Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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November: Magdeburger Ritter in Miniaturformat

Gussform mit Ritterfigur aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts.
Die Gussformen für „Wichtel“ und Pfau.
Die Probegüsse aus den Magdeburger Gussformen. Prototypen für den Museumsshop.
CT der Gußform einer Blütenkranzfibel, Außenansicht.
CT desselben Objektes, Seitenansicht, mit den im Inneren liegenden Entlüftungskanälen
Ansicht einer (weiteren) Form, Ansicht von der Rückseite her auf die Formoberfläche und den Innen liegenden Entlüftungskanälen.
So kamen die Einzelteile des Reiters aus der Form. Bei dem „Schwert“ könnte es sich auch um eine Anstecknadel handeln - dies ist derzeit nicht sicher.

Mitteleuropas erster Zinnsoldat

Eine mittelalterliche Gussform aus Magdeburg

Im April 2005 wurden bei archäologischen Grabungen im Bereich der ehemaligen Hl.-Geist-Kirche in Magdeburg hunderte hochmittelalterliche Gussformen geborgen. In den Gussröhren einiger Modeln sind die korrodierten Reste von Zinn und Blei chemisch nachgewiesen. Der einzigartige Fundkomplex lag depotartig verdichtet in einer großen Grube, die mit zahlreichen Schmelzofenresten in unmittelbarer Nähe in Beziehung zu setzen ist. Es sind die Hinterlassenschaften einer Feingießerei, die wohl schon im 12. Jahrhundert in Betrieb war und deren Produktion spätestens in den 1280er Jahren mit der Gründung eines Hospitals an diesem Ort ihr Ende fand.

Eine Gussform für eine Ritterfigur ist gegenwärtig in der Sonderausstellung „Saladin und die Kreuzfahrer“ (bis zum 12. 2. 2006) zu bewundern. Dieses wohl schönste Stück des Fundkomplexes soll im Folgenden genauer vorgestellt werden:

Im Folgenden wird Ihnen eine hochtechnologische Untersuchungsmethode vorgestellt, mit deren Hilfe dem Forminneren einige seiner Geheimnisse entlockt werden können. Durch die computertomographische Untersuchung der Gussform "Blütenfibel" kommen wir zu neuen, gesicherten Erkenntnissen über das Forminnere, ohne diese Form zerstören zu müssen. Die Firma Rautenbach AG in Wernigerode verfügt über einen modernen Röntgen-Computertomografen. Die Firma produziert Motorblöcke gängiger Automaten aus Aluminium. Normalerweise werden in dem CT Gussteile auf Materialfehler untersucht. Dankenswerterweise hat sie sich auch unserer Gussform angenommen. Das Rautenbach-CT ermöglicht diese virtuelle Fahrt durch die Gussform. Dank der Aufbereitung des Drei-D-Scans liegen uns nun Querschnitte der Gussform "Blütenfibel" vor, die zum Beispiel Aufschluss über das raffiniert gearbeitete Entlüftungssystem geben. Aber auch Metallreste konnten lokalisiert werden, die auf ihre Zusammensetzung hin untersucht werden müssen, um Genaueres über das verwendete Gussmetall sagen können.
Zinn als „Silber der kleinen Leute“ war das drittwertvollste Metall, nach Gold und Silber. Es war teurer als Kupfer oder Bronze, in welcher es lediglich ein Legierungsbestandteil ist. Die Magdeburger Zinngießerei - aus der die Formen stammen - hatte vieles im Programm: Devotionalien, Pilgerabzeichen, Kinderspielzeug, Fibeln, Schmuck, Fingerringe in allen Größen, Kellen, Kannen, Kelche, Möbelbeschläge, Kleiderapplikationen. Bestimmte Motive waren besonders beliebt, von ihnen gab es gleich mehrere gleichartige Formen. So ein merkwürdiger „Wichtel“ mit Hackebeil und Kapuze und ein filigran gearbeiteter Pfau mit kleinen Jungvögeln auf dem Rücken waren offenbar ganz besondere „Kassenschlager“.

Diese sowie unser „Zinnnsoldat“ wurden nun in der Restaurierungswerkstatt des Landesmuseums in neue, produktionsfähige Formen umkopiert und gehen nun in einer modernen Zinngießerei in Produktion. In Kürze können Sie diese zum Preis von ca. 20,- € im Museumsshop erwerben.
Die Werkseite dieser aus feinstem Kalkstein gearbeiteten Gussform war für die Herstellung von plakettenartigen Ritterfiguren im Flachrelief bestimmt, die vielleicht als Möbelbeschläge oder anderweitige Zierbesätze Verwendung fanden (Foto von Juraj Lipták). Das scharf geschnittene Bildmotiv zeigt den Oberkörper eines in Eisen gerüsteten Ritters auf einem galoppierenden Pferd, das seinerseits mit einer „Schutzdecke“ gewappnet zu sein scheint. Sein zur Pferdebrust gestrecktes Bein ist nur strichartig angedeutet. Der Ritter trägt einen frühen Topfhelm der Zeit um 1200, der noch das Gesicht weitgehend unbedeckt lässt. Drei gestielte Rosetten bilden die Helmzier. Der Reiter hält zu seiner Rechten einen Dreiecksschild mit leerer Bildfläche. Unterhalb des Pferdebauches befindet sich ein separat gearbeiteter Dreiecksschild mit einer Bildflächenstruktur, bestehend aus schräg vertikal gestellten Streifen. Vor den Vorderbeinen des Pferdes ist zudem die Gusskontur für ein freigestelltes Schwert angelegt. Schild und Schwert konnten später bausatzartig an den Ritter montiert werden, wodurch sich eine leichte Tiefenwirkung ergab. Die Figuren münden in Gusskanäle, die sich zu einem Trichter vereinigen.

Auf der rückwärtigen Seite dieser Gussmodel sind die Negative von zwei dreieckigen wappenartigen Darstellungen äußerst filigran eingetieft.

Das ganze Erscheinungsbild von Ross und Reiter legt nahe, dass hier eine idealtypisierende Darstellung eines vermögenden und damit wohl auch ranghohen Ritters vorliegt. Aus diesem Personenkreis rekrutierte sich der militärische Führungsstab der Kreuzzugsarmeen. Mit einer wie hier illustrierten schweren Panzerung sah der mittelalterliche Zeitzeuge den hochgemuten Kreuzfahrer in das Heilige Land ziehen. Dort wird der Ritter jedoch aufgrund der klimatischen Bedingungen und der gegnerischen Kampftaktik für sich und sein Pferd oftmals eine leichtere Armierung bevorzugt haben.

Zinngussformen des Mittelalters galten bislang als Seltenheit. Nun existieren fast 800 Exemplare. Der sprichwörtliche „Formenschatz“ erlaubt nun den Einblick in eine bedeutende Gruppe mittelalterlicher Alltags- wie auch Luxusgegenstände, die bisher der Forschung völlig verborgen war. Zinn übersteht die Bodenlagerung nämlich in der Regel nicht, es zerfällt in kürzester Zeit in ein graues Pulver. Über die erhaltene Gussformen lassen wurde nun ein völlig neues Fenster in die Realienwelt des Mittelalters aufgestoßen.
Die Gussformen sind die Hinterlassenschaft einer wohl größeren Gießerei, die große Exportschlager der Stadt Magdeburg produzierte.

Aber nicht nur Kunst- und Kulturhistoriker sind begeistert über den Magdeburger Fund, sondern auch Gießereiexperten. Die Formen sind technisch äußerst raffiniert gearbeitet. Nicht nur durch ihre Filigranität, sondern auch vom Gießereitechnischen Standpunkt gesehen, war die Magdeburger Zinngießerei ein kleines Hightech-Unternehmen. Ausgesprochen raffiniert sind die Gusskanäle und Entlüftungskanäle gearbeitet, die auch im inneren der Formsteine entlanglaufen. Rationelle Fertigungstechnik ist nicht eine Erfindung des Industriezeitalters: Mehrere Formen wurden so zusammengestellt und miteinender durch Kanäle verbunden, dass man mit einem Guss gleich eine Vielzahl von Objekten herstellen konnte. Raffiniert auch die Form des Ritters: Hier wurde das Wappenschild separat gegossen, möglicherweise gab es verschieden Wappenschilde, die man je nach Bedarf „just in Time“ austauschen konnte, ohne gleich entsprechend viele verschiedene Reiter vorhalten zu müssen. „Lean Production“ würde man das heute nennen.

Die Erforschung des „Magdeburger Formenschatz“ hat nun Kunsthistoriker, Archäologen, Naturwissenschaftler, Archäometallurgen, Gießereitechniker zusammengeführt.
In einer gemeinsamen Arbeitsgruppe wollen sie die vielen Geheimnisse des Schatzes lüften, von dem wir Ihnen mit dem Ritter nur ein kleines Beispiel vorgeführt haben.


Text: Gösta Ditmar-Trauth, Arnold Muhl, Heinrich Wunderlich

Fotos: J. Lipták (Abb. 1), H. Wunderlich, Alexandra Klawitter . CT-Bilder: Fa. Rautenbach Europa, Wernigerode

Redaktion: Florian Ruppenstein

Unser besonderer Dank geht an die Firma Rautenbach Europa für die Anfertigung der CT-Aufnahmen an den Gußformen sowie dem Lehrstuhl für Gießereitechnik, Herrn Prof. R. Bähr und Mitarbeitern.