Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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März: Germanen in der Elbaue

Die geplante Verbreiterung des Elb-Havel-Kanals im Zuge des Neubaus einer zweiten Schleuse bei Zerben (Gem. Elbe-Parey, Lkr. Jerichower Land), bot die Gelegenheit einen 1-ha-großen Ausschnitt einer hier im Frühjahr 2012 entdeckten Siedlung der Jastorf-Kultur vollständig archäologisch zu untersuchen. Die Fundstelle liegt am alten Lauf des Flüsschens Ihle. Die Ihle tritt, aus dem Fläming kommend, bei Burg in das Elbeurstromtal ein und folgt dem Verlauf des Urstromtals nach Norden. Im Bereich der Gemarkungen Zerben und Güsen ist der frühere Flusslauf kaum noch in der Landschaft zu erkennen.

Ein Blick auf das Urmesstischblatt von 1842 zeigt die Lage der Grabungsfläche auf einer Düne nahe des damals noch mäandrierenden Gewässers: Derartige Plätze waren ideale Siedlungsstandorte für den prähistorischen Menschen. Wohl aus diesem Grund wurde die Stelle schon seit dem Neolithikum besiedelt, wie der Fund einer Schönfelder Schale und einige weitere Fragmente neolithischer Gefäße von dieser Fundstelle belegen. Am Ende der Bronzezeit wurde am Hang der Düne ein Urnenfriedhof angelegt. Die Urnen lagen dicht unter der heutigen Oberfläche. Neben Gräbern mit zahlreichen Beigefäßen befanden sich Gräber, in denen die Urne allein stand.

Eine besonders intensive Nutzung erfuhr die Düne während der vorrömischen Eisenzeit. Etwa 1.500 Befunde, die dieser Periode zuzuordnen sind, wurden während der viermonatigen Ausgrabung dokumentiert. Sie repräsentieren nur einen kleinen Ausschnitt der germanischen Siedlung am Rande des Ihletals, die sich sowohl hangaufwärts als auch -abwärts fortsetzte.

Das vorwiegend aus Keramik bestehende Fundspektrum zeigt, dass die Nutzungsdauer der Siedlung nahezu den gesamten Zeitraum der Jastorf-Kultur umfasst. Aus mehreren Siedlungsgruben wurden vollständige Alltags- und Vorratsgefäße geborgen (Abb. 1a). Das Fundmaterial enthält aber auch hochwertige fein gearbeitete, verzierte und polierte Ware (Abb. 1b). Unter den Verzierungen waren Strichmuster vorherrschend, häufig auch mit Punktdellen kombiniert (Abb. 1c). Gefäße mit Trichterrändern und nahezu situlaartigen Profilen stehen am Ende der Nutzungsperiode (o. Abb.). Zu den wenigen Metallfunden aus der Siedlung zählt ein eiserner Gürtelhaken (Abb. 1d)

Abb. 1a: Tonnenförmiger Zweihenkeltopf in einer Siedlungsgrube
Abb. 1b: Gefäßprofil mit Strichverzierung
Abb. 1c: Profil einer verzierten Terrine
Abb. 1d: Gürtelhaken

Nachdem bereits mehrere Hundert Siedlungsgruben freigelegt und dokumentiert worden waren, zeichnete sich im Grabungsschnitt 3 eine rechteckige Wandgrabenstruktur im anstehenden Sand ab (Abb. 2). Der Grundriss wurde vollständig frei gelegt. Obwohl der südwestliche Abschluss der Struktur bei früheren Erdarbeiten bereits zerstört worden war, konnte der für diese Region bisher einmalige Hausgrundriss noch auf einer Länge von 20 Meter dokumentiert werden.

Abb. 2: Haus 2, Osthälfte. Im Hintergrund der Elb-Havel-Kanal mit der Schleuse Zerben.

Bei der näheren Untersuchung zeigte sich, dass in den Wandgraben zur Stabilisierung vereinzelt Pfosten eingegraben waren. Etwa 6 Meter vom nordöstlichen Giebel wies der Wandgraben in den Längsseiten 0,9 Meter breite Unterbrechungen auf. Hier befanden sich zwei einander gegenüberliegende Hauseingänge.

Beim Fortschreiten der Grabung deckte der Bagger in Verlängerung von Haus 1 – nur 5 Meter von diesem entfernt – ein zweites Langhaus auf (Abb. 3). Mit einer Breite von 5-5,7 Meter war es etwa 0,8 Meter schmaler als Haus 1. Auch das Wandgräbchen von Haus 2 war mit einer durchschnittlichen Breite von 0,25-0,3 Meter dünner als das des ersten Hauses. Die erhaltene Tiefe des Gräbchens von bis zu 0,4 Meter entsprach dagegen ungefähr der bei Haus 1 dokumentierten. Obwohl auch hier der südwestliche Abschluss nicht sicher erfasst werden konnte, wies Haus 2 eine Mindestlänge von 22 Meter auf. Zwei Reihen kräftiger Pfosten gliederten das Innere des Langhauses in drei Schiffe.

Abb. 3: Die Häuser im Planum.

Auch das Areal um die Häuser zeigte eine relativ klare Gliederung:

Zu jedem der Langhäuser gehörte eine runde Freifläche. In sicherem Abstand zum Haus, am Rande der Freifläche befanden sich je zwei Öfen. Sie bestanden aus einer in den Sand eingetieften Arbeitsgrube. Darüber befanden sich die Reste der eingestürzten Lehmkuppel (Abb. 4). Die Anlagen waren rund und wiesen einen Durchmesser von etwa 2 Meter auf.

Abb. 4: Reste eines Ofens.

Gut erkennbar war ein zu Haus 1 gehörendes kleineres, zweischiffiges Speichergebäude in Pfostenbauweise (5 x 4 m). Das Nebengebäude stand im rechten Winkel zum Langhaus. Aufgrund der hier erkennbaren Struktur kann von Gehöften gesprochen werden, in deren Zentrum das Langhaus stand. Beide Langhäuser sind gleichzeitig oder mit geringem zeitlichem Abstand errichtet worden. Dafür spricht nicht nur der direkte räumliche Bezug aufeinander, sondern auch die Keramikfunde aus den Wandgräben und den Pfostengruben. Diese datieren in einen Zeitraum vom fünften bis zum dritten Jahrhundert v. Chr. Merkmale, wie der dreischiffige Aufbau von Haus 2, die Anordnung der Eingänge (Haus 1) und die Gehöftstruktur stehen in der eisenzeitlichen norddeutschen Hausbau-Tradition.

Text: Andreas Mehner
Redaktion: Konstanze Geppert

 

Literatur

Kossack et al. 1984
G. Kossack, K.-H. Behre, P. Schmid (Hrsg.), Ländliche Siedlungen. Archäologische und naturwissenschaftliche Untersuchungen an ländlichen und frühstädtischen Siedlungen im deutschen Küstengebiet vom 5. Jahrhundert v. Chr. bis zum 11. Jahrhundert n. Chr., Bd 1: (Weinheim 1984).

Meyer 2010
M. Meyer (Hrsg.), Haus – Gehöft – Weiler – Dorf. Siedlungen der Vorrömischen Eisenzeit im nördlichen Mitteleuropa. Internationale Tagung an der Freien Universität Berlin vom 20.–22. März 2009. Berliner Arch. Forsch. 8 (Rahden/Westf. 2010).

Abbildungen

1a, 4: M. Frömme (LDA)
1b, 1c, 1d, 2: K. Bentele (LDA)
3: A. Mehner (LDA)