Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Ottersburg: ein Burgwall in der Tangerniederung (südliche Altmark)

Kooperationsprojekt
Humboldt-Universität zu Berlin /
Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt

Eine durch die Universität Potsdam ausgeführte geophysikalische Prospektion zeigte, dass sich unter einem Hügel von ca. 150 m Durchmesser nicht nur ein seit langem bekannter Burgwall befindet, sondern dass es sich offenbar um einen befestigten Zentralbereich handelt, der von mehreren konzentrischen Gräben umgeben ist. Die Oberflächenfunde sollten auf eine früh- bis hochmittelalterliche Zeitstellung hindeuten.

Nach dem geophysikalischen  Bild handelt es sich möglicherweise um eine Befestigung, deren Parallelen unter dem Weinberg von Hohenwarthe, Ldkr. JL, oder unter dem südlichen Magdeburger Stadtzentrum entdeckt wurden (gleichfalls mehrere konzentrische Spitzgräben; in den beiden genannten Fällen allerdings halbkreisförmig - Befestigungen der Hochflächenränder am Rande des Elbtals). 

Geophysik Otterburg
Geophysikalische Untersuchungen
Grabenschnitt Otterburg
Schnitt durch den Graben

Im Jahre 2007 wurde eine Lehrgrabung für die ehrenamtlichen Beauftragten der Umgebung durchgeführt, um sie für Funde und Befunde des frühen Mittelalters zu sensibilisieren.

Dabei wurde ein 20 m langer Baggerschnitt im Nordteil der Burg angelegt. Da dieser von der Niederung aus begonnen wurde, reicht er nicht bis ins Zentrum der Anlage. Dabei wurden drei Gräben geschnitten. Von diesen erwies sich der äußere als ein Meliorationsgraben, der mittlere (ein nur ca. 1 m  breiter flacher Spitzgraben im Hangbereich, der mit relativ homogenem humosen Material gefüllt war) enthielt Reste preußischer Tonpfeifen aus dem 18. / 19. Jh.

Unter einer ringförmig wirkenden wallartigen Erhebung zur Innenfläche der Burg hin wurde ein Sohlgraben angeschnitten, auf dessen Basis sich in einer Schicht mit erhaltenen Laubresten auch gut erhaltene Hölzer fanden, die offenbar in den Graben gestürzt waren. Es handelte sich um Erlen mit relativ wenigen Jahresringen, so dass eine dendrochronologische Datierung nicht möglich war.

In einer über der basalen Grabenvefüllung  angetroffenen Schicht mit zahlreichen Brandspuren konnten auch Holzkohlen geborgen werden, darunter ein größeres Halbholz, dessen Außenkante  annähernd die Kern-/Splintgrenze nachzeichnet und das nach Heußner die Jahre 742 bis 789 enthält, woraus sich ein Fälldatum von 809 +/-10 ergibt (Dr. K-U. Heußner, DAI Berlin). Es ist denkbar, dass dieses Holz von einer südlich (innerhalb) gelegenen Konstruktion der Burg stammt (Berme oder eher Wall) und bei der (Brand-)Zerstörung in die Grabenfüllung gelangt ist.

Im August 2008 wurde im Rahmen eines Kooperationsprojektes der Humboldt-Universität zu Berlin und des Landesamtes Sachsen-Anhalt ein etwa 116 m langer und 2,50 m breiter Schnitt quer durch den Hof der Burg und einmal durch die Befestigung bis in die Vorburgsiedlung gelegt; außerdem konnte die Anlage durch Prof. Dr. J. Henning und A. Volkmann M. A. (Goethe-Universität Frankfurt) vermessen werden.

Bei diesen Untersuchungen wurde die Geschichte der Burg weitgehend geklärt. Sie wurde im 9. Jh. oder erst im frühen 10. Jh. angelegt - derzeit ist letzteres wahrscheinlicher. Fast 50 Dendrodaten belegen die 920-er Jahre, so dass die Burg offenkundig in der Zeit König Heinrichs I. und seinen Auseinandersetzungen mit Slawen und Ungarn stark ausgebaut wurde. Sie bestand bis in das fortgeschrittene 10. Jh. und wurde dann noch einmal in der zweiten Hälfte des 12. Jhs. - wohl als eine Art Hochmotte - reaktiviert. Zahlreiche Siedlungsbefunde - Pfostenlöcher, Vorratsgruben, mehrere Öfen, Feuerstellen, ein Grubenhaus mit Ofen und eine vermutliche Teerschwele sowie ausgedehnte Steinpflaster und Kulturschichten zeugen von einer intensiven Besiedlung des Innenhofes. Das mehrfach erneuerte Befestigungssystem - mit einem Holz-Erde-Wall von im Endzustand 23 m Fußbreite und zwei vorgelagerten Wassergräben -lieferte in einer tief in einem älteren Burggraben gegründeten Ausbauphase erfreulicherweise gut erhaltene Pfosten- und Balkensubstruktionen des Wallfußes sowie von Böschungssicherungen.

Ein reiches Fundmaterial umfasst u. a. große Mengen von Keramik und Tierknochen, außerdem viele Kleinfunde wie einen gut erhaltenen Nietplatten-Reitersporn, ein bronzenes Armreiffragment, einen Fingerring mit Strichverzierung, einen typischen Buntmetall-Messerscheidenbeschlag westlicher Machart aus dem 12. Jh., zahlreiche Messer, Pfeilspitzen, einen Trensenknebel, einen lyraförmigen Feuerstahl, einen eisernen Spatenschuh, bearbeitete Knochen- und Geweihobjekte wie einen Geweihkamm, ein reich mit Zirkelschlägen verziertes Geweih-Bruchstück, eine Knochennadel u. ä. Ein besonderer Fund ist ein gut erhaltenes Paddel, das sich im Burggraben fand.

Die Ottersburg stellt insofern eine für die Geschichte der Altmark außerordentlich wichtige Anlage dar. Den nun laufenden Auswertungen ist insofern mit Spannung entgegenzusehen.

Felix Biermann, Thomas Weber