Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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März: Kult in der Bronzezeit

Mit herausragenden Exponaten begeistert zur Zeit die Ausstellung „Der geschmiedete Himmel“ die Besuchermassen, die das altehrwürdige Landesmuseum in Halle geradezu überrennen. Die faszinierenden Funde, allen voran die Himmelsscheibe von Nebra und der Sonnenwagen von Trundholm (Abb. 1), erregen nicht nur die Aufmerksamkeit durch ihre hervorragende handwerkliche Verarbeitung und beeindruckende ästhetische Wirkung. Mit den Exponaten erhalten wir einen komplexen Einblick in die bronzezeitliche Welt, insbesondere der Welt des Geistes, die sich in Mythen, Riten und Kult niederschlägt. Zu diesem sich mehr und mehr abzeichnenden vielgestaltigen Bild der bronzezeitlichen Epoche tragen nicht nur die genannten spektakulären Funde bei.

Abb. 1: Sonnenwagen von Trundholm, Dänisches Nationalmuseum Kopenhagen
Abb. 1: Sonnenwagen von Trundholm, Dänisches Nationalmuseum Kopenhagen
Abb. 2: Egeln-Nord: Herdstellenreihe aus der Jungbronzezeit.
Abb. 2: Egeln-Nord: Herdstellenreihe aus der Jungbronzezeit.

Die ausgedehnte Grabungstätigkeit in Sachsen-Anhalt, vor allem der letzten Jahre, erbrachte so manchen interessanten Mosaikstein hinsichtlich bronzezeitlicher Besiedlung oder dem Kult- und Bestattungswesen. Einer dieser Mosaiksteine, die alle ihren Teil zu einem umfassenderen Verständnis dieser Epoche beitragen, sei hier vorgestellt.
Der Fundplatz liegt etwa 0,5 km östlich von Egeln-Nord, Ldkr. Aschersleben - Staßfurt. Im Vorfeld der Bauarbeiten für die Trasse der neuen Umgehungsstraße, die den kleinen Ort vom Durchgangsverkehr entlasten soll, fanden an zwei Stellen archäologische Untersuchungen statt. Die Grabungsfläche mit den bronzezeitlichen Befunden lag auf einer hochwassergeschützten, ebenen Fläche am Rande der Bodeniederung.

Schon während des Humusabtrags durch den Bagger konnten im anstehenden Boden mehrere flache Gruben beobachtet werden, die mit zahlreichen Steinen und Holzkohle durchsetzt waren. Größtenteils zeigten sich beim Freipräparieren dieser Strukturen regelrechte Steinpflasterungen, die oftmals Brandspuren aufwiesen. Nachdem die gesamte Fläche einem Feinputz unterzogen wurde, ergab sich folgendes Bild (Abb. 2): Auf dem Areal konnten über zwei Dutzend Herdstellen nachgewiesen werden. Diese waren in Reihen angeordnet, genauer gesagt, sie durchzogen in drei, möglicherweise auch vier annähernd parallelen Reihen die Fläche in Nordwest - Südöstliche Richtung. Die Herdstellenreihen lagen zwischen 4,50 m und 8,0 m auseinander. Eine exakt parallele Ausrichtung der Reihen zueinander scheint nicht vorzuliegen. Der Abstand zwischen den einzelnen Befunden innerhalb einer Reihe lag zwischen 0,5 m und 3,0 m. Weitere Herdstellen in diesem Areal konnten bis auf weiteres keiner Reihe zugeordnet werden, jedoch ist ihre Zugehörigkeit zu dem Befundkomplex eindeutig.

Abb. 3: Kalksteinpflasterung einer Herdstelle.
Abb. 3: Kalksteinpflasterung einer Herdstelle.

Die teils rechteckigen, teils runden oder auch ovalen Herdstellen, deren Durchmesser zwischen 1,20 m und 1,40 m lag, bestanden meist aus einer sorgfältig gesetzten Steinpackung (Abb. 3). Zu diesem Zweck verwendete man das anstehende Geschiebematerial, aber auch flache, plattenähnliche Kalksteine, die im unmittelbaren Grabungsbereich nicht vorkommen und zu diesem Zweck hierher geschafft werden mussten.

Von Holzkohle- und Hüttenlehmresten abgesehen wiesen die Befunde kaum Fundmaterial auf. Lediglich einige kalzinierte Tierknochenfragmente und wenige unspezifische, nur ganz allgemein vorgeschichtlich einzuordnende Keramikbruchstücke konnten geborgen werden.
Siedlungsreste wie Pfosten-, Abfall- oder Speichergruben stellten wir auf der Fläche nicht fest. Die Herdstellen waren aufgrund dieser Beobachtungen - Anordnung in Reihen und das Fehlen weiterer Siedlungsstrukturen - sicherlich nicht Bestandteile einer vorgeschichtlichen Niederlassung. Auch eine Interpretation im Sinne einer größeren, beinahe schon industriell anmutenden Produktionsstätte, etwa im metallurgischen Bereich, kann ausgeschlossen werden. Schlacke oder andere Rückstände, meist Indikatoren für technische Anlagen wie Verhüttungsöfen- und Herde, waren nicht nachzuweisen.

Die Lösung liegt, wie eine erste Literaturdurchsicht zeigt, im kultischen Bereich. Der Befundkomplex kann einer ganzen Reihe ähnlicher Fundplätze mit Konzentrationen von Herd- und Feuerstellen an die Seite gestellt werden, die vor allem im norddeutschen Raum ihren Verbreitungsschwerpunkt haben. Das bekannteste Beispiel in Sachsen-Anhalt dürfte Zedau in der Altmark sein. Die dortige Befundsituation weist einige frappierende Analogien zu der hier vorgestellten Anlage auf, etwa die reihenartige Anordnung von Herd- und Feuerstellen sowie die auffallende Fundarmut.
Für Zedau, aber auch für andere ähnliche Fundplätze liegen Radiokarbondaten vor, die derartige Herdstellenreihen in das 8./7. Jh. v.Chr. datieren. In diesen jungbronzezeitlichen Kontext dürfte auch Egeln einzuordnen sein. Die Ergebnisse der Proben stehen hier allerdings noch aus.
Über den an diesem Ort ausgeübten Kult kann nur spekuliert werden. Fundplätze dieser Art werden oftmals mit Fruchtbarkeitsriten in Verbindung gebracht. Denkbar wäre aber auch eine symbolische Verbindung von Feuer und Sonne. Mit der gereihten Anordnung der Herdstellen könnte beispielsweise der Lauf der Sonne allgemein oder aber auch zu einem ganz bestimmten Datum
(Sommer- / Wintersonnenwende o. ä.) zum Ausdruck kommen. Durch Entzünden der Feuer würde auf diese Weise symbolisch die Reise der Sonne über das Firmament „nachgestellt“.
Im Hinblick auf die in der Ausstellung explizit zum Ausdruck kommende überragende Bedeutung unseres Zentralgestirns im Weltbild des bronzezeitlichen Menschen scheint obige These durchaus plausibel. Sie bedarf noch der Überprüfung und kann wohl auch nicht auf alle bisher bekannten Befundkonstellationen dieser Art übertragen werden.
Erschwerend für die Interpretation im Egelner Fall ist zudem, dass die Herdstellenreihen nur partiell erfasst wurden. Wie bei solchen Projekten üblich, durften wir die für die Trasse vorgesehene Arbeitsbreite nicht überschreiten. Somit standen uns diesbezüglich maximal 27 m zur Verfügung. Da die Herdstellenreihen nun einmal die Breite der noch zu bauenden Straße und (leider) nicht deren Länge durchzogen, bietet das an sich schon eindrucksvolle Bild einen nur unvollständigen Ausschnitt dieses Kultplatzes.
In Zedau wurde die Anlage komplett ausgegraben. Hier zogen sich in regelmäßigen Abständen 150 Feuerstellen reihenartig auf einer Länge von über 300 m hin. Ähnliche Ausmaße sind auch in Egeln durchaus möglich.
 

Die zahlreichen Herdstellen waren nicht die einzige Befundgattung auf dieser Fläche. Nur wenige Meter südlich des Kultplatzes konnte eine in diesen Breiten nicht gerade häufig vorkommende Frauenbestattung der Hügelgräberkultur freipräpariert und dokumentiert werden (Abb. 4). Das Skelett der in Nordwest (Fuß) - Südostrichtung (Kopf) Bestatteten war in keinem guten Zustand. Lediglich der Schädel sowie einige Skeletteile der linken Körperhälfte waren noch erhalten. Etwa 0,25 m nordöstlich des Kopfes war ein kleines Tongefäß deponiert. Die bronzene Schmucktracht der Frau bestand aus einem offenen massiven Armring, einer schlichten Armspirale und einer ca. 20 cm langen Radnadel mit kronenartigem Aufsatz (Kopfdurchmesser ca. 5,0 cm). Hinsichtlich der kulturgeographischen Einordnung des Befundes ist vor allem die ausgezeichnet erhaltene Radnadel von besonderem Interesse (Abb. 5). Bei dem Fundstück handelt es sich um den kennzeichnenden Nadeltyp der osthessischen Gruppe.
Mehrere Exemplare fanden ihren Weg über Südhannover in die Lüneburger Heide, wo aus Hügelbestattungen Radnadeln dieses Typs mehrfach nachgewiesen sind. In der Regel wurden sie hier einzeln getragen, auf dem Gebiet der Fulda-Werra Gruppe, insbesondere in Südthüringen überwog die Tragweise mit zwei Radnadeln.
Der Egelner Befund, geographisch in peripherer Lage zwischen zwei hügelgräberbronzezeitlichen Kulturgruppen gelegen, lässt somit hinsichtlich des Radnadeltyps Verbindungen zur Fulda-Werra Gruppe im Süden erkennen. Die Tragweise von einer Nadel deutet gleichzeitig Einflüsse aus dem Lüneburgischen im Nordwesten an.
Von dem vorauszusetzenden Grabhügel war nichts mehr erhalten. Architekturelemente wie etwa ein begrenzender Steinkreis konnten nicht festgestellt werden. Vermutlich wurde der Hügel im Laufe der Zeit durch Überpflügen völlig eingeebnet, eine Beobachtung, die in Gegenden mit fruchtbaren Böden und einer entsprechend hohen agrarischen Nutzung immer wieder gemacht wird.
Weitere Bestattungen dieser Kulturgruppe konnten auf der Grabungsfläche nicht festgestellt werden. Damit bleibt zunächst offen, ob das Grab unter einem überpflügten Einzelgrabhügel lag oder ob der Hügel einer größeren Grabhügelgruppe angehörte.

Abb. 4: Frauenbestattung der Hügelgräberkultur.
Abb. 4: Frauenbestattung der Hügelgräberkultur.
Abb. 5: Detailaufnahme der Radnadel: Gut zu erkennen der kronenartige Aufsatz.
Abb. 5: Detailaufnahme der Radnadel: Gut zu erkennen der kronenartige Aufsatz.

Soweit zu den beiden Befundgattungen auf dieser Fläche. Auffällig ist die unmittelbare Nähe von bronzezeitlicher Bestattung und Kultplatz. Die Möglichkeit, dass es sich dabei um einen Zufall handelt, ist nicht von vornherein auszuschließen. Unserer Ansicht nach kam aber dem Ort, gerade in der Bronzezeit, eine besondere Bedeutung zu. Diese äußerte sich sowohl im Bestattungsbrauch als auch in kultisch-religiösen Riten. Ein wie auch immer gearteter Befundzusammenhang von Grabhügel (oder auch Grabhügelgruppe) und des vermutlich später entstandenen Kultplatzes kann a priori nicht ausgeschlossen werden.

 

 

Autor: Peter Pacak M.A.
Redaktion: Anja Stadelbacher