Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
Sie sind hier: Startseite > Landesmuseum für Vorgeschichte > Fund des Monats > 2003 > April > 
Deutsch | English

April: Der Drache von Zschörbesleben

Ende März, Ortsumgehung von Zschörbesleben (Ldk. Merseburg-Querfurt).
Die Grabungen gehen dem Ende zu; der Investor drängt auf Freigabe des Bauplatzes, auf dem das Grabungsteam von Dr. Felsch, Archäologe und Spezialist für Archäopaläozoologie, noch tätig ist. Die Grabungen haben bisher die für Ortsumgehungen typischen Funde und Befunde erbracht - neolithische Siedlungsgruben, bronzezeitliche Bestattungen bis hin zu mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Alltagskeramik. Die Zeit drängt, noch sind viele Flächen nur vom Bagger abgeschoben und in drei Tagen ist offizielles Grabungsende.

Die Bagger, die die Trasse für die Ortsumgehungsstrasse legen, stehen vor der Grabungsfläche bereits in Lauerstellung. Man beschließt, nur noch deutlich sichtbare Befunde zu erfassen und zu dokumentieren. Dabei fällt eine deutlich dunkle, ca. 20 cm breite, rechteckige Verfärbung im Erdreich auf. Kohlesplitter und die deutlich sichtbaren Reste grüner Korrosion deuten auf einen komplizierten Befund hin. Die Eile gestattet es nicht, den Befund vor Ort auszugraben - man entscheidet sich zur Blockbergung. Der komplette Befund wird äußerlich abgegraben. Dabei treten weitere kleine grünliche Korrosionsflitter auf; ein bronzenes Metallstück schaut aus dem Erdreich hervor. Der Block wird mit Gipsbinden ummantelt und komplett geborgen um anschließend in der Restaurierungswerkstatt des Landesamtes in Form einer Kleingrabung untersucht und präpariert zu werden. 


Grabungsleiter Dr. Felsch in Debatte mit dem Investor um die Freigabe des Bauplatzes
Grabungsleiter Dr. Felsch in Debatte mit dem Investor um die Freigabe des Bauplatzes
Die Idylle trügt:
Die Idylle trügt:
Quer durch die Felder zieht sich in Zukunft der Verlauf der Zschörbeslebener Umgehungsstraße.
Quer durch die Felder zieht sich in Zukunft der Verlauf der Zschörbeslebener Umgehungsstraße.

Die sich andeutende Komplexität des Befundes macht eine Voruntersuchung des mit Gipsbinden notdürftig gesicherten Blockes notwendig. Als Methode bietet sich die zwar aufwendige, jedoch sehr schonende Methode des Accelerated Photone Reaction Imaging Lab an.

Eine entsprechende Einrichtung steht seit kurzem im Heisenberg-Institut für angewandte Relativitätstheorie an der Universität Halle zur Verfügung, das sich dankenswerterweise unbürokratisch zur Untersuchung des vielversprechenden Befunde bereiterklärte. Unter den notwendigen Sicherheitsvorkehrungen wird der Block in das Institut gebracht und dort untersucht.

Das Accelerated Photone Reaction Imaging Lab
Das Accelerated Photone Reaction Imaging Lab

Das Verfahren beruht auf der Interaktion beschleunigter Photonen (Elementarteilchen, von energetisch angeregten Atomen ausgesandt werden) mit Materie. Die Photonen werden in einem zur Apparatur gehörenden Teilchengenerator erzeugt (Low Accellerated Master Photone Emittor). Die Emission der Elementarteilchen erfolgt an der Oberfläche thermisch angeregter Kohlenstoffpartikel, die durch eine Reaktion von Sauerstoff und aliphatischen Kohlenwasserstoffen in einem Gasplasma erzeugt und von der bei der Reaktion freiwerdenden Energie simultan zur Photonenemission angeregt werden. Die Photonen werden mittels einer Focussierungseinrichtung aus Calcium-Natrium-Silikat auf das zu untersuchende Material gelenkt. Die Photonen werden von dem Material je nach chemischer Beschaffenheit und Oberflächencharakteristik wellenlängendispersiv absorbiert, gerichtet reflektiert oder gestreut. Die Rückstreuphotonen werden von einer Meßsonde in einer weiteren Si-Ca-Na-O- Focussiereinrichtung gebündelt und von einem CCD-Diaodenarray registriert. Die Meßdaten werden im Rechner anschließend zu einer Datei verrechnet, die hoch ortsauflösende Informationen über die Materialbeschaffenheit des untersuchten Objektes liefert.

Die wissenschaftlichen Assistenten Dr. Maria Vitrinelli und Dr.habil. Harthmuth Sokow am Institut für Heisenberg-Institut für angewandte Relativitätstheorie der MLU.
Die wissenschaftlichen Assistenten Dr. Maria Vitrinelli und Dr.habil. Harthmuth Sokow am Institut für Heisenberg-Institut für angewandte Relativitätstheorie der MLU.

Fragmente von Gießversuchen, Bronze, stark korrodiert, steinerne Werkzeuge, Reste von Kohlen...
Fragmente von Gießversuchen, Bronze, stark korrodiert, steinerne Werkzeuge, Reste von Kohlen...

Der bei der Grabung geborgene Block wurde zunächst im Accelerated Photone Reaction Imaging Lab zerstörungsfrei untersucht. Schon bei der Untersuchung konnte eine größere Zahl von Objekten anhand ihrer sich deutlich abzeichenden Struktur ermittelt werden.

Die Bilddaten wurden per Email den diensthabenden Restauratoren im Labor des LfA übermittelt, die noch vor Eintreffen des Befundes in Halle alle einzuleitenden Maßnahmen rechtzeitig vorbereiten konnten. Nach Analyse der Bilddaten wurde der Block schichtenweise freipräpariert und die Funde geborgen.

Es handelt sich offenbar um die Reste einer frühbronzezeitlichen Werkstatt. Interessant ist, dass es sich nicht um eine Werkstatt für die zeittypische "Standardware" handelt - es fehlt das typische Fundspektrum von Randleistenbeilen, Meisseln, Armspiralen .

Die wissenschaftliche Auswertung des Fundkomplexes, bestehend aus profilierten Metallblechen, Haken, Werkzeugen, Schmelztiegelresten etc. wird noch einige Jahre in Anspruch nehmen.
Der wohl interessanteste Fund jedoch soll - zumindest in ersten Ansätzen - hier näher betrachtet werden: Das Fragment eines Bronzereliefs mit der Darstellung eines "Fabelwesens".  

Bereits vor der Restaurierung (Bild) zeigten sich deutlich Umrisse eines mehrbeinigen Wesens mit einem ausgesprochen langezogenem Hals und einem ziemlich kleinen Kopf. Die Untersuchung im Accelerated Photone Reaction Imaging Lab ließ weitere Details klar erkennen. Bei dem Relief handelt es sich offenbar um einen Fehlguß, der aus bislang ungeklärten Gründen in den Befund gelangte, anstatt als wertvolles Rohmaterial wieder eingeschmolzen zu werden. Die Materialanalyse ergab eine Bronze mit einem Gehalt von ca. 2,5 % Zinn, einer Legierung, die nur bei besonders herausragenden Funden der  Frühbronzezeit bislang nachgewiesen wurde.

Archäoscan des von undurchdringlichen Korrosionsschichten überwachsenen Bronzereliefs.
Archäoscan des von undurchdringlichen Korrosionsschichten überwachsenen Bronzereliefs.
Unser Fund des Monats im Bild des Accelerated Photone Reaction Imaging Lab
Unser Fund des Monats im Bild des Accelerated Photone Reaction Imaging Lab
Das Bronzerelief nach der Säuberung von den Korrosionsschichten.
Das Bronzerelief nach der Säuberung von den Korrosionsschichten.

Echsen- oder drachenähnliche Fabelwesen tauchen im mitteldeutschen Fundspektrum erst in der späten römischen Kaiserzeit auf, und zwar als Basilisken. Frühestes Beispiel einer Basiliskendarstellung findet sich auf einer germanischen Gürtelschnalle aus einer frühvölkerwanderungszeitlichen Bestattung aus Coswig.
Echsen- oder drachenähnliche Fabelwesen tauchen im mitteldeutschen Fundspektrum erst in der späten römischen Kaiserzeit auf, und zwar als Basilisken. Frühestes Beispiel einer Basiliskendarstellung findet sich auf einer germanischen Gürtelschnalle aus einer frühvölkerwanderungszeitlichen Bestattung aus Coswig.
Ein weiteres, prägnantes Beispiel eines Basilisken findet sich auch in ornamentalen spätromanischen Stuckresten aus Gerbstedt.
Ein weiteres, prägnantes Beispiel eines Basilisken findet sich auch in ornamentalen spätromanischen Stuckresten aus Gerbstedt.

Während die Auflösung des konventionellen Accelerated Photon Reaction Imaging Lab bereits hochauflösende Daten liefert, die für die Untersuchung von Blockbergungen wie des o. A. Befundes sehr zurfriedenstellende Ergebnisse liefert, bedarf es für die ikonografische Zuweisung eines solchen Kultobjektes einer verfeinerten Datenaufbereitung.

Die kann aus den Rohdaten über die File Accumulation Kollage Extrapolation gewonnen werden. 
Durch interpolierendes Verrechnen der Originaldateien und durch Datensätze von Referenzobjekten oder Modellen können die Messergebnisse im Sinne eines plausiblen Ergebnisses weiter verfeinert werden. Die Messungen wurden im Institut für rechnergestützte instrumentelle Ergebnisinterpolation ausgewertet. 

Das Ergebnis, das aus den Messdaten des Fundes nach dreitägiger Berechnung erhalten wurde, sorgte für verhaltene Überraschung, teils für erhebliche Auseinandersetzungen in der Fachwelt. Die Datenüberlagerung ergab, dass bei dem Fabelwesen offenbar eine Großechse - vielleicht sogar ein Dinosaurier - Pate gestanden hat. Dass Abkömmlinge der Dinosaurier noch vereinzelt bis in die vorgeschichtliche Zeit gelebt haben und als "Drachen" die Sagen-und Mythenwelt vieler Kulturen bis heute geprägt haben, wurde bislang oft diskutiert, konnte jedoch nie eindeutig bewiesen werden. 

Ikonographisch steht unser Relief aus Zschörbesleben den „Dinosauriern“ jedoch weitaus näher. Da es auch in der Zeitstellung weiter zurückliegt als die germanische/ frühvölkerwanderungszeitliche Basiliskendarstellung, könnte man mit aller Vorsicht vermuten, dass sich der Basilisk im mitteldeutschen Raum aus den frühbronzezeitlichen, saurierartigen Echsendarstellungen entwickelte. Starben die letzten Nachfahren der Dinosaurier in der frühen Bronzezeit aus?   

Auch nach diesem Fund des Monats wird die These weiterhin als gewagte Spekulation gelten müssen - sie erhält durch diesen FUMO jedoch deutlich an Substanz.

Dr. Markus Felsch (Archäologe, Grabungsleiter)

Jurai Liptak (Operator am Accelerated Photone Reaction Imaging Lab)  

Dr. Chr.-Heinrich Wunderlich (File Accumulation Kollage Extrapolation)

Franziska Thoss, Susann Pannwitz (Restaurierung und Dokumentation)