Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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März: Licht im „finsteren“ Mittelalter Ein vergoldeter Leuchter aus Magdeburg

Archäologische Stadtkerngrabungen sollen unser Bild von den Lebensumständen im Mittelalter erhellen. Sprichwörtlich genommen, ein schwieriges Unterfangen, denn Beleuchtungsgerät ist im reichhaltigen Fundspektrum ausgesprochen selten. Ein entsprechender Glücksfund gelang den Mitarbeitern des Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie bei den derzeit laufenden Ausgrabungen in der Innenstadt von Magdeburg. Untersucht wurden Teile eines Grundstücks nördlich des „Alten Marktes“ und in direkter Nachbarschaft zum Breiten Weg. Der Boden war feucht und schlammig, und so schien es sich bei jenem völlig verdreckten Gegenstand, auf den man in mehr als drei Metern Tiefe stieß, auf den ersten Blick nur um einen weiteren Knochen zu handeln, die auch sonst in großer Anzahl geborgen wurden. Aber die nähere Betrachtung und dann die Reinigung in der Restaurierungswerkstatt zeigten einen Fund, der Archäologen gewöhnlich nur einmal in seinem Leben in die Hände fällt: Ein dreifüßiger spätromanischer Leuchter, feuervergoldet und mit reichem Dekor verziert. Derartige Stücke sind zwar aus verschiedenen Museen und Sammlungen bekannt, in archäologischen Grabungen aber außerordentlich selten. An dem etwa 9 cm hohen Leuchter fehlt heute lediglich der Dorn für die Kerze. Ansonsten war das Stück noch sehr gut erhalten. Der Magdeburger Fund gehört zu einer Gruppe romanischer Altarleuchter mit weitgehend identischem Aufbau.

Eine runde, 5 cm große Traufschale zum Auffangen des herabtropfenden Kerzenmaterials, sitzt auf einem kurzen, zylindrischen Schaft, der nach unten von einem dicken, gestuften Ringwulst abgeschlossen wird. Das eigentliche Fußteil besteht aus drei schräg gespreizten und als stark vereinfachte Tiervorderläufe ausgebildeten Beinen. Zwischen den Füssen spannt sich ein durchbrochenes Tier- Rankenrelief. Nach unten wird es durch ein um den ganzen Leuchter herumlaufendes Band abgeschlossen. An seiner Oberseite setzt es sich in insgesamt sechs strangartigen, kantigen Schäften fort, die sich unterhalb des Wulstes zusammenschließen. Alle drei Seiten sind absolut symmetrisch gestaltet. Eine Besonderheit des Magdeburger Leuchters sind die auf den Ecken sitzenden vollplastischen, hundeartigen Tierfiguren, die sich ähnlich den Wasserspeiern an mittelalterlichen Kirchen hervorstrecken.
Vor einer eingehenden Bearbeitung unter Heranziehung von Vergleichsstücken können Angaben zur genauen Datierung und zum möglichen Herstellungsort nur vorläufig sein. Zwar besitzen solche Leuchter untereinander zum Teil große Ähnlichkeiten, doch scheint es sich immer um Einzelanfertigungen gehandelt zu haben. Leider ist das für eine Bestimmung wichtige Relief aufgrund seiner Erhaltung nicht sicher zu entschlüsseln. Vom Typus her vergleichbare Exemplare zeigen hier oft ein aus ineinander verschlungenen Drachenschwänzen gestaltetes Bildmotiv, das dann im Laufe der Zeit immer stärker vereinfacht wird. Mehrheitlich gehören diese Leuchter in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts. Obwohl seine Formen durchaus eine gewisse Eigenständigkeit andeuten, wäre auch der Magdeburger Fund vorerst in diese Zeit einzuordnen. Gewisse Elemente deuten dabei eine eher späte Datierung an.

Solche Leuchter finden sich nicht in gewöhnlichen Haushalten, sondern ausschließlich in Kirchen. Dies wirft natürlich die Frage auf, wie ein solches Stück in den Abfall gelangen konnte. Es gibt einige Anhaltspunkte dafür, dass in den Graben zumindest teilweise auch Brandschutt eingefüllt worden ist. Darüber hinaus fanden sich einige Bruchstücke von glasierten Dachziegeln. Gut vorstellbar wäre daher, dass bei einem Stadtbrand des frühen 13. Jahrhunderts auch eine in der Nähe des Fundortes stehende Kirche abbrannte und der Leuchter unerkannt zusammen mit den Trümmern dieser Kirche abgeräumt worden ist.

Aber es stellen sich noch ganz andere Fragen….

Der Leuchter auf der Waage


Wir wollen testen, ob im inneren noch Reste eines Eisenkerns vorhanden sind.
Dazu bedienen sich Restauratoren einer schlichten Methode: Man hält einen Magneten daran. Doch der Magnet in der Hand wird von dem Leuchter nicht spürbar angezogen….Aber vielleicht sind es nur solch winzige Reste, dass man die Anziehungskraft nicht merkt?

Um feine Kräfte zu messen, erfinden wir dazu das Mikro-Magnetometer. Ein kräftiger „Kühlschrankmagnet“ wird auf die Labor-Feinwage gelegt. Nun halten wir den Leuchter über den Magneten: der Magnet wird leichter - um fast 200 mg ! Unser Leuchter hat also einen kleinen Eisenkern. (Später stellen wir fest, dass wir mit unserer neuen Methode sogar Restmagnetismus in Keramikscherben bestimmen können - eine spannende Sache, auf die wir in einem späteren FUMO sicher noch zu sprechen kommen). Der Magnetismus rührt von dem kleinen Eisenstift her, der die beiden bronzenen Einzelteile zusammenhielt und mit seiner Spitze oben herausragte. Darauf wurde einst die Kerze „gespießt“.

Mit unserer Waage können wir noch andere Sachen anstellen. Wir setzen den Leuchter darauf: 230,3 g wiegt er. Aus dem Sozialraum des Museums dringen widerliche Gerüche. Ein Mitarbeiter brät dort „Rinderflomen“ an, weißliches, schwammiges Bindegewebe zwischen den Gedärmen von Kühen. Das ausgeschmolzene Bratfett ist Talg - heute noch traditioneller Bestandteil des Dresdner Christstollens. Auch im Mittelalter wurde dieses - roh unangenehm schmeckende - Fett als nahrhaftes Lebensmittel in der Küche verwendet.
Wir backen jedoch keinen Stollen, sondern gießen das geschmolzene Talg in eine Kerzenform mit dünnem Docht.

Das Luxmeter.


Die fertige Talgkerze setzen wir zu Mariae Lichtmess am 2. Februar auf unseren Leuchter.

Nun wiegt er 417 Gramm.

Die Kerze wird angezündet, der Raum völlig verdunkelt. Die Flamme ist außerordendlich klein. Wir halten ein Luxmeter im Abstand von einem Meter davor und messen die ankommende Beleuchtungsstärke: es sind 0,9 Lux .
Nach einer Stunde messen wir wieder - die Kerze brennt immer noch mit gleicher Helligkeit, doch die Wage zeigt einen Masseverlust von 7,6 Gramm.

Licht, Masseverlust, Energie …. e= mc² ? ....

Haben sich sieben Gramm Fettmasse in Energie verwandelt? Dies wäre dem Umfang einer schwersten Kernexplosion gleichgekommen, aber das Labor steht noch. Unsere sieben Gramm Fett haben sich auch nicht als Phlogiston verflüchtigt, sondern sind bei der Verbrennung an der Luft in Wasser, Kohlendioxid und etwas Ruß übergegangen. Die chemische Re-aktionsenergie hat aber die in der Flamme enthaltenen Russpartikel zum Strahlen angeregt, und neben überwiegend Wärmestrahlung kam da auch ein ganz kleines Quäntchen sichtbares Licht heraus. Die eingesetzte chemische Energie können wir nach der Nährwerttabelle berechnen.

Mit dem Programm „Lucimetron“ lassen sich daraus folgende Kenngrößen errechnen. ( Das Programm können Sie hier herunterladen (ca. 400 K))

Verbrauch: 7,6 g Rindertalg = 272 KJ/h
Leistung: 75 Watt
Lichtstärke: 0,9 Candela
Lichtausbeute: 0,15 lm/W

Zum Vergleich: Mindestbedarf eines Menschen: 270-330 KJ/h

Die Flamme hat zwar einen hohen Energieverbrauch (75 W), aber die Lichtausbeute ist im Vergleich zu einer heutigen 75W - Hologenbirne erbärmlich gering.

Glauben Sie nicht? Dann lesen Sie hier (Link zu Lightkultur)….

Wirklich erhellend ist der Vergleich Flamme mit menschlichem Mindestbedarf: der verzicht auf diese kleine, schwache Kerzenflamme hätte ein Kind vor dem Verhungern bewahren kön-nen. Öl- oder Talglichter waren eine ernste Nahrungskonkurrenz. Erst mit der Entdeckung neuer Brennstoffe im 16. Jahrhundert - ein anderer FUMO (Link zu Fumo (Januar 02) berichtete darüber - brachte Licht in die finsteren Stuben der einfachen Leute. Und Bienenwachs? Das war - als Nebenprodukt des Luxusartikels Honig noch weitaus teurer.
Und deshalb finden wir in Mitteldeutschland bis in das 16. Jahrhundert hinein nur bei äußerst wohlhabenden gesellschaftlichen Schichten Leuchter und Lampen. Und in der Kirche. Im Christentum spielt Licht eine überragende mythologische Rolle:

„ (14) Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. (15) Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind. (16) So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen."

(Matthäus 5,)


Redaktion: Florian RuppensteinAutoren: Christian Gildhoff, Heinrich WunderlichFotos: Heinrich Wunderlich, Katrin Steller