Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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September: Ein Bischofsring im Swimmingpool?

Der Goldring von Tangermünde
Der Goldring von Tangermünde

 Die Erweiterung des auf dem Burgberg Tangermünde eingerichteten Schlosshotels um einen modernen Wellnessbereich, inkl. eines Swimmingpools, machte von Oktober bis November 2009 eine archäologische Baubegleitung der Ausschachtungsarbeiten im nördlichen Bereich der Burg notwendig. Neben alten Mauerzügen und Pfostensetzungen eines Gebäudes mit mindestens zwei Innenräumen mit Estrichboden und einem Eingang im Westen, fanden sich Fragmente mittelalterlicher und neuzeitlicher Keramik, jedoch nicht eher als aus dem 13. Jahrhundert. Holzkohlenschichten lassen ein Schadfeuer vermuten, in dessen Folge möglicherweise das Gebäude aufgegeben wurde. Eine ausführliche Auswertung steht zwar noch aus. Ein besonderer Fund allerdings wirft ein Schlaglicht auf eine der Blütezeiten der Anlage, die selbst eine wechselvolle Geschichte aufweist:

Stadtansicht von Tangermünde mit Kirche und Burg
Stadtansicht von Tangermünde mit Kirche und Burg

 Die Anfänge der Burg liegen, wie so oft, im Dunkeln. Möglicherweise hatten bereits die Slawen hier eine Burganlage errichtet. Im Zuge der Ungarnabwehr ließ König Heinrich I. 925 zum Schutz der Furt auf einem Plateau über dem Elbufer eine Grenzburg errichten. 1009 ist hier eine civitas urkundlich erwähnt. Südwestlich der Burg entwickelte sich vermutlich im 12. Jahrhundert eine Marktsiedlung, die im frühen 13. Jahrhundert das Stadtrecht erwarb und als Mitglied der Hanse (seit 1368) im 14. und 15. Jahrhundert einen beachtlichen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte. Die Burg selbst war seit dem 11. Jahrhundert zunächst im Reichsbesitz, bevor sie nach 1170 in den Besitz der Brandenburgischen Markgrafen überging. Unter Otto I. und dessen Sohn Heinrich von Gardelegen erfuhr die Anlage einen bedeutenden Ausbau. Nach 1192 trugen die Markgrafen ihren Besitz in Tangermünde dem Erzstift Magdeburg zu Lehen auf, die Verwaltung erfolgte durch Vögte. Die Burg war zwischen 1343 und 1373 als Vogtei zeitweilig sogar an das Stift verpfändet, bevor sie Kaiser Karl IV. zusammen mit der Mark Brandenburg 1373 erwarb. Eine heute immer noch verbreitete Legende besagt, dass Tangermünde nur knapp daran gescheitert sei, anstelle von Berlin die spätere Hauptstadt der Deutschen zu werden. Schließlich habe Karl IV. seine nördliche Residenz hier einzurichten begonnen, jedoch sei durch den sogenannten „Bieraufstand“ - eine kommunale Revolte von 1488, die sich an einer Biersteuer entzündete und die Kurfürst Johann Cicero von Brandenburg dazu bewogen habe, seine Residenz nach Cölln zu verlagern - diese historische Chance vertan worden. Zwar gibt es mittlerweise neue Erkenntnisse dazu, dass sich der Ausbau der Burg Tangermünde unter Karl IV. weniger umfangreich als bislang vermutet ausnahm und auch die Entscheidung für Cölln schon vor 1488 gefallen sein muss, unbestreitbar ist jedoch der darauffolgende Niedergang Tangermündes: Nach einigen Stadtbränden und den Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges stieg der Ort schließlich zur eher unbedeutenden Landstadt ab. Das 19. Jahrhundert entdeckte das romantische Stadtbild Tangermündes als „Rothenburg des Nordens“ wieder neu. Schon früh setzten sich hier Denkmalschutz und bürgerliches Engagement für den historischen Erhalt ein. Das heutige Bild der 1640 durch schwedische Truppen verwüsteten Burganlage ist indes stark durch den 1902 von Kaiser Wilhelm II. veranlassten Wiederaufbau im historistischen Stil durch Paul Möbius geprägt.

  Ein Fund aus der Zeit der brandenburgischen Markgrafen gibt nun jedoch Rätsel auf: Leider nur als Sammelfund geborgen, kam bei den Ausschachtungsarbeiten für das neue Schwimmbad des Schlosshotels ein großer goldener Ring mit eingelegtem Glasstein zutage. Die runde Ringschiene ist aus massivem Golddraht geschmiedet. Zur Aufnahme des Steines dient eine dünne, aus vergoldetem Blech montierte zweiteilige ovale Zargenfassung mit konisch zulaufendem Oberteil, die an die Schiene angelötet wurde. Ehemals hielten vier außen angelötete (davon drei nur noch fragmentarisch erhaltene), drahtförmige Krappen einen ovalen dunkelblauen Stein aus Glasfluss, der allerdings schlecht erhalten blieb.

Die Form der Zarge, die sowohl in runder als auch in rechteckiger Ausführung vorkommt, hat Parallelen im 12. und 13. Jahrhundert. Die ältesten Exemplare stammen aus England, etwa aus dem Grab des Bischofs William de St. Barbe (gest. 1152) in Durham oder aus der Nähe des Grabes des englischen Königs Wilhelm II der Rote (gest. 1100). Auch ein Bischofsring aus Lausanne (CH), der vermutlich dem heiligen Amédée zugeordnet werden kann (gest. 1159), gehört zu den frühesten Exemplaren.

Weitere datierbare Fassungen an Fingerringen oder anderen Goldschmiedearbeiten belegen eine Verwendung dieses Fassungstyps mindestens bis in die Mitte des 13. Jahrhunderts, etwa bei dem als Insignie mit ins Grab gegebenen Ring des Schleswiger Bischofs Nikolaus I. (gest. 1233). Ebenfalls aus dem frühen 13. Jahrhundert stammt ein Bischofsring aus der Kirche Nôtre-Dame im belgischen Namur und aus der Mitte des 13. Jahrhunderts das Exemplar aus dem Würzburger Dom.

In ähnlicher Form kommt die Fassung auch bei zwei Ringen vom Schatzfund von Fuchsenhof (Österreich, niedergelegt 1278) vor. Mutmaßliche Altstücke finden sich noch während der ersten Hälfte des 14. Jahrhundert im Schatzfund von Treuenbrietzen, im Schatzfund von Münster sowie im Schatzfund von Pritzwalk.

Der Fassungstyp, dessen Aufgabe in der optischen Vergrößerung des Steines und der Maximierung des seitlichen Lichteinfalls liegt, diente jedoch nicht nur der Zierde von Schmuckstücken, sondern fand auch bei sakralen Goldschmiedearbeiten von Großbritannien und Skandinavien, über Frankreich, Deutschland, Schweiz und Ungarn bis nach Italien weite Verbreitung: Etwa am Büstenreliquiar des heiligen Pantaleus im ehemaligen Basler Münsterschatz, bei einer Riemenzunge aus dem Grab der Konstanze von Ungarn und Sizilien (gest. 1222), an der Krone Přemysl Otakars I. in Prag (gest. 1230) und bei der Basler Grabkrone der Königin Anna von Habsburg (gest. 1281) lassen sich derartige Steinfassungen belegen, bei letzterer offenbar schon in traditioneller Verwendung.

Bischofsring von Nôtre-Dame in Namur
Bischofsring von Nôtre-Dame in Namur
Ring aus dem Würzburger Dom
Ring aus dem Würzburger Dom

 Der am Finger getragene Ring gehört nicht erst seit den Metallzeiten zum Schmuckrepertoire. Seine Funktion ist dabei vielfältig: Das Spektrum reicht vom reinen Fingerschmuck über Ringe mit praktischem Nutzen, wie Siegel-, Uhren- oder sogar Giftringe, bis hin zu symbolisch aufgeladenen Objekten wie mit Inschriften versehenen Zauberringen, Verlobungs- und Eheringen sowie Herrschaftsringen als kostbare Würdezeichen geistlicher und weltlicher Würdenträger. Gerade bei Bischöfen spielt der Ring als Insignie eine große rechtliche Rolle, verlieh man den Bischöfen doch anlässlich ihrer Weihe mittels des Ringes und des Krummstabes die Investitur. Diese Weiheringe, die gewöhnlich am Ringfinger der rechten Hand getragen wurden, waren aber nicht die einzigen Ringe, über die ein Bischof verfügte: Hinzu kamen Pontifikalringe, Siegelringe und auch reine Schmuckringe. Gewöhnlich bestanden Investitur- und Pontifikalringe aus Gold oder vergoldetem Silber und waren mit einem oder mehreren Edelsteinen geschmückt. Die Oberflächen von Ringschiene und Stein durften dabei nicht mit ornamentalen Darstellungen verziert sein. Der relativ weite Innendurchmesser des Tangermünder Ringes spricht tendenziell für einen männlichen Träger, der den Ring evtl. über einem Handschuh trug. Ähnliche Durchmesser weisen auch die Stücke aus den oben genannten Bischofsgräbern auf.

Bei dem in Tangermünde gefundenen Exemplar vom Ende des 12. bzw. Anfang des 13. Jahrhundert könnte es sich im Hinblick auf die Vergleichstücke also durchaus um einen Bischofsring handeln oder zumindest um den eines höheren geistlichen oder weltlichen Würdenträgers.

Allerdings ist zu bedenken, dass die in die Gräber mitgegebenen Exemplare meist nachrangige Stücke darstellten, die stellvertretend für die wertvolleren, an die Nachfolger weitergereichten Ringe dienten. Ein Indiz hierfür könnte auch der hier verwendete Glasstein (an Stelle eines echten Edelsteins) sein, wobei die Verwendung von Glas nicht unbedingt auch von den Zeitgenossen als minderwertiger Ersatz empfunden worden sein musste, ließen sich doch so auch Farbigkeiten und Muster erzeugen, die mit den gängigen Juwelen nur schwer oder gar nicht zu erreichen waren - selbst in den Bischofsgräbern finden sich daher Nachahmungen aus sogenannten Glaspasten. Die blaue Färbung des Glases erinnert hingegen an die für Bischofsringe beliebten Saphire. Dieser Stein weist nämlich in mugeligem, nach außen gewölbtem Schliff (sog. Cabochon-Schliff) oftmals einen Asterimus-Effekt auf, also die Eigenschaft, das einfallende Licht in hellen Lichtbögen oder Streifen so zu reflektieren, dass die Form eines Sterns oder, vorzugsweise, eines Kreuzes entsteht.

Letztlich lässt sich über den Träger des Ringes und den Anlass, bei dem ein solch auffälliger Ring verloren gegangen sein mag, natürlich nur spekulieren. Sicher ist nur, dass die Burg Tangermünde immer noch nicht alle ihre Geheimnisse preisgegeben hat.

 

Literatur in Auswahl:

Chadour/Joppien 1985: A. B. Chadour/R. Joppien, Schmuck II. Fingerringe. Kataloge des Kunstgewerbemuseums Köln, Band X ( Köln 1985).

Frommhagen 2008: Ulf Frommhagen: Die Stellung der Elbburg Tangermünde innerhalb der altmärkischen Burgenlandschaft vom 9. bis 12. Jahrhundert, in: Burgen und Schlösser in Sachsen-Anhalt, H. 17, 2008, S.38-91.

Prokisch/Kühtreiber 2004: B. Prokisch/T. Kühtreiber (Hrsg.), Der Schatzfund von Fuchsenhof. Studien zur Kulturgeschichte von Oberösterreich, Folge 15. (Linz 2004), insb. 125-128 und 263-265.

Tegerhoff 2002: R. Tegerhoff, Der Schatzfund aus dem Stadtweinhaus in Münster. ZAM 30, 2002, 3-32.

Ward u. a. 1987: A. Ward u. a., Der Ring im Wandel der Zeit (München 1987).

 

Abbildungsnachweise:

Abb. 1: © LDA Sachsen-Anhalt Foto: A. Hörentrup.

Abb. 2: © LDA Sachsen-Anhalt Foto: J. Lipták.

Abb. 3: Prokisch/Kühtreiber 2004, 787.

Abb. 4: © Kunstreferat der Diözese Würzburg.

 

Text: Mirko Gutjahr (LDA)
Redaktion: Tomoko Emmerling
Internet: Ralf Bockmann