Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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November: Ein mittelalterlicher Schnabelschuh vom Zerbster Markt

In den Jahren 2009 und 2010 wurde der Marktplatz in Zerbst einer großflächigen Umgestaltung unterzogen. Durch eine baubegleitende Dokumentation konnten zahlreiche neue Erkenntnisse gewonnen werden. Die Stadt Zerbst bestand im Mittelalter aus einer Burgsiedlung mit der Kirche St. Bartholomäi und der Marktsiedlung. St. Bartholomäi wurde im Jahr 1215 durch den Pfarrer Heinricus anlässlich einer Altarweihe erstmals urkundlich erwähnt.

Abb. 1: Nikolaikirche mit dem durch das Rathaus getrennten Holzmarkt
Abb. 1: Nikolaikirche mit dem durch das Rathaus getrennten Holzmarkt

Zur Marktsiedlung gehörte die Kirche St. Nikolai, welche den kirchlichen Mittelpunkt der Marktsiedlung bildete. Eine Weihe oder Erbauung ist für das Gotteshaus nicht belegt. Baugeschichtlich lassen sich die ältesten Reste jedoch in das 12. Jahrhundert datieren. St. Nikolai befindet sich auf einem Ost-West verlaufenden Höhenzug. Das Marktgelände vor der Kirche steigt allmählich von Süden aus an. Nach Reinhold Specht gab es schon um 1300 ein geregeltes Markttreiben in Zerbst. Um die Stadtkirche St. Nikolai existierten der „Fischmarkt“, die „Schleibank“, der „Viehmarkt“ und der „Salzmarkt“. Laut Specht war der heutige „Markt“ damals der „Holzmarkt“. Er sei ursprünglich nichts anderes als eine der auffällig breiten Straßen in der Stadt gewesen und bezog den heutigen „Hohenholzmarkt“ noch mit ein. Beide bildeten eine Fluchtlinie, denn der die Märkte heute trennende Rathausbau erfolgte erst in der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts. (Abb.1)

Abb. 2: Zerbster Markt Anfang des 20 Jahrhunderts.
Abb. 2: Zerbster Markt Anfang des 20 Jahrhunderts.

Der „Holzmarkt“ verlief wie eine Tangente entlang des Marktzentrums um St. Nikolai, da der Holzhandel viel Platz erforderte. Im Schoßregister von 1394 wurden „Holzmarkt“ beziehungsweise „Oberster oder Hoherholzmarkt“ erstmalig unterschieden. Bis dahin wurden beide gemeinsam als „Holzmarkt“ bezeichnet. Er übernahm seit dieser Zeit die Führung als Zentrum für das allgemeine Marktleben der Stadt, ohne jedoch die anderen Sondermarktstätten auszuschalten; es fand lediglich eine Verlagerung des Mittelpunktes statt.

Die topografische Situation des Marktes hat sich seit dem Hohen Mittelalter nicht wesentlich geändert. (Abb. 2)

Abb. 3: Reste der Siedlungsgruben
Abb. 3: Reste der Siedlungsgruben

Das konnte durch die baubegleitende archäologische Untersuchung in den Jahren 2009 und 2010 nachgewiesen werden. Interessant ist, dass der obere Bereich des Marktes ungefähr ab der Einmündung „Brüderstrasse“ Plan angelegt wurde. Belegen lässt sich dies durch in diesem Bereich vorhandene eisenzeitliche Gruben, die nur noch 10-20 cm tief im anstehenden Kiesboden vorhanden waren. Der obere Bereich der Gruben ist durch die Einebnung des Geländes abgetragen worden. (Abb.3)

Über den eisenzeitlichen Gruben lag eine ein Meter mächtige feuchte, schwarze Schicht mit dem typischen Geruch verrottender organischer Substanz. (Abb. 4)

Hauptbestandteil dieser Schicht waren Stroh, Holz und Holzspäne. Teilweise fanden sich recht gut erhaltene Dauben kleiner Gefäße. Aber auch Lederreste waren sehr gut erhalten. Es handelte sich hier um Produktionsabfälle der Böttcher und der Schuhmacher, die hierdurch nachgewiesen werden konnten. Unter den erhaltenen Lederresten fanden sich auf der Höhe des Grundstückes Markt Nr. 28 auch Teile eines Schuhs (Abb. 5).

Abb. 4: Die Schicht aus verrottender organischer Substanz.
Abb. 4: Die Schicht aus verrottender organischer Substanz.
Abb. 5: Schuhreste vom Zerbster Markt im Auffindungszustand.
Abb. 5: Schuhreste vom Zerbster Markt im Auffindungszustand.
Abb. 6: Schnabelschuh nach der Trocknung.
Abb. 6: Schnabelschuh nach der Trocknung.

Aufgrund eines markanten Merkmals konnte das kleine Lederpäckchen sofort als Schuhrest erkannt werden. Es handelt sich um die lang ausgezogene Schuhspitze, durch die der Lederfund als Schnabelschuh identifiziert werden konnte (Abb. 6).

Die modische Spielart der gebogenen und in die Länge gezogenen Schuhspitze ist in den letzten 2 bis 3 Jahrtausenden immer wieder zu beobachten und teilweise bis heute beliebt. Obwohl sich dieser Schuhtyp vor allem im späten Mittelalter großer Beliebtheit erfreute und auch archäologisch gut belegt ist, handelt es sich beim Zerbster Fund um den ersten und bisher einzigen archäologisch nachgewiesenen Schnabelschuh in Sachsen Anhalt.

Die ledernen Schuhreste wurden nach einer vorsichtigen Reinigung vor dem Trocknen mit einer stabilisierenden Lösung getränkt. Als Stabilisierungsmittel diente PEG 400. Dabei handelt es sich um einen wasserlöslichen Kunststoff, der schon seit vielen Jahren bei der Behandlung von archäologischen Lederfunden eingesetzt wird. Vor dem Trocknen wurde das Lederpäckchen auseinandergefaltet und im ausgebreiteten Zustand fixiert.

Es handelt sich beim Zerbster Schnabelschuh um einen linken halbhohen Schlupfschuh. Das Oberleder besteht aus ca. 1,6 mm dickem Rindleder. Er ist wendegenäht und zum Schutz der Sohlennaht ist ein in geringen Resten erhaltener Streifen eingenäht worden. Der Schuh ist (ohne Schnabel) ca. 22 cm lang. Der Schnabel ist dann noch einmal ca. 4 cm lang. Auffallend bei diesem Typ ist die tiefe Einbuchtung des Schaftrandes im Knöchelbereich. Aufgrund einer schaftrandbegleitenden Naht kann man schließen, dass der Schaftrand mit einem Lederbändchen eingefasst war.

 

Das Erscheinungsbild des Schuhs muss man sich in etwa wie folgt vorstellen:

Abb. 7: Rekonstruktion des Schuhes.
Abb. 7: Rekonstruktion des Schuhes.

Abschließend und dem Thema entsprechend noch einige urkundliche Überlieferungen. Specht schreibt: Die Zeiten des ursprünglich primitiven Warenhandels ausschließlich unter freiem Himmel schwanden im 14. Jahrhundert mehr und mehr. Bequemlichkeit und Ansprüche des Käufers und des Verkäufers nahmen weiter zu. Noch immer und auch weiterhin handelte man zwar auf dem Markte in transportablen offenen „Ständen“ und „Bänken“. Aber gegen Ende des 14. Jahrhunderts bestanden neben ihnen in der Stadt nach einer urkundlichen Nachricht von 1378 bereits in Häusern „ausgehängte Fenster“ und „Läden“ sowie „Unterständer“, dass heißt wohl behelfsmäßig aufgestellte, überdeckte oder gar im Erdgeschoss oder an den Häusern angebrachte Stände für die Warenauslage und den Verkauf. Die Entwicklung war wohl auch in Zerbst dahin gegangen, daß aus manchen der ehemaligen beweglichen Stände und Bänke, namentlich auf und an den traditionellen Marktstätten, wo sich Raum und Möglichkeit boten, allmählich feste Häuser entstanden, in denen fortan das Verkaufsgeschäft betrieben wurde. So entwickelten sich vermutlich seit Anfang des 14 Jahrhunderts auf der Schleibank und Fischmarkt allmählich jene beiden Häuserzeilen ostwärts der Nikolaikirche, nach der Heide zu, wie sie bis 1945 noch bestanden. Auf diese Entwicklung deutet das dort um 1378 bezeugte Vorhandensein von 5 „Schuhallen“ gegenüber dem Chor der Kirche hin, die bereits 1325, einmal jedoch ohne Ortsangabe. genannt sind. Ebenso befanden sich dort „Gewandbuden.“.

Heute hat der Zerbster Markt seine zentrale Rolle verloren. Zur Aufwertung des Bereiches erfolgte 2009 und 2010 die Umgestaltung. (Abb. 8)

Abb. 8: Heutiger Zerbster Markt vom Südturm der Nikolaikirche fotografiert.
Abb. 8: Heutiger Zerbster Markt vom Südturm der Nikolaikirche fotografiert.

Hier hat der Zerbster Wochenmarkt sein Zuhause. Auf ihm finden wir immer noch Schuhverkäufer in fahrenden Ständen unter den wachsamen Augen des Zerbster Rolands.

Abbildungen:

Abb. 1: Grundplan der Residenzstadt Zerbst, Kupferstich, 1714. Gezeichnet von J. A. Behr, gestochen von Krügner, Leipzig. Der Plan ist eine Illustration aus der „Historie des Fürstentums Anhalt“ von Johann Christoph Beckmann, erschienen 1710 in Zerbst.
Abb. 2: Postkarte Museum der Stadt Zerbst
Abb. 3: Frank Besener
Abb. 4: Frank Besener
Abb. 5: Heiko Breuer
Abb. 6: Heiko Breuer
Abb. 7: Heiko Breuer
Abb. 8: Frank Besener

 

Literatur:

Specht 1998
R. Specht, Geschichte der Stadt Zerbst 1 (Zerbst 1998).

 

 

Text: Heiko Breuer, Frank Besener
Internet und Redaktion: Konstanze Geppert