Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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März: Mit dem Messer ins Jenseits

Abb. 1: Messerbeigabe aus Grab Befund 61
Abb. 1: Messerbeigabe aus Grab Befund 61
Abb. 2: Messerbeigabe aus Grab Befund 62
Abb. 2: Messerbeigabe aus Grab Befund 62

Ein neu entdeckter Reihengräberfriedhof in der Magdeburger Börde

Im Dorf Domersleben, ca. 20 km westlich von Magdeburg, wurde im Sommer 2011 anlässlich eines Straßenausbaus eine Rettungsgrabung vorgenommen. Dazu gehörte auch die Untersuchung eines ca. 440 m² großen geplanten Regenversickerungsbeckens. Im Frühjahr 2011 wurden aufgrund bereits bekannter Fundstellen Sondagen durch das mobile Ausgrabungsteam (kurz MAT) des Stützpunktes Heyrothsberge durchgeführt, welches auf Reste von Skeletten und mittelalterlicher Keramik stieß.

 

Bei der Ausgrabung entpuppten sich die Skelettfunde als Reste eines frühmittelalterlichen Reihengräberfeldes mit W-O-Orientierung. Von den 37 Gräbern mit Skelettresten fand sich bei zwei Gräbern (Bef. 61 und 62) jeweils eine Messer-Beigabe.

Gräber aus der Zeit zwischen 500 und ca. 800 zeichnen sich in der Regel durch mitunter reiche Beigabenausstattung aus Waffen, Schmuck oder Gebrauchsgegenständen aus. In Domersleben sind allerdings bis auf zwei Gräber mit Messerbeigaben alle anderen beigabenlos.

Abb. 3: Planum 1
Abb. 3: Planum 1
Abb. 4: Planum 2
Abb. 4: Planum 2


Die Gräber

Die Knochenerhaltung bei allen Skeletten erwies sich als relativ gut, vorhandene Beschädigungen waren meist durch die von Baggern angewendete Abhubtechnik erfolgt. Allerdings sind bei wenigen Gräbern auch Störungen in der Hüftregion oder am Oberkörper des Bestatteten festgestellt worden, die nicht durch den Bagger erfolgten sondern älter waren. Wenn Störungen durch Wühltiere ausgeschlossen werden, kommen nur noch gezielte Eingriffe in die ehemals noch obertägig sichtbaren Gräber durch den Menschen in Frage. Das könnte auf Beigabenraub hinweisen. Die Ausdehnung Straße hin sehr wahrscheinlich, wo sich die Grabfunde verdichteten.

Abb. 5: Skelettgrab mit Markierung des beigegebenen Messers
Abb. 5: Skelettgrab mit Markierung des beigegebenen Messers
Abb. 6: Reihengräber Bef 91, 92, 93
Abb. 6: Reihengräber Bef 91, 92, 93

Weitere Reste von 19 Individuen wurden ohne eindeutige Grabzugehörigkeit aufgedeckt. Diese wurden durch hoch- bis spätmittelalterliche Siedlungsaktivitäten gestört. Das bezeugen auch die menschlichen Knochen aus insgesamt 41 Siedlungsgruben. Aus dem Rahmen fielen zwei Tierskelette (Reste eines Hundes und eines Schweines) - offensichtlich Entsorgungen aus der jüngsten Zeit.

 

Die Befunde lagen in der hier anstehenden Schwarzerde und reichten oft bis in die darunter liegenden, pleistozänen, Lösse hinein. Bei den Siedlungsgruben wurden sowohl reine Erdgruben ohne Funde als auch Abfallgruben und außergewöhnliche Gruben beobachtet. Unter letzteren fällt eine „Werkstattgrube“, in der mehrere Kilo Eisenschlacke sowie Holzkohle, Fragmente hochmittelalterliche Kugeltöpfe sowie Reste eines Lehmkuppelofens geborgen wurden. Leider ging der Befund in die Schnittkante über.

Abb. 7: Schlacke mit Düsenloch
Abb. 7: Schlacke mit Düsenloch
Abb. 8: „Brunnenschacht“
Abb. 8: „Brunnenschacht“

Unmittelbar neben diesem Befund wurde ein Schacht entdeckt, der offensichtlich bis in das Grundwasser hinunter abgetieft wurde und wohl als Brunnenbohrung aufgefasst werden muss. Eine Fassung oder Verschalung wurde nicht festgestellt. In der Verfüllung fand sich allerdings ein Bruchstück einer teilgebrannten Lehmplatte mit einer glatten, ebenen Fläche - offensichtlich Teil des vermutlich gleichen ehemaligen Lehmkuppelofens wie in der Werkstattgrube nebenan


Die Funde

Eine weitere Abfallgrube (Bef. 43) im Schnitt 5 fällt ebenfalls aus dem üblichen Spektrum heraus. Hier wurden neben zahlreichen spätmittelalterlichen Keramikfragmenten (darunter 2 fast komplette Gefäße) ein Spinnwirtel aus Ton sowie Reste von menschlichen Skeletten geborgen, die aus mutmaßlich zerstörten Gräbern stammten.

Abb. 9: Kanne
Abb. 9: Kanne
Abb. 10: Spinnwirtel
Abb. 10: Spinnwirtel

Durch den nördlichen Bereich der Fläche 1 zog sich von Ost nach West ein ca. 3 m (von der Geländeoberkante) tiefer Spitzgraben, der im Spätmittelalter offensichtlich die Siedlung abgrenzte. Dieser Graben ist durch 3 Profile im Verlauf dokumentiert worden. Auch Steinfundamente für einen mutmaßlichen Übergang über den Graben wurden aufgedeckt.

Abb. 11: Profil des Spitzgrabens
Abb. 11: Profil des Spitzgrabens
Abb. 12: Steinfundament
Abb. 12: Steinfundament

Im südöstlichen Teil der Fläche wurden zudem noch Reste eines ehemaligen Weges  mit Kieselpflasterung festgestellt, der ebenfalls von Osten nach Westen verlief. Zahlreiche Funde zwischen, neben und unter den Kieseln weisen diesen ebenfalls in das Spätmittelalter.


Zeitstellung des Friedhofes

Gewichtige Hinweise deuten auf eine Anlage des Friedhofs um 800 n.Chr., also an das Ende der Gruppe C (nach F. Stein) bzw. Stufe 4-5 (nach Kleemann). In diesen Horizont fällt mit der Aufgabe der Beigabensitte der Übergang von der Merowinger- zur Karolingerzeit. Um diese Datierung zu bestätigen wurden von den zwei Messergräbern je eine Probe zur 14C-Datierung in ein Labor weitergegeben.

Bei den Funden aus den Siedlungsgruben können die Kugeltopffragmente als bislang älteste mittelalterliche Keramiken in das 9.-10. Jh. gestellt werden. Häufig fand sich auch die typische graublaue Keramik, die im Magdeburger Raum frühestens ab dem 13. Jh. bis ins 15. Jh. auftritt. Auch glasierte Ware und rotbrauens Steinzeug ist hier erst frühestens im späten 13. Jh. verwendet worden.

Die Grabungsfläche des Auffüllbeckens ergab ein unerwartet große Fülle an Befunden und Funden. Trotz des Zeitdruckes, unter dem das Team der Rettungsgrabung stand und trotz der wiederholten Überschwemmungen der ganzen Fläche durch ergiebige Regenschauer konnten die wesentlichen Befunde gesichert und die meisten Funde geborgen werden. Damit ist nicht nur für wissenschaftliche Erforschung der mittelalterlichen Archäologie und Geschichte in der Magdeburger Börde ein wichtiger Baustein erschlossen worden, sondern auch ein bislang unbekannte Kapitel in der Domerslebener Dorfgeschichte aufgeschlagen worden.


Literatur:

Kleemann 1992
Kleemann, Jörg, Grabfunde des 8. und 9. Jh. im nördlichen Randgebiet des karolingischen Reiches,
Diss. (1992).

Rempel 1966
Rempel, H., Reihengräberfriedhöfe des 8. - 11. Jh. Teil 1 (1966).

Stein 1967
Stein, Frauke, Adelsgräber des achten Jh. in Deutschland (1967).

Stoll 1980
Stoll, Keramik mit Bleiglasur von Magdeburg. ZfA 14, 1980, 249-270.

 

Abbildungsnachweis:

Abb. 1: A. Hörentrup, LDA
Abb. 2: A. Hörentrup, LDA
Abb. 3: U. Ewers, Magdeburg
Abb. 4: U. Ewers, Magdeburg
Abb. 5: B. Lück, Tübingen
Abb. 6: B. Lück, Tübingen
Abb. 7: B. Lück, Tübingen
Abb. 8: B. Lück, Tübingen
Abb. 9: B. Lück, Tübingen
Abb. 10: A. Hörentrup, LDA
Abb. 11: B. Lück, Tübingen
Abb. 12: B. Lück, Tübingen

Text: Bernhard Lück (Tübingen)
Internet und Redaktion: Konstanze Geppert