Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
Sie sind hier: Startseite > Landesmuseum für Vorgeschichte > Fund des Monats > 2007 > Oktober > 
Deutsch | English

Oktober: Luthers Tintenfass?

Luthers Tintenfass

Abb. 1: Fragmente von grün glasierten Schalen mit Resten von Montierungen (Foto LDA)
Abb. 1a: Fragmente von grün glasierten Schalen mit Resten von Montierungen (Foto LDA)
Abb. 2:Lampenschale. Endres, W., Straubinger Keramik um 1600 - Ein Fundkomplex “vorm obern tor”, Vorbericht 8. In: Jahresbericht des hist. Vereins für Straubing und Umgebung 1996. 128.
Abb. 3
Abb. 4: Schreibset aus Faenza, ca. 1510. International Museum of Ceramics in Faenza (Inv-Nr. 13935) www.racine.ra.it/micfaenza/en/n13935e.htm (Stand September 2007)
Abb. 5

Dass Luthers Haushalt immer wieder für eine Überraschung gut ist, hatte man schon bald bei der Auswertung der Unmengen von Fundstücken bemerkt, die 2004 bei Grabungen im der Elbe zugewandten Garten des Lutherhauses in Wittenberg zutage kamen. Martin Luther lebte hier im Schwarzen Kloster bereits als Augustiner-Mönch, seit er 1508 seine wissenschaftliche Laufbahn an der Wittenberger Universität fortsetzte. Nach den Wirren in Folge des Ablassstreites 1517 und des Bauernaufstandes von 1525 kehrte Luther in das mittlerweile leer stehende Klostergebäude zurück, das er schließlich 1526 als Geschenk des sächsischen Kurfürsten erhielt. Hier gründete er mit seiner frisch angetrauten Ehefrau Katharina von Bora einen Hausstand. Da das Geld anfangs, trotz Zuwendungen von Gönnern und Freunde notorisch knapp war, begannen die Luthers zahlungskräftige Studenten aufzunehmen, denen ein Teil des großen Klosteranwesens zur Verfügung gestellt wurde.

Neben dem Bursenbetrieb finanzierte sich Luther auch über die Landwirtschaft indem er geeignete Gründstücke sowie ein bäuerliches Anwesen auf dem Land hinzu erwarb, so dass der Reformator an seinem Lebensende unter anderem den größten Viehbestand am Orte besaß.

So wundert es nicht, dass auch das 2004 bei Ausgrabungen im Garten des Lutherhauses in Wittenberg geborgene archäologische Fundgut eher von gehobenem Wohnkomfort zeugt als von einsiedlerischer Bescheidenheit.

Dennoch gab es einige Fundstücke, deren Zuordnung anfangs nicht ganz einfach war. Darunter befanden sich auch Bruchstücke von mehreren grün glasierten Schalen mit hochgezogenem Rand, auf die offenbar kleine Töpfchen montiert waren. Bisher waren solche Keramiken aus dem archäologischen Kontext nicht bekannt. (Abb. 1/1a)

Obwohl die Objekte anfangs sehr an moderne Salsa-Schalen erinnerten, lies sich eine Verbindung zu Tafelgeschirr eher nicht ziehen. Ein derartiges Essgeschirr wäre aufgrund der fest montierten Töpfchen sehr schwer zu reinigen gewesen. Zudem wirken die Schalen auch eher sehr einfach gemacht - passen also nicht zu den sonst sehr hochwertigen Tafelgeschirren aus dem Hause Luthers.

Ein neuer Ansatzpunkt ergab sich, beim Vergleich mit einem Fund aus Straubing (Abb. 2).

Aus dem Fundkontext der Abfallgrube einer Töpferei stammt eine ähnliche Schale, auf der ebenfalls einige Töpfchen montiert waren. Die Töpfchen waren kreisförmig um einen erhöhten Topf in der Mitte der Schale positioniert. Im Inneren der Töpfchen erhoben sich kleine zylinderförmige Ansätze. Dieser Gegenstand wird als Leuchter interpretiert, den man mit Öl oder Fett betrieben haben soll. Die kleinen Zylinder werden dabei als halterung für den Docht interpretiert. Der erhöhte Rand der Schale verhinderte, dass überschwappendes Öl auslief.


Exkurs: Beleuchtung im Mittelalter und der frühen Neuzeit:Mittelalterliche Lampen sind im Fundspektrum Mittel- und Norddeutschlands selten. Ausnahme: Die Küstenregionen, insbesondere Haithabu. Hier finden sich bereits im 10./11. Jahrhundert geständerte, einfache Schalenlampen aus Keramik. Fisch-, Robben- und Walfang liefern ausreichend brennbare Fette als Betriebsstoff für Lampen.In den ackerbaulich geprägten Regionen Mitteldeutschlands scheint es zunächst dunkel zu bleiben. Die in der Antike des 1. Jahrhunderts n. Chr. aufgekommene Kerze findet man in gehoben Haushalten und vor allem Kirchen - aber sie bleibt eine Seltenheit. Kerzen unterscheiden sich nämlich in der Ökonomie nicht von Öllampen - entweder bestehen sie aus tierischen Fetten (Talg) oder dem noch teureren Bienenwachs.Erst eine neue Kulturpflanze lässt in der frühen Neuzeit plötzlich Lampen zum Allgemeingut werden. Der Anbau von Rübsen (Brassica rapa ssp. oleifera, ab dem 15. Jahrhundert) breitet sich von den Niederlanden ausgehend bis ins 16. Jahrhundert nach Mitteleuropa aus. Auf den Fersen folgt der nahe verwandte Raps (Brassica napus, ab dem 17. Jahrhundert).Rübsen und Raps liefern bedeutende Mengen von Öl. Im Gegensatz zu den Neuzüchtungen aus dem Ende des 20. Jahrhunderts eignete sich dieses Öl nicht für den menschlichen Verzehr, weil es hohe Anteile leberschädigender Erucasäure enthielt. Der Anbau von Raps und Rübsen diente der Gewinnung technischer Öle, vor allem zu Beleuchtungswecken.Aus dieser Zeit stammt der geständerte „Frosch“ aus dem Dorf Schwerzau (Sachsen-Anhalt, 16. Jahrhundert).Der Leuchter sah mit seiner Konstruktionsweise eindeutig die Verwendung von flüssigem Öl als Brennmaterial vor. Solche Lampen sind im mitteldeutschen Fundspektrum ab dem 16. Jahrhundert nicht selten.


Verglichen mit den Objekten aus dem Lutherhaus ergaben sich aber aus einer solchen Deutung gewisse Schwierigkeiten: Zum einen fehlten die zylinderförmigen "Dochthalter", wie sie beim Straubinger Exemplar vorhanden waren. Die Dochte wären also ständig in die Flüssigkeit gerutscht, was einen Betrieb als Lampe schwierig gestaltet hätte. Zudem fehlten die Schnauzen, auf den das brennende Ende des Dochtes zu liegen kommt. Selbstverständlich wurden im Mittelalter gelegentlich keramische flache Schälchen ohne Dochthalterung als Lampe verwendet (oder zur Lampe umfunktioniert), aber für den dauernden Gebrauch eignen sie sich nicht.Eine genauere Untersuchung der Objekte zeigte zudem, dass nicht nur runde Töpfchen, sondern auch ovale Schalen auf den Grundplatten befestigt waren.Dennoch können solche Keramikscheiben prinzipiell auch als Lampen dienen, was sich auch experimentell nachweisen lässt (Abb. 3: Experimenteller Nachbau des Schreibsets, LDA, Daniela Otterstein) (Abb. 3)Der Versuch fällt, wie zu erwarten, durchaus positiv aus. Der Umfassungsring erfüllt bei dem Betrieb der „Lampenscheibe“ durchaus eine Funktion: er verhindert, dass zwangsläufig von der tüllenlosen Wandung ablaufendes oder ausgeschwitztes Öl sich auf den Tisch ergießt. Die kleinen Väschen lassen sich bequem auch noch als Kerzenhalter - für Talgkerzen, oder im Hause Luthers durchaus zu vermuten - teurere Wachskerzen, verwenden.Dennoch erscheint die Zuweisung als „Lampe“ zweifelhaft, denn zu groß sind die Nachteile, die eine solche plumpe Lampenscheibe hat. Nur am Rande angebracht, könnten die Dochte eine halbwegs vernünftige Lichtausbeute haben. Gerade dort würde aber dann wieder das Öl auf den Tisch laufen. Es ist zudem kein Ausguss für Öl vorhanden. Die „Kerzenhalter“ stehen zu dicht nebeneinander, mehrere Leuchtmittel gleichzeitig würden hoffnungslos verschmelzen.Tatsächlich finden sich im Haushalt Luthers auch Öllampen, ihr Ausgesehen entsprach unter anderem der als Januar FUMO 2002 vorgestellten Lampe aus „Schwerzau“. --> zum Fund des Monats "Lampe von Schwerzau"Auch fand sich ein Halter für Talg- oder Wachskerzen, wahrscheinlich sogar Teil eines Kronleuchters, sowie Fragmente eines so genannten Glockenfußleuchters aus Bronze für Wachskerzen.Klärung brachte ein Blick über die Alpen. Ein Schreibset aus Faenza (Herstellungsort der nach dem Ort benannten Fayence-Keramik) von 1510 besitzt einen ähnlichen Aufbau (Abb. 4)Auch hier gibt es wieder einen kreisrunden, flachen Behälter. Hier wird er von drei Löwen getragen. Auf dem rückwärtigen Teil gibt es eine Krippenszene: Maria und Joseph, das Kind anbetend, vor dem Stall mit Ochs und Esel. Am äußeren Bord vorne die Inschrift VERBUM. CHARO EST. DEVIGINE. MARIA (Und das Wort ist Fleisch geworden durch die Jungfrau Maria, nach dem Anfang des Johannesevangeliums) innen ein G, möglicherweise die Initiale des Meisters Giovanni Acole.Auch beim Stück aus Faenza wieder diese Töpfchen wie beim Wittenberger Exemplar; das linke, zylindrische diente vielleicht als Kerzenhalter, das rechte, vasenförmige als Tintenfass. Die flache Schale hingegen, diente der Aufnahme von Schreibutensilien, etwa des Federkiels, der Messer zum Nachschärfen der Feder.Somit wirft dieses Vergleichsstück ein völlig neues Licht auf die Wittenberger Schalen. Auch hier finden sich dieselben Elemente wieder, die eine Deutung als Schreibset plausibel machen: die flache Schale zum Aufbewahren von Schreibutensilien ebenso, wie fest montierte (und damit umsturzsichere) Töpfchen als Tintenfässer und Wasserschalen zum Auswaschen der Feder. Die Väschen könnten außerdem bei Bedarf als Ständer für eine Kerze gedient haben.Die einfache Machart spricht aber eher dafür, dass es sich bei diesen Exemplaren eher um Stücke aus dem Besitz von Luthers Studenten handeln dürfte.Also doch nicht Luthers eigenes Tintenfass? Vielleicht doch. Neben den einfachen, unverzierten und recht plump gefertigten Stücken gibt es ein einzelnes Exemplar, das sich davon abhebt: Abb. 5 (Fragmente eines grün glasierten Schreibsets mit getrepptem Rand (Foto LDA)Es ist insgesamt von besserer Machart, besitzt eine tiefgrüne, gleichmäßige Glasur und zinnenförmige Randverzierungen. Auch hier waren wieder Tintenfässchen auf die Schale montiert. Offenbar wurde hier neben funktionalen Aspekten auch auf Qualität geachtet.Luther war bekanntlich ein Vielschreiber: Neben der Übersetzung des Alten und Neuen Testaments umfasst sein Werk 473 Druckschriften, teils lateinisch, teils deutsch und zahlreiche Briefwechsel. Stellvertretend für diese literarische Schaffenskraft wurde, neben der von ihm übersetzten Bibel, auch das Tintenfass ein gern dargestelltes Epitheton. In der schon zu Lebzeiten einsetzenden Lutherverehrung wurde „Luthers Tintenfass“ später ein gesuchter Gegenstand, mit dem sich gleich mehrere fürstliche Kuriositätenkabinette schmückten. Und nicht zuletzt bildete der berühmte Tintenfleck auf der Wartburg einen beliebten protestantischen „Pilgerort“, da hier bestaunt werden konnte, wie Luther den Teufel mit dem Tintenfass vertrieben habe. - Dass die Tinte eigentlich stellvertretend für die Schriften Luthers stand, und der damit bekämpfte „Teufel“ als Papst in Rom saß, steht natürlich auf einem anderen Blatt.Das Schreibset wird selbstverständlich in der Landesausstellung „Fundsache Luther“ ab dem 31. Oktober 2008 im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle zu sehen sein. Weitere Informationen dazu erhalten Sie unter: www.fundsache-luther.deAutoren: M. Gutjahr, H. WunderlichInternetgestaltung: Katrin StellerRedaktion: Norma Literski