Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Mai: Die Predigt in Lützen „am Tag danach“

Ein Beschreibungsversuch der Gefühlslage der Zivilbevölkerung nach der Schlacht bei Lützen am 6./16. November 1632.

Der Fund des Monats ist diesmal kein archäologisches Fundstück, sondern eine historische Schriftquelle.

Abb. 1: Letzte Seite der gedruckten Predigt von Paul Stockmann: „Gebet in Kriegsnöthen“.

„Da ewig ist viel Freud und Wonn,
Damit wir leben seliglich.
Dein Reich besitzen ewiglich,

in unsers Herrn Christi Namen.
Wer begehrt sprech fröhlich Amen:“

Mit diesen Worten beendet der Lützener Pfarrer Paul Stockmann seine Predigt am Tag nach der Schlacht bei Lützen im Jahr 1632 (Abb. 1). Im Folgenden soll versucht werden, die Bedeutung der Worte von Pfarrer Stockmann in den Kontext der Schlacht bei Lützen einzuordnen. Ein kurzer Abriss wird die Situation während und kurz nach der Schlacht beschreiben. Diese Beschreibung dient als Ausgangslage für die weitere Analyse der Gefühlslage der Lützener Zivilbevölkerung.

1632 befinden wir uns in der dritten Phase des Dreißigjährigen Krieges, dem „Schwedischen Krieg“ (1630–1635). Nachdem der schwedische König Gustav II. Adolf erfolgreich große Teile Süddeutschlands errungen hatte, begab er sich im Herbst des Jahres 1632 in Richtung Norden, um mit seinem Heer die gefestigten Winterquartiere in Nord- und Mitteldeutschland zu beziehen. Sein katholisch-kaiserlicher Gegenspieler Albrecht von Wallenstein zog mit seinem Heer Richtung Sachsen, um das verfeindete (und mit den Schweden verbündete) Kurfürstentum mit der Stadt Leipzig zu erobern. Nachdem Leipzig von Wallenstein eingenommen worden war, zog der Schwedenkönig ebenfalls mit seinem Heer Richtung Sachsen. Am 6./16. November standen sich beide Armeen bei Lützen gegenüber (Abb. 2).¹ Nach der Schlacht bei Lützen lagen etwa 6000–7000 Soldaten tot auf dem Schlachtfeld, weitere 2500 starben im Laufe der nächsten Wochen an ihren Verletzungen.

Abb. 2: Abbildung der Schlacht so bey Lützen den 6. Novemb. 1632. Geschechen von Matthäus Merian dem Älteren (1633).

Doch was zeichnet den Krieg eigentlich aus? Im Landesmuseum für Vorgeschichte wird das Phänomen „Krieg“ seit den Ursprüngen der Menschheit erklärt. Aggression und Gewalt gehören zur Natur des Menschen, sie lassen sich bereits in den altsteinzeitlichen Kulturen der Jäger und Sammler feststellen. Regelrechte kriegerische Auseinandersetzungen sind jedoch erst ab der Jungsteinzeit nachzuweisen. Seit dem Beginn der Sesshaftigkeit konnte leichter Besitz angehäuft werden, man war an die dauerhaften Siedlungen und Ackerflächen gebunden und konnte Konflikten nicht mehr so einfach durch Ausweichen aus dem Weg gehen. Seit den ersten Anfängen des Krieges wurden Waffentechnik, Strategien, Kriegertum und Verteidigungsanlagen immer weiter entwickelt und differenziert. Der Dreißigjährige Krieg ist sicherlich eine der blutigsten und langwierigsten Auseinandersetzungen der jüngeren Geschichte.

Der Dreißigjährige Krieg wurde als Religionskrieg von den Herrscherhäusern Europas propagiert. Zahllose Flugblätter kursierten auf beiden Seiten durch alle Schichten der Bevölkerung (Abb. 3). Apokalyptische Szenarien wurden dargestellt, um das Blutvergießen auf den Schlachtfeldern zu legitimieren. In der Betrachtung ex post wurde recht schnell festgestellt, dass es sich in diesem Krieg nicht um die Frage drehte, welche Richtung der christlichen Kirche den wahren Glauben lehrte. Es ging um die Vormachtstellung in Europa. Nun muss man sich allerdings vor Augen halten, dass Religion im 17. Jahrhundert oftmals keine persönliche Entscheidung war. Es gab zu dem jeweiligen Glauben, bestimmt durch den Landesfürsten, keine Alternative. Diese These führt uns nun zu der Predigt des Lützener Pfarrers.

Abb. 3: Flugblatt: Kupferstich, etwa 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts. Dargestellt wird der siegreiche Schwedenkönig nach der Eroberung der Stadt Augsburg. Vor ihm der gekrönte und erschlagene siebenköpfige Drache und ein Widder mit dem Barett auf dem Kopf.

Paul Stockmann war ein lutherisch geprägter Pfarrer, welcher 1602 (oder 1603) in Lauchstädt geboren wurde und 1636 an der Pest verstarb. Stockmann fungierte zunächst als Feld- und Schiffsprediger des Königs Gustav II. Adolf von Schweden. Da ihm das Nordklima nicht bekam, ging er nach Deutschland zurück und hielt sich fünf Jahre in Wittenberg und ein Jahr in Leipzig auf, bis er schließlich Pastor und Senior des Kirchenministeriums zu Lützen wurde.

Abb. 4: Das Massengrab von Lützen. Die Aufgabe der Zivilbevölkerung war es die Leichen zu begraben. Man geht davon aus, dass es zahlreiche dieser Gräber rund um die Stadt Lützen gegeben haben muss.

Es ist überliefert, dass Stockmann nach dem Kriegstreiben in Lützen das zerklüftete Schlachtfeld beging. Es sind seine Schriften, die die Situation nach dem Kampf beschreiben. Stockmann schreibt:

„Sie (die plündernden Soldaten) pflasterten das Feld mit der Feinde Rüstungen/und der Soldaten Gebeine/ Blut/Stahl/Waffen/Fleisch/Knochen/Menschen und Pferde/zwingen/knäten und knirschen sie ineinander.
Die Reiterei hernach mit Füßen sie zertritt.“

Dieses Bild vor Augen, begruben die Bürger der Stadt Lützen, nachdem die Plünderungen abgeschlossen waren, die gefallenen Soldaten. Das gleiche Bild im Kopf wird sie mehrere Tage begleitet haben. Auch als sie sich in den Gottesdienst begaben und es die Aufgabe ihres Pfarrers war, Hoffnung, Trost und Glauben zu spenden. Die Bewohner der Stadt Lützen mussten viele Massengräber anlegen. Eines davon, mit 47 gefallenen Soldaten darin, wurde im Block geborgen und im Landesmuseum zum zentralen Ausstellungsstück der Sonderausstellung „Krieg – eine archäologische Spurensuche“ gemacht (Abb. 4). Auch der Auszug von Stockmann findet auf der Rückseite des Massengrabs seinen Platz und soll als Mahnung und als Gedenkschrift dem Besucher in Erinnerung bleiben (Abb. 5).

Abb. 5: Die Rückseite des Massengrabes von Lützen.

Paul Stockmann versuchte auf zwei verschiedene Arten während seiner Predigt, der Gemeinde Trost und Hoffnung zu spenden. Auf der einen Seite versuchte er, seinen Zuhörern zu erklären, dass ihr Leiden nicht als Strafe Gottes zu verstehen sei, sondern als Heilung von Sünden:

„Dahero wir in diesem außgesogenen und außgezogenen/ niedergerandten und niedergebrandeten Städtlein mehr hoher und anderer gesonen Mitleidens/ als böser Nachrede und gifftigen Neides hoffen/ so wol würdig als bedürftigt zu senn. Den Gott sind wir des gewiß/
daß er uns liebet/uns durch so herbe zeitliche Kur von Sünden heilet/
seinem gemarterten Sohne hier ähnlich/unnd dort ewig selig machen wolle.“

Trotz aller Grauen des Krieges folgte Stockmann seiner christlichen Überzeugung, dass die gläubigen und rechtschaffenen Christen nach dem Tod das ewige Leben erwartet. Es ist also die Reinigung der Seelen (in Form des Krieges), welches als Versprechen für das ewige Leben im Paradies gilt.

Als weiteren Ansatz beschrieb Stockmann Geschichten aus dem Alten Testament. Er erzählte, wie gottgläubigen Menschen schlimme Dinge passierten. Er erzählte die Geschichte von Hiob, welcher seiner Kinder von den Persern beraubt wurde, weil er aufgrund eines göttlichen Auftrags nicht zuhause war, um seine Nachkommen zu beschützen. Stockmann schreibt:

Also last uns auch in Unglück sagen: Der Herr hats genommen/ob schon durch Mittel.
Die Feinde aus Reich Arabien waren Gott/
die dem Hijob die Kinder aus dem Felde weggetragen im Felde weg raubeten. Noch saget er: der HERR hats genommen. Als auch der Wind auff die vier Ecken des hauses stieß/das Haus und Kinder drauff giengen/sagte er eben das. Wenn nun das Unglück in alle vier Ecken der Erden

oder böse Leute aus allen vier Winckeln der Welt auff uns stossen; Sollen wir doch dem versohnten Gott das Regiment lassen/und sagen: Der Herr hats gethan/das kömpt auch vom Herrn
der ist gerecht an allen.“
 

Im Gegensatz zu den propagandistischen Flugblättern (siehe Abb. 3), welche ein Feindbild aufzeigen sollten, wendete sich der Lützener Pfarrer direkt seiner Gemeinde zu. Er versuchte nichts zu rechtfertigen. Vielmehr nahm er sich des Leides seiner „Schäfchen“ an und versuchte darzustellen, dass Gottes Wege unergründlich seien.

Im weiteren Verlauf seiner Predigt warf er verschiedenen Gruppen ein unchristliches Verhalten vor. Dies sei der Grund für die göttlichen Strafen, welche die Gemeinde von Lützen nun zu ertragen habe. Es gilt auch als Warnung dafür, nicht vom gerechten Glauben abzuweichen.

„denn weil Gott gerecht ist/thut er uns nicht unrecht. Ist uns nun nicht unrecht geschehen. Je lieber
welches ist doch dieses Unglück Ursach(...) Wir aber sind gottllos gewesen. Und unsere Könige/
Fürsten/Priester und Väter haben nicht nach deinem Gesetzte gethan/und nicht acht gehabt auff dein Gebot und Zeugnis/die du ihnen hast lassen zeigen.“
 

Abschließend macht er aus dem Vorwurf der Gottlosigkeit von anderen Menschen eine Tugend für die Tugendhaften. Er fühlt mit den Gottesdienstfeiernden mit und gibt zu, dass die Soldaten fast alles geraubt haben, doch er vergleicht dieses Geschehnis mit der Stadt Jerusalem, der Stadt, welche nach zahlreichen Belagerungen immer wieder neu errichtet werden musste. Die Israeliten besaßen während der Belagerungen nichts mehr und beteten weiter zu Gott und blieben auf dem christlichen Weg. Stockmann versucht auch mit Hilfe dieser Geschichte den Menschen in seiner Gemeinde erneut Hoffnung zu geben.

Die Ausführungen könnten anhand des etwa 30-seitigen Predigttextes noch weiter fortgesetzt werden. Es ist aber deutlich geworden, welche Möglichkeiten des Pfarrers es gab, die Hoffnung seiner Gemeinde wachsen zu lassen. Mit Hilfe des Texts von Paul Stockmann kann man sehr gut nachvollziehen, mit welchen Problemen und Ängsten die zivile Bevölkerung während des Dreißigjährigen Krieges konfrontiert wurde.

Die Sonderausstellung „Krieg – eine archäologische Spurensuche“ ist noch bis zum 22. Mai im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle zu sehen.

 

1 vgl. O. Mörke, Die Schlacht bei Lützen – ein Ereignis mitten im Krieg, in: H. Meller/M. Schefzik (Hrsg.), Krieg – eine archäologische Spurensuche. Begleitband zur Sonderausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale) 6. November 2015 bis 22. Mai 2016 (Halle [Saale] 2015) S. 359–367, hier S. 363 f.

 

Text: Johannes Daehre

Redaktion und Internet: Julia Kruse

 

Abbildungsnachweise:

Abb. 1: Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt.

Abb. 2: H. Meller/M. Schefzik (Hrsg.), Krieg – eine archäologische Spurensuche. Begleitband zur Sonderausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale) 6. November 2015 bis 22. Mai 2016 (Halle [Saale] 2015) S. 469. Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel [70.B Hist.2°].

Abb. 3: M. Häberlein, Vom Augsburger Religionsfrieden bis zum Ende der Reichsfreiheit (http://www.stadtlexikon-augsburg.de/, online: 18.06.2015). – E. C. Lang, Friedrich V., Tilly und Gustav Adolf im Flugblatt des Dreißigjährigen Krieges, Dissertation an der Universität von Texas (Austin 1974) S. 73 ff. – B. Roeck, Eine Stadt in Krieg und Frieden, Studien zur Geschichte der Reichsstadt Augsburg zwischen Kalenderstreit und Parität (Göttingen 1989).

Abb. 4–5: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Foto: Juraj Lipták.

 

Literatur:

H. Meller/M. Schefzik (Hrsg.), Krieg – eine archäologische Spurensuche. Begleitband zur  Sonderausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale) 6. November 2015 bis 22. Mai 2016 (Halle [Saale] 2015).

H. Meller/M. Schefzik (Hrsg.), Krieg – eine archäologische Spurensuche. Begleithefte zu Sonderausstellungen im Landesmuseum für Vorgeschichte (Halle [Saale] 2015).