Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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September: „...unzählige Götzenbilder zerstört...“ Eine archäologisch-historische Detektivarbeit auf der Ausgrabung Leitzkau

Nur selten gelingt es, ein archäologisches Rätsel mit Hilfe von Aufzeichnungen, Urkunden oder ähnlichen Dokumenten zu lösen. Beim Bau der Ortsumgehung Leitzkau im Landkreis Anhalt-Zerbst, im historischen Dreiländereck der (Kur-) Fürstentümer Anhalt, Brandenburg und Sachsen, gelang nun so ein ausgesprochener Glückstreffer. Ein Fall, der auch demonstriert, wie archäologische und historische Quellen unterschiedliches Licht auf denselben Forschungsgegenstand werfen können.

Bronzezeitliches Vorspiel

Vor Beginn der Bauarbeiten war auf der etwa drei Kilometer langen Trasse, die die neue Südumgehung (B 184) von Leitzkau bildet, bereits eine Siedlung der Bronze- bis Eisenzeit bekannt. Ein Team des Landesamtes für Archäologie unter der Leitung von Matthias Sopp war dort seit Ende April tätig, um Funde zu bergen und Befunde zu dokumentieren. Mehrere hundert Abfallgruben einer Siedlung aus der Zeit um 900 bis 700 v. Chr. wurden untersucht. Neben Unmengen von Scherben und Tierknochenabfällen waren vollständige Keramikgefäße und vor allem zwei bronzene Nadeln die erfreuliche Ausbeute dieser Kampagne. Nadeln waren gerade in der späten Bronzezeit seltener und kostbarer Schmuck, den man nicht einfach zwischen zerbrochenen Gefäßen zurückließ. Dementsprechend selten sind sie eigentlich in vorgeschichtlichen Siedlungs- und Abfallgruben zu finden.

Ein Friedhof längst verlassen

Die eigentliche Überraschung der archäologischen Ausgrabungen in Leitzkau kam aber ganz unvermutet am östlichen Ende der Umgehungsstraße, Richtung Zerbst, zum Vorschein.
Beim Oberbodenabzug bzw. bei der Anlage eines Kanals wurden auf engstem Raum menschliche Skelette herausgebaggert, angeschnitten oder, im günstigsten Fall, unbeschädigt vom Bagger freigelegt.
Herr R. Wohlfarth, der Polier der Straßenbaufirma, meldete dies sogleich der Grabungsleitung. In der eilig eingeleiteten Notgrabung konnten fünf Skelette fast vollständig geborgen und dokumentiert werden. Dazu wurden noch Skelettreste von mindestens 10 weiteren menschlichen Individuen aufgelesen.
Sie bilden sicherlich nur einen Teil eines Wüstungsfriedhofes, der außerhalb der Trasse wohl noch im Boden liegen dürfte.
Was ist aber nun das Besondere an diesen Befunden? Auf den ersten Blick handelte es sich um ganz normale Körpergräber, die in West-Ost-Richtung ausgerichtet waren, so wie man dies bei christlichen Bestattungen erwarten kann.
Ungewöhnlich war allerdings, dass sich zwischen den halbwegs intakten Skeletten Scherben und größere Fragmente von Keramik fanden. Einige der Gefäßreste sind in einer ganz charakteristischen Art und Weise mit Wellenbändern verziert, wie dies für slawische Keramik des ausgehenden 10. bis zum beginnenden 12. Jahrhundert n. Chr. typisch ist. Und Beigaben jeglicher Art gehören eigentlich nicht in christliche Gräber...
Mit archäologischen Mitteln allein war dieses Rätsel der Skelettfunde, die hier wie auf jedem mittelalterlichen und neuzeitlichen Friedhof dicht neben- und untereinander lagen, nicht zu deuten.
 

Ein Blick ins Archiv

Klarheit brachte ein Blick in die Wüstungskarten im Archiv des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle. Als Wüstungen bezeichnet man im Mittelalter oder in der frühen Neuzeit aufgegebene Dörfer und Einzelhöfe, von deren ehemaliger Existenz vielfach nur noch historische Nachrichten künden und über deren Lage manchmal nur noch alte Flurnamen Auskunft geben. Oberirdisch ist von solchen aufgegebenen oder zerstörten Orten meist nichts erhalten geblieben.
Aber schon seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert haben zahlreiche Forscher die bekannten alten Flurnamen systematisch gesammelt und in topographischen Karten verzeichnet. Ebenso hat man die historischen Quellen nach Erwähnungen ehemaliger Siedlungen durchforstet und zusammengestellt.
Diese mit viel Fleiß gesammelten Quellen ermöglichen es nun, den Ort, zu dem der angetroffene Friedhof einst gehörte, zu identifizieren. Es handelt sich hierbei um die Wüstung „Zitzerbe“, so wie auch die Flur immer noch genannt wird, auf der neben den genannten Skeletten auch mittelalterliche Siedlungsbefunde vom Bagger angeschnitten wurden.
Obwohl der Flurname eindeutig auf Zitzerbe lautet, wurde in der Forschung die alte Siedlung weiter südwestlich vermutet. Dies kann jedoch damit erklärt werden, dass in den historischen Quellen sechs Wüstungen genannt werden, die in der Gemarkung Leitzkau liegen sollen. Möglicherweise wurde dabei die Lage des wüsten Hofes „Kolebik“ mit dem des Dorfes „Zitzerbe“ verwechselt.

 

Unchristliche Christen ?

Die älteste Erwähnung des Dorfes stammt aus dem Jahr 1114. So heißt es in der Quelle zu diesem Jahr, dass Bischof Herbert von Brandenburg in Zitzerbe mit Zustimmung der Magdeburger Kirche „viele unzählige Götzenbilder zerstört“ hat. Außerdem hat er in Leitzkau (politisch und kirchlich zu Brandenburg gehörig), also an der Grenze zum Sachsengebiet, eine erste hölzerne Kirche erbaut. Drei Jahre später gehörte auch der Ort Zitzerbe zum Einflussbereich dieser Kirche.
Die angetroffenen Bestattungen in der Flur Zitzerbe gehören wahrscheinlich noch in die Zeit davor, also noch in das 11. Jh. In dieser Zeit lebten die brandenburgischen Bischöfe noch im Mainzer oder Magdeburgischen Exil, was nach dem großen Slawenaufstand von 983 notwendig geworden war.
Die Ausrichtung der Bestatteten ist ganz allgemein als „christlich“ zu bezeichnen. Aber ob es getaufte Christen waren, ist aufgrund des fehlenden Einflusses der Kirche über einen langen Zeitraum hinweg eher fraglich. Fest steht in jedem Fall, dass die Menschen in ihren Gräbern die verschiedenen Einflüsse, mit denen sie damals in Kontakt kamen, in einer einzigartigen Form kombinierten - ein Umstand, der sich nur durch die gemeinsame Betrachtung von archäologischen Hinterlassenschaften und schriftlichen Quellen erschließen konnte.

Impressum

Der Fund des Monats August wurde Ihnen präsentiert von:

Dr. Alfred Reichenberger
Dr. Matthias Sopp

Redaktion:

Dr. Martin Porr