Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Dezember: Der Hauch von Ewigkeit: Ein neuer Goldfund aus dem mittelalterlichen Stendal

Ein Exkurs in Geschichte und Kunst der Vergoldung und kleiner Ausflug in die spannende Welt der Elementarteilchen.

Am Golde hängt, zum Golde drängt...

Welcher Archäologe auf freiem Feld und in der Stadt kennt nicht die ungeduldigen Anfragen von Investoren, Geschäftsinhabern, Bauleuten und anderen kritischen Beobachtern im Umfeld seiner Ausgrabungen bzw. am Rande von baubegleitenden Maßnahmen und Notbergungen ! “Habt Ihr schon etwas gefunden "; “Da kommt doch nichts "; “Die Goldmünzen haben wir schon
eingesammelt " - solche und ähnliche Äußerungen sind tagtäglich zu hören. Sie zeugen nicht nur von dem ungebrochenen Humor der Leute, sondern auch davon, was sich manche Menschen noch immer unter den Aufgaben der Archäologie vorstellen: Schätze finden, und richtige Schätze sind aus Gold. Also bitte: Hier ist das Gold, gefunden in der Altmark, und zwar in Stendal.


Dass Wert und Bedeutung archäologischer Funde wenig mit dem Materialwert zu tun haben, ist klar. Der Fund des Monats vermittelt dies in einer besonders symbolischen Weise:  Der kleine Rest Blattgold, etwa daumennagelgroß, hat einen Materialwert von immerhin 0,4 Cent.
Gegenständen den Anschein höherer Wertigkeit zu vermitteln, indem man vortäuscht, sie bestünden durch-und-durch aus Gold: darin bestand schon immer die Kunst der Vergolder.  Das unstillbare Bedürfnis der Menschen nach dem faszinierenden, goldgelbem Glanze des seltenen Metalles, das ihnen förmlich die Sonne auf die Erde holt, hat die Vergolder zu immer höherer Kunstfertigkeit getrieben. Ihr einziges Ziel: die spezifische Oberfläche des Goldes immer mehr zu vergrößern...

Abb. 1: Stadtplan nach Max Bathe,
Abb. 1: Stadtplan nach Max Bathe,

Gold im Straßendreck: Die Fundgeschichte

Von Mitte Juni bis Ende November 2004 wurden im Rahmen der städtebaulichen Sanierungsarbeiten die Ver- bzw. Entsorgungs-leitungen im sogenannten Hock im Zentrum der Stendaler
Altstadt erneuert. Baubegleitend dokumentierte ein Team aus einem Archäologen und einer Zeichnerin die bei den Schachtungsarbeiten angeschnittenen Befunde des Hoch- und Spätmittelalters.
Der Hock befindet sich eingebettet auf einer kleinen Insel zwischen den Altarmen der Uchte (heute kanalisiert). Die Bezeichnung lässt sich vermutlich von einer überlieferten niederländischen Ablautform, vergleichbar zum deutschen Wort “Haken ", herleiten. Sie umfasst in den schriftlichen Quellen den eigentlichen Bereich Hock sowie die westliche Ecke bzw. den rechtwinkligen Anschluss der “Hohen Bude " bis zur südlichen Uchte (Abb.1).

Abb. 2: Bohlenweg im Hock, Fläche 3.
Abb. 2: Bohlenweg im Hock, Fläche 3.
Abb. 3 Fundstelle des Blattgoldes.
Abb. 3 Fundstelle des Blattgoldes.

Sehr schnell war klar, dass sich unmittelbar unterhalb des Strassenpflasters nach einer circa 30-40 cm starken neuzeitlichen Schicht aus Sand bzw. Kies stellenweise die hochmittelalterliche Schichtabfolge erhalten hatte (Abb. 2). In der heutigen Straßenmitte entdeckten wir in einer Tiefe von ca. 0,60 m die Reste eines alten Bohlenweges.

Der Weg bestand mehrheitlich aus einlagig aneinandergelegten Bohlen und Halblingen unterschiedlicher Stärke. Die grösste Breite konnte bei 1,30 m ermittelt werden, war aber mit Sicherheit noch breiter. Die vorhandenen Hölzer wurden beim Bau des alten Schmutzwasserkanals und der Trinkwasserleitung beidseitig zerstört. Der stark sumpfige Hock war im Mittelalter auf der gesamten Länge auf diese Weise passierbar. Die aufgefundenen Keramikfragmente im Laufhorizont datieren ihn vorläufig ins 12. nachchristliche Jahrhundert.
Lange Zeit waren es die zum alltäglichen Fundgut gehörenden Keramikscherben, Lederreste, Fragmente von Daubenschalen und Tierknochen, die für einen informativen, zuverlässigen Einblick in die hochmittelalterliche Stadtentwicklung Stendals sorgten. Doch dann die Überraschung: Bei der Dokumentation einer ca. 5 m langen Wegstrecke fällt dem verblüfften Archäologenteam ein fingernagelgroßes Stück "Gold" förmlich in die Hände !  Es befand sich unter dem Laufhorizont zwischen zwei breiten Bohlen (Abb. 3).

Ein höchst aussergewöhnliches und feines Fundstück. Zum einen werden solche kleinsten Teile ohne Detektor schon bei normalen Flächengrabungen sehr selten angetroffen. Des weiteren kann bei einer durch extremer Zeit und Termindruck geprägten Baubegleitung und der daraus zwangsweise resultierenden groben Ausgrabungsmethodik nicht mit der Lokalisierung solcher Kleinfunde gerechnet werden. Einen weiterer Aspekt liefert die ungewöhnliche Befundlage.
Aber Vorsicht war zunächst geboten. Denn nicht alles ist Gold, was glänzt. Zu oft schon haben viele Kollegen - zumeist Jüngere - angeblich vergoldete Glasstücke als vermeintliche Sensation in die Restaurierungswerkstatt geliefert - und ernteten oft Hohn und Spott. Meistens waren das dann doch nur verwitterte Glasscherben, deren Verwitterungsrinde durch besondere Lichtbrechungserscheinungen golden glänzen.

Und wieder mit dabei: die Freunde vom Landeskriminalamt...
So geriet der glänzende Fund zunächst in die Restaurierungswerkstatt des Landesmuseums. Ein Blick durchs Mikroskop: " Ja das ist Blattgold". Aber: auch mehr. Unter den Blattgoldflittern befand sich eine weißliche Schicht, die zunächst wie eine Art mikroskopisches Kopfsteinpflaster aussah. Was ist das?

Der Fund trat die Reise von Halle Richtung Magdeburg an, zum Landeskriminalamt, um ihn dort mit allen naturwissenschaftlich-kriminaltechnischen Methoden auf Herz und Nieren zu prüfen. Eine stattliche Anzahl von "FUMOs" hatten schon ihr Gastspiel im Labor des Landeskriminalamtes.

Abbildung: Herr Schwarzer vor dem REM im LKA
Abbildung: Herr Schwarzer vor dem REM im LKA

Expedition in den Mikroskosmos

Die Untersuchung gehört schon zur Routine. Herr Schwarzer, Betreuer des atmosphärischen Rasterelektronenmikroskops (REM), öffnet die Schleuse zur Probenkammer, Museumschemiker Wunderlich legt den Fund auf den Probeteller. Klappe zu, Luft raus. Mit leisem Säuseln zieht die Vakuumpumpe die Luft aus der Kammer, bis nur noch eine geringe Restatmosphäre da ist. 
Jetzt kann der Elektronenstrahl die Oberfläche abtasten. Am Bildschirm baut sich nun der Mikrokosmos auf, den der Elektronenstrahl erfasst. Die beiden forensischen Physiker Mario Schulz, Uwe Schwarzer und Wunderlich versuchen nun, sich auf der Mondlandschaft zu orientieren.

Denn anders als im Lichtmikroskop kann man das Gold im REM nicht an seiner Farbe erkennen. Aber dafür eine Vorselektion mit einem speziellen Detektor durchführen, der rückgesteuten Elektronen aufsammelt. Treffen die Elektronen des Abtaststrahles des REMs auf schwere Elemente wie Gold, werden viele davon zurückgestreut. Sie ergeben eine hohe Intensität am Detektor und damit ein helles Bildsignal, leichte Elemente wie Kalzium ergeben ein schwaches Signal - dunkles Bildsignal. Somit kann man ordnungszahlabhängige Bilder erzeugen: je schwerer die Atome, um so heller erscheint die Oberfläche, die darauf aufgebaut ist. 

Doch nach einigem Suchen finden die sich die  Forscher zurecht in der Landschaft aus wellenförmigen "Blechen" und einer tiefzerklüfteten Kraterlandschaft. Die gewellten Bleche: das sind die stark vergrößerten Blattgoldflitter.

Gold unter Beschuß

Gerade das REM ist also eine schöne Möglichkeit, Funde zerstörungsfrei zu untersuchen. Ganz zerstörungsfrei? Nun, man kann es nicht sehen, aber messen: Ein paar Goldatome werden schon für wenige Millisekundenbruchteile etwas in Unruhe versetzt. Gnadenlos rasen die Elektronen auf die "Mondoberfläche" zu und treffen dort auf die Atome, aus den sie zusammengesetzt ist (Fußnote 3).  Unten geht es zu, wie auf dem Billardtisch. Aus den unteren Schalen der Atome unserer Probe werden Elektronen herausgeschossen, aus oberen Schalen rücken sie nach. Dann kehrt wieder Ruhe ein, die Elektronenhülle repariert sich wieder, dabei wird charakteristische Röntgenstrahlung frei. Hierbei wird Energie frei, der Betrag entspricht dem Energieunterschied der beteiligten Schalen.  Die abgestrahlte Energie hat eine diskrete Röntgenwellenlänge, im Spektrum erscheint ein Peak. Aus dem Schulunterricht kennt der ein oder andere das "Bohrsche Atommodell". Es ist das erste moderne, brauchbare Modell der Kernphysik, und nicht nur Grundlage für die das Analyseverfahren, das hier gerade zur Anwendung kommt, sondern: es wäre ohne Blattgold nicht zustande gekommen. Wer sich dafür interessiert, mag in den spannenden kernphysikalischen Fußnoten nachlesen
(Fussnote 1-3).
Die Analyse der frei werdenden Röntgenstrahlung verschafft Gewissheit: Es ist Gold. Und zwar: ein ziemlich reines Gold, keine Beimengungen von Kupfer oder Silber, wie man es in Blattgold oft hat, um ihm eine bestimmte Farbe zu geben. Mit Silber beispielsweise erhält man ein leicht grünstichiges "Zitronengold", mit Kupfer Rotgold usw.

(Detaillierte Ergebnisse zu: Goldanalyse, Grundierungsanalyse siehe Anhang)

Aber spannender: Die weißgraue, gebrochene Schicht, die wie " Kopfsteinpflaster" aussieht, und unter dem Gold liegt. Sie enthält neben Silizium, Aluminium usw. größere Mengen von Kalzium, aber keinen Schwefel. Logo ! Kalziumcarbonat, Kreide.  Klar, meint Wunderlich, der schon selber viel vergoldet hat: typischer Kreidegrund, wie man ihn für die Glanzvergoldung braucht.

Aber noch spannender ist die Frage: wie dick, bzw. dünn ist das Gold? Nun wird die gesamte Leistungsfähigkeit des REM herausgekitzelt.

Immer näher zoomen wir uns an die Falten heran, fahren über die Fläche wie eine Raumsonde auf der Suche nach einem passenden Landeplatz. Eine möglichst senkrechte Abrisskante ist das Ziel, um die Schichtdicke der Blätter abschätzen zu können. Nach langem Umherirren auf dem gewaltigen, ca. 1 cm² großen Gelände ist ein Bildausschnitt da, der geeignet scheint. Zwar stehen die Blätter hier auch nicht ganz senkrecht, aber anhand des Maßstabs kann man ungefähr schätzen: so um die 0,2 Mü bewegt sich die Schichtdicke der Blätter - das sind nur ca. 1000 lächerliche Atome!

Das goldene Blatt


Vom Goldblech zum Blattgold: Der weite Weg von der Himmelsscheibe zu Rutherfords Atomversuchen.

Die Himmelsscheibe von Nebra zeigt die erste bekannte Vergoldung Mitteldeutschlands überhaupt, wenngleich  man die recht dicken Goldblechauflagen eher als "Plattier-Tauschierung"  bezeichnen müßte. Der Übergang von der Plattierung (Auflegen eines Goldbleches oder - "Folie")  zur Vergoldung (Aufbringen dünner Goldschichten) ist natürlich fließend. Der Unterschied ist lediglich, dass die Goldbleche der Himmelsscheibe (zur Technik dazu: siehe --> Fumo 10/04 ) mit ihren ca. 0,2 mm etwa 1000 mal so dick sind wie das Stendaler Blattgold (0,2 mü).
Mit einem Gramm Gold kann man ca. 2 cm²  Himmelsscheibe belegen, jedoch etwa einen halben Quadratmeter Blattgold a la Stendal erzeugen (reicht, die handwerkstechnischen Verluste eingerechnet, für ca. 3000 cm²  Goldglanz).

Der plattierte Beschlag eines bronzezeitlichen Stuhls aus dem Grab von Daensen ( Stade), in Niedersachsen, das ca. 1400-1300 v. Chr. datiert, steht für die weitere Entwicklung vom Goldblech zum Blattgold.

Die Goldfolie, die diesen Nagelkopf  bedeckt, ist bereits so dünn (schätzungsweise ca. 0,05 mm), dass sie sich recht gut an die relieffierte Oberfläche der bronzene Unterlage anpasst. Noch haftet sie alleine, indem sie an der Unterseite des Stiftes umbördelt ist. Der weiter Weg zum Blattgold ist  nahe liegend: Wenn man das Goldblech noch weitere ausschlägt, bekommt man immer dünnere Folien, und schnell kommt man auf die Idee, sich von der Zubereitung des Blätterteiges inspirieren zu lassen:  d. h. immer wieder zusammenzufalten, Trennblätter aus Schweinsblase etc. dazwischenzulegen, und die zusammengelegten Pakete weiter auszuschlagen.

Schon um 2500 v. Chr. wurde in Ägypten Blattgold verwendet, der römische Enzyclopädist Plinius d. Ä. erwähnt im 1. Jh. n. Chr. unterschiedlichste  Qualitäten und beschreibt dessen ausgiebige Verwendung zur Vergoldung von Decken, Wänden und Statuen, und geht auch auf die Technik der Vergoldung ein. Anders als mit Goldfolien oder Blechen lässt sich nämlich das auf bis zu 0,2 µ ausgeschlagen Gold nicht mehr rein mechanisch auf der Unterlage fixieren: Es braucht ein Klebemittel, damit es nicht förmlich vom Winde davongetragen wird. 

So entwickeln sich  unterschiedliche,  z. T sehr raffinierte und ausgeklügelte Techniken, so das Aufkleben mit Eiweiß (schon aus der Antike belegt), die wetterfeste Ölvergoldung (5. Jh. n. Ch.), Glanz-  und Mattvergoldungen. Je nach Technik kann man verschiedenste Effekte hervorrufen:  Oberflächen, die wie geschmiedet, getrieben oder punziert sind, mal hochglänzend, mal matt.

Die Herstellung des Blattgoldes in Europa und somit das Handwerk des Goldschlägers geriet in unserer Region wohl erst im Mittelalter zur Blüte. Es wurde erst von Mönchen, später von selbstständigen Handwerkern ausgeübt. Möglicherweise führt eine Spur des Stendaler Goldes direkt ins Kloster ?!

Die Fotostory zeigt die erste "golden Stunde". Schritte:

Ein Holzbrett wurde mehrfach mit einem Leimkreidegrund gestrichen und fein abgeschliffen. Diesen Kreidegrund bereitet man aus feiner Schlämmkreide und einer warmen Lösung von Knochenleim. Der Leimkreidegrund hat zwei Aufgaben: Einmal dient er als Spachtelmasse, um die rohe Holzstruktur verschwinden zu lassen, dann auch als Grundlage und Speicher für das Klebemittel.

Ist der Grund trocken und fertig geschliffen, trägt man noch mal eine ganz dünne Leimschicht auf und läßt sie trocknen.

Das Blattgold - wie im Original nehmen wir 24-karätiges Gold, mit einer Schichtdicke von ca. 0,2 µ - wird mit dem Vergoldermesser auf einem Lederkissen geschnitten. Keine leichte Aufgabe, denn es ist so dünn, dass es beinahe beim Zusehen knittert und reißt.

Eine kleine Vogelfeder wird an der Backe gerieben und damit elektrisch aufgeladen, dann hält man sie über die kleine, zurechtgeschnittenen Goldblättchen. Wie von Geisterhand angezogen, springen sie an die Feder, mit etwas Geschick kann man sie dann transportieren. Das Gold ist so dünn, dass es schon bei einem leichten Lufthauch davon segelt.  Es mit der Pinzette oder gar den Fingern fassen zu wollen, würde misslingen.

Mit der einen Hand hält Bettina John den Pinsel, mit dem sie etwas Wasser auf den Kreidegrund gibt. Mit der anderen Hand bugsiert sie gleich  das an der Feder hängende Gold auf den Wasserfleck. Das Gold muss kurz "schwimmen", dann zieht das Wasser ein, der befeuchtete Leim des Grundes klebt das Gold fest.

 Fleckchen für Fleckchen wird nun die Fläche "zugepflastert", mit der Feder die Goldblättchen niedergelegt.

Dann lassen wir das Werk trocknen.

Das Ergebnis sieht zunächst ziemlich enttäuschend aus: eine völlig knitterige, faltige Oberfläche, aber der entscheidende Arbeitsgang fehlt ja noch: das Polieren.

Im Mittelalter verwendete man als Polierwerkzeug einen glatten Hämatitstein, oder aber auch den "Eckzahn eines wilden Tieres", wie es in vielen Vorschriften hieß:  z.B eine Hundezahn.

Heute nimmt man dazu einen Achat, der aber genauso geformt ist wie ein Hundezahn. Ohne das Gold herunterzukratzen, wird der Achat erst ganz zart über das Gold gestrichen, dann wird das Gold unter langsam stärker werdendem Druck fester anpoliert. Erst dabei wird es mit dem Untergrund verklebt, und die Oberfläche beginnt zu glänzen. Der Glanz kommt nicht daher, dass das Gold selbst geglättet wird, sondern der Kreidegrund wird "durch das Gold hindurch" verdichtet und poliert.

Das Ergebnis ist noch nicht perfekt, aber für die erste Lehrstunde schon recht gut gelungen. Mit berechtigtem Stolz präsentiert Bettina John ihr Werk...

Blattgold als bahnbrechendes Instrument der Kernforschung

Es sind ein paar Stücke Blattgold übrig geblieben, und mit den machen wir ein kleines Experiment:

Wir halten es vor den Strahlengang einer Kaltlichtleuchte. Überraschenderweise schimmert das Licht mit bläulichgrüner Farbe hindurch... ! Blattgold ist nur etwa 1000 Atome dick. Da kann man sich schon vorstellen, dass das Licht hindurchfällt, die Lichtquanten/Wellen  sich gewissermaßen zwischen den wenigen Atomen "hindurchmogeln". Der größte Teil des Lichtes wird aber von der Goldoberfläche zurückgeworfen, und zwar vorwiegend die gelbroten Anteile des Spektrums, während grünes Licht leichter passieren kann.


Der Effekt ist bei noch dünneren Goldschichten stärker. Manche Fassadengläser oder auch Autoglasscheiben  werden oft mit extrem dünnen, nur wenige Atome starke Goldschichten bedampft. Sie sollen vor zu starker Sonneneinstrahlung schützen. Von außen sehen sie orangefarben aus, das Gebäudeinnere tauchen sie in ein merkwürdiges blaugrünes Licht....

Nicht nur Licht, sondern auch ganze Atomkerne können Blattgold fast ungehindert durchdringen. Sir Rutherford, englischer Atomphysiker, hat es als erster ausprobiert. Mit Heliumatomkernen durchstrahlte er in seinem berühmten "Rutherfordschen Streuversuch" ein 0,2 mü starkes  Blattgold. Die größte Zahl der Heliumatomkerne verließen das Gold auf der anderen Seite, ohne abgelenkt zu werden. Daraus konnte Rutherford folgern, dass die Atome weitgehend "hohl" sind, und aus einem nur kleinen positiv geladenem Kern, einem großen leeren Raum und der Elektronenhülle aufgebaut sind. Das Rutherfordsche Atommodell, das er 1911 publizierte, wurde anschließend von Niels Bohr 1913 verfeinert. Es ist das erste brauchbare Atommodell, mit den man viele Erscheinungen der Chemie und Kernphysik sinnvoll erklären kann (Details dazu hier  Fußnote 3).

Kulturhistorische Deutung:

Unsere Untersuchungen haben ergeben, dass es sich um eine Blattvergoldung auf einem Kreidgrund handelt, mit ziemlicher Sicherheit und naheliegend ein üblicher Leimkreidegrund (Fußnote 4).Im technischen Sinne spricht man hier auch von einer "Wasservergoldung". 

Wie kommt das Blattgold nun in den Knüppeldamm?

Wir können davon ausgehen, dass es sich bei dem Träger um Holz handelte. Eine bedeutende Anwendung erfuhr Blattgold, hier insbesondere Wasservergoldung auf  Kreidegrund, in der Tafelmalerei, des weiteren bei gefassten Holzskulpturen. Es ist zwar nur eine Spekulation, jedoch eine naheliegende, dass es sich bei dem Rest um ein vergangenes Fragment eines kirchlichen Heiligenbildes handelt, beispielsweise eine Holzskulptur, ein Altarbild oder Andachtsbild. Vielleicht ist es durch einen Unglücksfall zerstört worden, vielleicht wurde ein Fragment des Bildes zur Ausbesserung des Dammes benutzt ?
Sollte sich die frühe Datierung konkretisieren, war weder der erste Stendaler Kirchenbau vollendet (der Augustiner Chorherrenstift wurde erst 1188 gegründet), noch die Blütezeit der Stadt erreicht (Hansemitglied 1359-1517).

Es seien noch ein paar Gedanken und Interpretationsansätze zur Befundsituation vorgestellt, welche aber erst nach Abschluss des gesamten Projektes konkretisiert und weiterverfolgt werden können:
Den genauen zeitlichen Rahmen des Fundes werden die beiden umgebenden Bohlenreste liefern (Fälldatum), nachdem sie dendrochronologisch unter die Lupe genommen wurden. Das Alter des gesamten Bohlenweges wird mit Hilfe von über 20 Holzproben überprüft.
Der Name Hock deutet auf eine alte Flurnamensgebung hin. Die Indizien sprechen dafür, dass dieser Abschnitt schon vor der eigentlichen Stadtgründung Stendals 1160 (Verleihung des Marktgründungsprivileges durch Albrecht den Bären) bestand hatte.
Erste Hinweise auf das spätere Stendal finden sich in den Besitzurkunden des Michaelisklosters Hildesheim 1022 - dort als Steinedal aufgeführt.
Unweit des Hocks gelang bei Ausgrabungen im Uppstall (vgl. Fumo Juli 2003) der Nachweis für drei Greifvogelarten, welche im Hochmittelalter bevorzugt zur Beizjagd ausgebildet wurden. Sie stellen eine hochgradige Handelsware da. Stehen die Vögel und das Blattgold im Zusammenhang mit dem in schriftlichen Quellen erwähnten askanischen Hof ?

Man darf gespannt sein !

Archäologie: Dr. des. Ingmar Balfanz M.A.

Untersuchungen: Dr. Chr.-Heinrich Wunderlich (LDA)
                              Dipl. Phys. Mario Schulz (LKA Sachsen-Anhalt)
                              Dipl. Phys. Uwe Schwarzer (LKA Sachsen-Anhalt)
 

Experimente: Bettina John, H. Wunderlich (LDA)
 

Fotos: Friederike Hertel, Heinrich Wunderlich (LDA)
 

Redaktion: Anja Stadelbacher