Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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April: Ein frühbronzezeitlicher Kenotaph

Ein frühbronzezeitlicher Kenotaph aus der Saalestadt

Auch in scheinbar gut bekannten Fundstätten lassen sich manchmal noch überraschende Entdeckungen machen. So wurde vor wenigen Tagen im Hof des Landesmuseums für Vorgeschichte ein frühbronzezeitliches Grab von der einsetzenden Schneeschmelze freigespült. Zwar wußte man bereits, daß sich an dieser Stelle einstmals ein mächtiger Grabhügel erhob, man war aber bisher davon ausgegangen, daß dieser Grabhügel schon in grauer Vorzeit vollständig von Grabräubern ausgeplündert worden sei. Auch die herausragende kultische Bedeutung des heute nur noch in geringen Resten erhaltenen Grabhügels war den Archäologen nicht verborgen geblieben, denn er liegt exakt in der Mitte der Achse, die den Hasenberg mit dem Galgenberg verbindet. Daß der Grabhügel in der Frühbronzezeit für erstaunlich exakte astrologische Beobachtungen der Himmelskörper genutzt wurde, ist daher unter Experten seit langem unstrittig.

Es wurde dementsprechend sofort vermutet, daß es sich bei dem freigespülten Steinkistengrab um die letzte Ruhestätte eines Angehörigen der bronzezeitlichen Priesterelite handelt. Es bestand also sofortiger Handlungsbedarf. Die Archäologen des Landesamtes begannen unverzüglich mit einer Rettungsgrabung. Nach dem Abheben einer Deckplatte des Grabes machten die beteiligten Forscher eine überraschende Entdeckung: Das Grab enthielt keinerlei Spuren eines Skeletts. Man war also auf einen sogenannten Kenotaph gestoßen: ein Grab ohne Toten. Es konnten jedoch zwei Beigaben geborgen werden. Zum einen eine klassische Aunjetitzer Tasse zum anderen ein kleiner Elefant aus Ton. Aunjetitzer Tassen gehören zur typischen Grabausstattung frühbronzezeitlicher Gräber im mitteldeutschen Raum. Die Datierung des Grabes in das frühe 2. Jahrtausend v. Chr. war durch diesen Fund endgültig gesichert.

Problematische Bergung


Aus Angst vor Raubgrabungen wurde die Fundstelle sofort nach ihrer Entdeckung mit Wachpersonal umstellt (oben, blaue Jacken). Der Ausgräber (gelbe Jacke, oben) rief sofort über eine Standleitung Bergungsspezialisten des Museums am. Dennoch dauerte es Stunden, bis eine Sondereinheit des Fumo-Zentrums für Wissenschaftliche Archäologie am Fundort eintraf (oben rechts). Es war zu befürchten, daß der hohe Gehalt an radioaktiven Kohlenstoff, der solchen Funden gewöhnlich innewohnt, zu einer ernst zu nehmenden Gefahr für die Bevölkerung werden könnte. Der Kontaminationsspezialist gab jedoch bereits nach kurzer Zeit Entwarnung und überreichte den Fund dem nunmehr strahlenden Archäologen (rechts).

Der Fund einer Elefantenstatuette kann nur als Sensation bezeichnet werden. Bronzezeitliche Elefantendarstellungen waren bislang aus dem mitteldeutschen Raum nicht bekannt. Der kleine Tonelefant beeindruckt durch feinfühlige Oberflächengestaltung und verblüffende Naturnähe. Der Schöpfer dieses Werkes war ein Meister seines Fachs. Der damalige Wert des Elefanten konnte wohl nur in Salz aufgewogen werden, dem „weißen Gold“ der Vorgeschichte. Es läßt sich daher folgern, daß der tönerne Vierfüßler als Auftragsarbeit für einen mächtigen Aunjetitzer Fürsten angefertigt wurde. Der Künstler gehörte sicher zum Gefolge dieses für uns namenlosen Herrschers. Man kann also durchaus von Hofkunst sprechen. Das hohe kulturelle Niveau Mitteldeutschlands während der Frühbronzezeit wird durch diesen einzigartigen Fund schlaglichtartig beleuchtet.

Natürlich stellt sich die Frage, wie ein frühbronzezeitlicher Künstler aus Mitteldeutschland eine so genaue Vorstellung vom Aussehen eines Elefanten haben konnte. Für abschließende Antworten ist es gegenwärtig noch zu früh. Zunächst müssen die Untersuchungsergebnisse einer internationalen Expertenkommission abgewartet werden. Den FuMo-Lesern sollen aber schon jetzt die beiden momentan diskutierten Arbeitshypothesen mitgeteilt werden. Einerseits ist zu erwägen, ob es vielleicht noch im frühen 2. Jahrtausend v. Chr. Restbestände einer Waldelefantenpopulation im mitteldeutschen Raum gab. Andererseits ist es möglich, daß ein Aunjetitzer Fürst und seine Gefolgschaft Elefanten während eines Aufenthaltes in Afrika zu Gesicht bekamen. Diese Vermutung ist keineswegs unwahrscheinlich, denn die mitteldeutschen Fürsten der Bronzezeit verfügten auf Grund des von ihnen organisierten Fernhandels mit Salz über weitreichende Beziehungen.

Die Jagd, und besonders die Großwildjagd, war immer ein Privileg der höchsten gesellschaftlichen Elite. Es kann deswegen angenommen werden, daß der Fürst aus Halle in der afrikanischen Savanne auf Elefantenjagd war. Hier liegt auch eine mögliche Erklärung für das fehlende Skelett im Steinkistengrab. Der Fürst ist wahrscheinlich in Afrika bei einem Jagdunfall zu Tode gekommen und mußte fern der Heimat beigesetzt werden. Der ihn begleitende Künstler schuf dann zur Erinnerung an dieses tragische Ereignis die Elefantenstatuette und legte sie in das leere Grab, welches dem zu seinen Lebzeiten so mächtigen Herrscher zu seinem Andenken von seinen Verwandten in stiller Trauer errichtet wurde.


Redaktion: Florian RuppensteinAutor: Florian RuppensteinDrittmittelförderung: Gesellschaft für wissenschaftliche Archäologie, Regensburg.