Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Juli: Bronzerausch

Abb. 1: Plan der frühbronzezeitlichen Besiedlung (Ausschnitt).
Abb. 1: Plan der frühbronzezeitlichen Besiedlung (Ausschnitt).
Abb. 2: Grab 16047, Steinplatten, Foto: Andrea Moser
Abb. 2: Grab 16047, Steinplatten, Foto: Andrea Moser
Abb. 3: Grab 16047, Bestattungslage, Foto: Hauke Arnold
Abb. 3: Grab 16047, Bestattungslage, Foto: Hauke Arnold
Abb. 4: Grab 16047, Bestattungslage, Foto: Hauke Arnold
Abb. 4: Grab 16047, Bestattungslage, Foto: Hauke Arnold
Abb. 5: Napf, Zeichnung D. Erbe
Abb. 5: Napf, Zeichnung D. Erbe
Abb. 6: Bronzener Pfriem mit Knochenschäftung, Foto: Heiko Breuer
Abb. 6: Bronzener Pfriem mit Knochenschäftung, Foto: Heiko Breuer
Abb. 7: Bronzener Pfriem mit Knochenschäftung, Zwischenfutter, Foto: Hauke Arnold
Abb. 7: Bronzener Pfriem mit Knochenschäftung, Zwischenfutter, Foto: Hauke Arnold
Abb. 8: Bronzene Ösenkopfnadel, Foto: Heiko Breuer
Abb. 8: Bronzene Ösenkopfnadel, Foto: Heiko Breuer
Abb. 9: Bronzene Nadel mit kegelförmigem Kopf, Foto: Heiko Breuer
Abb. 9: Bronzene Nadel mit kegelförmigem Kopf, Foto: Heiko Breuer
Abb. 10: Bronzener Draht (Spiralkopfnadel?), Foto: Heiko Breuer
Abb. 10: Bronzener Draht (Spiralkopfnadel?), Foto: Heiko Breuer
Abb. 11: Hakenähnliches Bronzestück, Foto: Heiko Breuer
Abb. 11: Hakenähnliches Bronzestück, Foto: Heiko Breuer

Ein Aunjetitzer Grab mit Bronzen aus Schiepzig, Ldkr. Saalekreis

Bei den Untersuchungen in Schiepzig, Ldkr. Saalekreis, in den Jahren 2005 und 2007 konnte südlich einer mit Steinen gefüllten Senke eine mehrphasige Gehöftanlage mit zugehöriger Gräbergruppe nachgewiesen werden (Abb. 1). Weitere, einzeln liegende Gräber, ein Hausgrundriss nördlich der Senke, weitere frühbronzezeitliche Hausgrundrisse, Gräber und Gruben auf dem knapp 400 m entfernten Fundplatz des Salzmünder Erdwerkes, weisen auf eine ausgedehnte Besiedlung des Geländes während der Aunjetitzer Kultur. Die aus dem Siedlungsbereich geborgene Keramik und die zugehörigen C14-Daten belegen eine Besiedlung während der mittleren Phase der Aunjetitzer Kultur.

Der Befund:

Unter den sechs Gräbern der Gräbergruppe war ein glücklicherweise nicht beraubtes Steinpackungsgrab, das durch seine vergleichsweise große Anzahl an Bronzegegenständen als "herausragend" bezeichnet werden muss. Zwar wies auch dieses Grab die Wühltätigkeit einer versuchten Beraubung auf: Teile des Schädels fanden sich zwischen verstürzten und herausgezogenen Steinen im oberen Bereich der Grabverfüllung. Knapp über der Bestattungslage zeigten sich jedoch im Zentrum des Grabes zwei größere Steinplatten (Abb. 2), die anscheinend von den Grabräubern noch nicht bewegt worden waren. Als diese entfernt waren, konnten die Überreste der Bestattung freigelegt und dokumentiert werden Die Grabgrube war ovalrund mit den Maßen 1,68 m x 1,10 m und in den anstehenden weißen Kaolinboden eingetieft (Abb. 3-4). Es handelte sich um eine Süd-Nord orientierte Hockerbestattung ohne Schädel. Reste des Oberkörpers, der Arme sowie der Beine waren erhalten, dagegen fehlten die Fuß- und Beckenknochen sowie Wirbel und Rippen aufgrund des schlechten Erhaltungszustandes. Die Beine befanden sich in sehr starker Hockstellung. Der linke Arm war vor dem Oberkörper angewinkelt, die Hand lag am rechten Ellbogen, die Handknochen fehlten. Der rechte Arm war ebenfalls angewinkelt, die Hand wies in Richtung Hals.
In der linken Armbeuge befand sich ein Napf (Abb. 5). Im Bereich des entnommenen Schädels - vermutlich am Hinterkopf - lag mutmaßlich der Knochen eines Rindes. An der rechten Schulter befand sich ein bronzener, hakenförmiger Gegenstand. Am linken Ellbogen lagen ein bronzener Pfriem mit Knochengriff, direkt daneben eine bronzene Nadel mit kegelförmigem Kopf. Ein weiteres Bronzegerät befand sich am Oberschenkel. Ein Bronzedrahtstück, das zu einer Schlaufe gebogen war, lag im Bereich der Hüfte.
Der Befund wurde im Block geborgen, die Bronzen in der Restaurierungswerkstatt des LDA Halle restauriert, geröntgt, fotografiert und nachgeformt. Ein Knochenstück des linken Oberschenkels wurde als Probe für eine C14-Datierung entnommen, das Ergebnis sowie die anthropologische Untersuchung stehen noch aus.

Die Funde:

Der Knochengriff des bronzenen Pfriems (Abb. 6) wurde aus dem Mittelfußknochen eines Schafes oder einer Ziege gearbeitet (freundliche Mitteilung Dr. H. Döhle, LDA Halle). Das Gerät ist insgesamt 13,5 cm lang, der Knochengriff selbst 9,2 cm. Die Röntgenaufnahme, die in der Restaurierungswerkstatt des LDA Halle von H. Breuer angefertigt wurde, zeigt einen beidseitig zugespitzten Pfriem von 11,5 cm Länge mit einer rhombischen Verbreiterung in der Mitte. Der Durchmesser des Pfriems reicht bis 0,4 cm, am Übergang zur 0,6 cm breiten, rhombischen Stelle ist der Querschnitt eher von rechteckiger Form. Die dickste Stelle des Pfriems befindet sich 1-2 cm innerhalb des Knochenschaftes. Um ein Hin- und Herwackeln zu verhindern, ist die entstandene Lücke zwischen Pfriem und Knochen mit einem Zwischenfutter verkittet worden (Abb. 7).
In der Aunjetitzer Kultur sind diese Pfrieme weit verbreitet, in Mitteldeutschland gelten sie als "Leitfossil der Metallgruppe", in Böhmen, Mähren und der Südwestslowakei sind sie relativ stark, mit weniger Exemplaren im oberen Donauraum, dem Bodenseegebiet und der Ostschweiz vertreten. Im Bereich der mittleren Saale stammen sie vorwiegend aus Grabzusammenhängen (Bartelheim 1998, 82, Taf. 48, Karte 170; Zich, 1996, 213, Karte 79, Taf. 78). Ein bronzener Pfriem mit Knochenschäftung liegt aus dem mitteldeutschen Verbreitungsgebiet der Aunjetitzer Kultur nur aus einem Steinpackungsgrab des frühbronzezeitlichen Gräberfeldes von Obermöllern, Kr. Weißenfels vor (Grimm 1932, 19ff., Grab 11, Taf. 3f). Die beste Entsprechung findet unser Stück aber in einem nahezu identisch geschäfteten Pfriem aus einem Grab des böhmischen Fundortes Zvolenéves, Okr. Kladno (Smolik 1891, Taf. 20,15).
Ein weiterer bronzener Pfriem wurde in dem Gerät vermutet, das parallel am Oberschenkel lag. Erst durch die Röntgenaufnahme wurde deutlich, dass es sich um eine unverzierte (böhmische) Ösenkopfnadel handelte (Abb. 8). Sie ist 12 cm lang mit gebogenem Schaft. Der obere Bereich ist mit einer braungrauen Substanz ummantelt, die bislang noch nicht bestimmt werden konnte. Um einen textilen Stoff handelt es sich nicht, zum jetzigen Zeitpunkt wird darin eine Art Kittmasse gesehen, die als Zwischenfutter zwischen der Nadel und einem Holzgriff eingebracht worden war. Weitere Untersuchungen finden statt. Sollte sich dieser Sachverhalt durch die Untersuchungen bestätigen, so wäre der Nachweis gelungen, dass Nadeln umfunktioniert und als Handwerksgerät - in diesem Fall als Pfriem - benutzt worden sind. Ösenkopfnadeln sind die im Bereich der Aunjetitzer Kultur am häufigsten in den Gräbern auftretenden Nadelformen. Ihr Verbreitungsschwerpunkt liegt eindeutig in Böhmen, aber auch im mittleren Saalegebiet kommen sie in starker Konzentration vor (Bartelheim 1998, 65, Taf. 46, T1.2, Karte 149; Zich 1996, 196ff., Karte 89, Taf. 77).
Unmittelbar neben dem bronzenen Pfriem mit Knochenschäftung lag eine weitere Bronzenadel, mit konischem bzw. kegelförmigem Kopf (Abb. 9). Sie ist 10,5 cm lang, ihr Durchmesser beträgt 0,4 cm. Erst die Röntgenaufnahme ergab, dass der Hals unmittelbar unter dem kegelförmigen Kopf gerade bzw. horizontal durchlocht ist. Nadeln mit kegelförmigem, direkt durchlochtem Kopf fasste B. Zich unter seinem Typ 30E, Var. 1 zusammen (Zich 1996, 200f., Karte 91, Taf. 77). Ihr Vorkommen liegt außerhalb des Aunjetitzer Verbreitungsgebietes an der Odermündung sowie an wenigen Fundorten Mecklenburg-Vorpommerns. Eine einzelne Nadel mit horizontaler Halsdurchlochung und kegelförmigem Kopf wird von M. Bartelheim aus einem Grab des böhmischen Fundortes Plotìštê, Okr. Hradec Králové, angeführt (Bartelheim 1998, 74, Taf. 46). Allerdings sitzt bei dieser Nadel die Durchlochung ca. 1 cm unterhalb des ebenfalls vertikal durchlochten Kopfes. Somit handelt es sich bei unserer Bronzenadel mit horizontaler Halsdurchlochung unmittelbar unterhalb des kegelförmigen Kopfes um eine in Mitteldeutschland bislang unbekannte Nadelform.
Im Hüftbereich des bestatteten Individuums befand sich das 3 cm lange Bruchstück eines Bronzedrahtes, dessen Ende zu einer Schlaufe geformt war (Abb. 10). Es war nicht zu entscheiden, ob hiermit eventuell das Bruchstück einer Spiralkopfnadel vorliegt (Bartelheim 1998, 67, Taf. 46). Für das hakenähnliche Bronzestück, das aus dem Schulterbereich geborgen worden ist, wurden bislang keine Entsprechungen gefunden (Abb. 11). Die in Bronze gearbeitete Wicklung wurde sehr sorgfältig ausgeführt. Eventuell befand sich an einem Ende des Gerätes ein Holzgriff.

Datierung:

Die Frühbronzezeit Mitteldeutschlands (2300 und 1600 v.Chr.) war geprägt von den Trägern der sogenannten Aunjetitzer Kultur (nach dem Fundort Únetice in Böhmen). Das Auftreten von bronzenen Pfriemen und Ösenkopfnadeln ist für eine fortgeschrittene Phase der Aunjetitzer Kultur belegt (ca. 2050-1950 v.Chr.). Ihre größte Verbreitung fanden diese beiden Formen jedoch sowohl im Gebiet der Mittleren Saale als auch in Böhmen während einer späteren Phase der Aunjetitzer Kultur (Bartelheim 1998, 65, 82; Zich 1996, 375f., 382f). Für die bronzene Nadel mit Kegelkopf und horizontaler Halsdurchlochung gibt es keine Entsprechungen. Das Durchlochen der Nadelköpfe ist noch ein frühbronzezeitliches, die Durchlochung des Halsschaftes dagegen bereits ein mittelbronzezeitliches (nach 1600 v.Chr.) Merkmal (Bartelheim 1998, 74; Zich 1996, 201). Für fünf so genannte Lochhalsnadeln stellte jedoch Zich eine frühbronzezeitliche Datierung heraus (Zich 1996, 203f). Durch den Pfriem und die Ösenkopfnadel ist auch für die Schiepziger Kegelkopfnadel mit durchlochtem Hals eine solche Datierung gesichert. Dennoch bleibt mit Spannung das Ergebnis der C14-Datierung aus dem Grab abzuwarten.
Mit dem Befund liegt das Zeugnis eines missglückten Grabraubes vor. Er dürfte einige Zeit nach der Niederlegung stattgefunden haben, da der Bestattete bereits skelettiert gewesen sein musste. Warum die Beraubung nicht zu Ende geführt wurde, erschließt sich uns heute leider nicht mehr, lässt uns aber glücklicherweise eines der mit Bronzen am reichsten ausgestatten frühbronzezeitlichen Gräber zurück. Zweifelsohne dürfte in diesem Grab eine angesehene und wohlhabende Person bestattet worden sein.
Nach der Unterteilung frühbronzezeitlicher Gräber anhand ihrer Ausstattung in sechs Kategorien fällt die Schiepziger Bestattung in Kategorie 4: einer Ausstattung mit mehreren Bronzen, jedoch ohne Gold. Damit hebt sich das Grabinventar von vielen armen Bestattungen ohne Beigaben oder nur mit einem Gefäß deutlich ab (Kategorie 5 und 6). Gräber der Kategorie 3 enthalten außer Bronze auch eine Beigabe aus Gold, wie etwa einen kleinen Lockenring (u.a. Genz/Schwarz 2004, 162ff.). Kategorie 1 und 2 umfassen sogenannte "Fürstengräber" wie die von Leubingen oder Helmsdorf mit reichen Beigaben aus Gold und Bronze, welche auch in der neuen Dauerausstellung des Landesmuseums präsentiert und rekonstruiert wurden.


Literatur
Martin Bartelheim, Studien zur böhmischen Aunjetitzer Kultur - Chronologische und chorologische Untersuchungen. Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie 46. Bonn 1998.

Hermann Genz, Ralf Schwarz, Von Häuptlingen und anderen Oberhäuptern - Reich ausgestattete Gräber in der Frühbronzezeit. Harald Meller (Hrsg.), Der geschmiedete Himmel. Die weite Welt im Herzen Europas vor 3600 Jahren. Halle 2004, 162-165.

Paul Grimm, Ein Friedhof der frühesten Bronzezeit von Obermöllern, Kr. Weißenfels. Jahresschrift Halle 20, 1932, 19-23.

J. Smolik, Hroby se skrčenými kostramì ve Zvolenevsi. Památky Archaeologické 15, 1890-1892, 411-432.

Bernd Zich, Studien zur regionalen und chronologischen Gliederung der nördlichen Aunjetitzer Kultur. Berlin/New York 1996.


Text: Andrea Moser (LDA)Redaktion: Norma Literski (LDA)Internetgestaltung: Steffen Sauer