Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Januar: Als den Menschen ein Licht aufging....

Renaissancezeitlicher Standkrüsel aus Schwerzau

Standkrüsel
Standkrüsel

Datierung :

um 1600 n. Chr.

Fundzeit :

1997

Fundort :

Schwerzau

Material:

Bleiglasierte Irdenware

Höhe:

ca. 35 cm

Leistungsaufnahme:

ca. 280 Watt

Lichtausbeute:

0,1 Lumen/Watt
Zum Vergleich:
Moderne Glühbirne ca. 9 Lumen/Watt)

Kulturelle Einordnung:

Renaissance

Hk-Nr. :

97:1018a

Weiterführender Link:

http://www.lda-lsa.de/forschung/weitere_projekte/light_kultur/

hell aus dem dunklen Vergangenen....

Lichtschalter
Lichtschalter

Wir  betreten das Büro. Sicherer, instinktiver Griff rechts neben die Tür, an die Wand. Der Lichtschalter. Die Neonröhre flackert auf, die Arbeit kann beginnen. Licht ins Dunkel zu bringen gehört zu den elementaren Bestrebungen der Menschheit. Kaum eine Arbeit oder Freizeitbeschäftigung ist ohne Licht denkbar. 

Doch Lampen sind bis in das 16. Jahrhundert hinein in Sachsen-Anhalt im archäologischen Fundgut überaus selten. Also ein von wenigen flackernden und rußenden Kienspänen nur matt beleuchtetes "Dunkeldeutschland"?
Dagegen der mediterrane Raum und zeitweise das römisch akkulturierte Mitteleuropa: Lampen ohne Ende. Warum ? Vieles deutet darauf hin, daß es wirtschaftliche Gründe waren, die den Menschen unserer Region bis in die frühe Neuzeit ein Leben in Dunkelheit aufzwangen. Selbst heute, da künstliche Beleuchtung selbstverständlich geworden ist, steht Licht noch als Symbol für wirtschaftliche Potenz: mit Ausdrücken wie "..dann gehen bei uns die Lichter aus", oder "Dann aber gute Nacht, Deutschland" pflegen Boulevard-Kommentatoren ihre Szenarien für eine wie auch immer geartete Bedrohung unseres Wohlstands zu übertiteln. "Der letzte macht das Licht aus" war ein geflügeltes Wort, mit dem die DDR-Bürger den Untergang ihres Systems visionär vorwegnahmen.  

Lampen als Mitesser bei Tisch

Sehr verständliche Gründe zwangen die Menschen bis in die frühe Neuzeit hinein, mit Licht äußerst sparsam umzugehen, oder ganz darauf zu verzichten. Das Problem: Lampen - und meistens auch Kerzen - verbrannten tierisches oder pflanzliches Fett, das man auch hätte essen können. 

Der Energieverbrauch einer etwa kerzenhellen Flamme beträgt 8-10 g Fett pro Stunde, in Nährwert umgerechnet sind das etwa 380 KJ. Das entspricht in etwa dem Energiebedarf des Menschen. Größere Flammen (wie links im Bild) verbrauchten schon etwa die doppelte Energiemenge. Lampen waren ständige Mitesser bei Tisch. Künstliches Licht war deshalb Luxus.  Je weiter von den mediterranen Überflußgesellschaften entfernt, desto unerschwinglicher war  Licht für die breite Masse. 

links: Messung von Lichtausbeute und Energieverbrauch an dem Nachbau der Lampe von Schwerzau. Ergebnis für die hier gezeigte Anordnung: Bei diesem Versuch verbrennt die Lampe etwa 25g Fett/Stunde, sie "heizt" mit einer Leistung von ca. 280 Watt, bei einer Lichtausbeute von nur 0,1 Lumen pro Watt (im Vergleich dazu: eine Glühbirne liefert immerhin eine Ausbeute von ca. 9 Lumen/Watt.)

Aber im 16. Jahrhundert ändert sich die Situation - fast schlagartig. Im wahrsten Sinn einleuchtendes Indiz hierfür ist der aktuelle Fund, der Leuchter aus dem Dorf Schwerzau, Ldkrs. Burgenlandkreis. Gefunden wurde der geständerte "Frosch" oder "Klosterlampe" (Typenbezeichnung) in einer Siedlungsgrube, in die er im 17. Jahrhundert hineingelangte. Bei dem Objekt handelt es sich nicht um einen "Fund des Monats" im engeren Sinne - jedoch haben sich erst in den letzten Monaten nach eingehender Beschäftigung mit dem Leuchter interessante neue Ansatzpunkte ergeben. Außerdem erschien die Jahreszeit passend - Januar zum "Dreikönigstag", der in Sachsen-Anhalt gesetzliche Feiertag am 6. Januar. 

Im archäologisch voll erschlossenen Dorf Schwerzau, das der Braunkohle weichen mußte, läßt sich Alltagskultur lückenlos erschließen. Das Fundspektrum zeigt deutlich, daß Ölleuchter seit dem 17. Jahrhundert zu jedem Haushalt gehörten - ähnlich wie in den übrigen Regionen Mitteldeutschlands, wie sich anhand des Fundspektrums der Sammlung des LfA erschließen läßt. Die Ursache für deren plötzliches und häufiges Erscheinen ab dem späten 16./frühen 17. Jh. scheint mit der Ausbreitung von Rübsen und Raps zusammenzuhängen. Die sich von den Niederlanden ausbreitende Nutzung dieser sehr ergiebigen Ölpflanzen führte endlich zur ausreichenden Versorgung breiter Bevölkerungsschichten mit Leuchtöl. Rüb- und Rapsöl eignete sich auch nicht zum Verzehr - es enthielt große Mengen einer unverdaulichen, hochgradig gesundheitsschädlichen Fettsäure, der Erucasäure. (Erst neu geüchtete Rapssorten, seit den 1980er Jahren im Anbau, enthalten keine Erucasäure mehr - und erst seitdem findet man Rapsöl in der Lebensmittelabteilung im Supermarkt).  

Wie der Leuchter funktionierte

Was die Brennvorrichtung betrifft, folgt der Leuchter einem ziemlich einfachen Prinzip, dem Funktionstypus "offener Frosch".  In die offene Schale gibt man ein fettes Öl, beispielsweise Rüböl. Dieses Öl brennt nicht - im Gegensatz zu Petroleum oder anderen Erdölderivaten - von allein. Als eine Art "Katalysator" ist ein Docht notwendig, den man in die Schale legt, und der mit einem Ende aus der Schnauze herausragt. Der Docht vergrößert die Oberfläche des Öls. Dadurch kann, wenn man den Docht bzw. das an ihm haftende Öl entzündet, soviel Brennstoff verdampfen, daß die Flamme unterhalten werden kann. Während der Brenner selbst noch relativ primitiv ist, ist die Bauart des  Leuchters hinsichtlich eines Aspektes der Brennstoffökonomie durchaus ausgeklügelt und neu :  

Die Konstruktion zeigt, dass man trotz leichter Verfügbarkeit des Rüböls dennoch nichts verschwenden wollte. Das aus der Schnauze beim Brennen gelegentlich ablaufende Öl kriecht den Ständer hinab in eine Auffangschale. Von dort läuft es durch zwei darin angebrachte Löcher in den hohlen Fuß, wo es sich sammelt und über die schräg seitlich daran angebrachte Ausgußtülle wieder entnommen werden kann. Der Leuchter ist damit definitiv zum Verbrennen flüssiger Fette (=Öle) gedacht (es handelt sich nicht um eine Fett- oderTalglampe). Falls man kein Öl hatte, konnte man alternativ auch ein Kerze aus Talg oder sehr teurem Bienenwachs in die dafür vorgesehene Halterung über dem Henkel anbringen.

Rübsen
Rübsen
Raps
Raps

Einst brachten die Rapsfelder Licht in die frühe Neuzeit - und heute sind sie wieder in Form von Biodiesel ein Hoffnungsträger auf der Suche nach der Energie von Morgen. 
Bedeutsame Funde müssen also nicht immer glitzern und funkeln. Es können auch ganz normale Gebrauchsgegenstände sein, die durch Art und Umfang ihres Auftretens in ihrer Bedeutung nicht zu unterschätzen sind. Der Fund zeigt, daß Archäologie nicht im ”finsteren” Mittelalter endet..
Etwas mehr Licht in dunkle Vergangenheit bringen - das will Archäologie. 

Die FUMO-Autoren wünschen ihren Lesern in diesem Sinne ein lichtvolles neues Jahr 2002. 

Der Fund des Monats Januar 2002  wurde Ihnen präsentiert von:

Peter Rudolph
Dr. Chr.-Heinrich Wunderlich