Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Dezember: Ein Meisterwerk prähistorischer Zimmermannstechnik

Abb.1 Luftbild von Ilberstedt (Fundstelle XVI) mit dem Fundort des Brunnens
Abb.2 Der zweiphasige Brunnen
Abb.3 Detailansicht
Abb.4 Die Verzapfung der Hölzer
Abb.5 Holzkeile zur Stabilisierung
Abb.6 Freilegung des Brunnens
Abb.7 Vorbereitung der Bergung
Abb.8 Die Holzbohlen der Südseite
Abb.9 Die Holzbohlen der Südseite mit den Beilspuren
Abb.10 Die Holzbohlen der Westseite
Abb.11 Stanzspuren

Die archäologischen Untersuchungen, welche das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie seit 2000 im Vorfeld der Bundesstraße 6n durchführt, finden derzeit bei Güsten (Fundstelle XV) und Ilberstedt (Fundstelle XVI) im Landkreis Bernburg statt. Auffällig ist die Anhäufung von Brunnen und Wasserschöpfstellen unterschiedlichster Zeitstellung auf den beiden Fundstellen. Besonders hervorzuheben ist neben einem schnurkeramischen Brunnen mit Geflecht und einem bronzezeitlichen Topfbrunnen (siehe Fumo September 2006) ein sehr gut erhaltener Kastenbrunnen der späten Bronze-/ frühen Eisenzeit bei Ilberstedt (Abb.1).

Der hohe Grundwasserspiegel bietet an dieser Stelle exzellente Erhaltungsbedingungen für Hölzer und weitere organische Reste, gleichzeitig stellt er eine besondere Herausforderung für die Grabungstechnik dar.  Ca. 2,30 m unter der heutigen Geländeoberfläche zeichneten sich die ersten erhaltenen Hölzer des Brunnens ab. (Abb.2)

Zum Bau des Brunnens tiefte man einen Schacht bis in das Grundwasser ab und festigte die Wandungen mit einem Geflecht, vermutlich aus Weidenruten. Dieses Geflecht war im südlichen und östlichen Bereich noch gut erhalten.

In diesen Weidenkorb, der nach einer gewissen „Betriebsdauer“ möglicherweise Verschleißerscheinungen aufwies, setzte man eine massive, annähernd rechteckige, ca. 1,35 x 1 m große Holzkonstruktion (Abb.3). Dieser Holzkasten reichte nicht mehr bis auf die Sohle der ursprünglichen Brunnengrube. Große Steine, die zum Teil auf dem Kasten auflagen, sollten das Aufschwimmen der Hölzer verhindern.

An dem Holzkasten, von dem nur die beiden unteren Lagen gut erhalten sind, lassen sich aufschlussreiche bautechnische Details ablesen. Beim Bau wurden die einzelnen Bohlen nicht einfach mit Hilfe von Aussparungen an den Enden aufeinander gesetzt, sondern man verzapfte die Bretter miteinander.

Die Bretter der Langseiten weisen jeweils zwei annähernd rechteckige Durchlochungen auf, in welche die zapfenartigen Verlängerungen der Schmalseiten gesteckt wurden (Abb.4).

Zur Verstärkung dieser Verbindungen wurden kleine Holzkeile zwischen die Hölzer gesteckt (Abb.5).

Der Holzkasten wurde vermutlich lageweise im verzapften Zustand in den Boden eingebracht, die Grube wäre für das Montieren vor Ort zu eng gewesen; zusätzlich hätte das Wasser das Arbeiten erschwert.

Um die bauchtechnischen Details besser dokumentieren zu können, wurde der Kasten mit Hilfe von luftgepolstertern Folien, Bauschaum und vielen Rollen Plastikfolie komplett geborgen. (Abb,6.7)

Der Kasten konnte so unter „Trockenbedingungen“ auseinandergebaut und gereinigt werden. Die einzelnen Bretter sind sorgfältig mit einem Beil bearbeitet, (Abb.8, 9,10)

Sogar die Spuren des Ausstanzens der rechteckigen Löcher sind in einem Fall deutlich zu erkennen (Abb.11)

Einen ersten Datierungshinweis liefern die wenigen, unverzierten Keramikscherben aus der Verfüllung, die von der Machart wohl in die späte Bronze-/frühe Eisenzeit passen. Eine genauere Datierung wird die dendrochronologische Untersuchung bringen.     
 
Text: Astrid Deffner, Hanfried Schmidt
Fotos: René Steinweg, Landesbetrieb Bau (Abb. 1); Kathrin Ulrich, LDA (Abb. 2-11)
Redaktion: Florian Ruppenstein