Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Frühbronzezeit

Aunjetitzer Grab © LDA Sachsen-Anhalt
Typisches Aunjetitzer Hockergrab aus Quedlinburg (© LDA Sachsen-Anhalt)

Zum Ende des 3. Jahrtausends v. Chr. machten sich in Mitteleuropa einheimische Kulturen allmählich mit einem neuen Werkstoff vertraut: Bronze, einer Legierung aus Kupfer und kleineren Mengen anderer Substanzen - z.B. Arsen, Antimon und später vorwiegend Zinn. Unmittelbare Voraussetzungen für den Beginn einer Metallzeit waren die Einbindung in das Distributionsnetz alpiner Kupfererze und der Anschluss an das sich über Südost- und Südeuropa ausbreitende technische „Know How“. Das verbindende archäologische Merkmal der mitteleuropäischen Frühbronzezeit ist die Bestattungssitte, Verstorbene in „gehockter“ Position zu begraben. Sie wird gut nachvollziehbar aus dem heimischen jungsteinzeitlichen Erbe an die erste Metallzeit weitergereicht und spiegelt damit die Beibehaltung religiöser Konzepte wider.

 

Aunjetitzer Tasse © LDA Sachsen-Anhalt (Foto: Juraj Lipták)
‚Klassische Tassen' als typische keramische Leitform der Aunjetitzer Kultur (© LDA Sachsen-Anhalt, Foto: Juraj Lipták)

Die im Zentrum Mitteleuropas liegende kulturelle Einheit der Frühbronzezeit ist die Aunjetitzer Kultur. Ihr Name resultiert vom böhmischen Fundort Únêtice (deutsch: Aunjetitz) bei Prag, wo man bereits 1880 bedeutende Funde jener Zeit barg. Aunjetitzer Bestattungssitte sieht im Gegensatz zu der aller räumlich und zeitlich benachbarten Kulturen eine Position Verstorbener auf der rechten Körperseite ohne Geschlechtsdifferenzierung vor. Diese Art der Grablegung gilt mehr noch als gleiche gestalterische Züge tragende materielle Hinterlassenschaften wie Keramikformen und Metallerzeugnisse - typische Aunjetitzer Tasse („klassische Tasse“), stumpfkantige und schlauchförmige Krüge, sog. Zapfen- und Ohrenbecher sowie exzeptionelle Metallformen, z.B. die „böhmische Ösenkopfnadel“, besondere Formen der Randleistenbeile, Vollgriff- und Stabdolche - als eigentliches  Kulturspezifikum.

Stabdolche aus dem Depot von Dieskau II (© LDA Sachsen-Anhalt, Foto: Juraj Lipták)

Das aus der Verbreitung von Grab- und Siedlungsfunden ablesbare Aunjetitzer Siedelgeschehen ist durch naturräumliche Gegebenheiten geprägt. Grob kann ein nördlicher und ein südlicher Zweig durch die Höhenzüge von Thüringer Wald, Erzgebirge und Sudeten voneinander geschieden werden. Der Blick auf das nördliche Aunjetitz wird unmittelbar von der Ostharzregion angezogen. Hier schmiegt sich in einem nach Westen hin offenen Bogen, die Löß- und Schwarzerdeböden jener Landstriche okkupierend, die weiträumigste Fundkonzentration innerhalb der Aunjetitzer Kultur um den fundleeren Mittelgebirgszug.

Durch die naturräumliche Gliederung entstehen Kleinsiedelregionen mit z.T. voneinander abweichenden Entwicklungsgängen. Während sich die Frühphase ab ca. 2.300 v. Chr. durch einfache Erdgräber ohne aufwändige Herrichtung in punkto Bestattungssitte noch relativ gleichförmig darstellt, erkennt man ab ca. 2.000 v. Chr. innerhalb der „Circumharzer Gruppe“ unterschiedliche Entwicklungslinien: Im Einzugsbereich der unteren Saale legt man nun überwiegend Gräber mit sorgfältiger Steinrahmung („Mauerkisten“) an. Zu einer regionalen Differenzierung kommt es auch in der Grabausstattung. Während man nördlich und südlich des Harzes weitestgehend daran festhält, dem Verstorbenen eine Anzahl Keramikgefäße beizugeben, bildet sich an der unteren Saale die „Metallgruppe“ heraus, deren Kennzeichen die Ausstattung mit typischen bronzenen Trachtaccessoires wie Ösenkopfnadel und sog. Tätowierpfriem ist.

Der Grabhügel von Leubingen
Der Grabhügel von Leubingen (© LDA Sachsen-Anhalt, Foto: Juraj Lipták)
Goldschmuck
Goldschmuck aus dem Fürstengrab von Leubingen (© LDA Sachsen-Anhalt, Foto: Juraj Lipták)

Zeitgleich findet man in Leubingen, Kr. Sömmerda (Thüringen), Helmsdorf, Salzlandkreis und Dieskau, Saalkreis, eine besondere Form der Grabstätte, das sog. Fürstengrab. Neben der qualitativ und quantitativ hochwertigen Ausstattung mit Gold- und Bronzeerzeugnissen sind Aunjetitzer Fürstengräber durch einen aufwändigen Grabbau - Grabhügel von über 30 m Durchmesser mit zentralem, eine hölzerne, zeltförmige Totenhütte bergendem Steinkern - gekennzeichnet.

Ein gegenüber den Grabfunden anderes Verbreitungsmuster zeigen Aunjetitzer Hortfunde. Zum überwiegenden Teil Erzeugnisse aus Bronze bergend, deckt sich ihre räumliche Verteilung einerseits mit den erkannten Aunjetitzer Siedelregionen, streut andererseits aber auch deutlich über deren Grenzen hinaus.

Aus der beschriebenen Verbreitungscharakteristik ist zu schließen, dass sich die metallverarbeitenden Aunjetitzer Zentren, vermutlich durch eine gesellschaftliche Elite („Fürsten“) gesteuert, ökonomisch expansiv verhielten. Sie versorgten etwa ab 2.000 v. Chr. nördlich liegende, noch in spätneolithischen Lebens- und Produktionsverhältnissen verharrende Gebiete mit Fertigprodukten. Erst zum Ende der Frühbronzezeit ab dem 17. Jahrhundert v. Chr. gelingt es dem europäischen Norden, unter Umgehung des Aunjetitzer Monopols einen Anschluss an das mitteleuropäische Distributionsnetz für Rohstoffe (Kupfer und Zinn) und deren Verarbeitung zu erreichen. Es hat den Anschein, dass der sich ab ca. 1.700 v. Chr. abzeichnende allmähliche Niedergang der Aunjetitzer Kultur mit dem Wegbrechen der nordeuropäischen Absatzmärkte für ihre Metallerzeugnisse zusammenhängt.

In dieser Zeit des Umbruchs, einhergehend mit Veränderungen in den Bestattungssitten, wurde die Himmelsscheibe von Nebra (2013 aufgenommen in das UNESCO-Dokumentenerbe "Memory of the World") geopfert und vergraben. Die Beifunde - Schwerter, Beile und ein Meißel - zeigen noch gewisse Bezüge zu denen der wenig älteren Aunjetitzer Fürstengräber, doch wird schon mit der Darstellung des religiösen Symbols einer Sonnenbarke auf der Himmelsscheibe ein völlig neues Bildprogramm sichtbar. Nebra markiert somit auch den Endpunkt der frühbronzezeitlichen Tradition und den Beginn einer neuen Zeit.