Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Altsteinzeit

Die Sammlung des Landesmuseums zur Altsteinzeit in Mitteldeutschland

 

Die Sammlung des Museums zur Altsteinzeit - dem Paläolithikum - ist eine der ältesten und umfangreichsten ihrer Art in Europa. Einige der bekanntesten Inventare von Fundstellen wie Bilzingsleben, Neumark-Nord, Weimar-Ehringsdorf, Gröbern, Königsaue und Ranis sind hier zu sehen.

All diese Orte besitzen einen besonderen Stellenwert für das Verständnis des Paläolithikums in Mitteleuropa. Betritt man die Ausstellung, so gibt es vielleicht keinen besseren Einstieg in die Welt der älteren Altsteinzeit als die Begegnung mit dem Befund von Bilzingsleben in Thüringen, der sich vor dem Betrachter auf einer Fläche von ca. 40 m² erstreckt.

Der Lagerplatz von Bilzingsleben © Karol Schauer / LDA Sachsen-Anhalt
Der Lagerplatz von Bilzingsleben (© Karol Schauer / LDA Sachsen-Anhalt)

In scheinbar völlig regelloser Weise liegen hier Knochen, Geweihstücke und Feuersteine - eine detailgetreue Nachbildung der Ausgrabungssituation in Bilzingsleben. In fast einmaliger Art haben sich Siedlungsstrukturen, Speiseabfälle sowie Reste der sachlichen und ideellen Kultur erhalten. Gefundene Schädelteile belegen, dass der Mensch von Bilzingsleben zum Kreis der Homo erectus-Formen, dem aufrecht gehenden Menschen, zu zählen ist, was gemeinsam mit der naturwissenschaftlichen Datierung des Fundortes auf ein Alter von ca. 370.000 Jahren schließen lässt. Bilzingsleben präsentiert sich nach der Interpretation des Ausgräbers Dietrich Mania als ein längerfristig genutztes Lager, das durch seine nahezu einmalige Strukturierung in Arbeits- und Wohnzonen mit Behausungen beweist, dass der Mensch sich schon damals eine eigene Mikroumwelt schaffen konnte.

Auf einem Oberarmknochen eines Waldelefanten findet sich ein beeindruckendes Zeugnis des Urmenschen von Bilzingsleben: Dies sind dünne Linien, die im rechten Winkel nebeneinander auf dem Knochen eingeritzt sind. Mikroskopische Analysen ergaben, dass die Ritzungen bewusst angebracht wurden. Damit gehören sie zu den ältesten abstrakten Zeichen der Menschheitsgeschichte, gewissermaßen als graphische Darstellung der Kommunikation.

 

Gravierter Knochen von Bilzingsleben © LDA Sachsen-Anhalt (Foto: Juraj Lipták)
Gravierter Knochen von Bilzingsleben (© LDA Sachsen-Anhalt, Foto: Juraj Lipták)

Auch die Fundstelle Neumark-Nord im südöstlichen Harzvorland ermöglicht die Rekonstruktion eines ganzen Ökosystems, das der eiszeitliche Mensch vor 200.000 Jahren zur Jagd genutzt hat, zu einem einmaligen Lebensbild, welches aus bis zu 15 m hohen Ablagerungen eines einstigen Seebeckens erschlossen werden konnte.

Rekonstruierte Landschaft von Neumark-Nord © Karol Schauer / LDA Sachsen-Anhalt
Rekonstruierte Landschaft von Neumark-Nord (© Karol Schauer / LDA Sachsen-Anhalt)
Organische Anhaftung auf einem Feuersteingerät © LDA Sachsen-Anhalt (Foto: Juraj Lipták)
Organische Anhaftung auf einem Feuersteingerät (© LDA Sachsen-Anhalt, Foto: Juraj Lipták)

Ein Großteil der Funde setzt sich aus Skeletten von Großtieren wie Waldelefant, Wald-, Steppen- und Wollnashorn, Dam- und Rothirsch zusammen, deren Knochen auf ca. 150 Individuen schließen lassen. Es bestehen zahlreiche Hinweise auf menschliche Aktivitäten. So deuten verschiedene Feuersteingeräte auf Holzbearbeitung, etwa gezähnte Stücke, die sich zum Sägen eignen oder gekerbte zum Entrinden und Glätten von Ästen. Dass auch die Menschen von Neumark-Nord zu erstaunlichen technischen Leistungen fähig waren, zeigt ein anderer, auf den ersten Blick wenig spektakulärer Fund. 1996 wurde bei der Freilegung eines vollständigen Elefantenskelettes ein Steingerät zwischen dessen Knochen entdeckt. Daran haftete eine schwärzliche Masse, die wie Schäftungskitt aussah. Dies wäre an sich schon eine spektakuläre Entdeckung gewesen. Analysen ergaben jedoch, dass es sich bei den Resten um Spuren von Eichensäure handelt, die in solch hoher Konzentration nicht natürlich entstehen kann. Die in der Eichenrinde enthaltene Säure wird sogar heute noch zum Gerben von Häuten und Fellen eingesetzt und beweist, dass auch die Menschen damals die Fähigkeit besaßen, Leder zu gerben und wahrscheinlich Kleidungsstücke, Sandalen oder Behälter herstellen konnten. Die Grabungsbefunde lassen in Neumark-Nord eine Unterscheidung von Rast- und Schlachtplätzen zu. Im Areal der Schlachtplätze sind die Steinwerkzeuge relativ einfach gestaltet und waren für die sofortige Zerlegung von Großwild geeignet. Darin ähneln sie den Artefakten (Geräten) von Gröbern in Sachsen-Anhalt. Hier entdeckte man in einem Braunkohletagebau das Skelett eines Elefanten und ebenfalls zahlreiche Feuersteinwerkzeuge zwischen dessen Knochen, was auf einen Schlachtplatz hindeutet.Der Fund ist ca. 125.000 Jahre alt. Zu dieser Zeit fanden sich letztmalig richtige Elefanten in Mitteldeutschland und zwar in Gestalt des so genannten Waldelefanten (heute korrekter als Eurasischer Altelefant bezeichnet), der schließlich vom wollhaarigen Mammut abgelöst wurde.

 

Königsaue am ehemaligen Ascherslebener See in Sachsen-Anhalt gehört zu den bedeutendsten Fundstellen der mittleren Altsteinszeit (Mittelpaläolithikum) in Europa.

Rekonstruktion der Umgebung des Ascherslebener Sees © Karol Schauer / LDA Sachsen-Anhalt
Rekonstruktion der Umgebung des Ascherslebener Sees (© Karol Schauer / LDA Sachsen-Anhalt)

Die einmalige Schichtenabfolge des Sees lässt auf ein Alter von mindestens 125.000 Jahren schließen und erlaubt zudem, drei getrennte Fundhorizonte exakt und zweifelsfrei einzuordnen. Tausende von Steinartefakten wurden hier geborgen, darunter so schöne Stücke wie beidseitig bearbeitete Keilmesser und Faustkeilblätter, die von einer außergewöhnlichen Beherrschung des Feuersteinmaterials zeugen. Besonders bemerkenswert ist das Vorkommen zweier winziger schwärzlicher Objekte, die ein wenig an trockenen Teer erinnern. Die chemische Analyse ergab, dass es sich hierbei um Birkenpechstücke handelt. Dies ist insofern eine revolutionäre Entdeckung als Birkenpech nicht, wie etwa pflanzliche Harze, in der Natur vorkommt, sondern aus Birkenrinden ausgeschwelt werden muss. Hierzu erhitzt man Rindenstücke auf ca. 400°C und hält sie unter Luftabschluss. Dass dies mit traditionellen Methoden bisher nicht gelungen ist, zeugt von den geistigen und handwerklichen Fähigkeiten der Menschen, die einst bei Königsaue gelebt haben.

Keilmesser und ein Faustkeilblatt aus dem Fundkomplex am Ascherslebener See © LDA Sachsen-Anhalt (Foto: Juraj Lipták)
Keilmesser und ein Faustkeilblatt aus dem Fundkomplex am Ascherslebener See (© LDA Sachsen-Anhalt, Foto: Juraj Lipták)
Birkenpech in drei verschiedenen Ansichten. Zu erkennen sind die Abdrücke von Holz und einem retuschierten Steingerät © LDA Sachsen-Anhalt (Foto: Juraj Lipták)
Birkenpech in drei verschiedenen Ansichten. Zu erkennen sind die Abdrücke von Holz und einem retuschierten Steingerät (© LDA Sachsen-Anhalt, Foto: Juraj Lipták)

Jungpaläolithikum

Jagd auf Rentiere mit Speerschleudern © Karol Schauer / LDA Sachsen-Anhalt
Jagd auf Rentiere mit Speerschleudern (© Karol Schauer / LDA Sachsen-Anhalt)

Die Jüngere Altsteinzeit, das Jungpaläolithikum, ist in Europa geprägt durch das Auftreten des modernen Menschen (Homo sapiens sapiens), welcher aus Afrika einwanderte. Sie beginnt um 35.000 v.Chr. und dauerte bis zum Ende des Eiszeitalters, ca. 10.000 v.Chr. Dieser moderne Mensch ist unser direkter Vorfahre. Eine Zeit lang lebte er parallel mit den Neandertalern, bevor diese aus heute noch unbekannten Gründen ausstarben.

Wie das Alt- und Mittelpaläolithikum ist auch das Jungpaläolithikum geprägt durch das Klima des Eiszeitalters, in dem sich kalte und warme Phasen abwechselten. Die Menschen lebten weiterhin als Nomaden und ernährten sich von der Jagd- und Sammelwirtschaft.

Geweihfragment mit heraus getrennten Spänen für die Herstellung von Nadeln © LDA Sachsen-Anhalt (Foto: Juraj Lipták)
Geweihfragment mit heraus getrennten Spänen für die Herstellung von Nadeln. Nebra (Burgenlandkreis) (© LDA Sachsen-Anhalt, Foto: Juraj Lipták)
Durchbohrter Fuchseckzahn, der als Schmuckanhänger diente © LDA Sachsen-Anhalt (Foto: Juraj Lipták)
Durchbohrter Fuchseckzahn, der als Schmuckanhänger diente. Nebra (Burgenlandkreis) (© LDA Sachsen-Anhalt, Foto: Juraj Lipták)
Klingenkratzer aus Feuerstein, der unter anderem zur Fell- und Lederbearbeitung diente © LDA Sachsen-Anhalt (Foto: Juraj Lipták)
Klingenkratzer aus Feuerstein, der unter anderem zur Fell- und Lederbearbeitung diente. Breitenbach (Burgenlandkreis) (© LDA Sachsen-Anhalt, Foto: Juraj Lipták)

Jedoch veränderten sich mit dem modernen Menschen nicht nur die Geräteherstellung und Techniken, sondern auch die Glaubensvorstellungen. Die Geräte wurden nun in der Regel aus lang gezogenen Abschlägen, so genannten Klingen, gearbeitet. Knochen und Geweih verwendete man zunehmend für die Geräteherstellung. Geschossspitzen wurden unter anderem aus Rentiergeweih gefertigt. Auch finden sich vermehrt Schmuckobjekte wie durchbohrte Tierzähne, und neu ist die Anfertigung von so genannten Kleinkunstobjekten wie Statuetten oder Gravierungen auf Knochen und Stein. Die zahlreichen Bilderhöhlen in Frankreich und Spanien zeugen von der künstlerischen Kreativität des modernen Menschen in Europa.

Die älteste Kultur des Homo sapiens sapiens in Europa wird Aurignacien genannt. Sie dauerte von ca. 35000 bis 28000 Jahre vor heute. Aus dieser Zeit stammen in Sachsen-Anhalt die Funde von Breitenbach. Neben den charakteristischen Geräten des Aurignacien wie Kratzern, retuschierten Klingen und Sticheln wurde in Breitenbach ein Knochen mit parallel verlaufenden Ritzlinien gefunden. Er ist das bislang älteste bekannte verzierte Objekt aus Sachsen-Anhalt.

Rippenfragment mit mehreren parallel verlaufenden Einschnitten © LDA Sachsen-Anhalt (Foto: Juraj Lipták)
Rippenfragment mit mehreren parallel verlaufenden Einschnitten. Breitenbach (Burgenlandkreis) (© LDA Sachsen-Anhalt, Foto: Juraj Lipták)
Stielspitzen aus Feuerstein © LDA Sachsen-Anhalt (Foto: Juraj Lipták)
Stielspitzen aus Feuerstein (© LDA Sachsen-Anhalt, Foto: Juraj Lipták)

Aus der darauf folgenden Kultur, dem Gravettien, stammen die aus dem thüringischen Fundort Bilzingsleben-Simsensee bekannten Stielspitzen vom westeuropäischen Typus, so genannte Font-Robert-Spitzen.

Mit dem Magdalénien, das in die Späteiszeit datiert und die letzte Kultur der Altsteinzeit bildet, werden in Sachsen-Anhalt die Funde häufiger; besonders im Bereich des Saale-Unstrut-Gebietes sind die Fundstellen recht zahlreich. Bei der Jagd ist der Einsatz der Speerschleuder neu. In Nebra im Unstruttal wurden zahlreiche Stein- und Knochengeräte aus der Zeit um 15.000 Jahre vor heute gefunden. Dort kamen unter anderem auch drei stark stilisierte Frauenstatuetten zutage, von denen zwei aus Mammutelfenbein, die andere aus Knochen geschnitzt wurden. Sie haben ihre zeitgleichen Parallelen in Figuren aus Oelknitz in Thüringen und anderen Fundorten in Mittel-, Ost- und Westeuropa. Selbst in der französischen Höhlenkunst sind sie bekannt und zeugen sehr wahrscheinlich von einer ähnlichen Glaubensvorstellung, die uns jedoch bis heute unbekannt ist.

Stilisierte Frauenstatuetten © LDA Sachsen-Anhalt (Foto: Juraj Lipták)
Stilisierte Frauenstatuetten (© LDA Sachsen-Anhalt, Foto: Juraj Lipták)