Jungsteinzeit
Der Übergang vom Wildbeutertum zu Pflanzenanbau und Viehhaltung markiert den Beginn der Jungsteinzeit, dem so genannten Neolithikum. Es ist der gewaltigste Kulturwandel in der Menschheitsgeschichte. In Mitteldeutschland vollzog er sich vor 7500 bis 7000 Jahren. Man begann, die Umwelt zu manipulieren, um vom natürlichen Nahrungsangebot unabhängiger zu sein. Das neue Lebenskonzept war jedoch keine selbständige Entwicklung hiesiger Völker. Erstmalig erfolgte dieser fundamentale Umbruch vor etwa 11000 Jahren im südlichen Vorland des Taurus- und Zagrosgebirges, dem heutigen türkisch-iranisch-irakischen Grenzgebiet. Von dort stießen Bauerngruppen auf der Suche nach Neuland innerhalb von etwa 2000 Jahren nach Südosteuropa vor. Nach einer Phase der Konsolidierung mussten abermals Teile der Bauerngemeinschaften ihr Glück in der Fremde finden. Diese Zuwanderer kamen in mehreren Wellen aus dem südosteuropäischen Donauraum nach Mitteleuropa. Im Gepäck hatten sie das komplette neue Kulturbündel: Saatgut, Vieh, Hausbau, Keramik, Textilien und Steinschliff, aber auch Gebräuche und Glaube. Mit der Zeit haben auch einheimische Wildbeuter die innovativen Techniken und Strategien übernommen.
An die neue Wirtschaftsweise waren grundlegende Änderungen individueller wie auch gesellschaftlicher Verhaltensmuster gekoppelt. Das mobile Leben wurde ortsgebunden. Man gründete dauerhafte Siedlungen mit massiven Holz-Lehm-Gebäuden. Die Ideologie änderte sich. Das Schicksal einer Gemeinschaft war nun auf das Engste mit dem von ihr geschaffenen Wirtschaftsraum verknüpft. Land wurde zu Eigentum erklärt, um ein garantiertes Anrecht auf den Ertrag der investierten Mühe zu haben. Landbesitz erhielt einen Wert, um den es sich unbedingt zu kämpfen lohnte. Vererbtes Land und Vieh sicherte die Versorgung der Nachkommen. Eigentumsbildung, Erblichkeit und Besitzstreit bedingten Legitimationen, aus denen letztlich Herrschaftsstrukturen erwuchsen. In diesen Umwälzungen liegen die Anfänge heutiger Wertmaßstäbe und Gesellschaftsordnungen. Ortsfestes Leben begünstigt kürzere Geburtenabstände. Zahlreichere Nachkommen in Kombination mit der Fähigkeit, pro Hektar mehr Personen ernähren zu können, führte zum Bevölkerungsanstieg. Bereits nach einigen Generationen mussten Teile der Bevölkerung in benachbarte Gebiete ausweichen. Innerhalb von nur etwa 100-200 Jahren breiteten sich Bauerngruppen etappenartig und inselartig im „Waldmeer“ siedelnd von der Donau bis an den Rhein aus. Die Ausbreitung erfolgte während einer wärmeren Klimaphase als heute.
In Mitteleuropa bildeten die ersten Bauerngemeinschaften noch rund 500 Jahre eine gemeinsame Zivilisation, die sich dann in unterschiedliche Kulturgruppen aufspaltete, die sich archäologisch anhand verschiedener Sachgüter – vor allem Keramik –, Hausgrundrissen und Bestattungssitten unterscheiden lassen.
Auf dieser Grundlage generierte sich während der folgenden 2500 Jahre ein wechselnder Kulturenfächer in folgender zeitlicher Abstufung:
Linienbandkeramik-Kultur ca. 7500 – 6800 Jahre vor heute
Stichbandkeramik-Kultur ca. 6900– 6600 Jahre vor heute
Rössener Kultur ca. 6600-6450 Jahre vor heute
Gaterslebener Kultur ca. 6500-6000 Jahre vor heute
Michelsberger Kultur ca. 6300-5400 Jahre vor heute
Baalberger Kultur ca. 6000-5400 Jahre vor heute
Tiefstichkeramik-Kultur ca. 5700-5350 Jahre vor heute
Salzmünder Kultur ca. 5400-5100 Jahre vor heute
Walternienburger Kultur ca. 5350- 5100 Jahre vor heute
Elb-Havel-Kultur ca. 5100-4650 Jahre vor heute
Bernburger Kultur ca. 5100-4650 Jahre vor heute
Kugelamphorenkultur ca. 5100-4650 Jahre vor heute
Schnurkeramik-Kultur ca. 4800-4100 Jahre vor heute
Einzelgrabkultur ca. 4800-4300 Jahre vor heute
Schönfelder Kultur ca. 4500-4100 Jahre vor heute
Glockenbecher-Kultur ca. 4500-4200 Jahre vor heute
Die ersten bäuerlichen Gemeinschaften organisierten sich offenbar noch in flachen Rangordnungen. Doch allmählich beeinflusste das produzierende und hortende Wirtschaften das gesellschaftliche Gefüge. Ortsfestes Leben begünstigte das Anhäufen von individuellem und gemeinschaftlichem Besitz, den es zunehmend zu schützen und verwalten galt. Führungsschichten etablierten sich. Soziale Unterschiede prägten sich aus, die in feste Gesellschaftsgliederungen mündeten. In der Folge wollte man Rang und Macht offenbar durch Repräsentation nachhaltig legitimieren. Öffentliches Ansehen oder sozialer Rang – verliehen, erworben oder ererbt – werden durch symbolträchtige Gemeinschaftsleistungen für Einzelne, Würdezeichen und Prestigeobjekte kenntlich gemacht. „Schaugepränge“ bestanden seit jeher zumeist aus wertvollen, seltenen oder symbolhaften Materialien, oftmals in kunstvoller und aufwendiger Verarbeitung. Schon die ersten Bauernkulturen Mitteleuropas besaßen derartige Statussymbole, wie etwa exotischen Muschelschmuck, der offenkundig nur einem begrenzten Personenkreis vorbehalten war, sei es aufgrund materieller, spiritueller oder herrschaftlicher Macht. Gut 50 Generationen später gaben in zunehmendem Maße besondere Grabanlagen und Beigabenausstattungen eine markantere Stufung bäuerlicher Gesellschaften zu erkennen. Die spätsteinzeitlichen Stämme und Clane läuteten vor rund 4500 Jahren das Metallzeitalter ein. Viele von ihnen formierten sich zu überregionalen Ideengemeinschaften, die zum Teil - auf getrennte Gebiete verstreut - auf halb Europa ausgedehnt waren, wie etwa die Schnurkeramik- und die Glockenbecherkultur. Innovationen aus vielen Richtungen des Kontinents strömten nach Zentraleuropa, wodurch auch hier allmählich die eigenständige Kupfer- und Goldverarbeitung begann. Ideen- und Güteraustausch führten zu zivilisatorischen Angleichungen, an deren Ende die ersten Bronze verarbeitenden Gesellschaften standen.
Die Steinzeittragödie von Eulau
Im Jahr 2005 wurde eine ca. 4600 Jahre alte Nekropole in Eulau bei Naumburg (Sachsen-Anhalt) mit 12 Gräbern entdeckt, die jeweils bis zu vier Bestattungen enthielten. Aufwändige Laboruntersuchungen belegen einen gewaltsamen Tod aller Begrabenen. So konnten auch mittels DNA- und Zahnuntersuchungen die engen verwandtschaftlichen Verhältnisse belegt werden, die in den Gräbern zudem dadurch zum Ausdruck kommen, dass sich einige Familienmitglieder an den Händen halten und die Kinder ihre Eltern ansehen. Todesursache war vermutlich ein Raubüberfall, denn fast alle Personen weisen schwere Schädelverletzungen, Hieb- und Schusswunden von Pfeilen auf, dem Vater waren Unterarme und Hände gebrochen. Der Steinzeitfriedhof in Eulau stammt aus der so genannten schnurkeramischen Epoche – namengebend durch die Art der Gefäßverzierung mit dem Abdruck einer Schnur. Die Familien wurden alle nach den strengen Grabriten der Schnurkeramik-Epoche bestattet: mit angezogenen Beinen, auf der Seite liegend, wobei die weiblichen Personen immer mit dem Kopf nach Osten und die männlichen Toten mit dem Kopf nach Westen lagen. Die Blickrichtung war stets gegen Süden gerichtet.In der Ausstellung werden drei dieser Gräber in einer ungewöhnlichen Präsentation gezeigt - als Blockbergung senkrecht in einer triptychonartigen Wand aufgestellt.







