Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Juni: Jungsteinzeitliche DIN-Norm

Abb.1: Das Erdwerk südöstlich der Ortschaft Salzmünde. Im Vordergrund das Doppelgrabensystem mit der bisher einzigen bekannten Toranlage. Die Grabungsfläche vom Herbst 2005 zwischen Erdwerk und Saale ist rot markiert. [Aufnahme O. Braasch 1992].
Abb. 2: Die Grube 1541
Abb.3 Drei Gefäße des Salzmünder Keramikstils ließen sich vollständig ergänzen.
Abb. 4: Auswahl aus dem steinzeitlichen Werkzeugkasten.

 

Nach und nach schließt sich der Autobahnring um Halle. Das noch fehlende nord-westliche Teilstück der A 143 wird vorbereitet. Nahe Salzmünde soll die Saale durch ein imposantes Brückenbauwerk überquert werden. Im Herbst 2005 untersuchte deshalb ein Archäologenteam Flächen nördlich des Erdwerks von Salzmünde (Abb. 1), nach dem die jungsteinzeitliche Salzmünder Kultur benannt worden ist. Sie stießen dabei auf Siedlungsspuren unterschiedlicher Zeitstellungen.

Hier werden Knochengeräte aus neolithischen Siedlungsgruben vorgestellt. Sie erlauben in ihrer Vollständigkeit einen seltenen Einblick in das Werkzeugrepertoire steinzeitlicher Handwerker.

Siedlungen in Salzmünde-Schiepzig

Während der Jungsteinzeit siedelten auf der Hügelkuppe südlich der Saale bei Salzmünde-Schiepzig Menschen unterschiedlicher Kulturgruppen. Mindestens 27 Gruben lassen sich anhand der Siedlungsreste - wie bspw. zerbrochener Gefäße - in die Zeitabschnitte der Baalberger und Salzmünder Kultur einordnen (3700-3100 v. Chr.). Alle Siedlungsreste liegen in unmittelbarer Nähe zum Doppelgrabensystem des „Salzmünder Erdwerks“.

Steinzeitlicher Werkzeugkasten

Geräte aus unterschiedlichsten Rohstoffen füllten den Werkzeugkasten der steinzeitlichen Handwerker. Neben Utensilien aus Feuer- beziehungsweise Felsgestein, Holz und Geweih standen Geräte aus Knochen hoch im Kurs.

Jede Dritte neolithische Grube in Salzmünde-Schiepzig barg Geräte aus Knochen. Sie geben einen aufschlussreichen Einblick in das Gerätespektrum der steinzeitlichen Handwerker. Funktionsfähige Geräte konzentrierten sich in drei Befunden. Ganz exquisit ist das Fundspektrum der sekundär verfüllten Abfallgrube Befund 1541 (Abb. 2).

Am Grunde der Grube

Unter einer knapp einen halben Meter starken, beinahe fundleeren Schicht zeichneten sich die ersten größeren Fundstücke ab. In dem 35 cm mächtigen Schichtpaket lagen ca. 3000 Tierknochen sowie Fragmente von Vorratsgefäßen und Bechern. Die Gefäße datieren in die Salzmünder Kultur (Abb. 3). Eine 14C-Datierung steht noch aus.

Unmittelbar über der Sohle der Grube kamen in einem feuchten, lehmig-humosen Milieu die Knochenwerkzeuge zu Tage. Sechs Geräte blieben über die Jahrtausende vollständig erhalten (Abb. 4).

Abb. 5: Deutlich zeigen sich Herrichtungsspuren und Handpolitur auf dem funktionsfähigen Meißel.
Abb. 6: Schlag-, Griffläche und Schneide wirken noch heute so, als sei der Meißel gerade eben zur Seite gelegt worden.
Abb.7: Ein Meißel aus der Tibia eines Rothirsches.
Abb. 8: „Vorkörner“ ? Die Funktion dieses ungewöhnlichen Stücks ist unklar.
Abb. 9: Spatel gehören zur Standardausrüstung eines jeden neolithischen Haushaltes.
Abb. 10: Spatelartiges Gerät aus der untersten Schicht der Salzmünder Grube.
Abb. 11
Abb. 12: Gesamtübersicht der zu grabenden Flächen im Bereich des Erdwerkes der Salzmünder Kultur.

Meißel, Spatel, Pfriem und Körner

Herausragend sind drei Meißel und eine Art Vorkörner. Zwei Meißel ähneln sich frappant. Beide sind 13 Zentimeter lang. Ihre Schneidenbreiten sind identisch (Abb. 5, 6). Sie stammen definitiv aus einer Werkstatt. Der Werkzeugmacher fertigte die beiden Stücke aus Röhrenknochen von Rindern. Die Enden der Gelenke hatte der Hersteller in einem ersten Schritt abgetrennt. Die Stücke überprägte er beim Herstellungsprozess so stark, dass sich das Ausgangsmaterial nicht mit letzter Sicherheit eruieren lässt. Entweder verwendete er Tibien (Schienbeinknochen) oder Metapodien (Mittelfußknochen).

Der dritte Meißel stammt aus der Tibia eines Rothirsches (Abb. 7). Im Gegensatz zu den beiden erstgenannten Stücken ist dessen Schneide runder und schmaler gearbeitet. Das Gelenkende ist partiell erhalten. Das Gerät weist in diesem Bereich Beschädigungen auf.

Das ungewöhnlichste Utensil des Schiepziger Handwerkers ist ein meißelähnliches Gerät. Dieses ist aus dem Metacarpus (Mittelfußknochen) eines Rindes gefertigt. Das Gelenkende blieb beim Herstellungsprozess erhalten. Nach etwa der Hälfte verjüngt sich das Gerät. Das vier Zentimeter lange Arbeitsende weist einen rundlichen Abschluss auf. Es ähnelt einem Vorkörner (Abb. 8).

Neben den Meißeln lagen weitere vollständige Geräte am Boden der Grube. Zwei spatelartige Geräte (Abb. 9, 10) sind aus halbierten Radien (Speichen) eines Schweins sowie eines Schafes oder einer Ziege hergestellt. Eine große, fast komplett erhaltene Spitze entstand aus der Scapula (Schulterblatt) eines Rindes. Weitere Spitzen fanden sich in einer unmittelbar benachbarten Grube derselben Zeitstellung.

Selbst ist der Zimmermann

Ganz ähnliche Meißel tauchen immer wieder in Siedlungsgruben der Salzmünder Kultur auf. Es ist davon auszugehen, dass solche Werkzeugtypen zur Standardausrüstung einer häuslichen Werkstatt gehörten. Wie haben die Handwerker diesen Gerätetypus in der Steinzeit benutzt? Genauso wie wir heute einen Meißel bzw. einen Beitel in die Hand nehmen (Abb. 11). Die Herstellungs-, Nutzungs- und Gebrauchsspuren an den Geräten verraten uns einiges.

Die Form des Meißelschaftes sowie die der Schneidenpartie wurden ganz offensichtlich durch Schnitzen bzw. Feilen/Schleifen aus dem Rohknochen herausgearbeitet. Der Schliff wurde schräg zur Längsrichtung des Knochens ausgeführt. Schleifspuren dieser Art zeigen sich noch an Bereichen, die nicht wesentlich durch die Handhabung des Meißels in Anspruch genommen wurden. Direkt unter dem Gelenk wurde der Schaft mit der Hand gefasst. Im Bereich der Auflagefläche der Hand sind starke Nutzungspolituren festzustellen. Hier ist der Schaft regelrecht poliert, die Feilspuren sind gänzlich durch Handschliff geglättet. Wo Zeige- und Ringfinger zufassten, ist die Nutzungspolitur schon geringer, die Schleifspuren sind aber noch zu erkennen.

Im Schneidenbereich weisen nur noch die Schmalseiten Schleifspuren auf. Die Breitseiten der Schneide, die in das Holz dringen sind gänzlich glatt geschliffen.

Die verdickten Gelenke dienten als Schlagfläche. Davon zeugen die durch Schlageinwirkung erheblich abgerundeten Kanten der Gelenkenden an den Geräten von Salzmünde-Schiepzig.

Mit Knochenmeißeln konnte frisch geschlagenes Holz bearbeitet werden. Wir wissen dies aus experimentalarchäologischen Versuchen.

Sicherlich hat man keine Stämme mit den Meißeln gespalten, aber für Fein- und Nacharbeiten bei Nut und Fuge, bspw. im Zimmermannshandwerk, waren die Geräte brauchbar. Vielleicht ist auch der „Vorkörner“ zum Eintreiben von Holznieten (-bolzen) verwendet worden. Pfriemartige Geräte werden bei der Seilerei benötigt. Haben wir den Werkzeugsack eines Zimmermanns vor uns?

Serienproduktion

Vergleiche europaweit zeigen: Meißel dieser Art haben Konjunktur im Werkzeugkasten des Endneolithikums. Sie sind in Mitteldeutschland sowohl aus der Salzmünder Kultur als auch aus der Bernburger Kultur bekannt. Aber auch in der bayerischen Chamer Kultur benutzten Handwerker Meißel dieses Typs. Die Größe der Meißel schwankt zwischen neun und 13,5 Zentimetern. Daher ist es erlaubt, von einer steinzeitlichen DIN-Norm bei diesen Geräten zu sprechen. Bis heute hat sich an Form und Ausprägung kaum etwas geändert. Wen wundert's, denn die steinzeitlichen Werkzeugmacher hatten bereits die für Funktion und Zweck optimale Form entdeckt. Sie ist über die Jahrtausende die gleiche geblieben, nur das Ausgangsmaterial hat sich geändert.

Seit März 2006 ist das Grabungsteam der A-143 im Bereich des nördlichen ‚Salzmünder Erdwerkes' tätig (Abb. 12). Bis Ende April waren bereits 1 km Grabenwerk mit den begleitenden Befunden erfasst. Bis zum Herbst des Jahres wird diese und die verbleibende Fläche - immerhin noch 40 Fußballfelder messend - zu untersuchen sein.


Redaktion: Florian Ruppenstein
Text: Peter Viol
Tierknochenbestimmung: H.-J. Döhle