Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Archäozoologie

Ober- und Unterkiefer einer über 20 jährigen bronzezeitlichen Stute.
Abb. 1: Ober- und Unterkiefer einer über 20 jährigen bronzezeitlichen Stute. Der nach innen weisende 1. Molar, der von der Seite kaum zu erkennen ist, führte zu unkontrolliertem Wachstum des nachfolgenden 2. Molaren und damit insgesamt zu einer ungleichmäßigen Abkauung der unteren Backenzähne
Fragmente von Rinderrippen aus Martin Luthers Elternhaus
Abb. 2: Mansfeld am Harz, Martin Luthers Elternhaus. Fragmente von Rinderrippen: einheitlich portioniertes Suppenfleisch. © LDA Sachsen-Anhalt (Foto: Juraj Lipták)
Schnäbel von Buchfinken aus Martin-Luthers Elternhaus
Abb. 3: Mansfeld am Harz, Martin-Luthers Elternhaus. Schnäbel von Buchfinken. © LDA Sachsen-Anhalt (Foto: Juraj Lipták)
Schuppen von Flussbarschen aus Martin-Luthers Elternhaus
Abb. 4: Mansfeld am Harz, Martin-Luthers Elternhaus. Schuppen von Flussbarschen. © LDA Sachsen-Anhalt (Foto: Juraj Lipták)
Grabgrube mit 5 Rindern der Kugelamphorenkultur
Abb. 5: Westerhausen bei Quedlinburg. Grabgrube mit 5 Rindern der Kugelamphorenkultur - Teil eines opulenten Grabensembles aus Steinkiste und 2 Rindergräbern.

Tierknochen und -zähne gehören zu den häufigsten Funden archäologischer Ausgrabungen. Sie zu bestimmen und die Ergebnisse kulturgeschichtlich auszuwerten ist Aufgabe des Referates Archäozoologie. Oft ist die Archäozoologie bereits bei laufenden Grabungen gefragt, wenn es darum geht, bestimmte Befunde mit tierischen Überresten nach ihrer Freilegung in situ zu beurteilen. Die Hauptarbeit geschieht aber im Labor, da zur Bestimmung vieler Knochenfragmente entsprechende Vergleichsstücke moderner Tierskelette herangezogen werden müssen.

Die zoologische Analyse der Funde umfasst die anatomische und tierartliche Zuordnung. Darüber hinaus werden weitere Daten erfasst, so z. B. über Alter und Geschlecht der Tiere, deren Größe und Konstitution, Anomalien wie z. B. Zahnfehlstellungen (Abb. 1), krankhafte Veränderungen sowie Bearbeitungs-, Schnitt- und Hiebspuren. Von paarigen Knochen wird die Körperseite vermerkt. Zu welchen der angegebenen Punkte Aussagen getroffen werden können, hängt in hohem Maße vom Erhaltungszustand und  Fragmentierungsgrad der Funde ab. Entscheidend für die kulturgeschichtliche Interpretation solcher Funde ist ihre sichere Datierung sowie die Berücksichtigung des jeweiligen Fundzusammenhanges.

Tierreste aus Siedlungsgruben sind meist stark fragmentiert (Abb. 2), so dass der Aufwand für ihre Bestimmung hoch sein kann. Sie sind in der Regel als Schlacht- oder Küchenabfall anzusprechen und erlauben Rückschlüsse auf die Ernährungsgewohnheiten damaliger Menschen sowie die frühere Verbreitung wild lebender Tiere. Reste von Kleinvögeln (Abb. 3) und Fischen (Abb. 4) können bei der Ausgrabung leicht übersehen werden, vorausgesetzt, sie haben sich überhaupt erhalten können.

Tierknochen liegen oft auch im unversehrten Zustand vor, so als vollständige Skelette (Abb. 5) oder Teilskelette. Sie können in eigens für sie angelegten Grabgruben niedergelegt worden sein, oder sie finden sich als Beigaben in menschlichen Bestattungen. Derartige Grabungsbefunde vermitteln Einblicke in frühere Bestattungsrituale und darüber hinaus in die geistige Vorstellungswelt unserer Vorfahren.

Das Wort Archäozoologie verweist bereits auf den interdisziplinären Charakter, der sich in den Methoden, Fragestellungen und Ergebnissen dieses Faches niederschlägt. Forschungsgegenstand ist die Geschichte der Haus- und Wildtiere in ihrer Verknüpfung mit der menschlichen Geschichte. Natur- und geisteswissenschaftliche Methoden greifen dabei eng ineinander. Die gefundenen Tierreste sind Ausdruck menschlicher Aktivitäten. Schließlich hing es in erster Linie vom Menschen ab, was in den Boden gelangte und sich somit erhalten konnte und was nicht. Der Zusammenhang Tier - Mensch wird noch deutlicher, wenn man sich vergegenwärtigt, dass der überwiegende Teil all dieser Funde von Haustieren stammt. Während sich Wildtiere uneingeschränkt fortpflanzen können und der natürlichen Selektion unterliegen, verdanken Haustiere ihre Existenz und Entwicklung vor allem menschlicher Einflussnahme. All dies zeigt, dass Tierknochen aus archäologischen Fundzusammenhängen sowohl ein biologischer als auch historischer Fundstoff sind.