Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Juni: Brennhilfen aus einem neuzeitlichen Töpfereikomplex der Stadt Wittenberg

Im Frühjahr 2012 fanden im Vorfeld der Neubebauung der Marstallstraße 7 in Wittenberg im östlichen Bereich der Parzelle archäologische Untersuchungen statt. Der im Westen liegende Hofbereich war von den Geländearbeiten nicht betroffen. Innerhalb der Grabungsfläche befand sich ein intakter Gewölbekeller, auf dessen nördlicher Gewölbeecke eine Abfallgrube entdeckt wurde. Die Grubenfüllung (Befund 1) und eine in Resten erhaltene Tonschlämme, die an der südlichen Grabungsgrenze aufgedeckt werden konnte, sowie Einträge ins Wittenberger Schoßbuch lassen auf ehemalige Tätigkeiten der Bewohner auf diesem Grundstück schließen. So haben in der Zeit von 1701–1803 namentlich bekannte Töpfer hier ihr Handwerk ausgeübt. Neben den vorzustellenden Brennhilfen liegt in Befund 1 in großem Umfang grob zerscherbte Gebrauchskeramik vor (Abb. 1). Dabei dominieren einfache irdene Henkeltöpfe, nachstehend treten Dreibeinpfannen-, Schüssel-, Bräter- und Leuchterfragmente sowie Malhornware und wenige Steinzeugscherben auf. Ebenfalls im Fundumfang vergesellschaftet sind Blattkacheln mit barockem Dekor.

Abb. 1: Grabungsprofil von Befund 1 mit dem Töpfereiabfall über dem Kellergewölbe, Marstallstraße 7, Wittenberg (Foto: Johanna Reetz, Grabungsleiterin, LDA).

Brennhilfen gehören zur Kategorie der technischen Keramik. Funktional werden sie zum Ausgleichen von Höhen und zum Stapeln des Brennguts im Ofen verwendet. Mittels dieser Stapelhilfen kann eine plane Auflagefläche sowie Stabilität geschaffen werden, d. h. die zu brennenden Gefäße werden unter, auf oder in die Brennhilfe gestellt. Zudem wird die Brandatmosphäre beeinflusst, denn Lochungen, mit denen einige Brennhilfen versehen sind, ermöglichen eine gleichmäßige Verteilung der Ofenhitze und funktionieren als Luftzugkanäle. Sie sind keineswegs für den einmaligen Gebrauch bestimmt – Anzeichen für eine mehrmalige Verwendung der Brennhilfen sind anhand farblicher Veränderungen des Scherbens, durch Anflugglasuren und Brennhäute sowie an angebackenen Ofen- oder Brenngutresten zu erkennen. Die Formenvielfalt ist je nach des Töpfers Geschmack oder seinen Gefäßen angelegt. Dabei wird auf eine schnelle und einfache Herstellung (gedreht, ausgewalzt oder von Hand aufgebaut) abgezielt. Die Gestalt bzw. Gestaltung von Brennhilfen ist daher eher einfach, Verzierungen sind aber nicht ausgeschlossen.

Abb. 2: Auswahl von vier Brennringen aus Befund 1, Marstallstraße 7, Wittenberg; Randdurchmesser des Brennringes oben links 11,8 cm (Zeichnung: Maria Albrecht, LDA).
Abb. 3: Beispiel einer Brennschiene mit schwarz-braunen Glasurresten aus Befund 1, Marstallstraße 7, Wittenberg (Foto: Maria Albrecht, LDA).

Die Brennhilfen aus dem Befund, welche vorwiegend nur fragmentarisch vorliegen, können in vier Formen eingeteilt werden. In der Mehrheit sind Brennringe vertreten. Zahlenmäßig geringer kommen Brennplatten bzw. -schienen, halbhohe Brennröhren und besonders hohe Brennröhren vor. Abgesehen von den Brennschienen sind alle Ringe und Röhren auf der Töpferscheibe gedreht und oben und unten offen. Durch Brennhäute und angebackene Gefäßreste belegen alle Brennhilfen mindestens einen einmaligen Gebrauch im Ofen. Die Wittenberger Brennringe (Abb. 2) sind mit 25 Exemplaren vertreten. Ihre Randdurchmesser liegen zwischen 9–13 cm, die Wandungshöhen reichen von 5,5–7,1 cm und die zylindrische Grundform variiert leicht. Die für die Verteilung der Ofenhitze von außen nach innen eingebrachten Löcher könnten bei einem kompletten Brennring auf drei bis vier geschätzt werden. Durch den Fragmentierungsgrad sind bei den Wittenberger Brennringen lediglich bis zu zwei Luftlöcher zu verzeichnen. Diese Form der Brennhilfen ist in anderen archäologischen Befunden und in der Literatur, wie auch die folgenden Schienen, gut vertreten.

Flache Stapelhilfen sind, wie der Name schon sagt, Brennschienen (Abb. 3) bzw. -platten. Im Befund ist diese Art mit vier fragmentierten Stücken erhalten. Für ihre Herstellung wird der Ton etwa fingerdick ausgewalzt und je nach Gebrauch in dicke oder dünne Streifen geschnitten. Angebackene Rückstände und Reste einer braunen Glasur legen die Vermutung nahe, dass diese Brennschienen vor allem für die im Befund vorhandenen braunen Barockkacheln genutzt wurden.

Halbhohe Brennröhren (Abb. 4) sind mit vier Exemplaren unter den anderen Typen vertreten. Es handelt sich um kegelstumpfartige Formen. Eine Brennröhre ist fast vollständig erhalten, zwei sind über die Hälfte und eine mit einem Erhaltungszustand unter 50 % vertreten. Die Spanne der Randdurchmesser ähnelt mit 9,7–11,1 cm denen der Brennringe; die Ränder sind verdickt zum Tragen des aufzustellenden Brenngutes ausgearbeitet. In der Höhe sind die halbhohen Brennröhren von 18,6–21,2 cm ausgezogen. Bei allen Exemplaren sind Luftschlitze erhalten. An der vollständigen Brennröhre sind drei Luftzüge unsauber vor dem Brand in den lederharten Ton eingeschnitten worden. In Literatur und Vergleichsfunden sind Brennröhren dieser Art, und vor allem die im Folgenden zu beschreibenden besonders hohen Brennröhren, eher rar – ein Zeichen für die individuelle Ausarbeitung jedes Töpfers sowie eigens an das Brenngut angepasste Formen?

Abb. 4: Halbhohe Brennhilfe mit grüner Anflugglasur aus Befund 1, Marstallstraße 7, Wittenberg (Foto: Sophia Linda Stieme, LDA).
Abb. 5: Hohe Brennröhre mit Verzierung aus Befund 1, Marstallstraße 7, Wittenberg; Höhe 45 cm (Zeichnung: Maria Albrecht, LDA).
Abb. 6: Hohe Brennröhre mit Anflugglasur aus Befund 1, Marstallstraße 7, Wittenberg; Höhe 57,7 cm (Foto: Maria Albrecht, LDA).

Aus Befund 1 konnten sechs unterschiedliche, besonders hohe Brennröhren aufgenommen werden. Die Randdurchmesser der ebenfalls kegelstumpfförmigen Röhren liegen zwischen 10,4–11,4 cm. Außergewöhnlich ist jedoch die ausgearbeitete Höhe. So misst ein fast vollständiges Exemplar 45 cm (Abb. 5) und ein anderes 57,7 cm (Abb. 6). Im Gegensatz zu diesen beiden Beispielen fehlen bei anderen Exemplaren Verbindungsstücke zwischen den Böden, den Wandungen und den Rändern, jedoch lassen die zusammengefundenen Fragmente die Einordnung in die Kategorie der hohen Brennröhren eindeutig zu. Die Vermutung liegt nahe, dass einige Stapelhilfen sogar höher als 60 cm gedreht waren. Wie bei den anderen Brennhilfen sind auch bei diesen hohen Typen ganze Luftschlitze oder deren Ansätze erhalten. Singulär zeigt sich eine hohe Brennhilfe, die mit einem mittig angebrachten Wellenband verziert ist (siehe Abb. 5).

Die ersten drei vorgestellten Brennhilfetypen können in Verwendung und Form als gebräuchlich angesehen werden. Abweichende Formen unterliegen natürlich den Vorlieben des Herstellers und sind angelehnt an dessen Brenngut. Im Gegensatz zu den erstgenannten erschließt sich der Gebrauch der Stapelhilfen mit über 45 cm Höhe weniger. Im Hinblick auf eine platzsparende Stapelweise und damit auf eine höchstmögliche Auslastung des Brennofens nehmen die hohen kegelstumpfförmigen Brennröhren viel Fläche im Ofen ein. Anstelle einer dieser hohen Objekte können vier bis fünf (oder mehr) Gefäße – auch ohne Brennhilfe – aufeinander geschichtet werden. Anzunehmen ist, dass die hohen Exemplare für spezielles Brenngut gefertigt worden sind, welches obenauf oder hineingestellt wurde. Aus dem Befund konnten weder die grob zerscherbte Gebrauchskeramik noch die wenigen keramischen Sonderformen eindeutig als spezielles Brenngut diesen hohen Formen zugeordnet werden (in Frage kämen aber am ehesten die mit ebenso dicker Anflugglasur belegten Milchsattenfragmente, die auf die hohen Hilfen gestellt wurden, um die größte Hitze des Ofens auszunutzen und die unglasierten Milchschüsseln zu versintern). Der ehemalige Gebrauch ist durch anhaftenden Ofenschmutz an den Brennhilfeböden, angebackenen Scherben auf den Randfragmenten und durch die ganzheitliche Anhaftung – innen wie außen – von Anflugglasur belegt.

Es bleibt nur zu vermuten, warum es zur gemeinsamen Entsorgung der Gebrauchskeramik zusammen mit den Stapelhilfen, die deutlich als „Mehrweg“-Objekte genutzt wurden, kam. So kann eine komplette Ofencharge als Ausschuss/Fehlbrand auf die Gewölbeecke entsorgt worden sein. Des Weiteren kann die Beseitigung Folge kriegerischer Auseinandersetzungen sein, wie es sie in Wittenberg im Großen Nordischen Krieg und im Siebenjährigen Krieg gab.

 

Autorin: Maria Albrecht

Internet und Redaktion: Julia Kruse

 

Literatur:

Albrecht 2014
M. Albrecht, Ein neuzeitlicher Töpfereikomplex – Marstallstraße 7 in Wittenberg. Unveröff. Masterarbeit Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Albrecht 2016
M. Albrecht, Brennhilfen eines neuzeitlichen Töpfereibefundes der Stadt Wittenberg, in: H.‑G. Stephan (Hg.), Keramik und Töpferei im 15./16. Jahrhundert (2016), 11‑15.

Albrecht (voraus. 2018)
M. Albrecht, Ein neuzeitlicher Töpfereikomplex der Wittenberger Marstallstraße Nr. 7, in: H. Meller (Hg.), Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte Bd. 97 (Halle, voraus. 2018).

Endres 1993
W. Endres, „Technische Keramik“ in Bayerisch-Schwaben, in: Endres, et al., Forschungen zur Geschichte der Keramik in Schwaben, Arbeitsheft 58 (München 1993) 349‑360.

Kluttig-Altmann 2006
R. Kluttig-Altmann, Von der Drehscheibe bis zum Scherbenhaufen, Leipziger Keramik des 14. bis 18. Jahrhunderts im Spannungsfeld von Herstellung, Gebrauch und Entsorgung (Dresden 2006).

Lau 1983
K. Lau, Durch die Jahrhunderte, Aus der Geschichte des Kreises Wittenberg, Teil 2 (Wittenberg 1983).

Mechelk 1981
H. Mechelk, Zur Frühgeschichte der Stadt Dresden und zur Herausbildung einer spätmittelalterlichen Keramikproduktion im sächsischen Elbgebiet aufgrund archäologischer Befunde (Berlin 1981.)

Schwarz 1985
H. Schwarz, Chronik der Stadt Wittenberg (Wittenberg 1985).

Stephan 1986
H.‑G. Stephan, Großalmerode, Ein Zentrum der Herstellung von technischer Keramik, Steinzeug und Irdenware in Hessen, Die Geschichte der keramischen Gewerbe in Großalmerode und die Entwicklung ihrer Produktion vom 12. bis zum 19. Jahrhundert, Teil I (Großalmerode 1986).

Stephan 1995
H.‑G. Stephan, Großalmerode, Ein europäisches Zentrum der Herstellung von technischer Keramik, Die Geschichte der keramischen Gewerbe in Großalmerode und Epterode und die Entwicklung ihrer Produktion vom 12. bis zum 19. Jahrhundert, Teil II, Technische und Baukeramik, Tonpfeifen, Knicker, Steingut, Porzellan. Aspekte von Handel, früher chemischer Industrie, Bergbau und Gewerbegeschichte (Großalmerode 1995).

 

Abbildungsnachweis:

Abb. 1: Johanna Reetz, Grabungsleiterin, LDA.
Abb. 2: Maria Albrecht, LDA.
Abb. 3: Maria Albrecht, LDA.
Abb. 4: Sophia Linda Stieme, LDA.
Abb. 5: Maria Albrecht, LDA.
Abb. 6: Maria Albrecht, LDA.