Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Oktober: Ein bronzezeitliches Kindergrab

Siedlungsplatz der Frühbronzezeit in Salzmünde-Schiepzig

Abb. 1
Abb. 2
Abb. 3 Bestattungen als Informationsquelle für Lebens- und Arbeitsbedingungen
Abb. 4 Der Junge aus Schiepzig
Abb. 5 Ein behindertes Kind aus der Bronzezeit

 

Bei Untersuchungen im Rahmen des Baus der A 143 (Westumfahrung Halle) bei Salzmünde-Schiepzig wurden Siedlungspuren unterschiedlichster Zeitstellung entdeckt darunter auch 12 Bestattungen der frühbronzezeitlichen Aunjetitzer Kultur (2200-1800 v. Chr.).

Insbesondere ein Kindergrab veranschaulicht einen Aspekt des Zusammenlebens auf einem Gehöft der frühen Bronzezeit: den Umgang der Hausgemeinschaft mit einem behinderten Kind.

Der Bau der A143 und die dadurch notwendigen Flächengrabungen bieten der Archäologie Gelegenheit, vielfältige Siedlungszusammenhänge in der Landschaft zu erforschen (Abb. 1). Dazu gehört auch die Untersuchung eines außergewöhnlichen Befundensembles aus Hausgrundrissen mit angrenzendem Werkplatz und zugehörigem Bestattungsareal bei Salzmünde-Schiepzig (Abb. 2). Es datiert in die „Aunjetitzer Kultur“ der frühen Bronzezeit (ca. 2200-1800 v.Chr.). Die Möglichkeit Wohn-, Arbeits- und Bestattungsfläche desselben Zeithorizontes zu untersuchen, ist ein ausgesprochener Glücksfall der archäologischen Forschung, in der allzu oft nur isolierte Lebensbereiche der ehemaligen Bevölkerung erforscht werden können.

Die Bestattungen von einem Siedlungsplatz bilden eine Quellengattung, die direkte und manchmal ganz persönliche Einblicke in das Leben der Menschen in früheren Zeiten erlaubt. In Skelett und Zähnen sind bestimmte Ereignisse im Leben eines Menschen z. T. bis zurück in die Kindheit festgehalten. So lassen sich etwa Verletzungen, schwere Krankheit und Zeiten des Mangels, aber auch Ernährungsgewohnheiten, die Arbeitsbelastung und anderes mehr feststellen. All dies gestattet Rückschlüsse auf die Lebensbedingungen der Menschen während einer bestimmten Epoche. Gelegentlich lassen sich aus einem einzelnen Skelett Einblicke in das Zusammenleben einer Gemeinschaft erschließen, die weit über das Individualschicksal hinausgehen. (Abb. 3)

Ein solches Einzelschicksal wird in einem westlich der Häuser angelegten Kindergrab fassbar. Befund 2631 barg die Skelettreste eines ca. acht Jahre alten Jungen, der in typischer Hockerstellung auf der rechten Körperseite liegend mit dem Blick nach Osten bestattet war. Standspuren zweier Brettchen an der nördlichen und westlichen Seite der Grabgrube lassen darauf schließen, dass das Kind in einer Holzkiste ins Grab gelegt wurde. Beigaben wurden nicht gefunden. (Abb. 4)

Das Skelett des Jungen weist eine Reihe von Besonderheiten auf. Beide Oberschenkel sind im oberen, hüftnahen Bereich deutlich in Bauchrichtung verdreht. Diese so genannte. Antetorsion hat eine Gehbehinderung zur Folge. Bei dem Jungen aus Salzmünde-Schiepzig ist sie so stark, dass die Vorderseiten der Knie sich beinahe gegenüber stehen, so dass er mit Sicherheit nie „richtig“ laufen konnte. Dies ist jedoch nicht seine einzige Behinderung. Durch einen vorzeitigen Verschluss einiger Schädelnähte ist sein Kopf sehr lang und schmal. Dies geht in der Regel einher mit einer Erhöhung des Druckes im Schädelinneren, da das Wachstum des Gehirns durch die verfrühte Verknöcherung behindert wird. Die Folgen können, je nach Schwere des Falles, von einer Einschränkung des Sehvermögens bis hin zu schweren neurologischen Ausfallerscheinungen und Lähmungen reichen. Wie genau sich die Krankheit bei dem Jungen aus Salzmünde-Schiepzig auswirkte, ist nur schwer abschätzbar. Im Zusammenhang mit seiner Gehbehinderung dürften jedoch auch leichte Einschränkungen der fünf Sinne sein Anders-sein weiter unterstrichen haben. (Abb. 5)

Leben und Tod im Kreis der Hofgemeinschaft


Trotz seiner Behinderung war der Junge offensichtlich vollständig in die Hofgemeinschaft integriert. Seine Knochen zeigen, dass er sich viel bewegt hat und wohl auch schon in gewissem Grad bei der Arbeit mithelfen musste. Nach seinem Tod wurde er, genau wie seine Zeitgenosssen, in der Nähe des Gehöftes gemäß dem Ritus der Aunjetitzer Kultur bestattet. Sein Skelett liefert keinerlei Anzeichen dafür, dass er in irgendeiner Weise vernachlässigt wurde. Der Junge war wohl in den ersten Lebensjahren recht gesund und gut ernährt. Erst mit etwa 4 Jahren scheint er mehrfach so schwer erkrankt zu sein, dass seine Entwicklung dadurch beeinträchtigt wurde. Darin unterscheidet er sich jedoch nicht von den anderen Kindern seiner Zeit, von denen ebenfalls viele während dieses Lebensabschnitts krank wurden oder sogar starben.

Die Bestattung eines behinderten Jungen aus der Bronzezeit erlaubt somit nicht nur Rückschlüsse auf das Leben und den Tod eines einzelnen Kindes, sondern sie vermittelt uns auch wesentliche Einblicke in die Fürsorge der Dorfgemeinschaft für ihre schwächeren Mitglieder.