Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
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Dezember: Der Trinkhornmann von Seehausen

Abb. 1	Der Trinkhornmann von Seehausen.
Abb. 1 Der Trinkhornmann von Seehausen.
Abb. 2	Der Trinkhornmann von Seehausen im Profil.
Abb. 2 Der Trinkhornmann von Seehausen im Profil.
Abb. 3	Bronzestatuette eines "Taschengottes" aus dem Bereich des slawischen Burgwalles von Schwedt, H. 15 cm, 10./11. Jahrhundert; Berlin, Museum für Vor- und Frühgeschichte.
Abb. 3 Bronzestatuette eines "Taschengottes" aus dem Bereich des slawischen Burgwalles von Schwedt, H. 15 cm, 10./11. Jahrhundert; Berlin, Museum für Vor- und Frühgeschichte.
Abb. 4	Vierseitiges Kultbild des Gottes Svantevit aus Zbrucz bei Husjatyn (Ukraine), Kalkstein, H. 260 cm, Br. 30 cm, 1. Hälfte 10. Jahrhundert; Kraków, Muzeum Archeologii i Etnologii.
Abb. 4 Vierseitiges Kultbild des Gottes Svantevit aus Zbrucz bei Husjatyn (Ukraine), Kalkstein, H. 260 cm, Br. 30 cm, 1. Hälfte 10. Jahrhundert; Kraków, Muzeum Archeologii i Etnologii.
Abb. 5	Umzeichnung des pfeilerförmigen Kultbildes aus Zbrucz.
Abb. 5 Umzeichnung des pfeilerförmigen Kultbildes aus Zbrucz.
Abb. 6	Hölzerne Svantevit-Figur aus Wolin (Polen), H 9,8 cm, 2. Hälfte 9. Jahrhundert; Wolin, Instytut Archeologii i Etnologii PAN, Pracownia Archeologiczna w Wolinie.
Abb. 6 Hölzerne Svantevit-Figur aus Wolin (Polen), H 9,8 cm, 2. Hälfte 9. Jahrhundert; Wolin, Instytut Archeologii i Etnologii PAN, Pracownia Archeologiczna w Wolinie.

Der "kleine Zecher mit Trinkhorn" (Abb. 1. 2) ist eine höchst bemerkenswerte Kleinskulptur, die im archäologischen Erbe Mitteldeutschlands ihresgleichen sucht. So unvermutet wie die ursprüngliche Funktion, so ungeahnt ist die inhaltliche Bedeutung der filigranen Halbfigur.

Gefunden hat sie der ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger Günter Wagener, dem die Öffentlichkeit schon manche archäologische Entdeckung zu verdanken hat. Bei einem Kontrollgang auf der Geländeerhebung "Der Burgberg" bei Seehausen, Ldkr. Börde, stieß Wagener im Frühjahr 2004 ohne weitere Fundzusammenhänge auf die Metallstatuette. Ihre Maximalmaße betragen 40 mm Länge, 19 mm Breite und 36 mm Höhe.

Die vollplastische Bronzefigur zeigt den Oberkörper eines wohl bärtigen Mannes mit Mütze oder Kappe, dessen Unterkörper mit einem fassförmigen Gebilde verschmilzt. Beine sind schon nicht mehr dargestellt. Der durchbrochen gearbeitete Fasszylinder besteht dreiseitig aus x-förmig gekreuzten Doppelbändern mit Kerbdekor und Knubben; die Unterseite ist als dreistreifiges Band gestaltet. Der bronzene Zylinder umschließt - offenbar im Überfangguss angebracht - einen Eisenstab, dessen Bruchflächen an beiden Enden zeigen, dass wir es hier insgesamt mit einem Fragment zu tun haben.

Das Männchen allein hat mit 23 mm etwa halbe Daumenhöhe. Augen, Nase und Mund sind markant herausgearbeitet. Die Modellierung von Kinn- und Wangenpartie erweckt den Eindruck eines Bartes. Nahezu pathetisch sind beide Arme bogenförmig nach vorne ausgestreckt, in der rechten Hand ein Trinkhorn haltend und mit der überproportionierten linken Hand herbeiwinkend. Mimik und Geste wirken einladend.

Aber wer ist hier dargestellt? Was symbolisiert diese Figur? Ist das Fragment überhaupt alt? Handelt es sich womöglich um die Deckelfigur eines studentischen Bierseidels aus der "guten alten Zeit"?

Alt-Heidelberg-Romantik lässt grüßen. Trotz weitgestreuter Nachfragen konnte zunächst niemand das Fundstück plausibel identifizieren. Innerhalb der Materie archäologischer Betrachtungen erinnert die Statuette stilistisch an slawische "Taschengötter" (Abb. 3) und wikingische Götterfigürchen des 10.-12. Jahrhunderts - amulettartige Idole des persönlichen Kultgebrauchs, von denen Schriftquellen wie die Biographie des Slawenmissionars Otto von Bamberg für das frühe 12. Jahrhundert künden. Allerdings sind sie nur in geringer Zahl überliefert. Und tatsächlich ist die Figur in dieses nordosteuropäische Kulturmilieu einzuordnen.

Die entscheidenden Hinweise gab der renommierte Slawenforscher Ingo Gabriel aus Schleswig, der nicht nur die eingangs zitierte Bezeichnung prägte, sondern der vor allem in dem Fundstück den Stachel bzw. Stimulus eines plastisch verzierten Reitersporns erkannte. Derartige Prunksporen sind absolut selten; und auffälligerweise sind den relevanten Referenzstücken die einst separat eingezapften Spornstacheln abhanden gekommen. Im vorliegenden Fall ist der mit einer szenisch arrangierten Figurengruppe verzierte Sporenbügel aus dem mecklenburgischen Groß Bünsdorf (9./10. Jahrhundert) in der Sammlung des Archäologischen Landesmuseums Schwerin qualitativ am ähnlichsten.

Der plastische Figurenschmuck, mit dem solche slawischen Prunksporen verziert sind, bezieht sich zweifelsohne auf religiöse Glaubensvorstellungen ihrer Träger. Das gilt auch für unseren Mann mit dem Trinkhorn, dessen demonstrativ präsentiertes Attribut ein wesentlicher Hinweis auf den vierköpfigen Gott Svantevit ist. Jener war die oberste Gottheit mehrerer Slawenstämme im Elbe- und Ostseeraum und hieß regional verschieden auch Sveti Vid, Svetovit, Swietowit oder ähnlichen Namens. Auf Kultplätzen verkörperten ihn hölzerne oder steinerne Großstatuen mit vier Gesichtern, die in verschiedene Richtungen blickten (Abb. 4-6). Zur eindeutigen Kennzeichnung waren diese säulenartigen Idole entweder mit einem realen oder einem abgebildeten Trinkhorn versehen (s. Abb. 4. 5).

Hierzu beschreibt der dänische Chronist Saxo Grammaticus Ende des 12. Jahrhunderts die kolossale Svantevit-Figur im Tempel von Arkona auf der Insel Rügen, deren Trinkhorn einmal im Jahr mit Wein gefüllt wurde, um anhand dessen Pegelstandes und Beschaffenheit Weissagungen über kommende Ernten zu treffen. Bei dieser Zeremonie ehrt der Tempelpriester seinen Gott durch scheinbares Zutrinken mit diesem Horn. Der Priester bewahrte auch die geweihten Waffen und Geräte. Nur ihm war es erlaubt, das geheiligte Reitzeug anzulegen, um auf Svantevits Schimmel rituelle Umritte zur Weissagung des Kriegsglücks zu zelebrieren. Die für die Darstellung einiger Slawengötter charakteristische Mehrköpfigkeit symbolisiert deren vielfältige Machtfülle. Auch bei kleinformatigen und vereinfacht gestalteten Versionen fehlt dieses ikonographische Element nicht (s. Abb. 6). Daher dürfte die einköpfige Seeburger Statuette wohl nicht Svantevit selbst personifizieren, sondern einen Anbeter. Am ehesten ist an einen sakralen Repräsentanten des Gottes zu denken, etwa einen Priester, der in eine szenische Darstellung mit den Figuren auf dem nun verlorenen Sporenbügel eingebunden war.

Womöglich war der einstige Sporn mit der Anbeterfigur tatsächlich eine Weihegabe für ein Svantevit-Heiligtum und somit in priesterlicher Obhut. In seiner großen Dänenchronik berichtet Saxo allerdings auch von einer zahlenstarken Reitergarde, die den Tempel von Arkona schützte und mit Beute belieferte. Auch zu einem solchen Tempelkrieger würde unser Sporn sehr gut passen. Vielleicht verfügten auch hiesige Svantevit-Kultstätten über solche auserwählten Recken.

Doch unabhängig von solchen Spekulationen bleibt die Tatsache, dass die Zelebranten-Figur eines der seltenen mittelalterlichen Bildwerke slawischen Ursprungs in Mitteleuropa ist.


Literatur:Albrecht 1928Chr. Albrecht, Slawische Bildwerke. Mainzer Zeitschrift 23, 1928, 46-52.Gabriel/Muhl (in Vorbereitung)I. Gabriel/A. Muhl, Der slawische Trinkhornmann von Seehausen. Präsentation und Interpretation einer frühmittelalterlichen Kleinskulptur. Jahresschr. mitteldt. Vorgesch. Halle 94 (in Vorbereitung).Herrmann 1901P. Herrmann, Erläuterungen zu den ersten neun Büchern der Dänischen Geschichte des Saxo Grammaticus, Teil 1: Übersetzung (Leipzig 1901).Herrmann 1922P. Herrmann, Erläuterungen zu den ersten neun Büchern der Dänischen Geschichte des Saxo Grammaticus, Teil 2: Kommentar (Leipzig 1922).Nowak 2006H. Nowak, Seehausen - Börde. Abriß der Siedlungsgeschichte einer Landstadt (KleinWanzleben 2006) S. 19.Wiezcorek/Hinz 2000A. Wieczorek/H.-M. Hinz, Europas Mitte um 1000. Katalog (Stuttgart 2000).

 

 


AbbildungsnachweisAbb. 1. 2    Juraj Lipták (München)Abb. 3        Wiezcorek/Hinz 2000, 138 Abb. 05.01.07.Abb. 4        Wiezcorek/Hinz 2000, 135 Abb. 05.01.01.Abb. 5        Nach Albrecht 1928, 49 Abb. 8.Abb. 6        Wiezcorek/Hinz 2000, 138 Abb. 05.01.08.

 



Text: Arnold Muhl (LDA)
Redaktion: Tomoko Emmerling
Internet: Steffen Sauer