Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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März: Auf den Spuren der Paarhufer

Abb. 1: Blick auf das Abbaufeld Neumark-Nord im Geiseltal. Die Grabung selbst liegt im Hintergrund vor der bewaldeten Halde. Die seit der Einstellung der Abbautätigkeiten entstandene offene Parklandschaft ähnelt jener, wie wir sie auch vor 200 000 Jahren an der Fundstelle Neumark-Nord 2/2 annehmen müssen.
Abb. 1: Blick auf das Abbaufeld Neumark-Nord im Geiseltal. Die Grabung selbst liegt im Hintergrund vor der bewaldeten Halde. Die seit der Einstellung der Abbautätigkeiten entstandene offene Parklandschaft ähnelt jener, wie wir sie auch vor 200 000 Jahren an der Fundstelle Neumark-Nord 2/2 annehmen müssen.

Nicht selten passiert es bei archäologischen Untersuchungen, dass die interessantesten Funde und Befunde am Ende einer Grabungskampagne entdeckt werden. Diese wohl eher gefühlte Regel findet auch an der altsteinzeitlichen Fundstelle Neumark-Nord 2/2 (Abb. 1) ihre Bestätigung. Dabei handelt es sich um fossile Tierspuren, die wie Keilschrift in Ton eingedrückt sind und nun ihrer Entzifferung harren (Abb. 2). Die Abdrücke von unterschiedlichen Tieren bezeugen aber indirekt auch, was damals hier am Ufer eines kleinen Sees passiert ist. Solche Trittsiegel aus vergangenen Epochen der Erdgeschichte sind äußerst selten. In Europa gibt es nur eine handvoll Fundstellen aus den letzten 500 000 Jahren, bei denen derartige Spuren konserviert sind.


Die Fundstelle Neumark-Nord 2/2 (Ldkr. Merseburg-Querfurt) liegt am Ufer eines ehemaligen Sees, der zwischen 200 000 und 90 000 Jahren vor heute existierte (weitere Informationen zu den Ausgrabungen in Neumark-Nord). Hier führt das LDA seit 2004 archäologische Ausgrabungen an einem mittelpaläolithischen Rastplatz früher Neandertaler durch. Bisher sind etwa 170 m² untersucht. Dabei kamen unerwartet zahlreiche Funde zum Vorschein, so etwa 10 700 Feuersteinartefakte und mehr als 56 000 stark zerschlagene Knochen und Zähne von Tieren (Abb. 3).Markant sind ca. 4 bis 6 cm lange Siegel, die mittig durch eine Sedimentleiste getrennt sind und allgemein an Fährten von Schalenwild erinnern (Abb. 6, 7).

Die Feuersteinartefakte sind in der sog. Levallois-Technik hergestellt, die typisch für das Mittelpaläolithikum (mittlere Altsteinzeit, zwischen 300 000 und 35 000 Jahren vor heute) und damit für die Zeit des frühen und klassischen Neandertalers ist. Die Feuersteingeräte dienten vorwiegend der Bearbeitung von organischen Materialien wie Holz, Gras oder Sehnen, aber auch zur Zerlegung und Entfleischung von Tieren. Dies lässt sich durch zahlreiche Schnittspuren auf den gefundenen Knochen nachweisen. Mit größeren Steinen, meist aus zäherem Material wie Quarz und Quarzit, die auch an der Fundstelle vorkommen, wurden die Knochen dann aufgeschlagen, um an das begehrte Mark heranzukommen. Auch das beweisen uns die Knochen, denn sie besitzen häufig grobe Schlagmarken. Offensichtlich handelt es sich um Nahrungsreste der frühen Menschen, die sich nach ihrer erfolgreichen Jagd am Seeufer aufhielten. Bevorzugtes Jagdwild waren hier vor allem große Rinder (Wisent, Auerochse), Wildpferde, Wildesel, Hirsche und Rehe, weniger häufig Elefanten, Nashörner und Bären.

Das Seeufer war nicht nur für den Menschen ein idealer Platz, sondern auch für Tiere, die häufig zur Tränke oder zur Suhle hierher kamen. Hierbei hinterließen sie Spuren, die heute noch -unter günstigen Voraussetzungen - nachweisbar sind. Die Spuren von Neumark-Nord 2/2 wurden Ende November 2006 im südlichsten Grabungsbereich entdeckt. Sie sind in einen Ton eingetieft, welcher die Basis des Fundhorizontes bildet. Bei diesem Ton handelt es sich um ein hartes und gut formbares Sediment, das günstig für die Erhaltung der Tierspuren ist. Der darauflagernde fein laminierte Schluff (feinkörnige Ablagerung, deren Korngröße zwischen Ton und Sand liegt) lässt annehmen, dass der Ton zeitweilig unter seichtem Wasser stand und eine Art „Schlammpfütze“ bildete. In diese müssen sich die Tiere hineinbegeben haben, um an das Wasser zu gelangen. Bisher sind 4 m² des Tons freigelegt (Abb. 4, 5). Allein in diesem kleinen Ausschnitt des ehemaligen Seeufers befindet sich eine große Anzahl von Ab- und Eindrücken, die eine große Variabilität besitzen. Viele zeigen asymmetrische Formen, die eine Bestimmung erschweren. Es gibt aber auch sehr eindeutige, sich teilweise wiederholende Spuren. Markant sind ca. 4 bis 6 cm lange Siegel, die mittig durch eine Sedimentleiste getrennt sind und allgemein an Fährten von Schalenwild erinnern (Abb. 6, 7).

Die Form und Dimension der Abdrücke lässt hier an Rehe denken. Weitere Abdrücke sind ähnlich aufgebaut aber wesentlich größer (ca. 15 cm) und erinnern an Spuren von Rindern (Abb. 8). Ein Teil der Trittsiegel besitzt eine sehr langgezogene Form, was den Eindruck hervorruft, dass die Tiere im feuchten Boden gerutscht oder geschlittert sind (vergl. Abb. 4, 5 links). Gleichzeitig haben einzelne Spuren „ältere“ überlappt und so ihre Form verändert, so dass ein Teil von ihnen nur schwer einzuordnen ist. Aufgrund der unterschiedlichen Form und Größe der Abdrücke ist deshalb anzunehmen, dass sie auf unterschiedliche Tierarten zurückzuführen sind, die sich am Seeufer aufhielten.

Die Tierspuren von Neumark-Nord 2/2 gehören zu den seltenen Fundkategorien auf archäologischen Grabungen. Das allein schon erklärt ihre Bedeutung. Darüber hinaus geben sie aber auch Auskunft über das Leben in dieser Region vor 200 000 Jahren. Das Seeufer war nicht nur ein Anziehungspunkt für zahlreiche Tierarten, sondern auch Lebensraum für den frühen Menschen (Abb. 9). Hier stellte er dem Wild nach, erlegte es und weidete es aus, wie die unzähligen zerschlagenen Knochen der archäologischen Untersuchung zeigen. Erfreulich dabei ist, dass Spuren von Tieren nachgewiesen wurden, die auch fossil durch Knochen- und Zahnfunde belegt sind. Möglicherweise verbergen sich in dem noch nicht ausgegrabenen Bereich auch Fußabdrücke der Menschen, die sich damals am See aufhielten. Vielleicht kann diese Frage schon in der nächsten Grabungskampagne positiv beantwortet werden.