Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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November: Der Schafstall in Mildensee

Abb. 1: Mildensee, Bauernweg, Schafstall, Ostgiebel. G. Preuß, LDA.

Mit dem 30,5 Meter langen, 10 Meter breiten und 10 Meter hohen Schafstall im Bauernweg von Mildensee, einem Stadtbezirk von Dessau-Roßlau, ist ein nicht nur äußerlich beeindruckendes Bauwerk, sondern auch überregional bedeutendes Denkmal erhalten.

Der wohl 1800 errichtete, schlichte Fachwerkbau steht auf einem niedrigen Steinsockel und wird von einem bogenförmigen Dach überdeckt. Im Inneren ist ein Teil der eingezogenen Decke erhalten, welche die Lagerung von Futter und Einstreu für die Schafe ermöglichte. Die besondere Form des Daches leitet sich aus einer Bohlenbinderkonstruktion ab. Hierbei werden – statt der üblichen langen Holzbalken – mehrere Lagen kleiner Versatzstücke an Holz zu langen gebogenen Tragelementen verbunden. Dies ermöglichte eine Einsparung an teurem Baumaterial, indem man günstigeres Holz verwenden konnte, einen höheren Platzgewinn beim Bergeraum sowie die Möglichkeit, große Spannweiten zu verwirklichen. Verbreitet wurde diese Form der Dachkonstruktion durch die ab 1797 veröffentlichten Schriften von David Gilly, welche er fortlaufend in Folge seiner baupraktischen Erkenntnisse im Preußischen Oberbaudepartement aktualisieren konnte. Dank der benannten Vorteile wurde die Dachkonstruktion vor allem für landwirtschaftliche Bauten empfohlen und auch zur Anwendung gebracht.

Für das damals bestehende Vorwerk Pötnitz wurden um 1800 vier Schafställe unter dem Amtmann Christian Gebhard Nordmann errichtet. Dieser steigerte die Effektivität des Vorwerks in der Produktion von Getreide, Wolle und Mastochsen durch die Anwendung von modernen landwirtschaftlichen Methoden wie Stallhaltung und Kleefütterung deutlich. Somit konnten höhere Erlöse aus den Verkäufen erzielt werden. Nordmann begründete den weit über Anhalt-Dessau hinausreichenden guten Ruf der hiesigen Schafwolle, indem er Merinoschafe in den Bestand einkreuzte. Diese Tiere hatte er günstig, da sie an Räude erkrankt waren, im Nachbarland Sachsen erworben, heimlich über die Grenze gebracht und gesund pflegen lassen.

Die erfolgreiche Arbeit Nordmanns bedingte seinen Ruf als Reformer der Landwirtschaft bei seinen Zeitgenossen. Das ab dem Ende des 18. Jahrhunderts prosperierende Vorwerk war auch Vorbild für Vorwerke und Domänen im Herzogtum. Der Schafstall ist dessen letztes erhaltenes bauliches Zeugnis und gleichzeitig eine der sehr wenigen noch vorhandenen Bohlenbinderkonstruktionen dieser Zeit in Deutschland.

Abb. 2: Mildensee, Bauernweg, Schafstall, Westgiebel. G. Preuß, LDA.

Text: C. Wohlfeld-Eckart
Fotos: G. Preuß
Redaktion: S. Meinel, U. Steinecke
Internetredaktion: G. Schafferer