Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Juni: Sonnenuhren im Taschenformat aus Sachsen-Anhalt

Den ehrenamtlichen Beauftragten Herrn Krumbholz und Herrn Lange ist es zu verdanken, dass das Landesamt für Archäologie Sachsen-Anhalt Kenntnis von Ring-Sonnenuhren erlangte. Gefunden wurden diese im südlichen Sachsen-Anhalt in Waldgebieten. Vermutlich sind sie dort ihren Besitzern verloren gegangen. Sonnenuhren waren zu allen Zeiten die wichtigsten Zeitmesser, da sie ihre Funktion - Sonnenschein vorausgesetzt - ohne Energie oder Hilfsmittel (wie z.B. bei Wasseruhren oder Sanduhren) ausüben konnten. Bereits im Jahr 330 v. Chr. konstruierte der Grieche Parmenion eine Taschensonnenuhr. Im Jahr 40 v. Chr. erstellte der Architekt Vitruv in Rom eine Liste der zur damaligen Zeit bekanntesten Sonnenuhren mit dem Namen und der Herkunft des Erfinders. Manche der damaligen Sonnenuhren waren auch tragbar. Die herausragende Bedeutung der Sonnenuhren als Zeitmesser nahm aber erst nach der Antike und den Ereignissen der Völkerwanderung wieder zu. Unsere Sonnenuhren, tragbare Sonnenuhren in Ringform, auch Bauernringe genannt, sind Höhensonnenuhren. Die Bauernringe waren aufgrund ihrer geringen Größe, Robustheit und ausreichenden Genauigkeit im 18. Jahrhundert sehr beliebt. Vermutlich war der Erfinder dieses Sonnenuhrtyps ein preußischer Mönch. Ein aus dem Jahr 1721 stammender Ring lässt diesen Schluss zu.

Zwei unserer bronzenen Uhren sind in etwa baugleich mit einem Durchmesser von ca. 3,3 cm und einer Ringbreite von 0,8 cm, während die dritte Uhr mit einem Durchmesser von ca. 3 cm und einer Ringbreite von 0,9 cm ein wenig kleiner ist. Durch den dickeren Metallring ist sie etwas stabiler als die beiden anderen. Auf dem Uhrenring verläuft bei allen Uhren außen eine Nut, die an einer Seite geschlitzt ist, und auf die ein beweglicher, schmalerer Ring mit einem Loch aufgesetzt ist.

Auf der Außenseite der Uhr sind auf beiden Seiten des Schlitzes die Monatszahlen eingestanzt, während auf der gegenüberliegenden Innenseite Stundenzahlen eingestanzt sind. Die Handhabung dieser Uhren mit einer hohen Genauigkeit ist verblüffend einfach, basiert aber auf einer genauen Kenntnis astronomischer Gegebenheiten.

Außenseite
Außenseite
Innenseite
Innenseite
Innenseite
Innenseite

Sonnenuhren haftet etwas liebevoll-antiquertes an; sie scheinen von der "Guten alten Zeit" zu künden, als man es mit eben dieser Zeit noch nicht so genau nahm. Diese Meinung wird bestätigt durch die vielen Sonnenuhren in unseren Parks und an den Hauswänden, wo der Schatten des Stabes gemächlich über die Stundenmarken in römischen oder dürerhaft-arabischen Ziffern gleitet. Grundlegende Daten der Astronomie beruhen noch heute auf vielen alten Messungen mit Sonnenuhren oder Schattenstäben. So basiert beispielsweise unsere Kenntnis der Änderung der Neugung der Sonnenbahn gegen die Ebene des Erdäquators auf frühen Beobachtungen mit Gnomonen (Schattenstäben), die bis in das Jahr 1100 v. Chr. zurückgehen.

Die Ringsonnenuhren lässt man an ihrer Kette herabhängen und dreht die Ringebene zur Sonne. Durch die kleine Öffnung im Ring fällt Sonnenlicht auf das Innere des Ringes mit den Stundenmarken, an denen die Zeit abgelesen werden kann. Natürlich gibt es keine Unterscheidung zwischen Vor- und Nachmittag, so dass beispielsweise die vormittägliche 8-Uhr-Marke mit der nachmittäglichen 4-Uhr-Marke zusammenfällt. Damit der Lichtfleck trotz der im Jahreslauf unterschiedlichen Sonnenhöhe mittags immer die 12-Uhr-Marke trifft, ist die kleine Öffnung verschieblich angebracht. Daneben eingravierte Monatsnamen erleichtern ihre Einstellung.

 

Auf dem nebenstehenden Bild ist (in der Vergrößerung)
der Monat zu erkennen: M und A
(für Mai und August). Die Aufnahme zeigt die Sonnenuhr aus der Nähe von Freyburg.

Ein bekannter Satz der Geometrie des Kreises besagt, dass der Winkel von der Öffnung zu zwei Zeitmarken stets konstant ist, unabhängig von der Lage der Öffnung. Nehmen wir einmal an, der Uhrmacher habe die Ringsonnenuhr so eingerichtet, dass sie zur Wintersonnenwende die korrekte Zeit anzeigt. Dann fällt der Lichtfleck mittags auf die 12-Uhr-Marke und bei Sonnenuntergang auf die nachmittägliche 4-Uhr-Marke. Der Winkel zwischen diesen beiden Marken beträgt, gesehen von der Öffnung, 16,6º Grad (bei einer geographischen Breite von 50º Grad).

Wie eben ausgeführt, sind diese 16,6º Grad konstant, gleich wo die Öffnung steht. Messen wir nun die Zeit zur Sommersonnenwende, so fällt zwar um Mittag der Lichtschein korrekt auf die 12-Uhr-Marke, weil eben die Öffnung adjustiert wurde. Im Hochsommer werden diese 16,6º Grad aber nicht in vier Stunden durchlaufen wie im Winter, sondern in knapp drei Stunden. Kurz, die Sonnenuhr zeigt 4 Uhr nachmittags, tatsächlich ist es aber noch nicht einmal 3 Uhr. Natürlich wird ein geschickter Uhrmacher für die Positionen der Zeitmarken einen Kompromiss suchen, der über das Jahr für erträgliche Ungenauigkeiten sorgt. Beseitigen kann er diese grundsätzliche Schwäche der Ringsonnenuhr aber nicht.

 

Auf dem nebenstehenden Bild ist (in der Vergrößerung)
die Uhrzeit zu erkennen: 4
(für 4 Uhr nachmittags)

Als die Sonnenuhr stehenblieb.....

... war es entweder April oder September, irgendwann im 18. Jahrhundert.  Diese Aussage klingt zunächst absurd. Können Sonnenuhren stehenleiben? Normalerweise nicht. Wie wir aber gelesen haben, muß man bei der Ringsonnenuhr die Lage des Loches am Ring je nach Monat verstellen. Bei der Sonnenuhr aus Frankenau (linkes Bild) stand der Ring auf dem Symbol "A" und S".  Die Uhr war im Fundzustand verdrückt, der Ring festkorrodiert, er ist folglich weder  vom Finder noch vom Restaurator bewegt worden..

Dr. Mechthild Klamm, H.-J. Kurzhals und Prof. Dr. Wolfhard Schlosser (Text)

Christian Bagge, Heinrich Wunderlich (Abbildungen)

Dr. Michael Schefzik (Redaktion)