Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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März: Hohe Kirchendichte zur Ottonenzeit in Magdeburg

Abb. 1: Gesamtsituation Domplatz mit den karolingischen Doppelgräben (dunkelgrün) und dem ottonenzeitlichen Graben (hellgrün). Die aktuelle Grabung (roter Rahmen) liegt im Straßenbereich östlich des Domplatzes.
Abb. 1: Gesamtsituation Domplatz mit den karolingischen Doppelgräben (dunkelgrün) und dem ottonenzeitlichen Graben (hellgrün). Die aktuelle Grabung (roter Rahmen) liegt im Straßenbereich östlich des Domplatzes.

 

Die hervorragende Lage des Magdeburger Domhügels zog schon in früher Zeit die Menschen an. So belegen neolithische Funde vom Domplatz und aus der unmittelbaren Umgebung eine Nutzung der Erhebung ab dem frühen 3. Jahrtausend v. Chr. als Siedlungs- und auch Begräbnisareal. 

Gruben, Pfostenlöcher und Siedlungsschichten zeigen, dass der Domhügel in der Späten Bronzezeit/Frühen Eisenzeit wie auch spätestens ab dem 9./10. Jahrhundert n. Chr. dann wieder intensiv und bis an die Hangkante besiedelt war. Da die Elbe östlich des Domhügels in mehrere Arme geteilt ist, war an dieser Stelle der Übergang in das slawische Gebiet verhältnismäßig leicht möglich.

Die erste urkundliche Erwähnung Magdeburgs - im Diedenhofer Kapitular Karls des Großen - datiert aus dem Jahre 805, wobei die Erwähnung Magdeburgs als wichtiger Handelsplatz vermuten lässt, dass die Siedlung damals bereits eine gewisse Zeit bestanden hat.

1960 konnte durch die Entdeckung von zwei halbkreisförmigen, weitgehend parallel verlaufenden Spitzgräben auf dem Domplatz eine frühmittelalterliche Anlage erschlossen werden, wobei die Datierung der Gräben in die Karolingerzeit jedoch nicht gesichert ist. Vor den beiden Spitzgräben verläuft ein ebenfalls bogenförmig geführter, möglicherweise ottonenzeitlicher, größer angelegter Befestigungsgraben von ca. 14 m Breite (Abb. 1).

Kaiser Otto der Große (936-973) machte Magdeburg bereits 929 seiner Frau Edgith zum Geschenk und gründete am 21. September 937 das Moritzkloster. Ab 955 wurde dann mit den Planungen für den Bau der Domkirche begonnen. Nach längerem Widerstand durch den Erzbischof von Mainz und den Bischof von Halberstadt konnte 968 das Erzbistum Magdeburg eingerichtet werden. Der Stadtbrand von 1207 zerstörte den ottonischen Dom und so wurde spätestens ab 1209 im Auftrag von Erzbischof Albrecht II. von Kefernburg der St. Mauritius-Dom erbaut. Der gotische Bau wurde im Jahre 1520 fertig gestellt. 

 

Abb. 2: Gesamtsituation Domplatz (nach Nickel 1973)
Abb. 2: Gesamtsituation Domplatz (nach Nickel 1973)

Auf dem Magdeburger Domplatz fanden von 1959-1968 großflächige Ausgrabungen unter Ernst Nickel statt. Nickel entdeckte den Grundriss eines repräsentativen Steinbaus, der sich überwiegend durch Fundamentausbruchgräben - also ausgebrochene Mauern - zu erkennen gibt (Abb. 2).
Der Ausgräber ging davon aus, mit dem Steinbau auf dem Domplatz den Palast (aula regia) Otto des Großen (936-973) gefunden zu haben, doch gibt es auch neuere Deutungsvorschläge, wonach es sich um einen Kirchenbau (mit zwei Nutzungsphasen) handeln soll. Mitte des 10. Jahrhunderts ist in den Urkunden mehrfach von einem "palatium", "palatium nostrum" oder "palatium regium" in Magdeburg die Rede. Diese Nennungen werden häufig in Zusammenhang mit einem zentralen weltlichen Gebäude gesetzt. 

Abb. 3: Bergung der Grablege aus dem 3. Viertel des 10. Jahrhunderts?
Abb. 3: Bergung der Grablege aus dem 3. Viertel des 10. Jahrhunderts?

Nur etwa 1 m östlich der Nickelschen Grabungen wurde durch das Landesamt für Archäologie  im August 2001 eine ungewöhnliche Grablege aus dem 3. Viertel des 10. Jahrhunderts entdeckt und im Mai 2002  vom Kulturhistorischen Museum Magdeburg in Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Archäologie geborgen (Abb. 3). Sie steht mittlerweile im Kaiser-Otto-Saal des Kulturhistorischen Museums Magdeburg. Die Gruft hatte eine für jene Zeit ungewöhnlich aufwendige Bauweise und außerordentlich gut erhaltene Sarghölzer. Sie bezog sich auf den bereits stehenden oder im Bau befindlichen mutmaßlichen Kirchenbau des 10. Jahrhunderts (Phase I) und gibt damit für jenen den zentralen Datierungsansatz. Erstaunliche Parallelen lassen sich in einer auf das Jahr 960 bezogenen Schilderung bei Thietmar von Merseburg finden: 

"Auch kostbaren Marmor nebst Gold und Edelsteinen ließ der Kaiser nach Magdeburg kommen, und in alle Säulenknäufe [Säulenkapitelle] befahl er Reliquien der Heiligen einzuschließen. Neben der oben erwähnten Kirche ward auf sein Geheiß auch der Leib des trefflichen Grafen Christinus und anderer Verstorbener bestattet. In dieser Kirche wünschte er selbst zu ruhen und sorgte noch bei seinen Lebzeiten eifrigst dafür, dass ihm dort ein Grab bereitet wurde.“ 

 

Auch wenn die Identifikation des Toten mit Graf Christinus eher unwahrscheinlich ist, steht zu vermuten, dass es sich um eine herausragende Persönlichkeit im Machtzentrum des ottonischen Reiches gehandelt hat. Wir fassen folglich in der Schriftquelle und in der archäologischen Ausgrabung das gleiche Phänomen zur gleichen Zeit am gleichen Ort, nämlich ein Repräsentativgrab neben einer Magdeburger Kirche im 3. Viertel des 10. Jahrhundert.

Vor diesem Hintergrund scheint es legitim zu fragen, ob wir hier nicht auch denselben Kirchenbau vor uns haben könnten - also den Dom von Otto dem Großen, der bisher unter dem gotischen Dom lokalisiert wurde. In jedem Fall erhielt die bereits erwähnte Kirchentheorie ein neues starkes Argument. Angesichts der spannenden Befunde und Funde wurde im Sommer 2002 ein gemeinsames Projekt der Landeshauptstadt Magdeburg und des Landesamtes für Archäologie ins Leben gerufen und im Straßenbereich östlich des Domplatzes mit einer Forschungsgrabung begonnen.

Für dieses Forschungsvorhaben stellten zahlreiche Institutionen und Firmen dankenswerterweise Personal bzw. finanzielle Mittel zur Verfügung. Zu ihnen gehören neben dem Stadtplanungsamt Magdeburg und dem Landesamt für Archäologie das Stadtvermessungsamt, die SWM, die SAM, die Bundesanstalt für Arbeit in Zusammenarbeit mit der GISE, das Landesamt für Geologie und Bergwesen u. v. m. 

Abb. 4: Blick von der Staatskanzlei auf die Grabungsfläche kurz nach Beginn der Untersuchung im Sommer 2002.
Abb. 4: Blick von der Staatskanzlei auf die Grabungsfläche kurz nach Beginn der Untersuchung im Sommer 2002.
Abb. 5: Blick über die laufende Grabung unter unserem hallenartigen, beheizbaren und beleuchteten Grabungszelt.
Abb. 5: Blick über die laufende Grabung unter unserem hallenartigen, beheizbaren und beleuchteten Grabungszelt.

Die wichtigsten Aufgaben und Fragestellungen der laufenden Grabung:

1) Wie setzt sich der Grundriss vom Domplatz nach Osten fort?

2) Ist dieser Bau ein- oder mehrphasig?

3) Gibt es weitere Hinweise zur Identifikation des Baues?

4) Gibt es weitere Gräber? Wo liegen diese? Wie sind sie zu datieren?

5) Gibt es möglicherweise einen Vorgängerbau?
    Dies war für Nickel bei seiner Grabungstiefe nicht zu entscheiden.

6) Gewinnung von aussagekräftigem Fundmaterial. 

 

Schon jetzt lässt sich sagen, dass das Projekt Ergebnisse erbringt, die in ihrer Bedeutung weit über Magdeburg hinausreichen und nicht auf die ottonische Periode begrenzt sind. Der Bau des 10. Jahrhunderts konnte anhand von Fundamentausbruchgräben weiter nach Osten verfolgt werden (Abb. 6). Ihre enorme Breite von bis zu 3,20 m lässt auf ein ehemals gewaltiges Bauwerk schließen.  

Der Nachweis eines Kindergrabes (das zehnte Grab insgesamt) innerhalb des Gebäudes zerstreut schließlich auch die letzten Zweifel an einer Ansprache des Baues aus dem 10. Jahrhundert als Kirche. Obwohl weit weniger aufwendig ausgestattet als die Gruft, kommt ihm für die Interpretation des Bauwerkes entscheidende Bedeutung zu (Abb. 7).  

Abb. 6: Fundamentausbruchgraben des ottonenzeitlichen Steinbaus.
Abb. 6: Fundamentausbruchgraben des ottonenzeitlichen Steinbaus.
Abb. 7: Kindergrab, geborgen im Januar 2003.
Abb. 7: Kindergrab, geborgen im Januar 2003.
Abb. 8a: Helles Kalksteindreieck.
Abb. 8a: Helles Kalksteindreieck.
Abb. 8b: Dunkles Kalksteindreieck.
Abb. 8b: Dunkles Kalksteindreieck.
Abb. 8c:  Marmorquadrat.
Abb. 8c: Marmorquadrat.

Der Kirchenbau wurde offensichtlich planmäßig geräumt, als er nicht mehr genutzt wurde. Dennoch zeigen die entdeckten Fundstücke sehr deutlich, mit welch hohem Aufwand das Bauwerk ursprünglich ausgestattet worden war. Hier ist als Beispiel das Vorkommen von vier kleinen geschliffenen, hellen und dunklen Kalksteindreiecken und einem Marmorquadrat zu nennen (Abb. 8). 

Derlei Funde sind als mediterraner Import anzusprechen und auch in Magdeburg äußerst selten. Als einzige Magdeburger Parallele wäre hierbei der Fußboden aus Schmuckfließen in der Krypta unter dem gotischen Dom zu nennen. 

Abb. 9: Blick in die 1926 ergrabene ottonische Krypta unter dem gotischen Dom (aus: M. Puhle [Hrsg.], Otto der Große. Magdeburg und Europa. Band 1 [Mainz 2001] S. 360).
Abb. 9: Blick in die 1926 ergrabene ottonische Krypta unter dem gotischen Dom (aus: M. Puhle [Hrsg.], Otto der Große. Magdeburg und Europa. Band 1 [Mainz 2001] S. 360).
Abb. 10: Der mosaikartige Schmuckfußboden in der Krypta unter dem gotischen Dom.
Abb. 10: Der mosaikartige Schmuckfußboden in der Krypta unter dem gotischen Dom.
Abb. 11: Im Rahmen der Forschungsgrabung von 2002 gefundenes Steindreieck. Zu Vergleichszwecken vor den Fußboden in der Krypta unter dem gotischen Dom gelegt.
Abb. 12: Im Rahmen der Forschungsgrabung von 2002 gefundenes Marmorquadrat. Zu Vergleichszwecken vor den Fußboden in der Krypta unter dem gotischen Dom gelegt.

Ein Vergleich der Neufunde von der Grabung am Domplatz mit den Steinen in der Krypta unter dem gotischen Dom ergab eine weitestgehende Übereinstimmung (Abb. 11. 12). Wie ist dieser Befund nun zu deuten? Kamen die Steine vom Kirchenbau am Domplatz in die Krypta unter dem gotischen Dom? Oder bezogen beide Bauten ihre mediterranen Elemente aus derselben Quelle, die nach Lage der Dinge nur Otto der Große bzw. Adelheid gewesen sein kann? 

Abb. 13: Blick über die Sandsteinadaption des Nickelschen Gebäudegrundrisses und das Grabungszelt 2003 zum gotischen Dom. Im Hintergrund ist der rote Museumscontainer des Landesamtes für Archäologie erkennbar. Er ist am Domplatz noch bis zum 30.4.2003 während der Arbeitszeiten zu besichtigen. Eintritt frei!
Abb. 13: Blick über die Sandsteinadaption des Nickelschen Gebäudegrundrisses und das Grabungszelt 2003 zum gotischen Dom. Im Hintergrund ist der rote Museumscontainer des Landesamtes für Archäologie erkennbar. Er ist am Domplatz noch bis zum 30.4.2003 während der Arbeitszeiten zu besichtigen. Eintritt frei!

Wir werden uns möglicherweise mit dem Gedanken vertraut machen müssen, dass am Magdeburger Domplatz zwei bedeutende Kirchenbauten des 10. Jahrhunderts zeitgleich bestanden haben - einer unter dem gotischen Dom und einer knapp 40 m weiter nördlich am Ostrand des Domplatzes. Als Interpretationen bieten sich zuallererst die Moritzklosterkirche und der Dom Otto des Großen an. Doch wo stand welcher Bau? Ich sympathisiere bei unserem gegenwärtigen Kenntnisstand mit der Variante, dass wir in dem gewaltigen Bau, der unter dem heutigen Domplatz und östlich davon liegt, den Dom des 10. Jahrhunderts vor uns haben. 

 

Ein erster Bericht zur Gruft, dem eigentlichen Auslöser der Forschungsgrabung, wird in Kürze in der „Jahresschrift für Mitteldeutsche Vorgeschichte 86, 2003“ erscheinen. 

 

Text: Rainer Kuhn, M. A.
Redaktion: Dr. Michael Schefzik