Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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November: Jagdzauber in der Jungsteinzeit?

Zwei Besondere mittelneolithische Keramikfragmente aus Egeln

 
Das Grabungsfeld von Egeln

Egeln-Nord, Ldkr. Aschersleben-Staßfurt, ein kleiner Ort etwa 25 km südlich von Magdeburg, liegt im Bereich der Egelner Bodenniederung, einer alten, durch zahlreiche archäologische Funde ausgewiesenen Kulturlandschaft. Erdbewegungen erbrachten hier schon manchen interessanten Befund bzw. Fundgegenstand, etwa ein jungsteinzeitliches Grab der schnurkeramischen Kultur, das gleichzeitig Einflüsse der Glockenbecherkultur aufwies. Nicht weit von dieser Fundstelle, etwa 0,5 km östlich des Ortes, wird demnächst die Trasse der Umgehungsstraße B 81n vorbei führen. Seit dem Frühjahr 2002 finden hier im Vorfeld der Bauarbeiten an zwei Stellen archäologische Untersuchungen statt, die eine Fülle von hochinteressanten Ergebnissen erbrachte.

Die hier vorgestellten Funde stammen von einer Fläche, die leicht erhöht am Rande des Niederungsgebietes liegt. Sämtliche bisher dort ergrabenen Befunde, darunter der vollständig erfasste Grundriss eines bandkeramischen Pfostenhauses, lassen auf eine intensive Siedlungstätigkeit insbesondere während des Neolithikums schließen. Mehrere Siedlungsgruben dürften anhand ihres Keramikinventars der Bernburger Kultur zuzuschreiben sein, darunter auch der Befund, der die verzierten Keramikfragmente mit Ritzzeichnung enthielt.

Grundriss eines neolithischen Pfostenhauses

Das Objekt

Die Darstellung auf der einen Scherbe zeigt eine menschliche Gestalt mit einem Gegenstand in der rechten Hand, der, wenn auch nicht vollständig erhalten, vermutlich als Bogen anzusprechen ist. Unterhalb des linken Arms sind vier Einstichpunkte angebracht, deren Sinn sich zunächst nicht erschließt. Oberhalb des Kopfes sind zwei Kreisaugenstempel der Gefäßverzierung erkennbar. Zu diesem bemerkenswerten Fund gibt es in Mitteldeutschland erst eine Parallele. Dabei handelt es sich um eine Scherbe mit einer eingeritzten Jagddarstellung aus Salzmünde. Das Fundstück aus einem Grab wird der gleichnamigen mittelneolithischen Kultur zugewiesen. Auf der Scherbe erkennt man einen Jäger mit Pfeil und Bogen hinter drei vierbeinigen Tieren. Im Gegensatz zur Egelner Darstellung zeigt das Salzmünder Exemplar die Gestalt mit erhobenem Bogen, so als wolle sie gerade den Pfeil abschießen.

Szenische Darstellung aus einem Siedlungsbefund
Szenische Darstellung aus einem Siedlungsbefund
Szenische Darstellung auf einer Scherbe aus Salzmünde
Szenische Darstellung auf einer Scherbe aus Salzmünde

Allerlei Getier an Kreisaugen

Trotz dieses Unterschiedes nehmen wir an, dass das Motiv auf der Egelner Scherbe ebenfalls „Jagddarstellung“ anzusehen ist. Dafür spricht auch die Ikonographie der zweiten Egelner Scherbe, die ein vierbeiniges Tier zeigt. Bis auf den Kopf ist die Gestalt nahezu vollständig erhalten. Im oberen Bereich der Scherbe erkennt man die Beine eines zweiten Tieres. Im unteren Bereich ist ein Kreisaugenstempel erkennbar.Die Tierdarstellung unseres Fundes entspricht der Darstellung auf dem Salzmünder Keramikfragment. Hier wie dort kann nicht entschieden werden, ob es sich um Hunde oder um das verfolgte Wild handelt. Obwohl beide Egelner Keramikfragmente nicht unmittelbar aneinander gefügt werden können, ist aufgrund der Farbe, Machart und Scherbendicke davon auszugehen, dass sie von ein und demselben Gefäß stammen und wahrscheinlich auch zur gleichen Darstellung gehören.

Zuordnung zur Bernburger Kultur

Auffallend ist der Befundzusammenhang der Egelner Jagddarstellung. Wie oben erwähnt, stammen die Scherben aus einer Siedlungsgrube, die während der Untersuchung keine Besonderheiten aufwies. Die Fundstücke waren vergesellschaftet mit Keramik, die als Verzierungselemente Linienbänder sowie mehrfache parallele Stichreihen tragen. Nach unserer Auffassung dürfte eine Zuordnung des Inventars zur Bernburger Kultur am wahrscheinlichsten sein, obwohl die mehrfach beobachtete Stempelverzierung mit Kreis auch an Salzmünder Einflüsse denken lassen.

Jagdzauber

Es besteht kein Zweifel, dass die vorgestellten Funde noch für manche Spekulation sorgen werden. Dies betrifft nicht nur die Bedeutung der Ritzzeichnung, die nach heutiger Auffassung in einem religiösen Zusammenhang (Jagdzauber?) gesehen werden muss. Auch der gänzlich andere Befundzusammenhang gegenüber der Salzmünder Jagddarstellung wirft mehr Fragen als Antworten auf. In jedem Fall wird deutlich, dass auch in einem neolithischen Siedlungskontext mit dieser äußerst seltenen Fundkategorie gerechnet werden muss. Möglicherweise wirft dieser Sachverhalt wirft somit ein völlig neues Licht auf die zukünftige Beurteilung solcher Darstellungen.

Der Fund des Monats November 2002  wurde Ihnen präsentiert von: Peter Pacak M.A.
Redaktion: Dr. Martin Porr