Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Forschung und Museum

Katastrophe oder Ritual? - ein Kriminalfall aus dem 4. Jtsd. v. Chr.

Neunfachbestattung Salzmünde (Detail) (LDA Sachsen-Anhalt/ J. Lipták).

- Interdisziplinäre Studie zu einer ungewöhnlichen Mehrfachbestattung -

Gefördert durch die VW-Stiftung im Rahmen des Programms "Forschung in Museen". Kooperationsprojekt mit der Universität Mainz (Prof. Dr. Kurt W. Alt).

Oberhalb der Saale bei Halle dominierte während der Salzmünder Kultur (3.600-3.000 v. Chr.) ein monumentales Erdwerk: Zwei tiefe Umfassungsgräben, Wälle und eventuell auch Palisaden umschlossen ein fast 40 Hektar großes Areal. Vor Errichtung dieser Anlage (Fluchtburg, Viehkraal, Heiliger Hain?), welche schon nach wenigen Jahren im Rahmen ritueller Niederlegungen vorwiegend menschlicher Schädel und seltener Teilskelette geschleift wurde, lebten bereits an diesem Platz Träger der selben Kultur. Sie legten in unmittelbarer Siedlungsnähe ihre Gräber an - meist einzelne, mit zahlreichen Scherben abgedeckte Körperbestattungen. Besonders hervorzuheben ist dabei eine mit über 10.000 Keramikbruchstücken abgedeckte Kollektivbestattung von neun Personen: Vier erwachsene Frauen umarmen je ein Kind, und bei einer Frau blieb im Beckenbereich ein Fötus erhalten. Die muskelarmen Partien (Schädel, Wirbelsäule, Gelenke) der Erwachsenen weisen noch heute am Knochen starke Brandeinwirkungen auf. Fassen wir demnach die rituelle Opferung einer Kleinfamilie, oder dürfen wir anhand dieses archäologischen Befundes an einer fast 5.000 Jahre alten Katastrophe teilhaben? - zu denken wäre bspw. an einen Hausbrand, bei dem sich die Mütter (?) evtl. zum Schutz vor dem beißenden Qualm über die (eigenen oder fremden?) Kinder beugten.

Auf der Grundlage modernster Methoden naturwissenschaftlicher Disziplinen (aDNA/ Molekular­genetik, Biogeochemie etc. zur Erforschung von Verwandtschaftsbeziehungen, einzelnen Lebensläufen und Gesundheitsbildern) soll gemeinsam mit archäologischen Synthesen und forensischen Analysen dem hochkomplexen Totenkult der damaligen Zeit nachgegangen werden. Neben der Neunfachbestattung liegen weitere 25 Individuen aus sog. Scherbenpackungsgräbern vor; daneben 31 Teil- bzw. unspezifische Einzelbestattungen sowie 45 Schädel. Eine ungefähr 500 Jahre ältere, weitaus schlechter erhaltene, gemeinsame Niederlegung von gleichfalls neun Individuen am gleichen Fundplatz soll als Referenz für o.g. Mehrfachbestattung herangezogen werden. Darauf aufbauend wird die genaue Todesursache der Neunergruppe sowie deren familiengeschichtliche Zusammensetzung beleuchtet werden. Sind es Mütter mit den eigenen und/oder evtl. mit verwandten Kindern? Handelt es sich um eine Randgruppe der damaligen Gesellschaft aufgrund ortsfremder Herkunft oder um eine besondere soziale Schicht - ggf. kombiniert mit einer ungewöhnlichen Berufsausübung?

Zuletzt steht als Antwort - neben einer zusammenfassenden Publikation zur Momentaufnahme der im Grab vereinten vier Frauen und fünf Kindern - eine interaktive Ausstellung, die es jedem Besucher erlaubt, die archäologisch-kriminalistische Arbeitsweise mit deren Lösungswegen selbst zu beschreiten. Zunächst im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle (Saale) präsentiert, soll die als Wanderausstellung konzipierte Präsentation in zahlreichen nationalen und internationalen Museen eine breite Öffentlichkeit an dem über 5.000 Jahre alten Kriminalfall teilhaben lassen. Welche Resonanz hierauf zu erwarten ist, zeigen schon jetzt die über 600 Pressemeldungen zu den familiengeschichtlich aufgearbeiteten Gräbern von Eulau. Die Familiengräber sind im Landesmuseum Halle zu sehen und entwickelten sich dort neben der viel beachteten Himmelsscheibe von Nebra schnell zu einem weiteren Publikumsmagneten. Ähnliche Resonanzen sind auf das vorliegende Projekt „Katastrophe oder Ritual? - ein Kriminalfall aus dem 4. Jtsd. v. Chr. (interdisziplinäre Studie zu einer ungewöhnlichen Mehrfachbestattung) zu erwarten.

Das Projekt "War es Mord?" rund um die rätselhafte Bestattung von Salzmünde wird in mehreren Episoden bei "sciencemovies", dem Videoblog der VolkswagenStiftung, dokumentiert. Unter http://www.sciencemovies.de/de/08_war_es_mord können die Beiträge abgerufen werden.