Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
Sie sind hier: Startseite > Forschung > Kooperationen > Ausgrabung der Kreisgrabenanlage von Pömmelte-Zackmünde > 
Deutsch | English

Ausgrabung der Kreisgrabenanlage von Pömmelte-Zackmünde

 Kooperationsprojekt
Institut für Kunstgeschichte und Archäologien Europas
der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg /
Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie

Luftbild der Anlage von Pömmelte-Zackmünde

Die Kreisgrabenanlage von Pömmelte-Zackmünde wurde ebenso wie die in der Nähe befindliche Kreisgrabenanlage von Schönebeck (Salzlandkreis) durch Flugprospektion entdeckt. In den Jahren 2005 und 2006 fanden geomagnetische Untersuchungen statt, die die grundsätzlich durch das Luftbild erbrachten Strukturen bestätigten und weitere ringartige Bauten außerhalb der Kreisgrabenanlage, eine weitere kleinere Kreisgrabenanlage im Südosten, die von der großen überlagert wird, sowie eine Reihe von Gruben erbracht haben.

In den Jahren 2005 bis 2008 wurde die Kreisgrabenanlage von Pömmelte-Zackmünde in einem Kooperationsprojekt zwischen der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt ausgegraben. Die Grabungsleitung hatte André Spazier M.A., Institut für Kunstgeschichte und Archäologien Europas der Universität Halle, der die Ausgrabung im Rahmen seiner Dissertation bei Prof. Dr. François Bertemes auswertet. Die gesamte Anlage hat einen beträchtlichen Durchmesser von ca. 115 m, wobei der eigentliche Kreisgraben einen Durchmesser von ca. 80 m aufweist.

Die Kreisgrabenanlage ist wie folgt aufgebaut: Ein äußerer Pfostenkranz (dunkelblau in der folgenden Grafik, zum Teil mit Graben) umgab einen Segmentgraben, d. h. einen kreis-förmigen Graben, der aus einzelnen Gruben bestand (hellblau). Weiter innen folgte der eigentliche Kreisgraben mit einer innenliegenden Palisade (grün). Vor dem Graben befand sich außen ein Wall, der durch Einrieselung im Graben nachgewiesen werden konnte. Innen bestanden zwei Pfostenkränze (rot).

Aufbau der Kreisgrabenanlage
Aufsicht auf die Anlage während der Grabung

Der Kreisgraben verfügte über vier Durchlässe in regelmäßigem Abstand im Nordwesten, Nordosten, Südosten und Südwesten. Die direkt innen benachbarte Palisadenreihe verkürzte diese Durchlässe beträchtlich, so dass beide Konstruktionsteile nicht unbedingt gleichzeitig angelegt worden sein müssen, wie auch die Anlage insgesamt eindeutig mehrphasig ist. Innerhalb des eigentlichen Kreisgrabens befanden sich so genannte Schacht-gruben (gelb in der Grafik, s. o.), die vermutlich einen röhren- oder zylinderförmigen Innenausbau aufwiesen, der möglicher-weise aus Korbgeflecht bestanden hat. In der Regel sind die Schachtgruben bald nach ihrem Ausheben wieder verfüllt worden, nachdem man im Rahmen ritueller Handlungen verschiedene Gegenstände in ihnen deponiert hatte.

Am Grund der Schachtgruben fanden sich vor allem Keramikgefäße aus der Übergangszeit des späten Neolithikums zur frühen Bronzezeit, die anscheinend ursprünglich vollständig in die Gruben verbracht worden sind. Zu den gefundenen Gegenständen zählen zudem Tierknochen, Steinbeile und auch menschliche Knochen - in einer Grube etwa sind zwei menschliche Schädel entdeckt worden. Nachdeponierungen am oberen Rand der Gruben auf Höhe des Kreisgrabens sprechen für eine längere Nutzungstradition der Anlage. Offenbar fanden in der Kreisgrabenanlage von Pömmelte-Zackmünde über einen längeren Zeitraum komplexe Rituale statt, die Deponierungen menschlicher Körperteile, vor allem von Köpfen oder Schädeln, aber auch von Nahrungsopfern und Werkzeugen beinhalteten. Verschiedentlich dokumentierte Brandschichten deuten darauf hin, dass auch Feuer in den Ritualen eine Rolle gespielt haben muss. Eine Reihe von Bestattungen steht zeitlich und räumlich in engem Bezug zur Kreisgrabenanlage - neben den rituellen Deponierungen diente die Anlage offenbar auch dem Totenkult.

Die zeitliche Abfolge der Anlage kann bisher wie folgt rekonstruiert werden: Nach der Aushebung des Kreisgrabens wurden auch bereits die ersten Schachtgruben angelegt und Deponierungen in ihnen vorgenommen. Danach kam es zunächst, zum Teil natürlich bedingt, zu einer Teilverfüllung der Grabenstruktur. Zu einem späteren Zeitpunkt wurden erneut Schachtgruben ausgehoben und für Deponierungen benutzt. Schließlich kam es zu einer vollständigen Verfüllung des Kreisgrabens. Die oberirdisch sichtbare Ringstruktur wurde eingeebnet, teilweise durch intentionelle Feuerlegung. In einer Pfostengrube der inneren Ringstruktur fanden sich vier Steinbeile, die hier wohl als Opfergabe nach dem Entfernen des Pfostens und der Aufgabe der Anlage deponiert wurden. Dennoch kam es auch nachher noch zum erneuten Ausheben und Wiederverfüllen einzelner Gruben. 

Ausgrabung der Pfostenlöcher und Gruben

Ähnlich wie für die Himmelsscheibe von Nebra und das Sonnenobservatorium von Goseck ist auch für die Kreisgrabenanlage von Pömmelte-Zackmünde eine astronomische Komponente belegt worden. In Pömmelte korrespondieren zwei der Zugänge mit Sonnenauf- und untergang zu schon aus alter Zeit überlieferten Jahreszeitenfesten. Zudem lassen sie sich in Bezug setzen zu regionalen Höhenlandmarken, die für die Menschen der prähistorischen Epoche große Bedeutung in ihrer räumlichen und zeitlichen Orientierung hatten. Die Kreisgrabenanlage von Pömmelte-Zackmünde ist daher ein komplexer Ritualort, an dem vielfältige religiöse Handlungen ausgeübt wurden.

Himmelsrichtungen der Öffnungen
Astronomischer Bezug
Studenten der Universität Halle bei der Grabung

Die Struktur der Kreisgrabenanlage von Pömmelte-Zackmünde mit Wall und Segmentgraben ordnet sie der Gruppe der "Henge-Monumente" zu. Diese sind zwischen der Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. und der Mitte des 2. Jahrtausends in weiten Teilen Europas verbreitet. Die Kreisgrabenanlage von Pömmelte ist grundsätzlich vergleichbar mit den englischen Henge-Monumenten, zum Beispiel Stonehenge, Woodhenge und Durrington Walls, die zum Teil in die gleiche Zeitstellung gehören. Solche Anlagen legen Zeugnis ab von regional- und kulturübergreifenden Kulturpraktiken und Glaubensvorstellungen am Ende der Jungsteinzeit und der frühen Bronzezeit. Die Anlage von Pömmelte-Zackmünde stellt jedoch aufgrund der hier in außergewöhnlicher Weise dokumentierten religiösen Praxis, vor allem in den Schachtgruben, einen Schlüssel zum Verständnis dieses Phänomens dar. Die Schachtgruben von Pömmelte sind einzigartig und finden auf dem europäischen Kontinent erst in viel späterer Zeit in den so genannten Kultschächten der späten Bronze- und frühen Eisenzeit ihre nächsten Parallelen.

Wie die Funde belegen, stellte das Ringheiligtum Pömmelte in einer über Jahrhunderte reichenden Traditionslinie einen bedeutenden Zentralort für verschiedene archäologische Kulturen dar. Die Keramik, die in Pömmelte-Zackmünde gefunden wurde, gehört zu drei Kulturgruppen: zur schnurkeramischen Kultur (ca. 2.800-2.100 v. Chr.) und der Glockenbecherkultur (ca. 2.500-2.200 v. Chr.) des ausgehenden Neolithikums und der Aunjetitzer Kultur (ca. 2.200-1.600 v. Chr.) der frühen Bronzezeit. Der Anteil der schnurkeramischen Kultur ist recht gering, die Anlage wurde aber sicher von Angehörigen der Glockenbecher- und der Aunjetitzer Kultur genutzt. Zum Teil kommen typische Gefäßformen beider Kulturen vergesellschaftet in den gleichen Gruben vor. Zudem sind Gefäße gefunden worden, die sowohl der ausgehenden Glockenbecherkultur als auch der beginnenden Aunjetitzer Kultur zugerechnet werden können. Am Übergang dieser beiden Stufen entstand der so genannte protoaunjetitzer Horizont, der das Nachleben spätneolithischer Elemente in der Formierungsphase der frühen Bronzezeit in Mitteldeutschland bezeichnet. Absolute Datierungen sind bisher durch acht Proben organischen Materials ermittelt worden, deren 14C-Datierungen die zeitliche Einordnung durch das Fundmaterial bestätigt haben und ermöglichen, den Nutzungszeitraum auf 2.335-2.050 v. Chr. einzugrenzen, wobei ein intentioneller Abbau der Anlage zwischen 2.135 und 1.985 v. Chr. stattfand, wie ebenfalls kalibrierte 14C-Daten belegen.

Der Boden ist während der Untersuchung großflächig aufgeschoben worden

Die Kreisgrabenanlage belegt eine religiös-kultische Tradition an diesem Ort über einen langen Zeitraum. Die Menschen, die in Pömmelte-Zackmünde Weihegaben opferten und rituelle Handlungen ausführten, maßen diesem für sie heiligen Ort ganz offenbar über viele Generationen eine sehr hohe Bedeutung zu. Die Frage des Zusammentreffens von mehreren Gruppen möglicherweise unterschiedlicher Herkunft stellt eines der faszinierendsten Phänome der Kreisgrabenanlage von Pömmelte-Zackmünde dar. Am Knochenmaterial aus Pömmelte-Zackmünde werden DNA- und Isotopenanalysen durchgeführt, um Erkenntnisse über Herkunft und Verwandtschaft der im Zusammenhang mit der Anlage gefundenen menschlichen Individuen zu gewinnen. In der Entschlüsselung der genauen Verhältnisse der in Pömmelte auftretenden Kulturen, die gerade im Rahmen des Forschungsprojektes erarbeitet wird, liegt ein großes Potenzial. Ist es vielleicht möglich, hier die Entstehung der bedeutenden Aunjetitzer Kultur Mitteldeutschlands, die die Entwicklung Europas vor fast 4.000 Jahren so maßgeblich bestimmte, aus der gemeinsamen religiösen Praxis der sich hier begegnenden steinzeitlichen Kulturen zu erklären?

Erstmalig liegt mit der Anlage von Pömmelte-Zackmünde ein rituell-religiöses Bauwerk der Schnurkeramik- und Glockenbecherkulturen und der Aunjetitzer Kultur in Mitteleuropa vor, die Rückschlüsse auf das Weltbild und die Glaubenswelt dieser für die weitere Entwicklung Europas so entscheidenden Epoche zulässt.  Die Kreisgrabenanlage von Pömmelte-Zackmünde ist darüber hinaus Teil einer vorgeschichtlichen Monumentenlandschaft im zentralen Sachsen-Anhalt. So befinden sich in direkter Umgebung weitere kreisförmige Anlagen und eine frühbronzezeitliche Siedlung mit vier ergrabenen Hausgrundrissen. Von sehr großer Bedeutung für den Fundplatz Pömmelte-Zackmünde ist zudem die nur ca. 1,4 km entfernte Kreisgrabenanlage von Schönebeck. Diese hat dieselben Ausmaße und folgt Pömmelte-Zackmünde zeitlich direkt nach, das heißt sie gehört in die entwickelte Aunjetitzer Kultur der frühen Bronzezeit, in der auch die Himmelsscheibe von Nebra entstand.

Vermessungsarbeiten