Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Mai: Der Löwe von Freckleben

Ein Zeugnis aus der Welfenherrschaft?

Ein Löwe im Turm

In den letzten zwölf Jahren hat sich der Rat der Gemeinde Freckleben zusammen mit Hilmar Seidig, ehrenamtlicher Mitarbeiter für Denkmalpflege, intensiv darum bemüht, die Burganlage Freckleben vor dem weiteren Verfall zu schützen. Seit Juni 2000 unterstützen das „Handwerker Bildungszentrum Aschersleben“ und das Arbeitsamt Aschersleben die notwendigen Restaurierungsmaßnahmen durch den Einsatz einer „Jugend ABM“. Nach dem Maßnahmeplan zur Erhaltung und Restaurierung der Burganlage Freckleben führten die Jugendlichen dieser ABM – als Winterarbeit – eine Schuttausräumung im Bergfried I, einem ehemaligen Wohnturm der Burg durch. Ziel dieser Arbeiten ist letztendlich die Umgestaltung in einen Aussichtsturm .Im Laufe der Jahrhunderte hatte sich eine große Menge an Ruinenschutt im Inneren des Turmes abgelagert. Aus Anhaltinischen Land- und Amtsregistern des 16. Jahrhunderts weiß man, dass der Turm bereits 1586 kein Dach mehr besaß und somit schon dem Verfall preisgegeben war. Erst im 19. Jahrhundert (um 1870) wurde die Mauerkrone der Turmruine mit Mauerziegeln begradigt und ein flaches doppellagiges Pappdach mit Holzschalung aufgebracht. Dieses wurde jedoch im Laufe der Zeit immer weiter vernachlässigt und schließlich mehr und mehr zerstört. Die in das Turminnere gestürzten Reste des Daches mußten im Zuge der Restaurierungsarbeiten beräumt werden.

Am 7. Februar 2002 stieß dann Andy Thüer bei diesen Arbeiten neben einer kleinen vernieteten Metallhalterung und einigen Keramikfragmenten auf einen kleinen, schildförmigen Anhänger. Möglicherweise zierte er ursprünglich Teile eines Pferdegeschirrs. Obwohl das Stück vollkommen mit grüner Patina überzogen war, konnte man sofort erkennen, daß hier ein aufgerichteter Löwe dargestellt ist.

Auch ein Bär spielt eine Rolle

Der runde Turm der Burg Freckleben (Bergfried I) gehört zur ältesten Bauphase der Anlage. Seine heutige Höhe beträgt fast 17 Meter, ursprünglich war er jedoch weitaus höher. Architektonische Merkmale, wie seine geschlossene Baumasse und die wenigen einfachen romanischen Elemente, deuten darauf hin, daß er wahrscheinlich zwischen 1100 und 1150 errichtet wurde. Zu dieser Zeit war Graf Udo IV. von Freckleben mit Adelheid, einer Schwester Albrechts des Bären, verheiratet.

Dies scheint den Grafen jedoch nicht vor dem Expansionsdrang seines Schwagers geschützt zu haben. 1127 eroberte Albrecht der Bär die Hildagesburg bei Elbeu, eine Schlüsselstellung der Frecklebener, und am 15. März 1130 wurde Udo IV. von Freckleben bei den Kreuzsteinen am Lindenhof in Aschersleben erschlagen. Kaiser Lothar zog daraufhin Freckleben als herrenloses Gut ein und 1166 wurde es schliesslich Eigentum des Erzbistumes Magdeburg. Letzteres hatte eine rege Bautätigkeit zur Folge und dieser Zeit verdankt die Burg auch ihren imposanten, spätromanischen Turm der Oberburg. 
 

Die Zeit des Löwen

Aus welcher Zeit aber stammt der eindrucksvolle, wenn auch kleine Anhänger? Wie bereits erwähnt, zeigt er einen geprägten Löwen, der nach links steigend aufgerichtet ist. Ob der Löwe auch noch von einer Krone geziert wird, ist eher zweifelhaft. Möglicherweise handelt es sich dabei um die Überreste der alten Aufhängung. Bei einer ersten Besichtigung vermutete Udo Schulz, Museumsleiter Aschersleben, bereits, daß der Anhänger möglicherweise aus der Zeit der Welfenherrschaft (1125-1235) stammen könnte, vielleicht also aus der Zeit Heinrichs des Löwen. Dem Anhänger von Freckleben sehr ähnliche Darstellungen finden sich in der Tat auf Siegeln des späten 12. und frühen 13. Jahrhunderts. Darunter ist auch das Siegel Konrads II. (1191-1225), Graf von Rohden-Lauenrode. Dessen Vater, Graf Konrad I., war nicht nur ein treuer Parteigänger Heinrichs des Löwen, er war von diesem auch im Jahre 1189 mit der Verwaltung der Burg Stade beauftragt worden.

 

Die Erwähnung der Burg Stade führt uns schliesslich wieder zurück zum unglücklichen Schicksal des Grafen Udo IV. Dieser war nämlich der letzte der Markgrafen der Nordmark aus dem Stadeschen Geschlecht, die nach 1056 als Besitzer der Burg Freckleben geführt wurden. Einiges deutet demnach darauf hin, daß der Anhänger aus der turbulenten Zeit um das Jahr 1200 stammt. Genauere Untersuchungen werden in Zukunft hoffentlich Aufschluß darüber geben, wem der Löwe von Freckleben einst gehörte.

Katzenwäsche

Der Löwe ist nun in den Restaurierungswerkstätten des Landesmuseums für Vorgeschichte angekommen. Restaurator Hans-Joachim Naumann nimmt sich des Falles an. Die grüne, dickschichtige Korrosion soll vorsichtig entfernt werden, in der Hoffnung, das Wappen dann genauer bestimmen zu können. Vorsichtig beginnt Naumann, die festsitzenden, harten Schichten abzutragen. An einigen Stellen kommt Gold zutage. Doch der Versuch, die Korrosion weitgehend abzutragen, wird abgebrochen. Das Metall ist bereits an vielen Stellen derart zerfressen, daß eine Freilegung nicht zu vertreten gewesen wäre. Weite Teile des Reliefs bestehen nur noch aus Korrosionsprodukten, die zum Teil auch noch blasenartige Hohlräume enthalten. Erhalten statt Restaurieren: diese Entscheidung müssen Restauratoren immer wieder treffen.

Katzengold - Nervenleiden und früher Tod als Schicksal der Feuervergolder?

Die Bearbeitung des Anhängers aus Freckleben im Landesmuseum hat auch gezeigt, daß er aus fast reinem Kupfer besteht. Vermutlich wurde es in einem Gesenk, einer Art Hohlform aus Stahl, gedrückt. Auf der Rückseite erscheint das Relief als Negativ. Die bei den Restaurierungsarbeiten freigelegten Goldschichten sind die Reste einer so genannten Feuervergoldung. Diese Technik war bis in das 19. Jahrhundert hinein die gängigste und auch einfachste Art, Metalle mit einer gut haftenden, feurig glänzenden Goldschicht zu versehen. Leider war das nicht ungefährlich. Bei der Feuervergoldung wurden in der Kunstschmiedewerkstatt immer wieder größere Mengen Quecksilberdampf freigesetzt. Die Dauerbelastung mit Quecksilber führte bei den ahnungslosen Handwerkern zu schweren Nervenschäden. Intelligenz, Aufnahmefähigkeit und die körperlicher Koordinationfähigkeit muss als Folge der schleichenden Vergiftung sehr gelitten haben. Hinzu kamen auch noch Nieren- und Leberschäden, so daß viele Handwerker ein qualvoller, früher Tod ereilte. Die in manchen Traktaten nachzulesende Anweisung, man möge beim Vergolden als „Gegengift“ immer ausreichend Speck und Wein zu sich nehmen, mag – zumindest zeitweise – ein gewisses Wohlbefinden hervorgerufen haben. Die gewünschte präventive Wirkung hatte dies jedoch leider nicht.

Die Technick der Feuervergoldung

Damit das Kupfer das Goldamalgam annimmt, muß es zunächst "verquickt" werden. Dazu behandelt man den sorgfältig gereinigten Rohling mit einer Quecksilbersalzlösung. Dabei wird eine hauchdünne Schicht Quecksilber auf dem Kupfer abgeschieden, es bildet sich an der Oberfläche eine chemische Verbindung aus Kupfer und Quecksilber, dem Kupfer-Amalgam (Amalgame sind Metallverbindungen mit Quecksilber. Das Wort "Amalgam" stammt aus dem griechischen und bedeutet soviel wie "verquicktes", innig verbundenes.)

1 Teil Gold, 8 Teile Quecksilber zusammenschmelzen (Abzug!!!), abschrecken in kaltem Wasser. Ergibt feine, silbrige Paste. Frisch hergestellte Amalgampaste (bzw. zumindest frisch abgeschreckte, oder fein verriebene Paste) auftragen (Borstenpinsel). Paste muß sich "cremig" streichen lassen, Pinselstriche bleiben in der Kälte stehen.

Oberfläche langsam anwärmen, dabei mit dem Pinsel gleichmäßig immer wieder verteilen.

Temperatur kann langsam gesteigert werden, max. ca. 400 Grad.
Wenn die Oberfläche mattsilbrig wird, kann man mit dem Streichen aufhören.

Die Oberfläche läuft anschließend mattockergelb an.

In der Kälte unter Wasser mit Messingbürste polieren ("kratzen"). Je nach Art und Temperatur der Erwärmung entstehen bleichgolden (noch hoher Hg-Gehalt) bis rotgoldene Oberflächen (geringer Hg-Gehalt, eindiffundiertes Cu). Temperaturen von ca. 400-500 Grad sollten nicht überschritten werden, da sonst Lücken entstehen - besonders dann, wenn das Amalgam zu dünn aufgetragen wurde.

Für das Gelingen ist die richtige Zusammensetzung der Amalgampaste fast einzig entscheidend. Zuviel Quecksilber verhindert die Bildung hinreichend dickschichtiger, stabiler Goldschichten - (überschüssiges Hg löst gerade entstandene Goldschichten sofort wieder an). Zu dünne Goldschichten sind aber extrem temperaturempfindlich - selbst geringstes Überschreiten einer Temperatur con 250-300 über 300 Grad läßt die Oberfläche sofort aufreißen  (Oxidation des Cu-Untergrundes). Inhomogenes, grobkristallines Amalgam läßt sich nicht auftragen und verteilen, damit gelingt  keine geschlossene Oberfläche. Mit dem korrekt bereitetem Amalgam (s. Rezepturen bei Theophilos) ist Feuervergoldung eine einfache Technik. Als Untergründe eignen sich Kupfer, Silber und Messing. Zinnbronze eignet sich weniger gut.

Sicherheitshinweis: Quecksilberdämpfe sind extrem giftig - alle Arbeiten sollten unbedingt unter einem gut ziehenden Abzug ausgeführt werden. 

Der Fund des Monats Mai 2002 wurde Ihnen präsentiert von:

Hilmer Seidig, Freckleben

Redaktion:

Dr. Arnold Muhl
Martin Porr
Dr. Christian - Heinrich Wunderlich