Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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August: Das Grab einer wohlhabenden "Thüringerin" in Sachsen-Anhalt

Blick auf die Fundregion bei Steigra
Blick auf die Fundregion bei Steigra

Die Entdeckung des Grabes

Steigra, am Fuße des Steilhanges zum Unstruttal (Abb. 1). Erst war es nur eine halbovale Verfärbung im Erdreich, die die Aufmerksamkeit des Archäologen erweckte. Ihr Auftrag bestand in den üblichen Voruntersuchungen im Vorfeld der Bauarbeiten einer Abwasserleitung von Obhausen (Kreis Merseburg - Querfurt) nach Karsdorf (Burgenlandkreis). Schon einige Fundstellen hatten sie dabei freigelegt. 

Nun sollte man aber eine fast ungestörte frühgeschichtliche Bestattung mit vielen Beigaben aufdecken  Beim Schneiden der Verfärbung fanden sich schon nach wenigen Zentimetern Reste eines Beckenknochens, so dass deutlich wurde, dass es sich um eine Bestattung handelt. Der Abraum neben dem Befund wurde also weggeräumt und die Grabungsfläche um die Größe des Grabes erweitert.
Es kam ein einfaches Erdgrab von annähernd rechteckiger Form und west-östlicher Orientierung zum Vorschein (Abb. 2). 

Das Skelett lag mit leicht angezogenen Beinen auf seiner rechten Seite. Die beiden Unterarme waren vor die Brust gelegt. Der Kopf lag mit südlicher Blickrichtung im Westen des Grabes. Oberhalb des Kopfes stand ein weitgehend intaktes Gefäß. In der Nordwestecke des Grabes, direkt am Hinterkopf, fand sich der halbe Boden eines weiteren Gefäßes (Abb. 3) . Möglicherweise ist dieses Gefäß beim Pflügen zerstört worden. Ansonsten war das Grab glücklicherweise ungestört.
 

Abb. 2: Das Grab der "Thüringerin" von Steigra
Abb. 2: Das Grab der "Thüringerin" von Steigra
Abb. 3: Gefäßbeigabe am westlichen Rand der Grabgrube
Abb. 3: Gefäßbeigabe am westlichen Rand der Grabgrube

Zunächst sah es danach aus, als sei das Grab mit seinen beiden einfachen Töpfen relativ arm. Beim Bergen des Skelettes wurden dann aber noch zahlreiche Trachtbestandteile entdeckt. Unter dem Bauch befanden sich eine vergoldete Fibel aus Silber (Abb. 4), die Klinge eines Messers aus Eisen und die Reste einer eisernen Gürtelschnalle. An jeder Schulter lag eine Bronzenadel. Die Nadeln dienten dazu, die Kleidung zusammenzuhalten. Unter dem Hals wurden dann noch zahlreiche Perlen aus Glas und Bernstein geborgen, die ehemals zu einer Halskette gehörten (Abb. 5). 

Abb. 4:  Die vergoldete Fibel in Fundlage
Abb. 4: Die vergoldete Fibel in Fundlage
Abb. 5: Glasperlen in Fundlage
Abb. 5: Glasperlen in Fundlage

Datierung und historische Einordnung des Grabes

Das Grab kann durch die Bügelfibel in das 5. Jahrhundert n. Chr. datiert werden. Die gesamte Ausstattung ist typisch für ein germanisches Frauengrab dieser Zeit. Die spezielle Form der Bügelfibel ermöglicht es, die Tote dem Stamm der Thüringer zuzuordnen. Damit wird unsere Kenntnis bestätigt, dass das Saale-Unstrut-Gebiet zum Königreich der Thüringer gehörte. Das Reich der Thüringer gründete sich im 5. Jahrhundert n. Chr. und bestand bis zu seiner Eroberung durch die Franken im Jahr 531 n. Chr. 

Die Funde aus dem Grab

Für die besonders interessierten Leser ist hier eine detaillierte Beschreibung der Funde eingefügt:

Abb. 6: Gefäß vom Westrand des Grabes
Abb. 6: Gefäß vom Westrand des Grabes

Gefäß 1 (Abb. 6)
Gedrungener unverzierter Topf mit kurzem trichterförmigen Hals; feiner sandgemagerter, grauer Ton, hart gebrannt; 11 cm hoch, Randdurchmesser 14,4 cm, Bauchdurchmesser 15,8 cm, Bodendurchmesser 8,4 cm.

Gefäß 2
Vom zweiten Gefäß ist nur ein Teil des Bodens erhalten.  

Abb. 7: Thüringer Bügelfibel aus Bronze
Abb. 7: Thüringer Bügelfibel aus Bronze

Bügelfibel thüringischen Stils (Abb. 7)
6 cm lange Bügelfibel. Die Form des schmaleren Endes ähnelt einer Schlange (Schlangenprotome); das breitere Ende wird von zwei Voluten gebildet, in die rote Edelsteine - wahrscheinlich Almadin - eingesetzt waren (Nur einer der beiden Steine ist erhalten). Dadurch entsteht der Eindruck von zwei nach hinten gewendeten stilisierten Vogelköpfen. Der Bügel ist mit parallelen Riefen verziert, der anschließende schmalere Teil weist ein Zickzackmuster auf. Die Nadelhalterung ist wie die gesamte Fibel aus Silber gearbeitet; nur die Nadel selbst bestand aus Eisen, das jedoch schon vergangen war.
 

 

Abb. 8: Bronzene Gewandnadel
Abb. 8: Bronzene Gewandnadel

Bronzenadeln (Abb. 8)
An jeder Schulter befand sich eine einfache Bronzenadel von 6,6 cm bzw. 7,2 cm Länge. Beide weisen am Kopf eine kleine runde Öse auf.

Eiserne Gürtelschnalle
Durch eine bereits stark korrodierte eiserne Gürtelschnalle konnte nachgewiesen werden, dass die Tote auch einen Gürtel trug. 

Eisenmesser
Von einem Eisenmesser, das ursprünglich wahrscheinlich im Gürtel steckte, hat sich nur noch die einschneidige Klinge erhalten. Ihre Länge beträgt 15 cm und ihre Breite 2 cm. 

Perlencollier
Im Halsbereich fanden sich in verschiedener Anzahl drei verschiedene Perlenarten, die zusammen eine Halskette bildeten. Beim ersten Typ handelt es sich um tropfenförmige grüne Glasperlen, die mit gelben Streifen verziert und in Längsrichtung durchbohrt sind (ca. 20 Stück). Sie haben eine Länge von 1 - 1, 5 cm und eine Dicke von 0, 5 - 0, 8 cm. Außerdem konnten zahlreiche (ca. 80 Stück) kleine, runde und halbrunde Glasperlen (1-3 mm Durchmesser) von schwarzer Farbe nachgewiesen werden. Neben den Glasperlen konnten noch fünf zylindrische Bernsteinperlen mit Längsbohrung geborgen werden. 

 

Die Kleidung der "Thüringerin"

Vor dem 5. Jahrhundert n. Chr. trugen die Germaninnen ein schlauchartiges ärmelloses Gewand, das nach oben offen war und mit zwei Bügelfibeln auf der Schulter zusammengehalten wurde. Um die Taille wurde ein Gürtel gebunden. Im 5. Jahrhundert n. Chr. verdrängte die römische Tunika diese Tracht. Da die Tunika an den Schultern zusammengenäht war, verloren die Bügelfibeln ihre Funktion als Gewandhalter. Da es sich aber um Statussymbole handelte, wurden sie im Bereich des Gürtels weiter getragen, wie es auch bei der hier vorgestellten Bestattung der Fall ist. Auch über der Tunika wurde ein Gürtel getragen. An diesem Gürtel befestigten die Frauen häufig verschiedene Utensilien mit einem Lederband. In unserem Fall handelt es sich um ein Eisenmesser, in anderen Gräbern kommen auch Schere und Kamm vor. Wahrscheinlich trug die Tote auch noch einen Umhang, der mit den kleinen Bronzenadeln an den Schultern festgesteckt war. 

Die Untersuchung der Grabfunde in der Restaurierungswerkstatt

Ein Teil des Grabfundes wird in die Restaurierungswerkstatt eingeliefert.
Datierung: frühes Mittelalter.
Bernstein- und Glasperlen, Bronzenadeln und Eisenfragmente gehören dazu. Die Aufmerksamkeit richtet sich aber auf eine Fibel (Abb. 9. 10). Unschwer zu erkennen, dass es sich um eine Bügelfibel mit Kerbschnitt- und Adlerkopfdekor handelt.
Die Besonderheit: Einlegearbeiten und vor allem anhaftende Textilreste.

Abb. 9; Die Fibel aus dem Grab: Vorzustand der Vorderseite
Abb. 9; Die Fibel aus dem Grab: Vorzustand der Vorderseite
Abb. 10: Vorzustand der Rückseite der Fibel
Abb. 10: Vorzustand der Rückseite der Fibel
Abb. 11: Textil an der Nadelfeder
Abb. 11: Textil an der Nadelfeder
Abb. 12: Silberstift
Abb. 12: Silberstift
Abb. 13: Analyse Silberstift (LKA)
Abb. 13: Analyse Silberstift (LKA)

So wurde die Fibel, die zunächst „nur“ für eine einfache Bronzefibel gehalten wurde, nach allen Regeln der Kunst untersucht. Und, wie es bei einem FUMO mittlerweile fast zum Standardprogramm gehört, nach Magdeburg zum Landeskriminalamt geschafft. Dabei wurde so ziemlich alles gecheckt: von den kleinen Textilfaserresten, über Korrosionsreste bis hin zur Beschaffenheit des Steines und herstellungstechnischen Merkmalen. Es stellte sich heraus, dass die Fibel nicht aus Bronze, sondern einer wertvolleren Silberlegierung besteht. Und: sie war einst dick vergoldet!
Spannend war die Metallzusammensetzung, und der Befund einer quecksilberfreien Feuervergoldung brachte ein Paradigma der Archäochemie ins Wanken. 

Also musste- vor der Restaurierung der Fibel - zunächst alles untersucht werden, denn anhaftende Textilreste sind eine Rarität (Abb. 11). Normalerweise ist das organische Material im Laufe der Lagerungszeit vergangen. In diesem Fall jedoch wirkte das Korrosionsprodukt der eisernen Fibelnadel. An dem Textil lagert sich Eisenoxydhydrat ab und durchdringt es. Die Faser ist zum größten Teil vergangen, die äußere Struktur aber bleibt erhalten. Die Umbildung nennt man Mineralisierung. 

Die Fibel ist zudem mit Stiftchen verziert (Abb. 12. 13). In kurzen Abständen eingesetzt, verzieren sie partiell die Fibel. Die Analyse am atmosphärischen Elektronenrastermikroskop (ESEM) zeigt, dass deren Silberanteil höher ist, als der der Fibel selbst - das schließt auf eine andere Legierung. Dies erscheint technisch sinnvoll, denn im Gegensatz zu unserer Buntmetallreichen Silberlegierung ist das Silber der Stiftchen viel weicher. Möglicherweise wurden die „Silberflecken“ nach einer Art primitiven „Tauschierung“  in das Grundmetall eingehämmert, um so einen kunstvollen Perldraht oder gar eine „Granulation“ vorzutäuschen.

Der nachdenkliche Leser mag sich fragen, warum diese Fibel ausgerechnet so aufwändig untersucht wurde. Das hat mehrere Gründe. Zunächst, weil sie als „Fund des Monats“ vorgesehen war. Und wie so häufig bei Routineuntersuchungen - jede Antwort bringt wieder neue spannende Fragen hervor. Und wie Sie sehen - selbst nach eingehender technischer Untersuchung schlummern in dem Material noch viele Fragen, die wir hier nicht klären konnten.
   

Die Textilreste an der Fibel

Und da sich die Fibel schon im ESEM befindet, schauen die Naturwissenschaftler sich gleich noch den Boden der Almandinfassung sowie die Textilfasern an der Nadelfeder an.

Ergebnis Boden: Silber lässt sich nachweisen. Ein Indiz dafür, dass unter der Einlage die so genannte Waffelfolie eingearbeitet wurde. Das ist ein dünnes, mit geometrischer Musterung geprägtes Silberblech, welches die Wirkung erzielt, dass die Einlage hell und veränderbar wirkt. Genau wie unsere heutigen Reflektoren z.B. am Fahrrad. Waffelfolien sind für diese Einlegearbeiten üblich. 

Abb. 14: Waffelfolie mit schwach erkennbarer Musterung (vor der Freilegung)
Abb. 14: Waffelfolie mit schwach erkennbarer Musterung (vor der Freilegung)
Abb. 15: Waffelfolie mit gut erkennbarer Musterung (nach der Freilegung)
Abb. 15: Waffelfolie mit gut erkennbarer Musterung (nach der Freilegung)

Die Textilfasern auf der Nadelfeder können am ESEM leider nicht exakt identifiziert werden (Abb. 16. 17).

Eine Faser, ob pflanzlicher oder tierischer Abstammung, hat ein charakteristisches Erscheinungsbild. Die Faser, die wir betrachten, könnte eine Bastfaser sein - ein gesichertes Ergebnis ist das aber noch nicht.
   

Abb. 16: ESEM-Aufnahmen des Textils (LKA)
Abb. 16: ESEM-Aufnahmen des Textils (LKA)
Abb. 17: ESEM-Aufnahmen des Textils (LKA)
Abb. 17: ESEM-Aufnahmen des Textils (LKA)
Abb. 18: Durchlichtmikroskopie: gut erhaltene Faser der Probe
Abb. 18: Durchlichtmikroskopie: gut erhaltene Faser der Probe
Abb. 19: Referenzprobe: Flachsfaser
Abb. 19: Referenzprobe: Flachsfaser

Da muss noch eine weitere Untersuchung am Durchlichtmikroskop in der Werkstatt erfolgen. Die Arbeit im LKA ist damit vorerst beendet.Die Analyse bei stark zerstörtem Textil ist sehr schwer durchzuführen, im besten Fall kann eine dafür noch intakte Faser aus dem Kern des Garnes entnommen werden. Dieser Glücksfall war vorhanden und mit Hilfe der Durchlichtmikroskopie ist dieses Bild entstanden (Abb. 18. 19):

Abstufungen in der Faser sind klar zu erkennen, wie auch schwach im ESEM. Diese gibt es nur bei Pflanzenfasern. Man nennt sie auch Wachstumsknoten, sie sind typisch für Bastfasern, also z. B. Flachs oder Hanf.  

Als Beispiel eine stark angegriffene Faser (Abb. 20): keine Chance der Identifizierung! 

Abb. 20: Durchlichtmikroskopie: Beispiel für stark zerstörte Faser
Abb. 20: Durchlichtmikroskopie: Beispiel für stark zerstörte Faser

Weitere Betrachtungen am Stereomikroskop erfolgen:
Das Textil ist ein Gewebe mit einem vierbindigen gleichseitigen Köper. Das ist eine spezielle Bindungsart, schematisch sieht das so aus (Abb. 21. 22):  

Abb. 21: Patrone des Webmusters
Abb. 21: Patrone des Webmusters
Abb. 22: Schema des Musters
Abb. 22: Schema des Musters
Abb. 23:  Schema
Abb. 23: Schema
Abb. 24:  Original
Abb. 24: Original

Das Garn ist Z-gedreht und ca. 0,7-0,8 mm dick (Abb. 23. 24). Bei einer Z-Drehung werden kleine Bündel von Fasern links herum verdreht. Es entsteht ein Garn. 

Reinigung und Restaurierung der Fibel

Die Untersuchungen sind abgeschlossen, nun kann restauriert werden. In diesem Falle bedeutet es: Sicherung der schwach anhaftenden Gewebereste und Freilegung der Fibel.
Die Textilsicherung geht schnell und ist einfach: Mit verdünntem Acrylharz (Paraloid B 72) werden die Fasern gesichert, so dass sie nicht zerbrechen oder gar abfallen können.
Die Freilegung geht langsam und ist kompliziert: Mechanische Abnahme der anhaftenden Erdschicht und anschließend eine chemische Abnahme der Kupferkorrosionsprodukte. Um die einzubringende Chemie (Komplexbildner) möglichst gezielt und kontrolliert einzusetzen, wird eine Paste (Archäoplex), die hier im Haus entwickelt wurde, eingesetzt (Abb. 25. 26).

   

Abb. 25: kurz nach dem Auftrag
Abb. 25: kurz nach dem Auftrag
Abb. 26: ca. 4 Minuten später: Kupferkomplexe haben sich gebildet
Abb. 26: ca. 4 Minuten später: Kupferkomplexe haben sich gebildet

Die Fibel besaß eine eiserne Nadel, welche nicht mehr vorhanden ist. Reste von Eisenkorrosion sind auf Rück- und Vorderseite zu erkennen, zum Teil wurden diese entfernt, nicht chemisch sondern mechanisch. 

Abb. 27: Reste der Eisenkorrosion auf der Fibel
Abb. 27: Reste der Eisenkorrosion auf der Fibel

Und das Ergebnis ist auf dem nächsten Bild zu sehen (Abb. 27): 

Abb. 28: Vorderseite nach der Reinigung
Abb. 28: Vorderseite nach der Reinigung

Die Fibel ist aus Silber gefertigt. Ein Silbernachweis mit Reagenzien (Archäognost) wurde durchgeführt und fiel positiv aus. Das Ergebnis wird zusätzlich durch eine zweite Untersuchung am ESEM bestätigt. Die Fibel ist partiell auf der Vorderseite vergoldet. Nachgewiesen werden kann das am ESEM (Abb. 29. 30). Eine Feuervergoldung würde in diese Herstellungszeit passen.  

Abb. 29: Aufnahme ESAM: Analyse Vergoldung (LKA)
Abb. 29: Aufnahme ESAM: Analyse Vergoldung (LKA)
Abb. 30: Spektrum Vergoldung (LKA)
Abb. 30: Spektrum Vergoldung (LKA)

Der "Karfunkelstein"

Abb. 31: Glas- oder Almandineinlage?
Abb. 31: Glas- oder Almandineinlage?

Almandin ist ein roter Granat. Dieses Silikat-Mineral diente häufig als Einlegearbeit, so auch bei Fibeln dieses Typs und aus dieser Zeit. Alternativ dazu wurde jedoch unter Umständen auch rotes Glas verwendet.

Als „Karfunkelstein“ durchzieht der Granat die Sagen- und Märchenwelt des Mittelalters. Er wird zudem als Blut Christi“ bezeichnet. Die tiefroten Farben des Steines müssen die Menschen magisch angezogen haben. Chemiker und Mineralogen betrachten den - durchaus gar nicht so seltenen - Halbedelstein heute eher nüchtern. Granate sind eine ganze Gruppe von  Silikat-Mineralen, deren chemische Zusammensetzung sich durch XII3YIII2(SiO4)3 bezeichnen lässt

Ist X=Eisen und Y=Aluminium, so handelt es sich um Almandin, bei X=Magnesium und Y=Aluminium spricht man von Pyrop, bei X=Mangan und Y=Aluminium von Spessartin.  Daneben gibt es noch eine weitere Reihe von Granattypen, die aber hier keine Erwähnung finden sollen. Ohnehin gibt es unter den natürlichen Granaten sehr selten Exemplare, die einen chemischen Idealtyp verkörpern. Meistens handelt es sich um nichtstöchiometrische Zwischenglieder der „idealen“  Granate, in denen sich die „real existierenden“ Granate bewegen. Die Farbe all der verschieden Granattypen variert vornehmlich in rötlichen und bräunlichen Tönen der Farbskala.

Klarheit, ob es sich bei dem Stein in unserer Fibel um Glas oder Almandin handelt, kann da nur eine genaue Materialuntersuchung ergeben. Am besten an einem atmosphärischen Elektronenrastermikroskop (ESEM), denn die Elemente können damit zerstörungsfrei analysiert werden. Die Mitarbeiter unseres Kooperationspartners, des Landeskriminalamts (LKA) in Magdeburg, Mario Schulz und Uwe Schwarzer, bestimmen die rote Einlegearbeit: Almandin mit folgendem Ergebnis: (ungefähre Atom-%): O 70; Mg 3; Al 8,17; Si 12,6; Ca 0,35; Mn 0,35; Fe 5,56.

Unser Almandin ist daher als eine Art Mischung aus Pyrop Mg3Al2[SiO4]3, Spessartin Mn3Al2[SiO4]3 und dem klassischen Almandin Fe3Al2[SiO4]3 anzusehen, wobei der Almandin-Pyrop-Charakter überwiegt.

Eine große Zahl von Kulturhistorikern sowie Naturwissenschaftlern vermutet als zentrale Rohstoffquelle für „Almandine“ Indien und Sri-Lanka. Allerdings geben die Autoren zu, dass die Zuordnung schwierig ist, weil die Zusammensetzung der Almandine stark schwankt und eine umfassende Lagerstättenkundliche Untersuchung bislang nicht erfolgte.

Da Granate - seien es nun „reine“ Almandine oder almandinähnliche Granate wie bei unserer Fibel - auch in weiten Teilen Tschechiens, des Erzgebirges, Bayerns, Thüringens und Tirols (Zillerthal) verbreitet sind, ist durchaus an eine näher liegende Herkunft des Rohmaterials zu denken. Beispiel: Vollstädt/Weiß1991, Mineralfundstätten Sächsisches Erzgebirge, S. 78: Almandin-Kristalle bis 3 cm Durchmesser am Hemmberg bei Mittweida - „nahezu alle Felsen wie die umher liegenden Gesteinsbruchstücke sind mit Granat besetzt“.

Ob die Almandinscheibchen unserer Thüringerin aus dem fernen Sri-Lanka, Indien oder vielleicht doch „nur“ aus dem Erzgebirge, aus Tirol oder Südbayern stammen - das werden wir so schnell nicht erfahren.
Tatsache ist aber, dass es wohl weniger das rare Rohmaterial war, welches den Stein so teuer machte, sondern eher seine Verarbeitung. Das Material ist fast so hart wie Quarz, und daraus dünne Scheibchen zu schleifen, muss ein enormer Aufwand gewesen sein, gleich ob in Sri-Lanka oder in Thüringen.
Das für die Erkennbarkeit von Almandin wichtige Element Aluminium wird analysiert. Also kein Glas. Freude kommt über das erhoffte und augenblicklich bestätigte Ergebnis auf.

 

Literatur:

 + Greiff, S., 1999: Naturwissenschaftliche Untersuchungen zur Frage der Rohsteinquellen für Frühmittelalterlöichen Almandingranatschmuck rheinfränkischer Provenienz, Jahrbuch RGZM 45, 1998, S. 599-646

+ Kessler, O., Der spätantik-frühmittelalterliche Handel zwischen Europa und Asien und die Bedeutung des Almandins als Fernhandelsgut, In: Archäologisches Zellqwerk, Festschrift für Hellmut Roth, Rahden/Westf. S 2001, S. 113-128

+ Vollstädt/Weiß1991, Mineralfundstätten Sächsisches Erzgebirge, München, S. 98 

 

Die Feuervergoldung - Der Chemikerstreit

Abb. 32: Vorführen der Vergoldungstechnik vor ausreichend Publikum
Abb. 32: Vorführen der Vergoldungstechnik vor ausreichend Publikum

Mai 2003. Im Museumsgarten laufen Dreharbeiten zu dem Film "Radegunde, die geraubte Prinzessin".

Im Drehbuch ist eine kurze Einstellung vorgesehen: Ein Goldschmied fertigt eine Knopfbügelfibel für die thüringische Prinzessin an. Natürlich ist diese Fibel etwas größer, luxuriöser ausgefallen, mit mehreren Almadinen besetzt. Aber sie wird genauso wie unser FUMO-Stück feuervergoldet. Den Händen des Museumschemikers Wunderlich kommt dabei eine Komparsenrolle zu (Abb. 32). Über dem Kohlebecken liegt eine silbern aussehende Fibel, Rauch steigt auf. Plötzlich schlägt die Farbe in ein mattes Ockergelb um.

-Schnitt -

Nun liegt die Fibel unter Wasser. Sie wird mit einer Messingbürste geschrubbt. Nun glänzt sie wie Gold…

-Schnitt- 

Was in der Filmsequenz gezeigt wurde, waren Ausschnitte aus der komplizierten Technik der Feuervergoldung.

Es ist eine Vergoldungstechnik für Metalle, die im 1. Jahrhundert n. Chr. aufkommt und bis ins 19. Jahrhundert hinein die am meisten verwendete Metallvergoldungstechnik ist.

Ganz einfach ausgedrückt, funktioniert sie so: Man stelle eine pastenförmige Legierung aus Quecksilber und Gold her, das sog. Goldamalgam. Man streicht es auf das zu vergoldende Metall auf (Buntmetall oder Silber), erhitzt es, worauf das Quecksilber verdampft und das Gold zurückbleibt. Das ganze Quecksilber? „Ja“, sagt Wunderlich, „zumindest manchmal“. „Nein“, sagt sein Fachkollege, der Chemiker Anheuser, der zu diesem Thema eine umfangreiche und hervorragende Arbeit verfasst hat.

Einigkeit besteht zunächst darin: Wie Anheuser auch zeigen konnte (Anheuser, Diagramm S. 36) nimmt der Quecksilbergehalt mit zunehmender Erhitzung des goldamalgamierten Werkstückes langsam ab. Bei 250 Grad sind noch ca. 25% Quecksilber vorhanden, bei 350 Grad noch etwa 10%, bei ca. 600 Grad ist das Quecksilber verschwunden, und nur noch Gold vorhanden. Einig ist man sich auch: Was bei den Niedertemperatur-Feuervergoldungen, also bis etwa 350 Grad überbleibt, darf man eigentlich nicht als „Vergoldung“ bezeichnen, denn es handelt sich dabei um ein Gemenge, das hauptsächlich aus Au3Hg besteht, dem Goldamalgam. Dieses ist von leicht „grünstichig-goldener“ Farbe. 

Wozu also der Streit? Anheuser sagt, Feuervergoldungen über 350 Grad seien technisch nicht möglich, folglich müssen alle Feuervergoldungen anhand des Quecksilbers nachweisbar sein. Anheuser hat es experimentell demonstriert. Seine Vergoldungen „oxidierten“, bzw. es oxidierte das Grundmetall unter der sehr dünnen, porösen Vergoldungsschicht bei über 350 Grad im Labor.

Wunderlich hält seine Experimente dagegen (Abb. 33). Er glüht seine Feuervergoldungen auf bis zu 700 Grad zur Rotglut. Hinterher sind sie wunderschön golden und Messungen zeigten: Kein Quecksilber!

Woran liegt es? Während Anheuser im Labor - sei es aufgrund typischer Laborbedingungen oder warum auch immer - nur sehr dünne Amalgamschichten erzeugte, die natürlich keine hohen Temperaturen aushalten, hat Wunderlich „dick aufgetragen“. Wie seine Experimente zeigen, geht das aber nur, wenn man das Amalgam genau nach mittelalterlicher Vorschrift herstellt, so wie es das Goldschmiedelehrbuch des Theophilus Presbyter (um 1200 n. Chr.) vorschreibt. Man muss es durch Zusammenschmelzen von 8 Teilen Quecksilber und einem Teil Gold frisch herstellen, sofort in Wasser abschrecken und gleich verwenden. Dann erhält man eine „thixotrope“ Paste, die man sehr leicht auch in dicken Schichten auftragen kann. Und kaum ist das erste Quecksilber verdampft, kommt die nächste Schicht darüber (Abb. 34). Während des Erhitzens streicht man immer wieder neues Amalgam darauf, und verteilt es sorgfältig mit dem Pinsel. 

Abb. 33: Das sind all die Zutaten, die benötigt werden.
Abb. 33: Das sind all die Zutaten, die benötigt werden.
Abb. 34: Das erste Quecksilber verdampft..
Abb. 34: Das erste Quecksilber verdampft..
Abb. 35: Das Feuer wird vertrieben
Abb. 35: Das Feuer wird vertrieben
Abb. 36: Hier wird das gute Stück mit einer Messingbürste auf Hochglanz poliert.
Abb. 36: Hier wird das gute Stück mit einer Messingbürste auf Hochglanz poliert.

Lässt man das frische Amalgam nämlich nur eine Stunde stehen, so werden die kleinen Au3Hg-Kriställchen immer größer. Man hat dann eine Masse wie „Sand und Wasser“, und wer einmal versucht hat, mit einem Pinsel Sand und Wasser zu verstreichen, der versteht, wovon die Rede ist. Der alte Mönch Theophilus wusste, worauf es ankam, und wir müssen uns dies erst wieder mühsam erarbeiten.
Nach dem „Vertreiben“ des Quecksilbers (Abb. 35) muss übrigens die unansehnliche gelbockerfarbene, matte Schicht poliert werden, denn sie ist nach dem „Feuern“ zunächst noch feinkörnig und porös. Um es zum Glänzen zu bringen, wird es verdichtend poliert. Dazu wird es entweder unter Wasser mit einer Messingbürste „gekratzt“ (Abb. 36) oder - dies ergibt Hochglanz - mit einem Achat verdichtend poliert. Die Goldteilchen wachsen dann zu einer glänzenden, dichten Metallschicht zusammen. 

Was bedeutet das kulturgeschichtlich? Feuervergoldungen können beträchtliche Mengen Quecksilber enthalten - viele Analysen an archäologischen Objekten sprechen dafür. Aber sie müssen es nicht - wie das Beispiel unserer Fibel zeigt… Die Goldschichten enthalten dann aber nicht unwesentliche Mengen des Grundmetalls, das beim stärkeren Erhitzen in die Vergoldung diffundiert - ohne jedoch Qualität und Farbe der Vergoldung wesentlich zu beeinträchtigen.
Das zeigt der Analysebefund der Fibel eindeutig. Andere Techniken der Metallvergoldung (für Fachleute: Diffusionsvergoldung, Blattvergoldung) kommen für die gegossene und ziselierte Fibel auch nicht in Betracht.
   

Abb. 37: Die Zähne fehlen noch nicht, aber die Nerven...
Abb. 37: Die Zähne fehlen noch nicht, aber die Nerven...

Aber: Wo bleibt das Quecksilber beim Verdampfen? Geringe Mengen bleiben in der Luft, vieles schlägt sich in der Umgebung nieder. Und wenn man nicht aufpasst, dann bekommt der Vergolder davon einiges  in die Lunge. Quecksilber ist ein starkes Gift. Insbesondere die dauernde Einnahme geringer Mengen führt zu schweren Erkrankungen, die unter anderem starke Nervenschäden mit sich bringen. Feuervergolder, die unachtsam waren und ihre Arbeiten in schlecht gelüfteten Räumen ausführten, wurden nicht nur ihrer Zähne, sondern auch des Verstandes beraubt (Abb. 37). Quecksilbervergiftungen verlaufen äußerst qualvoll und deshalb sei jedem Nichtfachmann vor Experimenten dringend abgeraten.

 

Literatur:

+ Anheuser, K., Im Feuer Vergoldet, Stuttgart, 1999.

+ Wunderlich, 2002, >> http://www.archlsa.de/funde-der-monate/05.02/feuervergold.htm

+ Wunderlich, C.H., Der Helm von Stößen. Zur Problematik einer Altrestaurierung, In Acta Prehistorica et Archäologica 35, 2003, Seite  91-97.

 

Der Fund des Monats August 2005 wurde Ihnen präsentiert von:

Autor:
Andreas Egold

Untersuchung:
LKA Sachsen-Anhalt: Dipl.-Phys. Mario Schulz, Dipl.-Phys. Uwe Schwarzer
LDA Sachsen-Anhalt: Friederike Hertel, Heinrich Wunderlixh

Fotos:
Friederike Hertel