Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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April: "Da rauchten die Köpfe": Neues zum Thema Neanderthaler

Mit einem seeligen Lächeln die Zukunft verschlafen...

Abb. 1: Die Transluminanz-H-C Anlage im  Schadewohl-Institut für Qualitätsicherung, Tollwitz
Abb. 1: Die Transluminanz-H-C Anlage im Schadewohl-Institut für Qualitätsicherung, Tollwitz

Manchmal sind es die kleinen Dinge im Leben, die die größten Überraschungen bergen: Als das unscheinbare „Harzstück“ 2004 bei einer Ausgrabung in Unterkwalmitz, einem kleinen Weiler bei Grashof (Lkr. Stendal), zum Vorschein kam, war die Aufregung groß, stammte es doch eindeutig aus einer altsteinzeitlichen Schicht, die um 80.000 vor heute datiert.

Nach ersten Untersuchungen konnte nachgewiesen werden, dass sich auf dem kleinen Fund der Teil eines Fingerabdrucks von einem Neandertaler erhalten hat - ein einmaliges Zeugnis aus dieser Zeit!

Mit Hilfe einer neuen Untersuchungsmethode, der so genannten Transluminanz-Hydrofugal-Clusteranalyse (kurz THC) konnten nun neue erstaunliche Einblicke in das gesellschaftliche Leben der damaligen Menschen gewonnen werden.

Die Chemie stimmt...

Abb. 2: Obwohl die Anlage nach neuesten Richtlinien errichtet und hermetisch abgeschlossen ist, setzen die Mitarbeiter auf Sicherheit.
Abb. 2: Obwohl die Anlage nach neuesten Richtlinien errichtet und hermetisch abgeschlossen ist, setzen die Mitarbeiter auf Sicherheit.

Die THC ergab, dass es sich bei diesen Resten um Spuren von Hydroxylhydrid handelt, einer basenähnlichen Verbindung, die auch noch in einer Konzentration vorkam, die nicht natürlich entstehen kann. Was aber kann der Sinn einer solchen „Base“ gewesen sein und wie gelangte sie in den Pechrest? Die verschiedenen basenähnlichen Verbindungen, so genannte „Alkaloide“, wie z.B. das Tetrahydrocannabinol, eine weitere hydroxylhydrierte Verbindung, die auch heute noch bei der routinemäßigen Untersuchung rezenter dunkler Harzproben gefunden wird, lassen sich verzehren oder eben auch rauchen. Die Leser werden nun vermutlich richtig erraten, worum es sich handelt: Es ist nichts anderes als „Haschisch“, ein Rauschmittel, das aus den harzigen Ausscheidungen der Hanfpflanze (canabis sativa) gewonnen wurde bzw. wird.

Woher stammt das Material?

Abb. 3: Auch Doktorandin Karla Possenhein (links) weiß, dass man vor den ätherischen Gasen nur mit entsprechender Feinstaubmaske gefeit ist.
Abb. 3: Auch Doktorandin Karla Possenhein (links) weiß, dass man vor den ätherischen Gasen nur mit entsprechender Feinstaubmaske gefeit ist.

Der Lebensraum des Neandertalers in Mitteleuropa war von kalter Witterung geprägt. Hanfpflanzen konnten unter diesen Bedingungen nicht gedeihen, und selbst heute noch bedienen sich illegale „“Pflanzenliebhaber“ etlicher Kunstgriffe wie Lampen etc., um ihre umhegten „Lieblinge“ zu einer gehaltvollen Harzausscheidung zu bewegen. Geeignete Lampenfunde der Altsteinzeit sind allerdings für Mitteldeutschland kaum belegt. 
Völlig anders sieht die Situation jedoch in weiter südlich gelegenen Regionen der Welt aus, unter denen Hanfpflanzen ohne besondere Nachhilfe das begehrte Produkt absondern.

Weiträumige Handelsbeziehungen

Im Rahmen des Forschungsprojektes „Trip zu neuen Horizonten“ wurde das Material im Zschörbesleben-Institut für angewandte Isotopenforschung, Lehrstuhl Experimentelle Materialforschung, auf seine isotopische Zusammensetzung untersucht. Prof. Dr. Spasz Vranitzki gilt als einziger und führender Experte, wenn es darum geht, die Materialherkunft archäologischer Funde zu bestimmen. „Die typische Zusammensetzung des Materials weist wie ein Fingerabdruck auf eine Schwarzerdelagerstätte im Bereich des heutigen Afghanistans hin“, so der Experte. „Der Ostalpenraum oder Siebenbürgen scheiden dagegen eindeutig aus“.

Kulturgeschichte des Hanfkonsums

Abb. 4: Diese Fotomontage illustriert: Auch das bronzezeitliche Kultobjekt von Haschendorf/Hasfalva (Ungarn) erscheint nun in einem ganz anderen Licht.
Abb. 4: Diese Fotomontage illustriert: Auch das bronzezeitliche Kultobjekt von Haschendorf/Hasfalva (Ungarn) erscheint nun in einem ganz anderen Licht.
Abb. 5: Waren die altsteinzeitlichen „Denker“ die meiste Zeit psychogen unterstimuliert?
Abb. 5: Waren die altsteinzeitlichen „Denker“ die meiste Zeit psychogen unterstimuliert?

Prähistorische Befunde für Hanfprodukte wie auch für den Gebrauch von Cannabis sind derweil gut belegt, jedoch bislang nicht für die Altsteinzeit. So sollen die Skythen, das weiter östlich gelegene Nachbarvolk der Griechen, Hanf zu Rauschzwecken intensiv genutzt haben. Der griechische Geschichtsschreiber Herodot berichtet im 5. Jh. v. Chr. über den Hanfkonsum der Skythen, der auch fester Bestandteil im Totenbrauchtum war. Die Skythen errichteten kleine Filzzelte, in die sie glühende Steine gaben. Herodot schreibt:
"Die Körner von diesem Hanf nehmen also die Skythen, kriechen damit unter die Filzdecke und legen die Körner auf jene glühende Steine. Sie fangen an zu rauchen und erzeugen einen so starken Dampf, dass kein hellenisches Schwitzbad dies Dampfbad übertrifft. Die Skythen werden so froh dabei, dass sie laut heulen. Das sind ihre Bäder, in Wasser baden sie sich niemals".  (Herodot, Histrones, IV, 73-75) 

Haben sich Neanderthaler bereits in der Altsteinzeit in ganz ähnlicher Weise berauscht?

Der Cannabisfund von Unterkwalmitz belegt somit nicht nur den aus heutiger Sicht gefährlichen und auch moralisch verwerflichen Drogenkonsum, sondern auch, dass sich von Mitteldeutschland bis nach Afghanistan weiträumige Handelsbeziehungen ausgeprägt haben. Hatte sich schon unter den Neandertalern eines der ältesten Gewerbe, der Drogenhandel, ausgebildet, der unsern Fast-Vorfahren den Garaus machte? Warum starben die Neandertaler aus?

Die in der jüngsten Forschungsgeschichte so oft heraufbeschworenen Szenarien des Aufeinandertreffen vom Homo sapiens neanderthalensis und Homo sapiens sapiens müssen wohl um ein erstaunliches Kapitel erweitert werden…

Hinweise auf die bedeutende Rolle des Cannabiskonsums bei den Neandertalern geben auch verschiedene Kult- und Prestigeobjekte, wie die wohl nicht zufällig hanfblattförmige Steinspitze von Gimritz (Peissnitzkreis).http://gimritzer-bote.halle-anders.de/

Solche Funde geben eindeutige Hinweise auf die Wertigkeit von Cannabis zur damaligen Zeit, vielleicht spielte es eine große Rolle bei gemeinschaftlichen kultischen Riten, und führte im Laufe der Zeit die Menschen in eine psychische Abhängigkeit, im Zuge derer diese dem innovationsfreudigen Homo sapiens sapiens nicht mehr gewachsen waren. Nicht auszuschließen ist, daß der geradezu inflationäre Genuss zu einem passiven Jagdverhalten führte.

Echt oder falsch?

Abb. 6: Das Gimritzer Blattspitzendepot: Die Ikonografie des Neandertalers erscheint nun in einem ganz anderen Licht....
Abb. 6: Das Gimritzer Blattspitzendepot: Die Ikonografie des Neandertalers erscheint nun in einem ganz anderen Licht....

Sensationsfunde rufen in der Regel immer wieder Kritiker auf den Plan.

Allerdings können wir die Zweifler und Kritiker beruhigen:

Zahlreiche Experten aus aller Welt haben sich den Fund angesehen und in einer internationalen Session getestet. Dabei kommen sie einhellig zu dem Schluss: „Das Zeug ist echt“.
Letzte Unsicherheiten wird es jedoch immer geben, denn eine Fälschung kann man ja an so einem Tag niemals wirklich hundertprozentig beweisen. Das Harzstück von Unterkwalmitz wird die Forschung sicher noch lange beschäftigen. Die Neandertaler sicher weniger, denn wenn sie nicht ausgestorben sind, dann lächeln sie noch heute.

 

 

Der Fund des Monats April wurde Ihnen präsentiert von:

Autoren: Juraj Lipták, Arnold Muhl, Anja Stadelbacher, Alfred Reichenberger, Kathrin Wibbe und Heinrich Wunderlich
Redaktion: Anja Stadelbacher
Kostüm und Inszenierung: Bettina John, Kathrin Wibbe