Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Februar: Der magische Ring von Paußnitz

Der magische Ring aus Paußnitz

Seit über 100 Jahren befindet sich im Tresor des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle ein silberner Fingerring, der zeitweilig in wissenschaftlichen Fachkreisen als verschollen galt. Das Besondere an diesem Ring ist seine zwölfeckige Form und die eingravierte Inschrift, bestehend aus Symbolen und buchstabenartigen Zeichen.

Ring aus Paußnitz
Ring aus Paußnitz

Entdeckt

Der Ring wurde im Februar 1898 von dem Gutsbesitzer Emil Schreiber in Paußnitz (heute Ldkr. Riesa) gefunden. Beim Ausheben eines Baumloches stieß Schreiber auf ein kleines Keramikgefäß, das mit Silbermünzen gefüllt war und in dem auch der Ring lag.

Offenbar hat der Gutsbesitzer seinen Fund nicht geheim gehalten. Jedenfalls hatten sowohl der Pastor der nahe gelegenen Gemeinde Schirmenitz, als auch der Landrat des Kreises Torgau, zu dem Paußnitz ehedem gehörte, Kenntnis von diesem Schatzfund und gaben entsprechende Meldung nach Halle an das zuständige Provinzialmuseum der preußischen Provinz Sachsen.

Leider ist nicht bekannt, ob der Schatz isoliert im Gelände verborgen lag, oder ob er innerhalb eines Gebäudes oder einer Siedlung versteckt wurde. Weder hat der Finder auf entsprechende Befunde geachtet, noch wurden seitens der Behörden (namentlich des Museums) einschlägige Nachforschungen angestellt.

Silbermünzen
Keramikgefäß

Endlich im Besitz

Allerdings wurde man auch anderenorts auf den Schatz aufmerksam. Das Münzkabinett des Grünen Gewölbes Dresden, zwei Sammler aus dem benachbarten Mühlberg sowie ein Antikenhändler aus Großenhain beabsichtigten ebenfalls, Münzen und Ring zu erwerben. Es begann ein Gefeilsche, Handeln, Anbieten, Schmeicheln, Appellieren, Vorwerfen.  Alle Beteiligten versuchten sich auszustechen bzw. auszuspielen. Schließlich gelangten die Münzen – anfänglich sprach man von ca. 500 Stück, später war merkwürdigerweise nur noch von etwa 300 Exemplaren die Rede – in verschiedene Hände. Das Museum in Halle konnte nur sieben Münzen habhaft werden; dafür gelangte es für 15 Mark in den Besitz des Schatzgefäßes und des Ringes, dem interessantesten Objekt des wertvollen Fundes. Aber auch nach erfolgter Erwerbung durch das Provinzialmuseum Halle ließ das Münzkabinett Dresden nicht locker. Mit dem Hinweis, dass der Fundort des Ringes eigentlich sächsisches Gebiet ist, suchte man den neuen Eigentümer zur Überlassung des begehrten Objektes zu bewegen. Das Museum in Halle konterte mit dem Hinweis, dass der Fundort auf dem Gebiet der preußischen Provinz Sachsen liegt und deshalb im Interesse der Landesgeschichte nicht abgegeben wird.

Vergessen

Eigenartigerweise erfuhren nur die Münzen – es handelt sich vor allem um Brakteaten aus der Markgrafschaft Meissen sowie den Bistümern Naumburg und Magdeburg – veröffentlichte Würdigungen. Der Fingerring wurde bisweilen erwähnt, aber nie ausführlich publiziert. Aufgrund der Fundumstände wurde der Ring in einem gesondert geführten Münzkatalog inventarisiert, weshalb er – im Gegensatz zu dem Schatzgefäß - auch nicht mehr in den Inventarlisten der archäologischen Funde auftauchte. Viel später suchte man ihn aber gerade im archäologischen Inventar, allerdings vergebens, so dass der Ring in Publikationen der 1980er Jahre als Verlust gemeldet wird.

Fakten

Datierung :

Einen zeitlichen Ansatz für den Ring erhalten wir über die mit ihm vergesellschafteten Münzen, die in die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts datieren. Der gesamte Schatz muss kurz nach 1150 vergraben worden sein.  

Fundzeit :

a) 1898   b) 2001

Fundort :

a) Paußnitz (Sachsen) b) Landesmuseum Halle

Funktion:

Schmuck von vermutlich magischer Bedeutung

Material:   

Relativ reines Silber, ca. 950/1000 (kupferlegiert)

Spezifisches Gewicht:

10,41 g/cm2

Gewicht:

5,1 g

Innendurchmesser:

Der Fingerring hat einen Innendurchmesser von 18,8 mm; groß genug,
dass er auch an eine Männerhand passte. Er besteht aus nahezu
reinem Silber und wiegt etwas mehr als 5 Gramm.

 

 

Herr Archimedes

Woraus besteht der Ring? Heiko Breuer, Restaurator am Landesmuseum, untersucht den Ring mit dem chemischen Schnelltest "Archäognost".Ergebnis: es ist Silber, als Nebenbestandteil enthält der Ring Kupfer. Den Feingehalt bestimmt der Restaurator anschließend nach dem uralten Prinzip des Archimedes:  Der Ring wird in ein Glas Wasser gehängt, über die Gewichtszunahme des Wasserglases wird das Volumen bestimmt, dann wird der Ring nochmals trocken gewogen. So erhält man das spezifische Geicht von  10,41 g/cm2.  Verglichen mit dem spez. Gewicht reinen Silbers (10,49) und dem des 925er Sterlingsilbers (10,36) ergab das: es liegt ein sehr reines Silber vor, entsprechend einem Feingehalt von etwa 950/1000.

Ein Zauberspruch?

Das Bemerkenswerteste an diesem Ring ist seine Inschrift. Sie gibt auch die meisten Rätsel auf. Jedes der zwölf Felder auf der Außenseite des Ringes ist mit einem Zeichen bzw. Buchstaben versehen. Derzeit bemüht sich ein kleiner Personenkreis unterschiedlicher Disziplinen um die Entzifferung der Inschrift. Bislang ist aber noch nicht einmal gesichert, in welcher Sprache die Inschrift verfasst ist und welche Bedeutung die Symbole haben.

Anfang und Ende der Inschrift ist nicht eindeutig zu erkennen. Die Leserichtung der Buchstaben wechselt mehrfach. Die Buchstaben entsprechen offenbar einer Majuskelschrift; sie wurden mit dem kyrillischen, lateinischen und griechischen Alphabet, sicherheitshalber aber auch mit germanischen Runen abgeglichen. Am ehesten ist eine durchgehende Parallelisierung mit lateinischen Buchstaben möglich.

Vermutlich handelt es sich um kein zusammenhängendes Wort, sondern um die Abkürzung eines Satzes bzw. Spruches, bestehend aus den Anfangsbuchstaben mehrerer Wörter (ein so genanntes Akrostichon). Vielleicht symbolisieren sie jedoch auch einzelne Begriffe, die isoliert aneinander gereiht sind.

Natürlich ist bei einer derart verklausulierten Inschrift der Gedanke an einen geheimen und infolgedessen magischen Sinngehalt nahe liegend. Vermutlich hat der Ring sogar tatsächlich eine religiöse amuletthafte Bedeutung. In christlichem Sinne könnte man zum Beispiel das Krückenkreuz und den (Palm-)Zweig interpretieren; hieran weiterdenkend könnte dann das entfernt wie ein Hakenkreuz aussehende Zeichen als eine Kombination von S und T gedeutet werden, das für „S“ank“T“ steht. Der Ring hat bislang sein Rätsel aber noch nicht preisgegeben.

Rätsel um die Herrn des Rings

Abgerundete Ecken und Kanten sind Abnutzungsspuren und zeigen, dass der Ring tatsächlich und für längere Zeit getragen wurde. Dem inneren Durchmesser nach zu schließen, zierte er eine Männerhand. Der Name des einstigen Besitzers ist wohl nicht mehr zu eruieren; auch die Inschrift führt hier bislang nicht weiter.

Jedenfalls muss der Ringträger reich gewesen sein, der beigefundene Münzschatz spricht dafür. War er ein vermögender Händler, ein hoher geistlicher Herr oder ein begüterter Adliger? Lag der Ring in einem vor welcher Gefahr auch immer versteckten Hort von Handelserträgen, kirchlichen Einkünften, landesherrlichen Steuergeldern oder Privatvermögen?
Vermutlich war er ein Mann aus dem Kreis von Verwaltungsträgern, die aus dem Deutschen Reich in diesem Gebiet sesshaft geworden waren. Vielleicht war es aber auch ein mächtiger Mann aus einer der einheimischen slawischen Volksgruppen.   

Sprechende Ringe

Tebal-Ring vom Burgberg Berlin-Spandau (nachbildung)
Tebal-Ring vom Burgberg Berlin-Spandau (Nachbildung)

Seit dem Altertum sind Fingerringe nicht nur rein dekorativer Körperschmuck, sondern erfüllen oftmals die Funktion einer verklausulierten Botschaft. Besonders im Mittelalter sollten sie der Umwelt und z. T. sogar auch den übernatürlichen Mächten unterschiedliche Botschaften übermitteln, z. B. Ansprüche, Wünsche, Gefühle, Versprechen. Träger der Information waren eingebrachte Inschriften, aber auch die Gestalt des Ringes und das verarbeitete Material.

Eine erste Kategorie sind Herrschaftsringe, die als Zeichen des sozialen Standes, der Macht und des Reichtums zur Schau getragen wurden. Zu nennen wären hier z. B. Siegelringe, die als rechtsverbindliches Signum den gesellschaftlichen Status und  z. T. auch amtliche Funktionen ihrer Träger anzeigten. Im kirchlichen Bereich erlangten Fingerringe als Würdezeichen und Investitur-Insignium des Bischofs eine besondere Bedeutung.

Eine zweite Kategorie umfasst Fingerringe, die emotionale Botschaften symbolisieren, z. B. des Dankes, der Trauer, der Treue oder der Liebe. Hierzu zählen die Trauringe, die sich die Eheleute bei ihrer Hochzeit als Zeichen der ewigen Treue austauschen. Dieser Brauch ist übrigens erst seit dem Mittelalter belegt. Seit jener Zeit kennen wir auch die sinnverwandten Verlobungsringe, zumeist in Form zwei sich haltender Hände, die so genannten „mani in fede“ (Hände im Glauben) oder – volkstümlich charakterisiert – „Handtruwebratzen“. In diese Kategorie gehören aber auch Ringe, in denen sich die Zugehörigkeit bzw. Verbundenheit zu einer gesellschaftlichen oder religiösen Gruppierung ausdrückt.

Fingerringe einer dritten Kategorie sind als Ausdruck religiöser Vorstellungen zu werten. Ringe mit schriftlich fixierten Wunsch-, Segens- oder Abwehrformeln, Zeichen oder Darstellungen – vielleicht auch noch entsprechend geweiht – besaßen sowohl nach heidnischem Verständnis, aber auch im christlichen Glauben magische Kräfte und sollten den Ringträger vor Krankheiten und anderen konkreten Fährnissen oder vor dem Bösen schlechthin schützen. Die bekanntesten Vertreter dieser Kategorie sind die hoch- und spätmittelalterlichen „Thebal-Ringe“ und „AGLA-Ringe“, benannt nach den jeweils eingeschriebenen „Zauberformeln“.

In dieser dritten Kategorie kommt die tiefergehende Ringsymbolik am deutlichsten zum Ausdruck. Der Ring – Objekt ohne Anfang und Ende - als Zeichen der Unendlichkeit, aber auch als Sinnbild des bindenden wie auch bannenden Zauberkreises. Der Ring bindet das Glück an seinen Träger. Andererseits symbolisiert er den umschlossenen Raum, innerhalb dessen man Schutz erfährt und in den schädliche Kräfte nicht eindringen können.

Bei diesen magischen Ringen kann jedes Detail eine Aussage beinhalten. Bereits die Art und der Zeitpunkt der Herstellung ist bedeutungsvoll, ebenso die Auswahl und Erwerbung des Materials. So besaßen nach altem Volksglauben Metalle die Kraft, Dämonen und Krankheiten abzuwehren. Besonders gerne wurden silberne Ringe als Amulett und Talisman getragen, namentlich gegen Krankheiten. Das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens überliefert zum Beispiel, dass man in Süddeutschland breite Silberringe mit kabbalistischen Zeichen und Buchstaben zum „Wenden“, d. h. Rückgängigmachen der Krankheit trug. Hier berühren die Inschriften das weite Feld der Buchstabenmagie und des Alphabetzaubers.

Schließlich ist auf die Zahlensymbolik hinzuweisen, die auf manchem Ring mehr oder weniger versteckt angedeutet sein mag. Beispielsweise spielte die kosmische 12 als altorientalische Zahl der Vollkommenheit und Heiligkeit in Astronomie und Zeitrechnung eine Rolle. Sie begegnet in verschiedenen Mythen und Religionen. Mit dieser Zahl verbinden sich etwa die Tierkreiszeichen und die Jahreseinteilung, aber auch die Gliederung der Stämme Israels und Anzahl der Apostel Christi.

Die Entschlüsselung - 11. Februar 2004

Das zentrale Rätsel des magischen Ringes von Paußnitz ist gelöst

Im Februar 2002 stellte das Landesmuseum für Vorgeschichte Halle einen silbernen Inschriftenring aus Paußnitz als „Fund des Monats“ vor, der lange Zeit als verschollen galt.  Zum damaligen Zeitpunkt wurden vor allem die Fundumstände und die technischen Daten bekannt gegeben. Hinsichtlich der eingravierten Zeichen konnten vorläufig nur allgemeine und vergleichende Betrachtungen zur Symbolik von Ringen und Zahlen angestellt werden. Seinerzeit wurde jedoch schon darauf hingewiesen, dass man an der Entzifferung der Inschrift arbeitet. Gleichzeitig ließ man die Internet-Leser wissen, dass auch ihre Ideen und Anregungen willkommen sind.

Dankenswerterweise gingen aus diesem Kreise tatsächlich viele interessante Lösungsvorschläge ein, die aber letztlich nicht zum Ziel führten. Unterdessen gelang es durch die Beteiligung weiterer Wissenschaftszweige – Epigraphik (Friedrich Ulf Röhrer-Ertl), Linguistik (Harald Saller) und Theologie (Olav Röhrer-Ertl) - Inschrift und Symbolgehalt zu entziffern und auch zu deuten. Die Ergebnisse dieser multidisziplinären Untersuchungen sind kürzlich in der Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte, Band 87, 2003, S. 81-139 publiziert worden.

Das in dem Ring verkörperte geistige Programm ist auf mehreren Ebenen verschlüsselt. Bereits die graphische Gestaltung der Inschrift zielt darauf ab, hinsichtlich Sprache, Alphabet und Symbolgehalt falsche Spuren zu legen. Mittel der Kodierung sind unter anderem eine wechselnde Orientierung der Zeichen und die Benutzung zweier Schriftarten in verschiedenen Schreibvarianten. Der Text ist in frühgotischen Majuskeln und Buchstaben der damals schon nicht mehr gebräuchlichen irisch-angelsächsischen Zierkapitalis abgefasst.

NAINE MI XPS - Vereine mich Christus

Abrollung der Ringinschrift
Abrollung der Ringinschrift

Der Ring von Deszk in: Ryszard Kiersnowski, Wczesnosredniowieczne skarby srebrne z polabia
Der Ring von Deszk in: Ryszard Kiersnowski, Wczesnosredniowieczne skarby srebrne z polabia

Dechiffriert handelt es sich um ein seltenes Schriftzeugnis der mittelhochdeutschen Sprache, das wie folgt zu lesen ist: NAINE MI XPS. Die wörtliche Übersetzung „Verneine mich Christus“ ist aufgrund sehr weniger vergleichbarer Bittformeln im Sinne von „Vernichte mich Christus“ zu verstehen. Diese magische Anrufung ist als Ausdruck innigster religiöser Hingabe zur Erlangung des Seelenheils zu werten. Mit Hilfe des Heilands soll das eigene Ich ausgelöscht werden, um daraufhin vollständig vom Geiste Christi durchdrungen zu werden. Die Inschrift offenbart eine mystische Spiritualität, die vorderorientalische Einflüsse erkennen lässt und die besonders bei Kreuzfahrern zu finden war.

Die zwölfeckige Form des Ringes, die Strukturierung der Gravuren und der Rhythmus der wechselnden Leserichtungen sind auf der Basis eines Systems „numinoser“ (bedeutungstragender) Ziffern konzipiert. Im Lichte christlicher Zahlensymbolik zeigen sich hier komplexe mariologische und christologische Bezüge. Ein Beispiel: die 10 Buchstaben der Inschrift teilen sich in zwei 5er-Gruppen unterschiedlicher Schriftart. Die 5 wiederum ist die Zahl der Gottesmutter Maria. Die Verdopplung dieser Zahl soll ihre Wirkungsmacht verstärken.

Ein anderes Beispiel: Das Palmwedel-Zeichen hat 9 Blätter. In der christlichen Zahlensymbolik ist diese Zahl eine Potenzierung der 3, die wiederum für die Dreifaltigkeit Gottes steht.Der silberne Inschriftenring von Paußnitz ist also ein außergewöhnliches Zeugnis tiefer individueller Frömmigkeit, dessen wahre Bedeutung dem fremden Auge jedoch verborgen bleiben sollte. Wie effektiv diese Kodierung ist, zeigt sich ja auch dadurch, dass seit der Entdeckung des Ringes vor über hundert Jahren sowohl der Sinn seiner Zeichen als auch die der Gesamtkomposition zugrunde liegend  Zahlenmagie unerkannt blieben. In der inneren Ordnung des Ringes manifestiert sich eine außerordentliche Intellektualität, so dass sich unvermeidlich die Frage nach dem Urheber der komplizierten Kodierungen und dem ursprünglichen Besitzer des Ringes aufdrängt.

Nachbildungen erhalten Sie im Museumsshop des Landesmuseums
Nachbildungen erhalten Sie im Museumsshop des Landesmuseums

Vermutlich wurde dieses Einzelstück – eine Dublette ist bislang nicht bekannt – als Bekenntnis höchst privater Gläubigkeit vom geistigen Gestalter auch selbst getragen.

So jedenfalls hätte kein Außenstehender Kenntnis von der wahren Bedeutung des Ringes gehabt und demzufolge auch keine Macht, dessen „magische Kraft“ durch Gegenzauber zu brechen. Das Kleinod selbst offenbart genügend Hinweise, um ein Persönlichkeitsprofil vom Urheber bzw. Träger des Ringes zu skizzieren. Dieser Mann war schriftkundig und mathematisch geschult. Er verstand sich auf Zahlenmagie und beherrschte nicht nur die zeitgenössisch gerade neu in Gebrauch kommenden gotischen Majuskeln, sondern auch Schriftarten längst vergangener Zeiten. Dieses Schriftenwissen wie auch das theologische Programm, das der Ringkonzeption zu Grunde liegt, setzen umfassende Studien an verschiedenen Orten voraus. Offensichtlich hatte er Aufenthalt in vielen Bibliotheken und Kanzleien sowie Kontakt zu den avantgardistischen Kräften seiner Zeit. Der Urheber des Ringes war zweifelsohne vielseitig gebildet und stand auf der wissenschaftlichen Höhe seiner Zeit.


Der Gebrauch der der mittelhochdeutschen Sprache – ein Idiom des höfischen Milieus und der Minnedichtung, das vor allem geschrieben wurde – lässt erkennen, dass er höherer adeliger Herkunft gewesen sein muss.

Die im Ring verklausulierten christologischen Bezüge sind eindeutige Indizien, dass der Mann ein Theologe war. Sie lassen auch erkennen, dass er mit der Ideenwelt der christlichen Kreuzfahrer im vorderen Orient vertraut war. Die versteckten magischen Bezüge der Inschrift legen indes nahe, dass er wohl nicht im Umfeld geweihter Kleriker – Priester oder Mönch – zu suchen sein wird, von denen diese Form der Mystik weniger zu erwarten ist. Dagegen könnte er eher zum Personenkreis der Weltgeistlichen gezählt haben. Jene Gesellschaftsgruppe war – den geistigen Strömungen ihrer Zeit entsprechend – für eine mystische Spiritualität, wie sie sich auf dem Ring offenbart, durchaus empfänglich.

Es zeichnet sich ab, dass der hoch gebildete Ringträger einer Führungsschicht entstammte und für seine Studien in alten Manuskripten weit durch Europa gereist war. Sein Wissen um christlich-mystische Glaubensideen vorderorientalischer Prägung lässt darauf schließen, dass er Verbindungen nach Palästina hatte oder sogar selbst im Heiligen Land war. Zweifelsohne war er ein zutiefst religiöser Mann, der um sein Seelenheil rang. All diese Anhaltspunkte lassen Merkmale aufscheinen, wie sie auf einen Chorherren oder Ordensritter zutreffen.

Die epigraphischen wie auch die linguistischen Merkmale legen nahe, dass der Ring nicht vor Beginn des 13. Jahrhunderts angefertigt wurde. Die mit ihm vergesellschafteten Münzen datieren – soweit sie der Wissenschaft noch zugänglich sind – in die Mitte des 12. Jahrhunderts.

Der Fund des Monats februar 2002 wurde Ihnen präsentiert von:

Dr. Arnold Muhl, Wiederentdecker des Rings von Paußnitz