Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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August: Schuhmacher in Jerichow

Abb. 1
Abb. 2 Ausgegrabenes Vorderblatt
Abb3. Auch ein Teil der zugehörigen Rahmenkonstruktion ist erhalten.
Abb. 4
Abb. 5
Abb. 6
Abb. 7
Abb. 8 Teilansicht des Rahmens mit Naht zum Oberleder und Naht zum Streifen.
Abb. 9
Abb. 10
Abb. 11 Sohle, Die rostbraunen Ausblühungen weisen auf eine starke Mineralisierung hin.
Abb. 12 Auf der Unterseite dieses Fragments sind eine Reihe Holzstifte zu sehen, die besonders belastete Sohlenbereiche vor Abnutzung schützen sollten.

Schuhe gehören schon seit Jahrtausenden zur persönlichen Ausrüstung der Menschen. Allerdings gibt es nicht aus allen Zeiten Überreste von Schuhen. Zu den ältesten erhaltenen Schuhen gehören die von „Ötzi“ vom Ende der Steinzeit. Aufgrund der Vergänglichkeit des organischen Materials, aus denen Schuhe bestehen, gehören sie nicht zum üblichen Fundspektrum in der Archäologie. Nur unter speziellen Bedingungen bleiben sie über lange Zeit im Boden erhalten. In sehr dichten Sedimenten mit einem hohen Gehalt an organischen Zersetzungsprodukten und bei leicht saurem pH-Wert können Schuhe aus Leder über Jahrtausende erhalten bleiben. Deshalb gibt es z. B. aus Mooren einige wenige erhaltene Lederschuhe. Gute Erhaltungsbedingungen gibt es für Leder z. B. auch in mittelalterlichen Siedlungsschichten in feuchten Niederungen. Mittelalterliche Lederreste sind daher entgegen der Regel relativ oft anzutreffen. Aus der Neuzeit sind Lederfunde wieder seltener. Die wenigen Sachzeugen neuzeitlicher Schuhmode bekamen nun Verstärkung aus Jerichow, wo bei Ausgrabungen Schuhreste des 19. Jahrhunderts gefunden wurden.
Ihr Erhaltungszustand ist sehr unterschiedlich. Meist ist das Leder stark mineralisiert, insbesondere die Kontamination mit Eisen scheint sehr hoch. Die Ursache hierfür sind u. a. Eisennägel, die als Teil der Sohlenkonstruktion dienten und die im leicht sauren Bodenmilieu schnell rosten.
Oberlederteile sind im Vergleich zu den vorhandenen Sohlenkonstruktionen unter den geborgenen Funden sehr dürftig vertreten. Es gibt den Rest eines Seitenteils („Quartier“), das in einer Lasche („Spange“) zum Verschluss des Schuhs ausläuft.

Diese modische Spielart des Schuhverschlusses erscheint als ‚Spangenschuh' am Ende des 16. Jahrhunderts und hat im 17.-18. Jahrhundert seine Blütezeit. Im 19. und 20. Jahrhundert gibt es neben dem Spangenschuh vor allem geknöpfte und geschnürte Verschlüsse. Mit der Einführung des Klettverschlusses genießt der Spangenschuh heute wieder eine steigende Beliebtheit.
Als weiterer Oberlederrest ist das Vorderteil eines anderen Schuhs erhalten. Zu dieser Gruppe gehören neben dem Oberleder auch noch Futterleder und Rahmen. Das Oberleder ist mit Ziernähten, Punzierungen und ausgestanzten Ornamenten verziert. Alle diese Schmuckelemente sind seit dem Mittelalter belegt. Die Quergliederung und das separate Vorderblatt sind aber vor allem Modeerscheinungen des 19. Jahrhunderts. Ganz ähnliche Vorderkappen werden auch heute noch gern verarbeitet. Das zum Oberleder gehörige Futterleder ist in diesem Fall auch noch erhalten.
Spezielle Futterleder in Schuhen sind im Wesentlichen auch eine Erfindung der Neuzeit. Sie lagen direkt am Fuß an und mussten deshalb besonders weich sein.
Der Rahmen ist ein wichtiges konstruktives Teil des Schuhs. Er ist die Weiterentwicklung eines Lederstreifens, der im ausgehenden Mittelalter zum Schutz der Sohlennaht eingenäht wurde. Dass man diesen Streifen auch nutzen konnte, um bei Bedarf Sohlenflicken anzunähen, war ein willkommener Nebeneffekt. Später nutzte man ihn, um gleich bei der Herstellung des Schuhs die gesamte Sohlenkonstruktion anzubringen. Dies hatte den großen Vorteil, dass bei dieser Fertigungstechnik der Schuh nicht mehr gewendet werden musste, was der Gestaltung der Sohlenkonstruktion ganz neue Möglichkeiten eröffnete.
Von einer anderen Stelle der Grabung sind ebenfalls Teile dieses konstruktiv wichtigsten Bereiches des Schuhs erhalten. Es handelt sich um die Abfolge Rahmen - Streifen („Keder“) - Sohle.
Dieser Übergangsbereich von Oberleder zur Sohlenkonstruktion unterlag im sonst sehr konservativen Handwerk des Schuhmachers einer Entwicklung. Um Unterschiede zu erkennen, muss man sich die bedeutendsten Bearbeitungsspuren des Schuhmachers im Leder, die Nahteinstiche, genau ansehen. Bei den vorliegenden Fragmenten muss man zudem die Besonderheiten der Absatzbefestigung berücksichtigen. Der Streifen (oder auch „Keder', oben Mitte) dient zum Ausgleich von Unebenheiten und vergrößert die Auflagefläche des Absatzes. Er ist die Ebene, in der die Absatznaht beginnt. Schematisch, als Querschnitt dargestellt, kann man die Abfolge wie auf Abbildung XXX zu sehen, erklären.

Der hier als Rahmen bezeichnete Teil ist eigentlich mehr eine Hilfskonstruktion, um entstehende Nähte zu verdecken. Die Einstiche der Nähte zum Oberleder und zum Streifen kreuzen sich und sind deshalb im jeweiligen Zwischenraum angebracht.

Der Abstand der Einstiche beträgt 6,5 - 7 mm und entspricht damit recht genau dem metrischen Schuhmachermaß „Pariser Stich“ (2/3 cm, entspricht ca. 6,7 mm), das sich von Frankreich ausgehend im 19. Jahrhundert zunehmend durchsetzte. Er ist bis heute das bestimmende Maß bei der Angabe der Schuhgröße auf dem europäischen Festland.
Die Absätze machen mit 13 Stück den Hauptanteil der vorliegenden Schuhreste aus Jerichow aus.
Absätze sind eine vergleichsweise späte Entwicklung der Schuhmode. In Europa beginnt man erst im 16. Jahrhundert mit der Produktion von Absatzschuhen. Da er ein Zeichen von Wohlstand und Adel war, wurde er durch die Französische Revolution wieder abgeschafft. Im beginnenden 19. Jahrhundert kam der Absatz dann langsam wieder in Mode. Höhere Absätze sind seit dem Ende des 19. Jahrhunderts den Damenschuhen vorbehalten.
Die Absätze der Grabung Jerichow bestehen aus vielen Lederschichten. Ein besonders schönes Exemplar ist ca. 4,5 cm hoch und besteht aus mehr als 20 Lagen.
Es gibt unter den Objekten auch eine vollständig erhaltene Sohlenkonstruktion.
Es gibt unter den Funden aber auch einzelne Schuhteile, die durch ihre Fertigungstechnik vergleichsweise altertümlich erscheinen. Dazu gehören eine Schuhsohle und das zugehörige Oberlederfragment.
Beide besitzen Merkmale des im Mittelalter üblichen wendegenähten Schuhs. Dabei wurden Sohle und Oberleder linksherum zusammengenäht und hinterher gewendet. Für diese Art Schuhe musste das Sohlenleder weicher sein. Die Wendenähtechnik hielt sich für spezielle Schuhe bis ins 19. Jahrhundert. Z. B. wurden Tanzschuhe auf diese Art und Weise hergestellt.
Oberlederreste mit vergleichsweise modern anmutenden Bearbeitungsspuren finden sich auch unter den Funden.
Im 19. Jahrhundert begann auch in der Schuhherstellung die Industrialisierung. Vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden Schuhe zunehmend maschinell gefertigt. Eventuell sind obige Oberlederreste Teile eines frühen industriell gefertigten Schuhs.

Zusammenfassung


Bei den Schuhresten aus Jerichow sind vor allem Teile der Sohlenkonstruktion, insbesondere Absätze, im Fundmaterial vertreten. Interessante Beobachtungsmöglichkeiten ergeben sich für den Übergang vom Schuhoberteil zur Sohle. Die vorliegenden Rahmenkonstruktionen lassen sich gut zwischen den doppelt genähten Rahmenschuhen des 17. Jahrhunderts und heutigen Typen einordnen.
Auch Zeugnisse früher industrieller Schuh-produktion sind im Fundspektrum vertreten, das somit einen repräsentativen Querschnitt der Schuhproduktion im 19. Jahrhundert bietet.

Text: Heiko Breuer

Redaktion: Florian Ruppenstein