenen beigesetzt.

Mikrolithen - Griech.: kleine Steine - sind Waffen- und Gerätespitzen aus präparierten Steinsplittern. Exemplare aus dem Fiener Bruch (Ldkr. Jerichower Land) © LDA Sachsen-Anhalt (Foto: Juraj Lipták)
Mikrolithen - Griech.: kleine Steine - sind Waffen- und Gerätespitzen aus präparierten Steinsplittern. Exemplare aus dem Fiener Bruch (Ldkr. Jerichower Land) (© LDA Sachsen-Anhalt, Foto: Juraj Lipták)
Axe-blade from Kalbe (Altmarkkreis Salzwedel).
Axe-blade from Kalbe (Altmarkkreis Salzwedel) (© LDA Sachsen-Anhalt, Photo: Juraj Lipták).
Deer-antler mount for attaching a shaft to blades (Glindenberg, Bördelandkreis).
Deer-antler mount for attaching a shaft to blades (Glindenberg, Bördelandkreis) (© LDA Sachsen-Anhalt, Photo: Juraj Lipták).

In Sachsen-Anhalt gibt es bislang nur drei Bestattungen aus jener Zeit; sie sind die ältesten menschlichen Skelette im Lande. Hierzu zählt auch das in Bad Dürrenberg entdeckte Grab einer vermutlichen „Schamanin“, das in seinem Beigabenreichtum absolut selten und rätselhaft ist. Immerhin gewähren anthropologische und archäologische Daten aufschlussreiche Einblicke in ihr Schicksal. Die 25-35jährige „besondere Frau“ lag mit einem 6-12 Monate alten Kind in einer noch 30 cm mächtigen Verfüllung aus roter Mineralerde bestattet. Ihre Beisetzung erfolgte vor 9.000 - 8.600 Jahren isoliert im Gelände. Das überreiche Beigabeninventar bezeugt eine gesellschaftliche Sonderrolle der Toten. Bemerkenswert ist die enorme Vielfalt der im Grab repräsentierten Tierarten, die nicht alle nur Nahrungsvorrat für das Jenseits sein sollten. Ethnographische Vergleiche legen nahe, dass manche Objekte als Requisiten schamanistischer Praktiken zu deuten sind. Der Übergang vom mobilen Wildbeutertum zur sesshaften Landwirtschaft markiert das Ende des Mesolithikums. Die Zeit der Jäger - als längste Phase menschlicher Lebensweise - fand ihr Ende.

Grablege einer vor 8500 Jahren bestatteten Frau © LDA Sachsen-Anhalt (Foto: Juraj Lipták)
Grablege einer vor 8500 Jahren bestatteten Frau (© LDA Sachsen-Anhalt, Foto: Juraj Lipták)
Beigaben aus dem Grab der „Schamanin“ von Bad Dürrenberg (Saalekreis) © LDA Sachsen-Anhalt
Beigaben aus dem Grab der „Schamanin“ von Bad Dürrenberg (Saalekreis) (© LDA Sachsen-Anhalt)