Landesmuseum für Vorgeschichte Halle, 14. November 2013 - 18. Mai 2014

Themenbereiche der Ausstellung

Am Anfang

…zeigen wir Ihnen eine der bedeutendsten Leihgaben unserer Ausstellung: Ein übermodellierter Schädel aus Jericho, fast 10.000 Jahre alt, steht symbolisch als Urahn unserer Lebensweise Am Anfang. In diesem einleitenden Themenbereich zeigen wir Ihnen, wann das Rad und die Schrift erfunden wurden. Eine Keilschrifttafel aus Uruk zeigt Ihnen, dass zur Zeit des Plateaus von Salzmünde im Vorderen Orient die Schrift erfunden wurde. In diesem einleitenden Teil begeben wir uns noch auf die Spuren der frühen Steinzeitforscher Mitteldeutschlands und werfen einen Blick auf die archäologischen Kulturen des neolithischen Europas.

Das 4. Jahrtausend BC – das Rad beginnt sich zu drehen

Das vierte vorchristliche Jahrtausend ist das Zeitalter, in dem unser Leben noch einmal rasant an Fahrt gewinnt. Die Bevölkerung wächst seit der Neolithisierung immer weiter und das Ringen um das beste Ackerland verschärft sich. Die Konflikte werden ausgetragen – teilweise in kriegerischer Form, teilweise im Streben nach technischer und ideeller Überlegenheit. Das hat zur Folge, dass ein Bündel an Erfindungen im 4. Jtsd. effektiv die Lebensumstände verbessert. So können z.B. die Bauern nun mit Ochsengespann und Pflug deutlich größere Feldflächen bewirtschaften.

Immer mehr Menschen können ernährt werden – immer mehr Menschen wollen ernährt werden. Komplexe Gesellschaften entstehen, in denen einzelne Reichtum und Macht anhäufen können. Doch diese Positionen sind nicht gefestigt – der Bedarf an Prestigeobjekten und äußerlich sichtbarer Macht zur Legitimation ist groß.

Prominente Leihgaben aus ganz Europa ermöglichen den Blick in diese ferne aber facettenreiche Welt.

Erdwerke – umhegter Raum

Der Begriff »Erdwerk« bezeichnet einen Bauwerktyp, dessen Funktion seit über 100 Jahren heftig diskutiert wird. Allen Bauvarianten ist gemeinsam, dass sie mit einem oder mehreren Gräben, teilweise auch Wällen und Palisaden, einen Raum umgrenzen. Kleine Anlagen umfassten kaum mehr als 1 ha, große hingegen zumeist weit über 10 ha. Fluchtburg, Kultraum, befestigte Siedlung, Viehkral, Bestattungsareal, Sonnentempel, Sitz eines Stammesfürsten – die Interpretationsbreite zeigt, dass es keine einheitliche Funktion gab. Die hier vorgestellten vier Erdwerke aus Herxheim, Altheim, Bruchsal-Aue und Sarup (DK) liefern schlaglichtartig einen Überblick über dieses Thema und lenken den Blick auf die Salzmünder Anlage.

Die Salzmünder Kultur und der Ritualort Salzmünde

Die Salzmünder Kultur (ca. 3400-3050 v. Chr.) ist eine Kultur Mitteldeutschlands, aus der besonders einprägsame archäologische Objekte überliefert sind. Rituell genutzte Trommeln sind mit rätselhaften Symbolen verziert und einzigartige Steinäxte dienen als Prestigeobjekte. Daneben stellt der Grabritus der »Salzmünder« die Forscher immer wieder vor Rätsel. Auch wenn Bestattungen der Salzmünder Kultur nur in verhältnismäßig geringen Zahlen vorliegen, sind neben einfachen Erdgräbern und kleinen Steinkistengräbern auch Gruben bekannt, in denen Personen unter tausenden Scherben, Steinen und Resten abgebrannter Häuser bestattet wurden. Nicht weniger als 35 solcher Befunde fanden sich auch dem Ritualplatz vom Salzmünde. Darunter das Grab einer jung verstorbenen Frau, deren Überreste Spuren eines schweren Lebens sowie eines brutalen Todes aufweisen.

Die Neunfachbestattung von Salzmünde

Für großes Aufsehen und Interesse sorgte eine gemeinsame Beisetzung von vier Frauen mit fünf Kleinkindern und Säuglingen. Mehrere Skelette sind stellenweise angebrannt. Zwei Individuen fehlt der Schädel. Ein Kind wurde am Kopf tödlich verletzt. Doch womit haben wir es hier genau zu tun? Ritual oder Katastrophe? Handelt es sich um ein Familiengrab? Sind die Frauen und Kinder alle gleichzeitig verstorben? Mit Hilfe von archäologischen, anthropologischen, bioarchäologischen und kriminaltechnischen Untersuchungen wird den Fragen, die diese komplexe Bestattung aufwerfen, nachgestellt.

Salzmünder Geschichten

Auch andere Einzelschicksale konnten während der Ausgrabung auf dem Ritualplatz von Salzmünde aufgedeckt werden. Finden Sie durch die Salzmünder Geschichten heraus, welche Gedanken und Riten sich hinter einzigartigen Grabsituationen verbergen, die von Archäologen mit besonderen Begriffen wie: Plazentakind, Muschelfrau oder Adorant benannt wurden.

Am Ende: der Graben

Das Salzmünder Plateau war ein herausragender Kult- und Ritualort. Über drei Jahrhunderte wurden dort hochkomplexe Zeremonien durchgeführt. Ein großer Teil dieser Handlungen ist  unwiederbringlich verloren gegangen.

Die Befunde in den Gräben jedoch Graben lassen auf einen ausgeprägten Schädel- oder Ahnenkult schließen. Am Ende der Nutzung des Plateaus wurde eine große Zahl von Schädeln als Kraftobjekte dort deponiert und sollte eine magische Verteidigungslinie gegen Neuankömmlinge bilden. Doch die Verteidigung des Plateaus gelang auch mithilfe der Ahnen nicht. Die Salzmünder Kultur war dem Untergang geweiht.

Leben mit den Ahnen

Im letzten Abschnitt der Sonderausstellung zeigt Ihnen die ethnologische Forschung Bilder und Objekte eines Ahnenkultes, der teilweise bis in heutige Zeiten lebendig geblieben ist. Den Ahnen wurden im voreuropäischen Melanesien große Kräfte zugesprochen, mit denen sie in das tägliche Leben einer Gesellschaft eingreifen konnten. Aus Respekt und zuweilen auch Angst wurden daher zahlreiche Riten abgehalten um die Verstorbenen wohl gesonnen zu stimmen. Da der Schädel eines Verstorbenen als Hauptsitz der Wirkkraft von Ahnen galt, kam diesem in den meisten Ahnenkulten besondere Bedeutung und Verehrung zu.

Die zahlreichen Objekte aus Neuguinea und Fidji zeigen die alltägliche Präsenz der Ahnen in verschiedensten Lebensbereichen und erläutern, dass der Tod in dieser Gesellschaft nur ein Stadium auf dem Weg zur Ahnenwerdung war.