Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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März: Eimer, Münze, Trinkpokale: Kaiserzeitliche Bestattungen mit außergewöhnlichen Beigaben im östlichen Sachsen-Anhalt

Die Fundstelle und ihre Ausgrabung

Abb. 1: Die Sanddüne zu Grabungsbeginn im März 2010.
Abb. 1: Die Sanddüne zu Grabungsbeginn im März 2010.

Genau vor einem Jahr, im März 2010, fand auf einer Sanddüne im Landkreis Wittenberg eine zweiwöchige Rettungsgrabung des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt statt (Abb. 1. 2). Obwohl das Gelände aufgrund seines archäologischen Fundniederschlags seit 1976 unter denkmalrechtlichem Schutz steht, war die Rettungsgrabung durch den jahrzehntelangen und immer noch stattfindenden illegalen Sandabbau mehr als notwendig geworden. Aufgrund der Auskofferung im mittleren Bereich und der daraus folgenden Erosion rutschten immer wieder Sandlagen von der Kuppe ab. Permanent von der Hügelkante ausbrechende Urnengräber und Scherbenreste gefährdeten den Fundplatz stark. Als konkreter Hintergrund für die Rettungsgrabung diente vor allem der Fund des ehrenamtlichen Bodendenkmalpflegers Wolfgang Donath: Bei einer Ortsbegehung stieß er auf zwei verzierte Gewandspangen aus Silber mit langem Nadelhalter, welche in die späte Römische Kaiserzeit (3./4. Jh. n. Chr.) datieren (Abb. 3).

Die Grabung begann mit der Anlage eines Rasters von 5 Teilbereichen á  5 m x 5 m rund um die gefährdeten Bereiche am Rande der Sandgrube. Die Zusammensetzung des Fundmaterials war insgesamt recht inhomogen: vermischte Keramikscherben der Bronze- und der Kaiserzeit (hier auch Drehscheibenware), dazu Bronze- und Eisenfunde, Leichenbrand, unverbrannte Tierknochenreste und geschmolzene Glasfragmente. Dieses Befundbild ist auf einstige Waldarbeiten zurückzuführen, welche einen Großteil der ursprünglichen Befunde im oberen Bereich zerstört hatten. Hierfür spricht neben dem Erscheinungsbild der oft diffusen, undeutlichen Verfärbungen auch die ungleiche Verteilung und Qualität des geborgenen Fundmaterials.

Insgesamt gab die Sanddüne - eine der letzten, wenigen Dünen aus der Eiszeit in dieser Gegend - im Zuge der Grabung auf einer Fläche von rund 125m2 insgesamt 29 Befunde preis, wobei neben Lausitzer Urnengräbern der späten Bronzezeit (1.200 bis 800 v. Chr.) vor allem einige beachtenswerte Funde der späten Römischen Kaiserzeit (150 bis 375 n. Chr.) zutage traten. Drei besonders herausragende Beispiele sollen hier vorgestellt werden.

Abb. 2. und 3.: Grabungsfläche nach Abzug der oberen Sandschicht. Blick nach Südwesten. Das Grabungsteam an der Fundstelle der beiden Silberfibeln.
Abb. 2. und 3.: Grabungsfläche nach Abzug der oberen Sandschicht. Blick nach Südwesten. Das Grabungsteam an der Fundstelle der beiden Silberfibeln.

Die kaiserzeitlichen Urnengräber

Einen Höhepunkt der Grabungsarbeiten stellte die Entdeckung von zwei ungestörten Urnengräbern mit jeweils drei kompletten Gefäßen dar. Eines der Urnengräber kann ersten Vermutungen zufolge möglicherweise als die Bestattung einer hochrangigen Person angesprochen werden, Gewissheit wird hier jedoch erst die eingehendere wissenschaftliche Untersuchung bringen.

Im Grabungsareal A2 zeichnete sich im Planum 1B sehr deutlich eine kreisrunde, fast schwarze Verfärbung ab. Beim Anlegen des Profilschnittes stellte sich heraus, dass es sich um ein Urnengrab mit einer Urne und zwei Beigefäßen handelte (Abb. 4), wovon eines aufgrund seiner Lage wahrscheinlich als Deckschale Verwendung gefunden hat. In der Grubenfüllung und in den Beigefäßen dieses Befundes 17 fanden sich Reste eines verzierten Knochenkammes (Abb. 5) und einige Metallreste, z.B. in Form kleiner Ringe aus Eisen (Abb. 6). Der Erhaltungszustand war relativ gut, allerdings wiesen die Gefäße feine Haarrisse auf. Zur Sicherung der Gefäße erfolgte eine Bergung im Gipsblock.

Abb. 4: Befund 17. Kaiserzeitliche Bestattung mit insgesamt drei Gefäßen.
Abb. 4: Befund 17. Kaiserzeitliche Bestattung mit insgesamt drei Gefäßen.
Abb. 5: Befund 17. Knochenkamm mit Kreisaugenverzierung.
Abb. 5: Befund 17. Knochenkamm mit Kreisaugenverzierung.
Abb. 6: Befund 17. Kleine eiserne Ringe, gefunden in einem Beigefäß.
Abb. 6: Befund 17. Kleine eiserne Ringe, gefunden in einem Beigefäß.

Eine weitere, unregelmäßige fleckige Verfärbung differenzierte sich nach Abtiefen des Planums in ein Urnengrab der späten Römischen Kaiserzeit (Befund 14) und ein Brandschüttungsgrab gleicher Zeitstellung (Befund 24). Letzteres war in Teilbereichen durch Forstarbeiten gestört. Neben Leichenbrand und Keramikresten konnte sehr kleinteilige Drehscheibenware, eine römische Münze mit einer kleinen Durchbohrung und Metallreste geborgen werden. Die Münze war sehr gut erhalten und trägt die Aufschrift „IMP C PROBUS PF AVG“ und „FIDES MILITVM“ (Abb. 7. 8). Recherchen ergaben, dass der römische Kaiser Marcus Aurelius Probus (reg. 276-282 n. Chr.) darauf abgebildet ist. Die Durchbohrung der Münze lässt vermuten, dass sie als Schmuckanhänger Verwendung gefunden hat.

Abb. 7: Befund 24. Vorderseite der Münze.
Abb. 7: Befund 24. Vorderseite der Münze.
Abb. 8: Befund 24. Rückseite der Münze.
Abb. 8: Befund 24. Rückseite der Münze.
Abb. 9: Befund 14. Kaiserzeitliches Urnengrab mit  großer Graburne (links im Bild) und einem zerdrückten, mit Noppen verzierten Standfußgefäß.
Abb. 9: Befund 14. Kaiserzeitliches Urnengrab mit großer Graburne (links im Bild) und einem zerdrückten, mit Noppen verzierten Standfußgefäß.
Abb. 10: Befund 14. Grabinventar. Aus der Urne konnten die beiden Standfußpokale, ein Messer aus Eisen, ein Spinnwirtel, ein Schmuckanhänger und weitere Gegenstände geborgen werden.
Abb. 10: Befund 14. Grabinventar. Aus der Urne konnten die beiden Standfußpokale, ein Messer aus Eisen, ein Spinnwirtel, ein Schmuckanhänger und weitere Gegenstände geborgen werden.

Der Befund 14 zeichnete sich als kreisrunde Grube mit schwarzem Verfüllsediment sehr deutlich ab. Nach dem Abtiefen des Planums wurde deutlich, dass es sich um ein Urnengrab mit mehreren Gefäßen handelte; es setzte sich aus einer großer Graburne, einem schlichten Beigefäß sowie einem zerdrückten Standfußbodengefäß mit unterschiedlichen plastischen Verzierungen zusammen (Abb. 9). Im Inneren der Urne fanden sich Metallfragmente (z.B. Reste eines metallbeschlagenen Holzeimers), ein eisernes Messer, ein Spinnwirtel, ein Schmuckstück mit zwei Eimeranhängern und zwei kleine Trinkpokale aus Keramik (Abb. 10).

Das Grab einer Frau?

Die meisten Metallfragmente aus der Graburne des Befundes 14 sowie die umgeschlagenen Nägel lassen sich einem metallbeschlagenen Holzeimer zuordnen, der mit halbmondförmigen Anhängern verziert war (Abb. 11. 12). Weitere Metallbänder können nicht zum Eimer gehört haben; vielleicht sind es die Überreste eines Holzkastens, der mit einem Eisenband zusammengehalten wurde. Einer der eisernen Schlüssel (siehe Abb. 11.) gehörte wahrscheinlich ebenfalls zu diesem Kästchen. Zusammen mit dem Spinnwirtel, dem eisernen Schmuckstück mit Eimeranhängern (Abb. 13) und dem kleinen eisernen Messer (Abb. 14) legen diese Beobachtungen den Schluss nahe, dass man hier die Bestattung einer Frau vor sich hat. Die anthropologischen Untersuchungen des Leichenbrandes stehen jedoch noch aus. Generell sind die aufgezählten Funde und vor allem der Holzeimer für diese Zeitstellung selten und deuten durchaus auf das Grab einer höhergestellten Person hin.

Abb. 11: Befund 14. Aus der Graburne geborgene Reste des Holzeimers mit halbmondförmigen Anhängern sowie ein eiserner Schlüssel (roter Pfeil).
Abb. 11: Befund 14. Aus der Graburne geborgene Reste des Holzeimers mit halbmondförmigen Anhängern sowie ein eiserner Schlüssel (roter Pfeil).
Abb. 12: Befund 14. In der Graburne gefundene, rechtwinklig umgeschlagene Nägel und weitere Metallreste des Eimers.
Abb. 12: Befund 14. In der Graburne gefundene, rechtwinklig umgeschlagene Nägel und weitere Metallreste des Eimers.
Abb. 13: Befund 14. Eisernes Schmuckstück mit zwei Anhängern in Eimerform.
Abb. 13: Befund 14. Eisernes Schmuckstück mit zwei Anhängern in Eimerform.
Abb. 14: Befund 14. Eiserne Messerklinge.
Abb. 14: Befund 14. Eiserne Messerklinge.

Die Untersuchung des Urneninhaltes in der Werkstatt des Landesamtes ergab, dass der hier gefundene Sand von kleinen Schmelzkügelchen aus Eisen, Bronze und Silber durchsetzt war (Abb. 15.). Eventuell ist ein Silberfibelpaar bei der Leichenverbrennung mit geschmolzen.

Résumé

Während der Grabungskampagne entlang des stark gefährdeten Bereiches an der Sandgrubenkante konnten Grabkomplexe der späten Bronzezeit (Lausitzer Kultur) und der späten Römischen Kaiserzeit dokumentiert werden. Die Gräber der Bronzezeit waren allesamt durch Aufforstungen gestört, und es konnten nur noch Restinformationen zu diesen Grabkomplexen zusammengetragen werden.

Die Befunde der späten Römischen Kaiserzeit waren nur in Teilbereichen gestört, zwei Grabgruben waren unversehrt und enthielten neben der Urne, den Leichenbrandresten und reichlichen Metallbeigaben verschiedene Beigefäße in unterschiedlich gutem Erhaltungszustand. Die Gräber der in dieser Region beheimateten Elbgermanen weisen meist die Tradition der Urnenbestattung auf. Im Gegensatz zu den Bestattungen der Nord- und Westgermanen sind diese Urnengräber in der frühen römischen Kaiserzeit meist reich mit Grabbeigaben versehen. In der späten Römischen Kaiserzeit werden die Grabbeigaben weniger, vor allem Waffen werden als Beigabe selten. Münzdatierte Gräber sind für die späte Römische Kaiserzeit Mitteldeutschlands selten und als Brandgräber bisher nicht belegt. Das dreieckige Schmuckstück mit den ursprünglich drei Eimeranhängern stellt eine kleine Besonderheit dar; bislang gibt es nur eine Parallele: ein fast identisches Fundstück der Przeworsk-Kultur aus Opatów in Polen.
Insgesamt erbrachte die archäologische Untersuchung im Bereich der Hangkanten trotz der modernen Eingriffe einige spannende Befunde, deren künftige wissenschaftliche Auswertung noch manche interessante Beobachtung erwarten lässt.

 

Abb. 15: Befund 14. Metallschmelzkügelchen aus Silber, Bronze und Eisen, aus der großen Graburne.
Abb. 15: Befund 14. Metallschmelzkügelchen aus Silber, Bronze und Eisen, aus der großen Graburne.

Literatur

Becker 2006:
Anke Becker, Die metallbeschlagenen germanischen Holzeimer der Römischen Kaiserzeit. In: Jahrbuch des Römisch-Germanischen-Zentralmuseums Mainz, 53. Jahrgang, 2006, Teil 2, 345-521.

Klausnitzer 1977:
Kurt Klausnitzer, Ur- und Frühgeschichtliche Bodendenkmäler und Funde - Kreis Jessen/Elster.

Langhammer/Schiefer 2011:
Sven Langhammer/Brigitte Schiefer. In: Günther, L. (Hrsg.) Heimatkalender für das Jessener Land, Funde sogar aus Roms Kaiserzeit, Die Rettungsgrabung in der Sandgrube Axien-Hohndorf, 101-104.

 

Abbildungsnachweis:

Abb. 1. 2. 4. 5. 9: Brigitte Schiefer
Abb. 3: Wolfgang Donath
Abb. 6-8. 10-14. Andrea Hörentrup (LDA)
Abb. 15: Heiko Breuer (LDA)

 

Text: Jana Harnisch (LDA) und Brigitte Schiefer (LDA) Redaktion und Internet: Tomoko Emmerling