Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte

Mai: Die ehemalige Stiftskirche St. Pankratius in Hamersleben

Abb. 1: Ehemalige Stiftskirche St. Pankratius in Hamersleben, Südseitenschiff © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Foto: Gunar Preuß.

Das Portal über dem südlichen Haupteingang der ehemaligen Augustiner-Chorherren-Stiftskirche in Hamersleben wird von einem meisterhaft gearbeiteten Tympanon bekrönt. Das aus gelbem Sandstein gefertigte Stück stammt ursprünglich vom nördlichen Nebenchorportal und wurde erst 1856 an die jetzige Position versetzt. Die Mitte des Türbogenfeldes nehmen zwei konfrontierende, im Profil dargestellte Drachen ein, aus deren Mäulern Blattranken aufsteigen. Halbkreisförmig weitergeführt erzeugen diese Ranken die Rahmung des Portalfeldes. Den unteren Abschluss bildet eine Ornamentleiste, die kreisförmig umschlungene Palmettenblätter zeigt und gleichzeitig als Podest für die geflügelten Dämonen dient.

Drachenmotive finden in allen Kunstgattungen eine weite Verbreitung, sodass man auf den ersten Blick an ein schmückendes Ornament denken kann. In der symbolhaften Sprache der christlichen Kunst des Mittelalters versinnbildlichen Drachen jedoch meist den Teufel, das Gottlose und Böse schlechthin. Die durch eine große Traube als eucharistischer Weinstock ausgewiesene Blattranke wiederum symbolisiert den Erlöser Jesus Christus. »Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. « (Joh 15,5). Somit wurde dem symbolkundigen Betrachter der beständige Kampf des Guten mit dem Bösen vor Augen geführt, denn die Drachen versuchen (vergeblich?) mit weit aufgerissenen Rachen die Weinranke – Christus – zu verschlingen. Der Erlöser schafft es dank seiner göttlichen Allmacht, das Böse zu besiegen. In diesem Zusammenhang ist das zweite skulptierte Tympanon vom südlichen Querhausportal zu stellen, das zwei gegenüberhockende Löwen mit magischen Blicken zeigt, die die unbezwingbare Macht Gottes demonstrieren und als Wächter dem Bösen den Eintritt in sein Haus verwehren sollen. Auch an der herausragenden Kapitellplastik im Langhaus der Kirche erscheinen die Drachen, dort unter anderem in direktem Kampf mit dem Löwen dargestellt, der sie durch seine übermenschlichen Kräfte vernichtet, indem er sie frisst.

Die Säulenkapitelle der Hamerslebener Stiftskirche sind – wie die Tympana – wohl um 1130 entstanden. Freilich ist die Datierung sowohl der Bauplastik als auch des Kirchenbaues selbst in der Forschung nicht unumstritten. Fest steht jedoch, dass der Kapitelldekor zum Besten und Bemerkenswertesten gehört, was es an hochromanischer Bauskulptur in Deutschland gibt. Dass die St.-Pankratius- Kirche entgegen zahlreichen anderen Sakralbauten Sachsen-Anhalts in ihrem ganzheitlichen Bestand fast unverändert überkommen ist, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. So vermittelt dieser Bau das große beständige Thema des Mittelalters, das die Steinmetze der Augustiner-Chorherren dem symbolkundigen Menschen jener und für alle Zeit in Stein gemeißelt haben, in eindrücklicher Weise: Der Gott der Christenheit ist das Licht und das Leben, der jeden vernichten kann, der sich ihm widersetzt, dessen Allgewalt aber auch Garant für den Schutz des Gläubigen vor den dunklen und bösen Mächten ist.

Abb. 2: Ehemalige Stiftskirche St. Pankratius in Hamersleben, Tympanon des südlichen Schiffsportals © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Foto: Gunar Preuß.

Text: Dirk Höhne
Foto: Gunar Preuß
Redaktion: Sabine Meinel, Barbara Pregla, Uwe Steinecke
Internetredaktion: Nadja Allerheiligen