Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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September: Töpfe ohne Boden

Abb. 1: Die Trasse der B 6n mit der Fundstelle XV (Foto: Rene Stenweg, Landesbetrieb Bau, Sachsen-Anhalt)
Abb. 2: Die „Topfbrunnen“ (Foto: Kathrin Ulrich, LDA)
Abb. 3: Freilegung der Gefäße (Foto: Erik Peters, LDA)
Abb. 4: Als Brunnen genutzte Terrine (Foto: Kathrin Ulrich, LDA)
Abb. 5: Gefäß in situ bei abgesenktem Grundwasser (Foto: Kathrin Ulrich, LDA)
Abb. 6: Topfbrunnen in situ (Foto: Erik Peters, LDA)
Abb. 7: Restauriertes Gefäß (Foto: Kathrin Ulrich, LDA)
Abb. 8: Profil der Grube mit Projektion der vier Gefäße (Grafik: Matthias Melzer, Simone Werner-Nebe, LDA)
Abb. 9: Knochengerät (Foto: Kathrin Ulrich, LDA)
Abb. 10: „Wasserschöpfen“ (Foto: Erik Peters, LDA)
Abb. 11: Zweihenkliger Topf (Foto: Kathrin Ulrich, LDA)

Dass sich löchrige Eimer kaum zum Wasserschöpfen eignen, versuchte schon Henry seinem Freund Karl-Otto in dem allseits bekannten Gassenhauer mehr oder minder erfolgreich klarzumachen. Die Untersuchungen des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt auf der Trasse der zukünftigen B6n nördlich von Güsten konnten neuerdings zeigen, dass Gefäße mit einem Loch für einen anderen Zweck noch sehr gut zu gebrauchen waren. Sie dienten in der Bronzezeit dazu, kleine Brunnenschächte zu befestigen, um so ein Unterspülen und Verstürzen der Brunnenbasis zu verhindern.

Auf der Fundstelle XV nur wenige Meter östlich der Liethe, einem kleinen Wasserlauf, wurde eine ganze Batterie solcher Brunnenschächte entdeckt (Abb. 1). Mindestens vier Gefäße standen im Sohlenbereich einer 14 x 5,4 m großen, länglich-ovalen etwa NS ausgerichteten Grube.

Die Abstände der keramischen Gefäße untereinander betrugen maximal 2 m (Abb.2).

Als Brunnengefäße bevorzugte man offenbar hohe tönnchenförmige Töpfe, in einem Fall wurde aber auch eine große, hochhalsige Terrine verbaut (Abb. 3) (Abb. 4).

Die Böden der Gefäße waren ausnahmslos herausgebrochen worden, um ein schnelles Nachfließen des Grundwassers von unten zu gewährleisten (Abb. 5)

Die gedellten Griffleisten eines der Töpfe zeigen, dass es sich nicht um besonders für diesen Zweck hergestellte Keramik handelt, sondern um ganz normale Siedlungsware (Vorratsgefäße), die z.T. eine mit den Fingern verstrichene Schlickrauung aufweisen (Abb. 6) (Abb. 7).

Noch nicht eindeutig interpretierbar sind die Beschädigungen, die alle Gefäße im oberen Teil aufweisen. Denkbar wäre, dass sie während der Nutzung dieser Schöpfstellen entstanden sind. Es ist aber auch möglich, dass diese kleinen Schächte später bei der Anlage der großen Grube, die in Planum 1 erfasst wurde, überschnitten und dabei die Gefäße gekappt worden sind. Das stratigraphische Verhältnis der „Topfbrunnenschächte“ zu dem übergeordneten großen Grubenbefund blieb leider unklar, da keines der Gefäße in einem der sieben durch den Befund gelegten Profile erfasst wurde. Für eine Überschneidung der Topfbrunnen durch eine später angelegte große Grube (die möglicherweise ebenfalls in der Absicht eingetieft wurde, an das Grundwasser heranzukommen) könnte die auffällige Korrelation der absoluten Höhe der erhaltenen Gefäßoberkanten mit der (interpolierten) Tiefe der Grubensohle in diesem Bereich sprechen (Abb. 8).

Andererseits könnte dieser Sachverhalt auch dahingehend gedeutet werden, dass die Brunnenschächte von der Sohle dieser großen Grube aus angelegt wurden. Die große Grube hat vielleicht als Werkgrube für einen Töpfer oder Gerber gedient. Für eine solche Nutzung spricht ein darin gefundenes Knochengerät mit Schliffspuren, das zum Glätten oder Schaben gedient hat (Abb. 9).

Ein großer plattiger Sandstein, der etwas südlich der Gefäße auf der Grubensohle lag, könnte als Trittstein gedient haben, auf dem man die Schöpfstelle(n) trockenen Fußes erreichen konnte. Auch die geringen Mündungsdurchmesser der verbauten Gefäße von etwa 0,32 m scheinen eher dafür zu sprechen, dass man das darin gesammelte Wasser von der Sohle einer größeren Grube aus mit einem kleinen Gefäß am „langen Arm“ direkt aus diesen Töpfen geschöpft hat. Die Gefäßoberteile dürften dann ein Stück oberhalb der Grubensohle gelegen haben, um eine Verschmutzung des Wassers zu verhindern. Das würde auch die Beschädigungen dieser exponierten Gefäßteile nach der Aufgabe dieser Anlagen erklären. Eine Verwendung größerer, an einem Strick befestigter Holz(?)-Eimer als Schöpfgefäße scheint jedenfalls ausgeschlossen (Abb. 10).

Die recht einfach gestalteten Gefäße datieren wahrscheinlich in die frühe (?) Bronzezeit. Eine Gleichzeitigkeit aller Brunnenschächte ist letztendlich aber nicht beweisbar. So könnte das große terrinenförmige Gefäß auch wesentlich jünger sein, wenngleich die Art der Rauung des Gefäßunterteiles (fingerverstrichen) deutliche Ähnlichkeiten mit dem tönnchenförmigen Gefäß aufweist. Aus dem oberen Verfüllbereich der großen Grube stammt neben einem bronzezeitlichen Gefäßfragment mit getupften plastischen Leisten auch eine große feinkeramische Gefäßscherbe eines zweihenkeligen (?) Topfes mit scharf abgesetztem, leicht eingeschwungenem, hohem Halsrand, der vielleicht eisenzeitlich datiert (Abb. 11).

Die Untersuchung der Sedimente aus den Gefäßen wird vielleicht Klarheit über die genaue Datierung und Funktion dieser ungewöhnlichen Brunnen liefern, die nach unserer Kenntnis bisher einzigartig in Mitteldeutschland sind.

Die Topfbrunnen von Güsten und weitere herausragende Befunde der Ausgrabungen auf der B6n im Landkreis Bernburg (u.a. ein Holzkastenbrunnen und mehrere Brunnen mit Weidengeflecht auf Fundstelle XVI bei Ilberstedt sowie zahlreiche Gräber und Siedlungsbefunde) setzen die Reihe spektakulärer archäologischer Funde und Befunde fort, die mit den archäologischen Untersuchungen auf der B 6n im Landkreis Wernigerode ihren Auftakt nahm. Es zeigt sich ein weiteres Mal, wie notwendig und erfolgreich die archäologische Betreuung großer linearer Bauprojekte in Sachsen-Anhalt ist.

Text: Erik Peters

Redaktion: Michael Schefzik