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August: Archäologie des 20. Jahrhunderts:
Vor 90 Jahren – am 01.08.1914 – begann der erste Weltkrieg. Dies ist der aktuelle Anlass die vorläufigen Ergebnisse einer archäologischen Untersuchung im Bereich der Trasse der B 6n vorzustellen, bei der Überreste eines Kriegsgefangenlagers dieser Zeit dokumentiert werden konnten. Ein unmittelbar neben der Neubautrasse liegendes, von Kriegsgefangenen errichtetes Denkmal erinnert noch an diesen Platz, an dem zeitweise bis zu 12000 Menschen interniert waren.
Bei der Vorbereitung der archäologischen Maßnahmen im Winter 2003 wurde deutlich, dass dieses Lager zwar bekannt war, weitergehende Informationen in Form von Akten jedoch nur spärlich zu finden waren. Als eindrucksvolle Zeugnisse hatten sich lediglich Glasplattennegative im Schlossmuseum Quedlinburg erhalten, die schlaglichtartige Einblicke in das Lager ermöglichen.
Aus dem Jahre 1916 stammt eine Schrift von Leutnant R. Risse, in der die Kriegsgefangenlager im Gebiete Sachsen-Anhalts im Auftrage der Heeresleitung in stellenweise stark propagandistischer Art und Weise dargestellt werden.
Die archäologisch fassbaren Reste stellen also eine Bodenurkunde erster Güte dar, die vor der Zerstörung dokumentiert werden muss.
Unmittelbar unter dem Mutterboden wurden die Relikte des Lagers sichtbar und mit archäologischer Methodik dokumentiert.

- Grabungsplan des Kriegsgefangenenlagers. Die archäologischen Untersuchungen ermöglichen die Rekonstruktion einzelner Gebäude und Einrichtungen (Matthias Melzer, Quedlinburg).
Dazwischen fanden sich immer wieder auch Funde und Befunde verschiedener urgeschichtlicher Epochen. So schnitt ein Betonfundament eine Grube der vorrömischen Eisenzeit.
In unmittelbarer Nähe fanden sich ein eingegrabenes Vorratsgefäß der Aunjetitzer Kultur und diverse Befunde der Völkerwanderungszeit. Die Kriegsgefangenen des ersten Weltkrieges waren also nicht die ersten Menschen, die sich über einen längeren Zeitraum in der hochwassergefährdeten Bodeaue aufhielten.
Auffälligerweise liegen die Pumpenschächte für die Trinkwasserversorgung des Lagers stets nur 20-30 Meter von urgeschichtlichen Brunnen entfernt.
Die Standorte der auf Pfosten gegründeten Mannschaftsbaracken konnten anhand zahlreicher Pfostenspuren rekonstruiert werden.
Ein rechteckiges, auf Beton und Ziegelsteinen gegründetes Gebäude mit mittigem Schornsteinfundament war mit Kanalisationsanlagen verbunden.
Die erhaltenen zeitgenössischen Bildquellen zeigen, dass es sich bei letzterem Befund um ein Waschhaus für die Gefangenen gehandelt haben dürfte. Die überall auf dem Lagergelände fassbaren Kanalisationsgräben, beweisen, dass für die Hygiene der Gefangenen durchaus Sorge getragen wurde.
Die geborgenen Funde lassen unterschiedliche Zonen im Lager differenzieren. Neben dem oben erwähnten Badehaus ist ein Grundriss einer Mannschaftsbaracke hervorragend erhalten, weitere Barackengrundrisse lassen sich rekonstruieren. Eine mit Schmiedeschlacken verfüllte Grube weist auf den Standort der auch in schriftlichen Quellen erwähnten Lagerschmiede, die ausweislich der Funde mit Eierkohlen betrieben wurde. Ein ungewöhnlicher gemauerter Befund im Westen der Fläche dürfte der Unterbau eines Generatorgebäudes gewesen sein, wobei der hier reichlich gefundene Torf einen Hinweis auf das Feuerungsmaterial gibt. Im Nordwesten der Grabungsfläche fand sich ein weiterer gemauerter Befund, der in Verbindung mit einem auf Pfosten gegründeten Gebäude stand. Ein Vergleich mit einer Abbildung aus dem Kriegsgefangenlager von Stendal legt nahe, dass es sich dabei um einen Wachturm an einer Kantine gehandelt haben dürfte.

- Das gemauerte Fundament im Vordergrund dürfte den Unterbau eines Wachturmes darstellen; die vielen bereits ergrabenen Pfostengruben gehören zum Unterbau eines Holzgebäudes. Rechts oben ist eine Abfallgrube sichtbar, aus der Bierflaschen und Biergläser geborgen wurden (Foto: Volker Demuth, Braunschweig).
In mehreren Gruben um dieses Gebäude fanden sich zahlreiche Gegenstände, die auf Kantinenbetrieb hinweisen. Gläserne Bierhumpen belegen den Ausschank von Fassbier, während zahllose Bierflaschen einen aufschlussreichen Einblick in das lokale Brauerei- und Bierverlagswesen im frühen 20. Jahrhundert ermöglichen.

- Verschiedene Biergläser aus den Abfallgruben im Umfeld der mutmaßlichen Lagerkantine (oben). Die gläsernen Humpen tragen auf dem Boden den Schriftzug „Schultheiss“ – sicherlich Hinweis auf die das Fassbier liefernde Brauerei. Die Flaschen sind ausweislich der Aufschriften auf Flaschen und Porzellanverschluss in unterschiedlichen Orten im Harzumland abgefüllt worden (rechts).
Neben weiteren Anzeigern für Alkoholkonsum, wie Wein- und Schnapsgläsern, konnten auch Haarschmuck und -spangen aus Horn geborgen werden, die die Anwesenheit von Frauen belegen. Offensichtlich war hier der Bereich der Wachmannschaften, die vom Quedlinburger Landsturm gestellt wurden; ein massiver Stacheldrahtzaun trennte diese Zone von den Gefangenenbaracken. Inwiefern die Gefangenen die Lagerkantine gelegentlich aufsuchen konnten, bleibt vorerst unklar. Auffallend sind zwischen den vielen lokalen Bierflaschen eine Flasche einer Brauerei aus der französischen Krönungsstadt Reims sowie Fragmente weiterer nordfranzösischer Bierflaschen. Teilte hier ein Franzose ein aus der Heimat zugesandtes Geschenk mit deutschen Bewachern? Oder unterschlugen durstige Wachsoldaten dem Gefangenen die Gabe aus der Heimat?

- Diese große Bierflasche trägt die Aufschrift „ Brasserie de XXieme siecle; Reims“ sowie die Datierung „1901“. Letzteres bezeichnet wohl eher das Gründungsdatum der „Brauerei des 20ten Jahrhunderts“, als das Abfülldatum des Bieres. Allerdings werden in Nordfrankreich noch heute gelegentlich Jahrgangsbiere gebraut und verkauft!
Sicher ist, dass die Gefangenen Pakete aus der Heimat erhielten. Im Bereich der Mannschaftsbaracken fanden sich in verschiedenen Gruben immer wieder Importwaren wie eine französische Porzellanschale (Abb.15) oder eine Schnürsenkelverpackung aus einem Kurzwarengeschäft in Amiens. Letztere könnte auf eine mangelhafte Versorgung der Gefangenen mit Schuhwerk hindeuten, was auch aus den zahllosen Lederresten von immer wieder geflickten und reparierten Schuhen deutlich wird (Abb. 16). Vermutlich besaßen die Insassen lediglich die Schuhe, mit denen sie bereits in Gefangenschaft geraten waren. Auch bei der Bekleidung waren sie sicherlich primär auf ihre Uniformen angewiesen, von denen sich etliche Knöpfe fanden, die auf die Heimatländer der Soldaten schließen lassen (Abb. 17 a bis d).

- Derartige rundliche Schalen, wie diese aus der Manufaktur Radonville, sind noch heute in Frankreich für Milchkaffee gebräuchlich. Der Riss am Fuß der Schale ist ein Produktionsfehler, offenbar wurde dem Gefangenen ein Gefäß zweiter Wahl nach Deutschland geschickt – ein Hinweis auf geringen Wohlstand der Angehörigen?
Zahlreiche Funde aus Abfallgruben in der Nähe der Mannschaftsbaracken weisen auf den Alltag der Gefangenen. Tierknochen belegen eine Ernährung mit Fleischbrühe und nordatlantischem Trockenfisch, diverse Flaschen zeigen, dass neben Wein, Bier und Spirituosen auch Selterswasser und Brause konsumiert wurden.
Tintenfässer unterschiedlicher Art sowie Blei- und Kopierstifte können als Werkzeuge des Schriftwechsels mit der Heimat gewertet werden.
Neben mehreren rechteckigen, gläsernen Tintenfässern, wurde auch ein rundes Tintenfass aus Keramik geborgen. Von Blei- und Kopierstiften haben sich nur die Minen und Abdeckhülsen aus Messing erhalten; die hölzernen Bestandteile sind im Boden vergangen.
Ausdruck persönlicher Hygiene sind eine Zahnbürste aus Knochen und ein feiner (Läuse-) Kamm. Letzterer ist durch eine Aufschrift als Hamburger Erzeugnis aus dem Jahre 1915 identifizierbar. Als Kuriosum sei erwähnt, dass wenige Meter von diesem Kamm entfernt, ein etwa anderthalb Jahrtausende älterer knöcherner Dreilagenkamm, sehr ähnlicher Grundform geborgen wurde.
Sehr zahlreich waren auch die Belege für das Rauchen, das seit seiner Einführung in Europa insbesondere beim Militär verbreitet war. Zahlreiche Zigarettenspitzen und Pfeifenfragmente wurden überall im Lagerbereich entdeckt. Außergewöhnlich ist ein glasierter, anthropomorpher Pfeifenkopf mit dem Portrait von Kaiser Wilhelm II.
So landete das Abbild jenes Mannes, dessen Politik nicht unmaßgeblich dazu beitrug, die Völker Europas in das blutige Gemetzel des ersten Weltkrieges zu stürzen, letztendlich mit den Abzeichen der anderen beteiligten Armeen friedlich vereint in einer Abfallgrube in der Bodeaue. Dieses versöhnliche Fazit können wir nach den vergangenen Jahrzehnten und dem Abschluss unserer Arbeiten ziehen. Auch muss festgehalten werden, dass die Funde und Befunde aus dem Kriegsgefangenlager einen deutlichen Unterscheid in der Behandlung von Kriegsgefangenen im ersten Weltkrieg im Vergleich zum zweiten Weltkrieg nahe legen. Offenbar war die Heeresverwaltung diesbezüglich weitestgehend bemüht die Haager Landkriegsordnung einzuhalten. In der anfangs erwähnten zeitgenössischen Schrift von Leutnant Risse wurde dies folgendermaßen formuliert: „Leben und Gesundheit der Kriegsgefangenen sind nach dem geltenden Kriegsrecht unantastbar. Mit ihrer Entwaffnung sind sie aus den Reihen der Kämpfer ausgeschieden und haben Anspruch auf eine Behandlung, welche in ihnen Mitglieder der menschlichen Gemeinschaft sieht und die allgemeinen Grundgesetze der Menschlichkeit achtet.“ Dem ist nichts hinzuzufügen…
Volker Demuth M.A., Braunschweig
Bilder: Kathrin Ulrich, Quedlinburg (wenn nicht anders vermerkt)
Redaktion: Dr. Michael Schefzik























