Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Mai: Wikinger

Wikinger in Sachsen-Anhalt?


Abb. 1 und 2: Der Grabungsbefund

Alles begann damit, dass 1939 der quadratische romanische Kirchturm in Dähre, heute Altmarkkreis Salzwedel, Risse bekam, später teilweise einstürzte und nach dem 2. Weltkrieg letztlich abgebrochen wurde. Mehr als 50 Jahre lang tat sich nichts.
Dies war im Jahre 2000 für einige Bürger aus Dähre Anlass genug, einen „Förderverein St. Andreaskirche Dähre“ zu gründen, um den Wiederaufbau dieses Dorfkirchturmes in Angriff zu nehmen. Bei den notwendigen Baugrunduntersuchungen kamen völlig unerwartet Reste verkohlter Bauhölzer zutage, deren Fälldatum mit Hilfe der Jahrringanalyse (Dendrochronologie) für den Beginn des 13. Jh. zu ermitteln war.
Das im Vergleich zu anderen altmärkischen Dorfkirchen stattlichere Kirchengebäude gehörte im Mittelalter zu einer Propstei (Archidiakonat) des Bistums Verden (Aller). Die Erstnennung der Propstei fällt in das Jahr 1223, die des Dorfes bereits auf 1219.
Die nachfolgenden archäologischen Untersuchungen begannen als echtes ehrenamtliches Teamwork zwischen Mitgliedern des Fördervereins St. Andreaskirche, des Vereins „Junge Archäologen der Altmark“, ehrenamtlichen Bodendenkmalpflegern und Freiwilligen aus der Gemeinde Dähre unter fachlicher Anleitung des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie. Und der engagierte Einsatz aller Beteiligten sollte sich gleich in mehrfacher Hinsicht lohnen.
Schon nach kurzer Zeit wurde unter dem vollständig erhaltenen Fundament des eingestürzten Turmes die Gründung eines älteren, völlig unbekannten, massiven Rundturms sichtbar. Doch damit nicht genug. Es traten ab ca. 1 m unter Geländeoberkante - bislang nur im Turminnern - zuerst gestörte, tiefer dann auch ungestörte Bestattungen auf, die offenbar älter als dieser Rundturm sind. Und zur allgemeinen Überraschung lag dann noch inmitten der durch das Rundturmfundament gestörten Gräber in 1,10 m Tiefe eine durchbrochen gearbeitete Rundfibel wikingischer Provenienz. 

 

 

 

 

 

Das Fundstück

Abb. 3: Die Fibel vor der Restaurierung: erahnen kann man schon einiges, aber nur sehr ungenau....
Abb. 3: Die Fibel vor der Restaurierung: erahnen kann man schon einiges, aber nur sehr ungenau....
Abb. 4: ....wie man an dieser Zeichnung sieht, die nach dem unrestaurierten Fund angefertigt wurde.
Abb. 4: ....wie man an dieser Zeichnung sieht, die nach dem unrestaurierten Fund angefertigt wurde.
Abb. 5: Vorderseite der Fibel nach der Reinigung.
Abb. 5: Vorderseite der Fibel nach der Reinigung.
Abb. 6: Umzeichnung der Fibel nach Augenschein und Röntgenbild.
Abb. 6: Umzeichnung der Fibel nach Augenschein und Röntgenbild.

Besagte Rundfibel hat eine leicht gewölbte Form. Ihr Durchmesser beträgt bis zu 35 Millimeter bei einer maximalen Höhe von 5 Millimeter und einem Gewicht von 7,5 Gramm. Die Haltevorrichtung dieser Gewandspange - also Nadel und Nadelrast - sind abgebrochen und nicht mehr vorhanden. Die etwa 1,5 Millimeter starke Zierscheibe wurde im Überfangguss hergestellt.  

Abb. 7: Detailvergrößerung: Man sieht, wie die Bronze über den Nadelansatz gegossen wurde (Überfangguß).
Abb. 7: Detailvergrößerung: Man sieht, wie die Bronze über den Nadelansatz gegossen wurde (Überfangguß).
Abb. 8: Das Röntgenbild bringt einige Detailzeichnungen mehr ans Licht.
Abb. 8: Das Röntgenbild bringt einige Detailzeichnungen mehr ans Licht.

Spuren einer etwaigen Vergoldung sind auf dem bronzenen Material nicht zu finden. Das Bildmotiv zeigt ein bandförmiges, brezelartig in sich verschlungenes Tier in Profilansicht (Abb. 6. 8). Bei näherer Betrachtung lässt sich das Tier als Vierbeiner identifizieren. Der Körper des Tieres hat eine perlbandartige Binnenstruktur. Die Beine setzen unorganisch, aber mit Oberschenkelspiralen deutlich erkennbar am Rumpf an. Markant ist der lange Nackenschopf, der sich in weitem Bogen - den Leib über- und unterkreuzend - bis zur Schnauzenspitze schlingt.  

Abb. 9: Rückseite vor der Reinigung...
Abb. 9: Rückseite vor der Reinigung...
Abb. 10: ...und nachher
Abb. 10: ...und nachher

Kulturhistorische Einordnung

Bislang sind nur knapp ein Dutzend Schalenspangen bekannt, die mit der Fibel aus Dähre vergleichbar sind. Ihre Fundorte sind allerdings sehr weit gestreut und liegen in Schweden, Dänemark, England, Irland, Schleswig-Holstein, Hamburg und jetzt eben auch Sachsen-Anhalt.
Die Ornamentierung dieses Fibeltyps wird dem so genannten Jellingstil zugerechnet. Die Einordnung erfolgt aufgrund der strengen Profilansicht des Tierkopfes sowie der spiralartigen Ausformung der Oberschenkel. Daneben zeigt die Tierfigur aber auch ein prägnantes Merkmal eines weiteren nordischen Kunststils. Es ist die brezelförmige Grundkomposition des Tierkörpers, die innerhalb der Wikingerkunst besonders dem Borrestil zugrunde liegt. Das Bildmotiv auf der vorliegenden Fibel und ihrer Vergleichsexemplare setzt sich demnach aus geradezu klassischen Zierelementen sowohl des Jellingstils als auch des Borrestils zusammen. Beide Zierstile sind Dekorvarianten der mittleren Wikingerzeit. Die Fibel dürfte also in die erste Hälfte oder Mitte des 10. Jahrhunderts datieren. 

Wer trug sie?

Solche kleinen Rundfibeln waren Bestandteile der wikingischen Frauentracht. Wie bei nahezu allen Fibeln sind auch bei ihnen technische und schmückende Funktion zu einer Einheit verschmolzen. Als Drittfibel ergänzten sie die Hauptaccessoires - zwei große ovale Schalenspangen, die an den Schultern die Kleiderträger zusammenhielten - und dienten gewöhnlich als Verschluss eines capeartigen Umhanges.
Die Fundsituation auf dem Gelände eines Kirchhofes legt nahe, dass unsere Fibel als Bestandteil einer Totengewandung in die Erde gelangte.
Weitere Attribute einer skandinavischen Frauentracht brachten die Grabungen in Dähre indes nicht zu Tage. Eine komplette dreiteilige Fibelausstattung, wie sie für eine „echte Wikingerin“ üblich gewesen wäre, kann hier also nicht nachgewiesen werden.
An dieser Stelle möchte man nun zur Belebung des nüchternen Objektes kontrolliert spekulieren, ausgehend von der Prämisse, dass diese „Frauenfibel“ außerhalb ihres Kulturkreises tatsächlich auch von einer Vertreterin des weiblichen Geschlechts getragen worden war. Es stellt sich nämlich die Frage, ob die mit der skandinavischen Rundfibel Bestattete wirklich eine originäre Nordfrau war. Als solche hätte sie auf ihrer Reise nach Walhall sicherlich nicht auf den dominierenden Teil ihres Fibelschmuckes verzichtet - dem attraktiven Schalenspangenpaar. Sie fand aber offenbar auf einem Kirchhof ihre letzte Ruhestätte, was damals natürlich nur getauften Christen vorbehalten war. So ist wohl eher davon auszugehen, dass die Frau aus dem mitteldeutschen Raum stammte. Ihr Totenhemd verschloss man mit einem exotischen Schmuckstück, auf das sie vielleicht besonders stolz gewesen war und das am wahrscheinlichsten auf merkantilem Wege zu ihr fand. 

Bilddeutung

Bei der Suche nach dem Symbolgehalt des hier dargestellten Schlingbandtieres stoßen wir an Grenzen. Die vorliegende Einzeldarstellung eines vierbeinigen Geschöpfes bietet keine Anhaltspunkte für eine zweifelsfreie Ansprache. Ohnehin wird der „Mitteilungswert“ der wikingischen Bildwelt bis heute zum Teil äußerst kontrovers diskutiert. So billigt mancher den Tierdarstellungen grundsätzlich keinerlei Bedeutungsinhalt zu, andere versuchen hingegen einer eventuellen Bildaussage näher zu kommen. Vermutlich wurzelt letzten Endes der ideelle Kern vieler Tierfiguren der Wikingerkunst in der altnordischen Mythologie und Sagenwelt, wobei dieser Kern wohl bereits damals von vielen Zeitgenossen schon nicht mehr bewusst registriert wurde. Die Tierfiguren auf den Fibeln scheinen zumeist hauptsächlich ornamentale Zwecke erfüllt zu haben. Dies würde die oftmals nachlässige und nicht selten auch falsch imitierte Wiedergabe der fast schon stereotypen Motivvorgaben erklären.  

 

 

 

Autoren: Dr. Rosemarie Leineweber und Dr. Arnold Muhl
Fotos und Zeichnungen: Heiko Breuer, Andrea Hörentrup, Doris Jornitz (Zeichnung), Torsten Müller
Redaktion: Anja Stadelbacher