Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Vorrömische Eisenzeit

Im 10. Jh. v. Chr. tauchte in den Landschaften um Mittelelbe und Saale ein neues Material auf: Eisen. Es handelt sich um Waffen der Kimmerer, einem Reitervolk, das aus dem nördlichen Schwarzmeergebiet bis nach Ungarn vordrang. Das führte aber noch nicht zur eigenen Eisengewinnung und -verarbeitung vor Ort. Das begann erst seit Mitte des 8. Jh. v. Chr. in der Billendorfer-, Hausurnen- und Thüringer Kultur. Zunächst hing die Eisenverarbeitung von importierten Barren ab. Die bislang frühesten Spuren der Verhüttung von lokalem Raseneisenerz – Rennofenreste und Schlacke aus dem östlichen Vorharz – datieren in das 4./3. Jh. v. Chr. Dieses Metall war einer der Faktoren, die auch hierzulande das soziale und wirtschaftliche Leben wieder einmal grundlegend revolutionierte. Wie lange zuvor bei den Völkern des Mittelmeers war es zu Beginn seiner Nutzung auch bei uns wertvoller als Gold, nur Machthabern vorbehalten. Zunächst auch zu Schmuck verarbeitet, überzeugte es sehr bald nur noch als Werkzeug und Waffe. Sein eigentlicher Wert bestand aber darin, dass es anders als Kupfer und Zinn weithin und für nahezu jedermann verfügbar war. Blieb die Herstellung und Verteilung von Bronze in den Händen weniger Spezialisten und Mächtigen, so war die Gewinnung von Eisen – trotz Abhängigkeit von Metallurgenwissen – vielerorts ungehindert möglich. Schmieden konnte man dann letztlich in jedem Dorf. Indem sich so die Bevölkerung selbständig mit Arbeits- und Kriegsgerät versorgen konnte, war das Monopol der Buntmetall-Eliten gebrochen. Diese „Erz-Demokratisierung“ begünstigte gesellschaftliche Neuordnungen.

In dieser sogenannten frühen Eisenzeit (ca. 750 – 60 v. Chr.) stießen Gruppen fremder Völkerschaften in den mitteldeutschen Raum und etablierten sich neben den hiesigen Gesellschaften. Um 525 v. Chr. erreichten Stammesteile der im Raum Niedersachsen beheimateten Jastorf-Kultur das Mittelelbe-Gebiet, verdrängten dort die Hausurnenkultur und drangen ab 450 v. Chr. auf der Höhe von Halle vereinzelt über die Grenze der Thüringischen Kultur südwärts. Die Invasoren ließen sich auf den fremden Friedhöfen bestatten, ohne dabei ihre Identität preis zu geben. In den letzten beiden Jahrhunderten vor der Zeitenwende wanderten zudem kleine Gruppen der Przeworsk-Kultur aus dem Oder-Warthe-Raum ein. Sie ließen sich inselartig in den mitteldeutschen Heimatgebieten der Jastorf-Kultur und der Naumburger Gruppe nieder. Sie sind ebenfalls anhand ihrer Bestattungssitte fassbar, die auch in der Fremde beibehalten wurde. Anderseits verließen aber auch Teile der alteingesessenen Bevölkerung ihre Heimat, wie etwa Leute der Naumburger Gruppe um 80 v. Chr. in südliche Richtung bis zur Donau.

Um 500 v. Chr. treten die Völker Mitteleuropas und damit auch bei uns erstmals aus ihrer geschichtlichen Anonymität. Griechische und römische Schriftquellen überliefern nun Namen und Siedlungsräume von Stämmen und Ethnien. Grundlegend war die Nennung der Skythen und Kelten (Gallier), die eher einer geographischen Einteilung von Ost nach West diente. Als letzte dieser von den Mittelmeerkulturen als Barbaren eingestuften Völker sind die Germanen genannt; zweifelsfrei erst um 80 v. Chr. bei Poseidonios. Umstritten bleiben Alter und Herkunft des Namens. Um 53 v. Chr. erklärte Julius Cäsar – politisch motiviert, generalisierend, aber unzutreffend – den Rhein zur Kulturscheide zwischen »Galliern« am Westufer und »Germanen« östlich des Stroms. Heterogene Völkergemische wurden in zwei gegensätzliche Zivilisationsblöcke eingeteilt, die es in solcher Konstellation gar nicht gab. In Wirklichkeit standen die Völker nördlich der Alpen in regem Kulturaustausch; die hiesigen Stämme z. B. mit keltischen Gruppen südlich des Thüringer Waldes.

Im Laufe des letzten vorchristlichen Jahrhunderts gewinnt im mitteldeutschen Raum ein gesellschaftliches Novum rasch an Bedeutung: separate Männerfriedhöfe, auf denen Krieger mehrerer Weiler und Dörfer ihre letzte Ruhe fanden. Das ist ein Indiz, dass sich Männer ortsübergreifend in Gefolgschaften organisierten, denen sie sich noch im Jenseits stärker verbunden fühlten als der eigenen Familie. Dieses Phänomen läutet dann bereits eine neue Epoche ein, in der auf jener Basis neue Herrschaftsstrukturen und Gesellschaftsverbände entstehen.